In der aktuellen EMMA

Ist ein Kompliment schon Sexismus?

Hannah Wettig fragt sich: Darf ich, eine Frau über 50, mich alleine mit dem jungen Mann im Café treffen?
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Kürzlich entdeckte ich bei meinen Eltern einen einst heiß geliebten Roman im Regal: „Der Tod des Märchenprinzen“ von Svende Merian. Den hatte mir meine Mutter geschenkt, als ich 17 war. Neugierig blätterte ich ihn auf, las hier und dort, fasziniert von einer Vergangenheit, von der ich vergessen hatte, wie verrückt anders sie als das Heute war. 

Der Märchenprinz konnte mit Zu-Viel-Gefühl nicht umgehen, distanzierte sich. So weit so normal. Gerade hatte ich in Sophia Fritz 2024 erschienenen Buch „Toxische Weiblichkeit“ eine ähnliche Szene gelesen. Ein Mann beendet die Beziehung zu ihr. Grund: Sie sei zu nett. In beiden Fällen scheinen die Männer selbstbezogen und gefühlsarm, die Frauen leisten die Care-Arbeit. Hat sich also nichts geändert? Doch. Die Konsequenz der Frauen könnte unterschiedlicher nicht sein. Sophia geht nach Hause, lackiert sich die Fingernägel und lässt sich von ihrer Mitbewohnerin massieren. Svende kontaktiert die Ex-Freundin des Märchenprinzen, gemeinsam stellen sie ihn zur Rede. Er soll sein Verhalten gegenüber Frauen ändern. 

Heute erscheint das schrill. Damals fand ich es toll – und habe Ähnliches getan: Männer konfrontiert, manchmal zu zweit. Solche Konfliktgespräche sind aus der Mode gekommen. In meinem Umfeld heißt es heute: „Warum sollen wir denn den Männern erklären, was sie falsch machen?“ Es ist die gleiche Argumentation wie in der Rassismus-Kritik: „Erwarte keine kostenlose Nachhilfe von BiPOC (Black, Indigenious and People of Color, Anm. d. Red) in deinem Umfeld, was Rassismus angeht. Es ist nicht ihr Job“, schreibt etwa Tupoka Ogette in ihrem Buch „Und jetzt Du.“ 

Nur: Wessen „Job“ ist es dann? In den vergangenen Monaten lernte ich die Dynamik dieser Haltung genauer kennen. Anlass war ein MeToo Fall bei den Berliner Grünen, wo ich aktiv bin. Schnell stellte sich heraus, dass Teile der Anschuldigungen erfunden waren. Es blieben Vorwürfe des unerwünschten Flirtens – vom Angegriffenen angerufene Gerichte beurteilten Chatnachrichten und befanden, dass es beidseitig gewesen sei. Darüber diskutierten wir ausgiebig, vor allem unter Frauen in einem Chat. 

Einige von uns verstanden nicht, was der Mann falsch gemacht hatte. Für andere war das klar: Auch ein Kompliment sei ein sexueller Übergriff. Das gab Widerspruch. Einige verwiesen auf einen Satz in den Medien: Die Frauen hätten von Begegnungen berichtet, die sie als unangenehm empfunden hatten. Das reiche doch. Ich schrieb in den Chat: Aber was sage ich Männern, welches Verhalten sie lassen sollen? Jemand antwortete, ich würde die Wahrnehmung der Frauen in Frage stellen. Wir beschlossen, eine Arbeitsgruppe zu gründen und darin weiter zu diskutieren. Dort ging es um Strukturen, wie Übergriffe zu verhindern seien. Was Übergriffe waren, diskutierten wir nicht. Es sei eben subjektiv. 

Nur ein junger Mann hielt dagegen. Man müsse konkrete Verhaltensweisen benennen. Dann brachte er auf den Punkt, was mich als ungutes Gefühl schon länger beschlich: Es entstehe so etwas wie eine wilhelminische Sexualmoral. So viel Mut begeisterte mich. Ich fragte ihn nach dem Treffen, ob wir uns mal zum Kaffee treffen wollten. Im Kopf rechnete ich den Altersunterschied zwischen uns aus. War es o.k., dass ich, eine Frau über 50, sich mit ihm allein im Café traf? Das war Thema gewesen: Der benannte Politiker hatte jüngere Partei-Frauen, die sich Beratung wünschten, im Café getroffen. Das, so viel hatte ich verstanden, war grundsätzlich schwierig. Aber galt das auch umgekehrt? 

Die „wilhelminische Moral“ hatte mich erfasst. Mir fiel ein, dass auch anderes nicht mehr war wie früher. Ein Kollege wollte kein Arbeitstreffen mit mir allein in seiner Wohnung. Wir sind gut befreundet, also fragte ich ihn, ob das wilhelminische Moral sei. Ja, das könne sein, es schien ihm unangemessen. Dabei ist er schwul. 

