Schluss mit der Bordellwerbung!

Foto: Ralf Krieger
Artikel teilen

Frau Alteweier, Sie kämpfen seit Jahren gegen die Plakate mit Bordell-Werbung in Ihrer Stadt. Damit haben Sie es bis vor den Beschwerde-Ausschuss des Stadtrats geschafft.
Genau. Ich habe dort vorgetragen, dass die Werbung für Prostitution laut §119 und §120 des Ordnungswidrigkeitsgesetzes verboten ist.  

Anzeige

Wie kam es zu Ihrem Engagement gegen die Bordell-Plakate?
An einem Morgen im Jahr 2011 habe ich auf dem Weg zur Arbeit große Werbeplakate für das Kölner Großbordell Pascha gesehen. Da ist mir der Kragen geplatzt. Ich kann nicht akzeptieren, dass für Prostitution geworben wird, wie für ein Eis - als wäre es das Normalste der Welt. Für mich als Frau ist das diskriminierend. Und was für ein Frauenbild vermittelt das denn unseren Jugendlichen? Ich bin Mutter eines 21-jährigen Sohnes und es ist eine Horrorvorstellung für mich, dass er ins Bordell geht. Als ich ihn darauf angesprochen habe, hat er aber empört gefragt: „Mama, wie kannst du sowas denken?“ Und noch was: Wie muss so ein Plakat auf die Opfer von sexuellem Missbrauch wirken? Für eine Frau, die als Kind oder Jugendliche missbraucht wurde, muss es doch ein Schlag ins Gesicht sein, wenn sie sieht, mit welcher Selbstverständlichkeit hier die sexuelle Verfügbarkeit von Frauen angepriesen wird.     

Was haben Sie gemacht?
Ich habe mich überall beschwert. Ich habe sogar bei der Polizei angerufen. Dort war man aber sehr genervt und regelrecht unhöflich. Bei der Firma, die die Werbeflächen vermietet, hat mich der Mitarbeiter abgewiegelt: „Was haben Sie denn, das ist doch ein schickes Foto!“ Ich habe mich auch ans Ordnungsamt gewandt, wo man immerhin ein offenes Ohr für mich hatte. Außerdem habe ich mich an die Presse gewandt. Die hat dann groß und auch kritisch berichtet. Einige der Plakate hingen auch an einem Schulweg, dagegen haben auch Mütter protestiert. Daraufhin verschwanden dann die Plakate. 

Die Pascha-Plakate sind seitdem nicht mehr aufgetaucht, dafür wirbt seit einiger Zeit ein Großbordell in Erkrath mit der Schlagzeile „100 Girls“. 
Das begann mit kleinen, wild plakatierten Werbungen an Brücken. Auch darüber habe ich mich bei der Stadt beschwert. An einigen Stellen hat die Stadt dann ein Schild aufgehängt: „Plakatieren verboten!“ Inzwischen wirbt dieses Bordell aber mit riesigen Plakaten. Ich habe sie mal gezählt, allein hier in Leverkusen sind es mindestens zehn. Ich habe dann beim Ordnungsamt angerufen und die haben die Plakate auch entfernen lassen, allerdings erst nach drei Wochen. Meine Beschwerden haben also tatsächlich fast immer was gebracht. 

Aber das reicht Ihnen nicht.
Nein. Ich möchte mich nicht jedesmal wieder beschweren müssen, wenn das Plakat schon hängt. Ich will, dass die Stadt erklärt, dass sie grundsätzlich keine Bordell-Werbung duldet und die Werbeflächen gar nicht erst an Bordelle vermietet werden. Deshalb habe ich am 11. Mai dann wieder einen Beschwerdebrief an die Stadt geschrieben und verlangt, dass ich von meinem Rederecht im Beschwerdeausschuss Gebrauch machen möchte.      

Wie hat der Ausschuss reagiert?
Sie haben mir vor der Sitzung ein Schreiben zugeschickt, in dem steht, dass die Rechtsprechung von einem „gewandelten Verständnis der Bevölkerung zur Prostitution“ ausgeht und dass man eine „Einzelfallbetrachtung“ der Werbung vornehmen müsse. Zum Beispiel müsse man schauen, ob es Hinweise auf „Zwangs- oder Minderjährigenprostitution“ gibt. Als ob die das auf ihre Plakate schreiben! Im übrigen gibt es andere Städte, wie zum Beispiel Bremen, die grundsätzlich keine Bordellwerbung akzeptieren. 

