Mehr Stil, ihr Frauen!
Puh, Berlin! Wenn ich dieser Tage durch die Straßen gehe, bemerke ich: Nicht nur die Stadt lässt sich gehen, auch ihre Bewohner – und vor allem die Bewohnerinnen.
Der Grad der Egalheit steigt offenbar mit dem Grad politischer Verzweiflung, und das tut nicht nur den Augen weh. Ich bin sicher: Es gibt kaum eine Krise, die mit einem guten Look und dem entsprechenden Wohlgefühl nicht zumindest leichter erträglich wäre. Mein schwuler Freund sagte immer: „Schatz, ich weiß nicht, wie es in dir aussieht, aber dein Haar sitzt heute perfekt.“
Serien wie „Sex and the City“ oder „Emily in Paris“ waren und sind nicht nur deshalb so erfolgreich, weil sie Frauen und ihre Beziehungen in Metropolen zeigen und überzeichnen. Sie wirken, weil diese Frauen sich zurechtmachen für die Welt da draußen.
Ist das ein rückständiges Rollenbild und eine Überhöhung von Luxus? Ja. Aber die unbequeme (wer will schon bequem?) Wahrheit ist: Niemand will einer unansehnlichen Person bei ihren Liebesabenteuern zusehen. Wir wollen bei Emily und Carrie eben nicht nur wissen: Wen küsst sie? Sondern auch: Was trägt sie?
Mit dieser Lebenseinstellung komme ich in München wunderbar zurecht. Anders verhält es sich in Berlin. Seit ich beruflich mehr Zeit dort verbringe, sehe ich fassungslos, wie die Stadt sich immer mehr selbst aufgibt: Sperrmüll, Schlaglöcher, schlechte Laune – Berlin wirkt so aufgerieben, erschöpft und abgeschminkt wie seine Bewohnerinnen.
Berlinerinnen tragen praktische Rucksäcke statt schöner Handtaschen und an den Füßen meist etwas, was man nur mit Schuhwerk bezeichnen kann. Jede dritte Berlinerin sieht aus wie ein Fahrradkurier in der Mittagspause.
Irgendwie verständlich: Es gilt, viele Kilometer über Hundekot und kaputte Rolltreppen zu navigieren und in der berüchtigten U8 nicht auf Erbrochenem auszurutschen. Pragmatismus schlägt Pumps.
Verstehen Sie mich richtig: Natürlich ist Nachhaltigkeit wichtig. Natürlich kann sich nicht jede Frau teure Teile leisten. Aber hier geht es um mehr: Aus der Notwendigkeit ist ein Stil-Diktat geworden. Frauen, die nach Berlin ziehen, sehen nach wenigen Wochen aus wie alle Berlinerinnen: schmucklos, müde – und immer mit dieser „Egal“-Attitude. Auch, wenn das Outfit aus dem teuren Seitenstraßen-Shop am Kollwitzplatz kommt, wirkt es wie irgendetwas vom obligatorischen Schlafzimmerstuhl.
Dabei war Berlin lange Modemetropole: Schon um 1800 siedelten sich Schneider und Designer um den Hausvogteiplatz in Mitte an, ein Jahrhundert später entstand der legendäre Berliner Chic der 1920er Jahre. Die Fashion Week zieht seit 13 Jahren Presse und Promis an – aber auch hier: Immer weniger Glamour, immer weniger große Namen, immer mehr Grau(en). Bonjour Tristesse!
Am traurigsten sind Abende in Theater oder Oper. Mit Ausnahme der homosexuellen Männer macht sich gar niemand für irgendetwas zurecht: In Jeans und Latschen schlurfen die Menschen vom Home-Office ins Foyer. Wen juckt’s, gleich geht das Licht aus. Aber wo bleibt der Respekt der Kunst, dem schönen Gebäude gegenüber?
Es gibt einen wunderbaren Bildband mit dem Titel „How to be Parisian wherever you are“. Wer jüngst mal in der französischen Hauptstadt war, kann sicher bestätigen: Für viele Pariserinnen ist der Gang nach draußen nicht weniger als ein Auftritt, egal, ob man das Hündchen Gassi führt oder Brot kauft. Es sind die kleinen (gar nicht mal teuren) Details, die den Look der Pariserinnen ausmachen: eine Brosche vom Flohmarkt, ein Gürtel um den Blazer, knallroter Lippenstift. Zahlreiche Instagram-Accounts zeigen die Streetstyles der Französinnen, Däninnen oder Spanierinnen. In Tokyo gilt es gar als unhöflich, Menschen in der U-Bahn mit ungewaschenen Haaren, ungeputzten Schuhen oder fleckigen Shirts gegenüberzusitzen. Kann man sich einen Bildband über den Stil der Berlinerinnen im Jahr 2026 vorstellen? Heikel.
Laut Capital geben Frauen im Schnitt 500 Euro jährlich für Mode aus. Ja, wo denn bitte? Ich sehe nur eine Stadt und Städterinnen, die für niemanden mehr schön sein möchten – nicht mal für sich selbst.
Natürlich gibt es Ausnahmen. Natürlich sind in Charlottenburg oder Mitte noch gut gekleidete Frauen anzutreffen. Aber ein guter Look scheint die Trägerin als rückständig zu outen. Wer progressiv ist, gibt einen Dreck auf sein Äußeres, trägt Vokuhila oder Riesenbrillen.
Vor allem junge Aktivistinnen tun das. Sie schnipseln sich nach zwei Aperol einen Problempony und tragen demonstrativ Achselhaar. Gegen aufdringliche Blicke helfen XL-Klamotten. Die Modezeitschrift Glamour lobt die Kleidersäcke auch noch: „Was Oversized feministisch macht, ist schnell klar. Denn übergroße Schnitte verstecken die Silhouette und sind somit quasi die Rebellion gegen den Male Gaze schlechthin.“
Tja, der Male Gaze. Catcalling. All diese Begriffe, die aus Männern triebhafte Schweine machen und aus jedem Hinschauen eine potenzielle Gefahr. Es gibt einen Unterschied zwischen einem anerkennenden, kurzen Blick und aufdringlichem Starren. Doch diese Grenze existiert für viele Aktivistinnen nicht mehr. Wenn aber ein Flirt nicht zwingend eine Vorstufe für Schlimmes ist, könnten wir dann bitte etwas Aufregung aus der Debatte nehmen?
Warum geben wir uns nicht alle wieder ein bisschen mehr Mühe, schön auszusehen und freundlich zueinander zu sein? Wenn schon ein Großteil des Landes (auch geistig) in Joggingschluppe rumschlurft, könnte doch wenigstens in unserer Hauptstadt wieder ein bisschen Stil einziehen. Wie oft fragen wir uns beim Shoppen: „Schönes Teil, aber wann soll ich das bitte anziehen?“ Schaffen wir uns Anlässe! Jeder Cafébesuch, jeder Bürotag ist genau richtig, um die nächste Styling-Stufe zu zünden. Nein, das bedeutet nicht, dass wir plötzlich kein Ohr mehr für weltpolitische Probleme haben. Es bedeutet nur, dass wir fest gewillt sind, dem Leben in jeder Situation etwas Schönes abzutrotzen. Das gilt auch für die Berlinerin.
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