Ehrenmorde: Mutige Söhne
Dass sich die 19-Jährige aus dem Landkreis Cuxhaven wie die meisten anderen Frauen in ihrem Alter mit jungen Männern traf, sollte ihr Todesurteil sein: Sie hatte „die Familienehre verletzt“. Für ihren Vater Ali A. gab es nur einen Weg, sie wiederherzustellen. Seine Tochter musste sterben. Sein Sohn, 17, sollte das erledigen. Er sollte es wie einen Unfall aussehen lassen. Doch der Teenager weigerte sich, seiner Schwester Gewalt anzutun. Stattdessen zeigte er den Vater an. Im April wurde der 46-jährige Syrer wegen Anstiftung zum Mord zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt.
Was der Sohn gewagt hat, war heldenhaft. So wie die Unerschrockenheit des 22-jährigen Afghanen, der vor dem Berliner Landgericht gegen seinen Vater aussagte und schilderte, was sich im April 2025 in der Wohnung der Familie abgespielt hat: Seine Mutter Yalda H., 38, die schon vor der Einreise nach Deutschland von ihrem sieben Jahre älteren Mann geschlagen wurde, war auch an jenem Morgen dessen Aggressionen ausgesetzt. Er unterstellte ihr eine außereheliche Beziehung und stach in blinder Wut mit dem Küchenmesser auf die vierfache Mutter ein.
Der Sohn berichtete, wie er dem Vater das Messer entriss, ihn ins Schlafzimmer schubste, verzweifelt versuchte, die Blutungen der Mutter zu stillen. Doch sie hatte keine Chance und verblutete im Hausflur.
Allein 2024 sind laut Bundeskriminalamt (BKA) 132 Frauen in Deutschland durch ihren Partner bzw. Ex-Partner getötet worden. Die meisten Täter sind deutsche Staatsbürger. Nicht-Deutsche machen nur etwas mehr als ein Drittel aus. Gemessen am Bevölkerungsanteil der Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit von knapp 15 Prozent sind sie allerdings überproportional bei diesen Gattinnenmorden vertreten. Bei sogenannten Ehrenmorden kommt die Mehrheit der Betroffenen aus patriarchalisch geprägten migrantischen Familien. Die Täter sind meist Verwandte, die Opfer Mädchen und junge Frauen, die ihre Freiheit mit dem Leben bezahlen müssen.
Der 17-jährige Syrer, der den Mord an seiner Schwester verweigerte, der 22-jährige Afghane, der – vergeblich – versuchte, die Mutter vor dem Messerangriff des Vaters zu schützen – sie mögen Ausnahmen sein. Aber sie lassen auf einen leisen Bewusstseinswandel hoffen, der durch das Vorbild jedes einzelnen Aufbegehrens gegen Traditionen der Unterdrückung vorangetrieben wird.
Gleichzeitig richten sie den Fokus auf Initiativen, die gegen Gewalt im Namen der Ehre aktiv sind und viel mehr Öffentlichkeit und Unterstützung brauchen. Präventionsprojekte wie „Heroes“ zum Beispiel, die mit jungen Männern aus muslimisch geprägten Familien arbeiten, Möglich-keiten schaffen, sich in Schulprojekten explizit für Gleichberechtigung zu positionieren. Oder die von Beatrice und Ahmad Mansour gegründete Initiative „Mind Prevention“ für Demokratieförderung und Extremismusprävention, die mit jungen Migranten in Workshops Ehrgewalt thematisiert.