Wie hat der Beschwerde-Ausschuss reagiert?
Ich habe noch einmal erklärt, dass Werbung für Prostitution gesetzlich verboten ist und den entsprechenden Passus vorgelesen. Ich habe auch gesagt, dass ich in meinem Umfeld viele Leute kenne, die der Prostitution überhaupt nicht tolerant gegenüberstehen und die Akzeptanz dieser Bordell-Werbung völlig unverständlich finden. Aber einige Ausschuss-Mitglieder haben mir gar nicht zugehört, sondern sich lieber miteinander unterhalten. Sie wollten auch nicht diskutieren. Nach meiner Rede wurde beschlossen, dass alles beim Alten bleibt. Glücklicherweise saß neben mir eine Dame von der Presse. Sie war empört über die Ignoranz und bot mir an einen Artikel über diese Ausschusssitzung zu machen.

Sie haben inzwischen die Unterstützung der Gleichstellungsbeauftragten Sabine Rusch-Witthohn.
Sie hat mich auf meinen Wunsch hin in den Ausschuss begleitet und will jetzt am Thema dranbleiben. 

Sie auch?
Natürlich! Ich habe so viel Unterstützung. Mein Chefarzt und meine Kolleginnen und Kollegen sind ganz meiner Meinung. Immer, wenn sie wieder einen Artikel über das Thema in der Zeitung lesen, sagen sie: „Du hast vollkommen Recht, wir sehen das genau so!“ Und es gibt immer viele, zustimmende Leserbriefe. Das bestätigt und ermutigt mich natürlich. Ich bleibe dran, ich kann gar nicht anders. Immer, wenn ich wieder so ein Plakat sehe, springt der Motor wieder an.

Das Gespräch führte Chantal Louis

Artikel teilen

Das soll eine Reform sein?

Das Laufhaus Pascha in Köln, eine der Sexfabriken in Deutschland.
Artikel teilen

79 eng beschriebene Seiten legte das Frauenministerium Ende März im kleinen Kreis vor. Der Gesetzesentwurf soll künftig den „Schutz von in der Prostitution tätigen Personen“ regeln. Was er auf den ersten Blick auch tut. „Mindestalter für den Betreiber, mehr Rechte für die Polizei, strengere Auflagen für Bordellbetreiber!“, meldete Spiegel Online am 11. April. Mehr noch: Sogar „ein Grundrecht soll eingeschränkt werden“ (nämlich das auf „Unverletzlichkeit der Wohnung“ im Falle von Kontrollen in Wohnungsbordellen). Das klang ganz so, als würde das Frauenministerium es ernst meinen mit dem „Schutz für Menschen in der Prostitution“ und der Bestrafung sexueller Ausbeutung.

Anzeige

LobbyistInnen
jubeln über
das lasche 
Prostitutions-
schutzgesetz

Dabei hätte der Spiegel es da schon ­besser wissen können. Denn bereits zwölf Tage zuvor, am 30. März, hatten drei Unions-Abgeordnete eine scharfe Pressemitteilung veröffentlicht: „Lobbyisten jubeln über lasches Prostitutionsschutzgesetz“, hieß es da und: „Der Triumph der Zuhälter und Bordellbetreiber ist eine Schande für die Bemühungen der Regierungskoa­lition zum Schutz von Frauen im Sex­gewerbe!“

Die Kritiker haben leider recht. Die nun vorliegende Reform ist weniger als halbherzig. Zwar wird endlich auch vom Gesetzgeber festgestellt: „Prostitution ist kein Beruf wie jeder andere.“ Und auch der Zugang der Polizei zu Prostitutionsstätten wird in Zukunft leichter sein, wenn auch nur „in dringenden Fällen“. Aber das ist auch schon fast alles.