Ist das die Angst, etwas falsch zu machen? Weil man nicht weiß, was falsch wäre? Weil es niemandes Job ist, das zu erklären? Leider erklärt es auch mir niemand. Dabei fände ich es spannend, darüber zu diskutieren, etwa über Komplimente. Schließlich kann ein Kompliment tatsächlich unangenehm sein, aber eben auch erfreulich. Es kommt darauf an, wer es macht. Nicht darauf, ob derjenige weniger oder mehr Privilegien hat, ob er weiß, cis-männlich und erfolgreich ist. Sondern, ob er ansonsten meine Expertise schätzt und ob es zur Situation passt. Sicher: Das hat auch viel mit Gefühl zu tun. Aber nicht so, dass man es nicht erklären könnte. 

Dass es eine neue Sexualmoral gibt, bestätigen Studien. Junge Männer sind konservativer als vorherige Generationen, Frauen emanzipierter. Gemeinsam ist ihnen: Sie haben eine klare Vorstellung vom Idealpartner, auf der Suche probieren sie wenig aus. Sie haben weniger und später Sex als frühere Generationen. Als Grund vermutet man das Internet und die Pandemie. 

Doch womöglich ist es auch die Unlust zur Konfrontation, wie sie noch Svende Merian und auch meine Generation übte. Die ist tatsächlich schwer geworden. Denn alle sind heute empfindlicher. Früher habe ich Männern gesagt, wenn ich ihr Verhalten sexistisch fand. Das war immer o.k.. Ich sagte es mit Augenzwinkern. Doch inzwischen hadere ich. Letztens habe ich mich mal wieder getraut. Ich sagte einem Mann, der mir ein Spiel erklärte, das ich offensichtlich konnte: „Jetzt ist aber mal gut mit dem Mansplaining“. Er reagierte wie befürchtet: Zerknirscht erklärte er sich, zog sich zurück. Ob er es begriffen hat? Keine Ahnung. 

Solche Reaktionen nennt man „Male Fragility“ analog zur „White Fragility“ – die Empfindlichkeit Weißer, wenn ihnen Rassismus vorgeworfen wird. Das ist ärgerlich und unbefriedigend. Aber ich verstehe das. Was früher ein freundschaftlicher Knuff war, könnte heute die Drohung sozialer Ausgrenzung sein, auch wenn das im konkreten Fall Quatsch ist. 

So kann es nicht weitergehen. Schon gar nicht angesichts eines Ansturms der Frauenfeinde gegen feministische Errungenschaften. Liebe Mit- Feministinnen, wir müssen reden – und zwar mit den Männern! 

Kürzlich entdeckte ich bei meinen Eltern einen einst heiß geliebten Roman im Regal: „Der Tod des Märchenprinzen“ von Svende Merian. Den hatte mir meine Mutter geschenkt, als ich 17 war. Neugierig blätterte ich ihn auf, las hier und dort, fasziniert von einer Vergangenheit, von der ich vergessen hatte, wie verrückt anders sie als das Heute war. 

Der Märchenprinz konnte mit Zu-Viel-Gefühl nicht umgehen, distanzierte sich. So weit so normal. Gerade hatte ich in Sophia Fritz 2024 erschienenen Buch „Toxische Weiblichkeit“ eine ähnliche Szene gelesen. Ein Mann beendet die Beziehung zu ihr. Grund: Sie sei zu nett. In beiden Fällen scheinen die Männer selbstbezogen und gefühlsarm, die Frauen leisten die Care-Arbeit. Hat sich also nichts geändert? Doch. Die Konsequenz der Frauen könnte unterschiedlicher nicht sein. Sophia geht nach Hause, lackiert sich die Fingernägel und lässt sich von ihrer Mitbewohnerin massieren. Svende kontaktiert die Ex-Freundin des Märchenprinzen, gemeinsam stellen sie ihn zur Rede. Er soll sein Verhalten gegenüber Frauen ändern. 

Heute erscheint das schrill. Damals fand ich es toll – und habe Ähnliches getan: Männer konfrontiert, manchmal zu zweit. Solche Konfliktgespräche sind aus der Mode gekommen. In meinem Umfeld heißt es heute: „Warum sollen wir denn den Männern erklären, was sie falsch machen?“ Es ist die gleiche Argumentation wie in der Rassismus-Kritik: „Erwarte keine kostenlose Nachhilfe von BiPOC (Black, Indigenious and People of Color, Anm. d. Red) in deinem Umfeld, was Rassismus angeht. Es ist nicht ihr Job“, schreibt etwa Tupoka Ogette in ihrem Buch „Und jetzt Du.“ 

Nur: Wessen „Job“ ist es dann? In den vergangenen Monaten lernte ich die Dynamik dieser Haltung genauer kennen. Anlass war ein MeToo Fall bei den Berliner Grünen, wo ich aktiv bin. Schnell stellte sich heraus, dass Teile der Anschuldigungen erfunden waren. Es blieben Vorwürfe des unerwünschten Flirtens – vom Angegriffenen angerufene Gerichte beurteilten Chatnachrichten und befanden, dass es beidseitig gewesen sei. Darüber diskutierten wir ausgiebig, vor allem unter Frauen in einem Chat. 

