In der aktuellen EMMA

Feministische Freiheit & Miniröcke

Sophie-Marie Schulz: In die Diskussion einmischen - oder nicht? - Foto: Henk Hogerzell/Berliner Zeitung
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In Berlin muss niemand mehr erklären, dass er feministisch ist. Unabhängig vom jeweiligen Geschlecht gehört es einfach dazu. Es wird stillschweigend vorausgesetzt. 

Interessanterweise scheint man sich auch in den letzten Jahren erstaunlich schnell darauf verständigt zu haben, was „richtiger Feminismus“ ist. 

Es gibt klare Vorstellungen davon, wie ein Partner sein muss, wie die „OG-Feministinnen“, sprich diskursprägende Stimmen des zeitgenössischen Feminismus, über Feminismus sprechen und welche Prioritäten im Kampf gegen das Patriarchat gesetzt werden. Ein offenes Aushandeln dieser Positionen scheint überflüssig. 

"Er muss lernen, seinen Trieb zu kontrollieren, sonst direkt anzeigen!“

Die klare Festlegung auf „richtig“ und „falsch“ mag als Orientierung gedacht sein, wird im Alltag aber schnell zu einem eng geschnürten Korsett und äußert sich in Gesprächen wie diesem, dem ich in einer Berliner U-Bahn als stille Beobachterin zuhöre. Ein Gespräch über feministische Freiheit, das erstaunlich wenig Freiraum lässt.

U-Bahn-Haltestelle Samariterstraße: Zwei junge Frauen, beide Anfang zwanzig, betreten einen Wagon und neben direkt gegenüber von mir Platz. Eine der beiden hievt ihren sichtbar schweren Stoffbeutel auf die Knie, auf dem der Schriftzug „Feminismus ist fotzig“ prangt. Die Freundinnen sprechen nicht leise und zurückhaltend, sondern laut und wild gestikulierend. 

„Er bezeichnet sich als Feminist, das habe ich sofort auf dem ersten Date abgecheckt“, sagt die eine. „Aber ich weiß nicht, ob das dann wirklich intersektional gedacht ist oder eher so auf oberflächlich.“ Die andere nickt. „Ja, total. Du musst auf jeden Fall noch fragen, welche Musik er hört und achte genau darauf, wie er sich ausdrückt. Dann merkst du sofort, ob er nur ein performativer Feminist ist, und dann sagst du natürlich Bye.“ Die eine schaut die andere an, beide lachen laut, dann wird das Thema gewechselt.

„Ich hatte letztens wieder diese Diskussion“, sagt die eine. „Ob man kurze Röcke jetzt reclaimen kann oder ob das halt trotzdem im Male Gaze bleibt.“ Gemeint ist der männliche Blick, der Frauen sexualisiert, objektifiziert und auf ihre Rolle als „passives Lustobjekt“ reduzieren soll.

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Die eine blickt die andere irritiert an. „Eine Diskussion? Wie peinlich. Wer auch immer das war, aber die ist keine Feministin. Der Rock muss so knapp wie möglich sein und wenn ein Mann dich anschaut, dann muss er lernen, seinen Trieb zu kontrollieren, ansonsten direkt anzeigen!“ Kurze Röcke als Ausdruck von Selbstbestimmung. Kurze Oberteile als Zeichen von Souveränität. 

Ein Moment Stille. Dann fährt die Bahn in einen Tunnel ein, das Licht flackert. Ich merke, wie nachdenklich mich diese Unterhaltung stimmt. Es ist nicht so, dass hier jemand klar und eindeutig Regeln formuliert. Und doch entsteht etwas, das sich schwer greifen lässt. Eine Form stiller Übereinkunft darüber, wie bestimmte Dinge zu lesen sind und wie man über sie spricht. Das Gespräch wirkt nicht offen, obwohl es im Kern um das selbstbestimmte Leben zweier Frauen geht. 

Für einen Moment überlege ich, mich einzumischen. Etwas zu sagen. Dass ich einiges anders sehe. Dass ich mich frage, warum dieses Gespräch so schnell und eindeutig in eine Richtung gelaufen ist. Dass ich nicht verstehe, was Feminismus zwingend mit kurzen Röcken und kurzen Oberteilen zu tun hat. Und warum ausgerechnet hier in Berlin, wo so viel von Freiheit die Rede ist, die gedanklichen Spielräume so eng geworden sind. 

Ich sage nichts und steige aus.

SOPHIE-MARIE SCHULZ

 

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