„Männer, die sich in ihrem traditionellen mi-grantischen Milieu bewusst gegen Gewalt an Frauen stellen, gab es schon immer“, sagt Ahmet Toprak, Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund. Aus seiner Forschung zu interkulturellem Konfliktmanagement weiß er aber auch, dass sich viele trotz innerer Ablehnung der an sie herangetragenen Forderungen, weibliche Familienmitglieder zu kontrollieren, gefügt haben. „Nicht, weil sie von den patriarchalischen Strukturen überzeugt waren“, so Toprak, „sondern weil sie selbst unter deren Druck standen und keinen anderen Weg sahen.“
Der 1970 in der Türkei geborene Wissenschaftler hat vor seiner Professur als Anti-Gewalt-Trainer mit jungen Migranten gearbeitet. Er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter arbeiteten nach dem von ihnen entwickelten Ansatz der „konfrontativen Pädagogik“. Die jungen Männer sollen dazu gebracht werden, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen und sie nicht zu rechtfertigen. Dazu gehörte auch, die Jugendlichen, die ihre Gewalt mit geschlechtsspezifischen Argumenten rechtfertigten – „Ich habe zugeschlagen, weil er meine Schwester angemacht hat!“ – mit ihren Vorstellungen von Ehre zu konfrontieren: Was heißt das überhaupt, „Ehre“? Zur pädagogischen Arbeit gehörte, den Heranwachsenden deutlich zu machen, dass Ehre bedeute, für die Frau oder die Schwester einzustehen, nicht, sie zu unterdrücken.
Viele dieser Männer, so Toprak, hätten in so einem Kurs zum ersten Mal ihre überkommenen familiären Vorstellungen reflektiert. „Jetzt fragten manche von ihnen sogar nach Büchern, in denen sie etwas über Ehre erfahren könnten.“ Wer mit Toprak spricht, begreift, wie effektiv eine gezielte Pädagogik für Integration sein kann. Wenn man nicht dagegen halte und bei Maßnahmen zur Demokratieförderung Gelder kürze, griffen die radikalen Ideen immer mehr um sich, sagt er: „In den neuen Bundesländern ist das eher Rechtsextremismus, in den Ballungszentren des Ruhrgebietes ist es eher der Islamismus.“ Und die Erfahrungen des Pädagogen zeigen, dass Probleme nur angegangen werden können, wenn man sie benennt.
Die Fälle der beiden jungen Migranten, die gegen ihre Väter aufbegehrten, die ihre menschen verachtenden Wertvorstellungen an der Grenze nicht abgelegt haben, offenbaren, wie dringend eine ehrliche und differenzierte Debatte ist. Eine, die weder alle nicht-deutschen Männer unter Generalverdacht stellt, noch so tut, als sei das Patriachat aus der biodeutschen Mehrheitsgesellschaft verschwunden. Eine Debatte, die erkennt, dass die muslimische Gesellschaft eine heterogene und Gewalt auch ein Problem der sozialen Lage ist, die in migrantischen Familien häufig angespannter ist. Eine Debatte, die aber auch anerkennt, dass es darüber hinaus kulturspezifische Verhältnisse gibt, die Mädchen und Frauen das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben verwehren. Eine Debatte, die die Probleme nicht den Populisten überlässt, denen nichts anderes einfällt, als „Remigration“ zu brüllen.
Nachdem 2021 die 34-jährige Afghanin Maryam H. in Berlin von ihren Brüdern ermordet wurde, weil sie sich deren archaischen Gesetzen widersetzte, sagte die damalige Senatorin für Integration, Elke Breitenbach (Linke), dem Tagesspiegel, es gehe hier nicht um die Herkunft der Täter, „es geht um die Frage des Geschlechts.“ Sie „habe leider keine Idee, wie man Männer besser integrieren kann“.
Wie mag das bei dem zur Tatzeit 13-jährigen Sohn angekommen sein, den Maryam H. neben ihrer Tochter hinterließ? Während des Prozesses gegen die beiden Onkel wurden die Aufnahmen gezeigt, in denen der Sohn den Leidensweg seiner Mutter beschrieb. In Afghanistan zwangsverheiratet, hatte sie sich in Deutschland von ihrem gewalttätigen Ehemann getrennt. Seitdem hätten ihre Brüder sie überwacht. Maryam H.s Leiche wurde an einem Feldweg in Bayern gefunden. Die Brüder, die zu lebenslanger Haft verurteilt wurden, sollen sie in einem Koffer im ICE nach Süddeutschland geschleppt haben.
Maryam H.s Sohn sagte, seine Onkel seien keine Männer, schon gar keine Ehrenmänner.
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