LFT: Cancel Culture gegen Lesben?

Foto: Bettina Flitner
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Das hat es in der nunmehr 47-jährigen Geschichte des LesbenFrühlingsTreffens (LFT) noch nicht gegeben: Die Organisatorinnen des traditionsreichen Treffens, das 1974 in Berlin zum ersten Mal stattfand und zu Deutschlands größtem Event für frauenliebende Frauen anwuchs, werden im Netz als „faschistoid“ und „menschenverachtend“ beschimpft. Referentinnen und Künstlerinnen werden unter Druck gesetzt, ihre Workshops und Auftritte zurückzuziehen – einige tun es. Die Bremer Frauen-Senatorin streicht den zugesagten Zuschuss, die Magnus-Hirschfeld-Stiftung „distanziert“ sich und erklärt: Hätte man das Programm des LFT vorher gekannt, hätte man es „nicht gefördert“. Es hagelt Boykottaufrufe. Was war passiert?

In sechs der rund 60 Workshops des LesbenFrühlingsTreffens, das wie jedes Jahr am Pfingstwochenende stattfand, sollte es um das Thema Transsexualität gehen. Der Felsbrocken des Anstoßes: Die Referentinnen aus dem In- und Ausland hatten angekündigt, sich mit den problematischen Entwicklungen des Transaktivismus beschäftigen zu wollen.

Zum Beispiel mit der Tatsache, dass die Zahl pubertierender Mädchen und junger Frauen, die „transitionieren“, rasant zunimmt. Inzwischen kommen auf einen Jungen, der das Geschlecht wechseln will, 14 Mädchen. Hat das womöglich weniger mit Transsexualität zu tun als vielmehr mit den gerade für Frauen besonders einengenden Geschlechterrollen? Hat das Geschlecht per „Sprechakt“ die „Auslöschung der Kategorie Frau im öffentlichen Rechtsverkehr und damit auch der Frauenrechte und des Feminismus“ zur Folge? Der Workshop „What is the Cotton Ceiling?“ befasste sich mit einer Untersuchung, die die Britin Angela Wild in England durchgeführt hat. Die Befragten schildern einen „großen Druck“, dem Lesben ausgesetzt sind, wenn sie nicht mit biologischen Männern Sex haben wollen, die sich „als Frauen definieren“ – bis hin zu Vergewaltigungs- und Todesdrohungen und körperlichen Übergriffen.

Doch über all das soll offenbar nicht gesprochen werden dürfen. Kaum war das Programm des Lesbenfrühlingstreffens veröffentlicht, brach der Shitstorm los. Der Vorwurf: Das LFT schließe Transfrauen aus und sei „transfeindlich“ bzw. „transphob“! Das brachte die Boykott-Lawine gegen das LFT ins Rollen. Auch lesbische Initiativen wie der „Lesbenring“ zeigten sich „entsetzt“ ob des „menschenrechtsfeindlichen“ LFT-Programms.

Doch die Versuche, das LFT kleinzukriegen, haben es womöglich größer gemacht. 700 Frauen aus 25 Ländern, von Australien bis Zimbabwe, nahmen an dem Treffen teil, das diesmal coronabedingt virtuell stattfand. „Durch den Shitstorm gegen uns sind viele Frauen überhaupt erst auf uns aufmerksam geworden“, erzählt Susanne Bischoff vom Bremer Orga-Team. „Erstaunlich viele junge Lesben“ seien diesmal dabei gewesen. Monika Barz, Professorin für Geschlechterforschung an der Uni Tübingen, eröffnete das Treffen mit den Worten: „Die Anfeindungen gegen das LFT2021 haben einen gewaltigen solidarischen Ruck in unseren feministischen Reihen ausgelöst. Die Welle der Solidaritätsbekundungen kam von allen Seiten. Selbst aus dem Ausland kamen Mails und Spenden vieler Frauen.“ Barz’ Fazit: „Wir lassen es nicht zu, dass kritische Debatten über Geschlecht, Geschlechtsidentität, Rollenstereotype und patriarchale Macht als transphob und menschenfeindlich diffamiert werden. Sie sind zentrale Themen der Frauenbewegung und feministischer Analysen. Sie gehören ins Programm des LFT!“

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