Einige von uns verstanden nicht, was der Mann falsch gemacht hatte. Für andere war das klar: Auch ein Kompliment sei ein sexueller Übergriff. Das gab Widerspruch. Einige verwiesen auf einen Satz in den Medien: Die Frauen hätten von Begegnungen berichtet, die sie als unangenehm empfunden hatten. Das reiche doch. Ich schrieb in den Chat: Aber was sage ich Männern, welches Verhalten sie lassen sollen? Jemand antwortete, ich würde die Wahrnehmung der Frauen in Frage stellen. Wir beschlossen, eine Arbeitsgruppe zu gründen und darin weiter zu diskutieren. Dort ging es um Strukturen, wie Übergriffe zu verhindern seien. Was Übergriffe waren, diskutierten wir nicht. Es sei eben subjektiv. 

Nur ein junger Mann hielt dagegen. Man müsse konkrete Verhaltensweisen benennen. Dann brachte er auf den Punkt, was mich als ungutes Gefühl schon länger beschlich: Es entstehe so etwas wie eine wilhelminische Sexualmoral. So viel Mut begeisterte mich. Ich fragte ihn nach dem Treffen, ob wir uns mal zum Kaffee treffen wollten. Im Kopf rechnete ich den Altersunterschied zwischen uns aus. War es o.k., dass ich, eine Frau über 50, sich mit ihm allein im Café traf? Das war Thema gewesen: Der benannte Politiker hatte jüngere Partei-Frauen, die sich Beratung wünschten, im Café getroffen. Das, so viel hatte ich verstanden, war grundsätzlich schwierig. Aber galt das auch umgekehrt? 

Die „wilhelminische Moral“ hatte mich erfasst. Mir fiel ein, dass auch anderes nicht mehr war wie früher. Ein Kollege wollte kein Arbeitstreffen mit mir allein in seiner Wohnung. Wir sind gut befreundet, also fragte ich ihn, ob das wilhelminische Moral sei. Ja, das könne sein, es schien ihm unangemessen. Dabei ist er schwul. 

Ist das die Angst, etwas falsch zu machen? Weil man nicht weiß, was falsch wäre? Weil es niemandes Job ist, das zu erklären? Leider erklärt es auch mir niemand. Dabei fände ich es spannend, darüber zu diskutieren, etwa über Komplimente. Schließlich kann ein Kompliment tatsächlich unangenehm sein, aber eben auch erfreulich. Es kommt darauf an, wer es macht. Nicht darauf, ob derjenige weniger oder mehr Privilegien hat, ob er weiß, cis-männlich und erfolgreich ist. Sondern, ob er ansonsten meine Expertise schätzt und ob es zur Situation passt. Sicher: Das hat auch viel mit Gefühl zu tun. Aber nicht so, dass man es nicht erklären könnte. 

Dass es eine neue Sexualmoral gibt, bestätigen Studien. Junge Männer sind konservativer als vorherige Generationen, Frauen emanzipierter. Gemeinsam ist ihnen: Sie haben eine klare Vorstellung vom Idealpartner, auf der Suche probieren sie wenig aus. Sie haben weniger und später Sex als frühere Generationen. Als Grund vermutet man das Internet und die Pandemie. 

Doch womöglich ist es auch die Unlust zur Konfrontation, wie sie noch Svende Merian und auch meine Generation übte. Die ist tatsächlich schwer geworden. Denn alle sind heute empfindlicher. Früher habe ich Männern gesagt, wenn ich ihr Verhalten sexistisch fand. Das war immer o.k.. Ich sagte es mit Augenzwinkern. Doch inzwischen hadere ich. Letztens habe ich mich mal wieder getraut. Ich sagte einem Mann, der mir ein Spiel erklärte, das ich offensichtlich konnte: „Jetzt ist aber mal gut mit dem Mansplaining“. Er reagierte wie befürchtet: Zerknirscht erklärte er sich, zog sich zurück. Ob er es begriffen hat? Keine Ahnung. 

Solche Reaktionen nennt man „Male Fragility“ analog zur „White Fragility“ – die Empfindlichkeit Weißer, wenn ihnen Rassismus vorgeworfen wird. Das ist ärgerlich und unbefriedigend. Aber ich verstehe das. Was früher ein freundschaftlicher Knuff war, könnte heute die Drohung sozialer Ausgrenzung sein, auch wenn das im konkreten Fall Quatsch ist. 

So kann es nicht weitergehen. Schon gar nicht angesichts eines Ansturms der Frauenfeinde gegen feministische Errungenschaften. Liebe Mit- Feministinnen, wir müssen reden – und zwar mit den Männern! 

 

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