Die entscheidenden Punkte jedoch fehlen oder sind bis zur Wirkungslosigkeit aufgeweicht. Als da sind:

  • Die Anhebung des Mindestalters für Prostituierte von 18 auf 21 Jahre. Das große Geschäft läuft heute vor allem mit den ganz jungen, besonders Wehrlosen. Aber der Gesetzgeber scheint daran nicht rühren zu wollen.
  • Die Anmeldepflicht. Der Entwurf definiert nicht, wo die Frauen angemeldet sein müssen. Die einzig effektive Anmeldung wäre die bei der Polizei und das an jedem Ort, an dem die Frauen tätig werden (Damit eine Kontrolle über die Verschiebung des „Frischfleisches“ von Stadt zu Stadt durch die Frauenhändler möglich ist). Doch all das ist im Gesetz nicht geregelt, da ist nur von einer einmaligen Anmeldung irgendwo im Hauptort die Rede. Pro-Prostitutionsländer wie z.B. NRW oder Berlin könnten die Anmeldung also bei den wirkungslosen Ordnungsämtern ansiedeln.
  • Die Gesundheitsuntersuchung. Sie ist einmal im Jahr geplant und soll nur eine „Beratung“ sein, d.h. ohne Untersuchung. Das ist zum einen zu ­selten und zum zweiten würde eine „Beratung“ die häufig geschlechtskranken Frauen nicht schützen.
  • Die Erlaubnispflicht für Prostitutionsstätten. Hier fehlen die Wohnungen, die quantitativ längst das Angebot in den Bordellen übersteigen. Da Prostitution in Deutschland nicht mehr als „sittenwidrig“ gilt, kann nämlich heutzutage jeder eine Wohnung anmieten und dort Frauen anbieten. Die meist aber des Deutschen nicht mächtigen Ausländerinnen, denen von ihren Zuhältern häufig auch der Pass abgenommen wird, sind in diesen „Model-Wohnungen“ noch ausgelieferter und isolierter als in Bordellen oder auf dem Straßenstrich.
  • Der Mietwucher. Laufhäuser wie das Pascha nehmen von den sich prostituierenden Frauen 160 Euro am Tag (also 4.800 Euro im Monat) für winzige Zimmer. Hier müsste dringend festgeschrieben werden, dass die Mieten „nicht die ortsüblichen Mieten für Gewerberäume überschreiten“ dürfen. Auch das ist nicht geschehen.
  • Das Weisungsrecht. Zwar dürfen die Bordellbetreiber keine Weisungen „über Art und Ausmaß sexueller Dienstleistungen“ geben, aber das war schon immer so. Andere Weisungen – wie das Nacktgebot oder das Telefonverbot – sollen weiterhin erteilt werden können.

Außerdem wimmelt es von verfänglichen Formulierungen in Bezug auf die Bordellbetreiber: „Das Tolerieren von Ausbeutung und Zuhälterei darf nicht dauerhaft hingenommen werden.“ – Kurzfristig aber schon? Und es fehlt ganz die Regulierung der Gelegenheitsprostitution.

Kurzum, mit so einer „Reform“ wird Deutschland auch in Zukunft ein Eldorado für Frauenhändler und Einreiseland für Sextouristen bleiben. Das sehen auch die drei protestierenden Christsozialen so. Die CSU ist die einzige Partei, die bereits im Herbst 2013 sogar die Bestrafung von Freiern gefordert hatte, und das nicht nur bei „Zwangsprostituierten“.

So wird Deutschland auch in Zukunft ein Eldorado für Frauenhändler bleiben

Die drei CSU-Abgeordneten reagierten auf einen Spiegel-Bericht im März über die engen Verflechtungen zwischen dem Verband der Bordellbetreiber (UEGD) und dem Verband der so genannten „Sexarbeiterinnen“ (BesD), sowie die Rolle, die diese LobbyistInnen beim Hearing des Familienministeriums zur Prostitution im Juni 2014 gespielt hatten. Bordelllobbyist Holger Rettig war damals so zufrieden über seinen Auftritt im Ministerium gewesen, dass er sich ­anschließend gemeinsam mit seinen „Freundinnen“ vom Sexarbeiterinnen-Verband bei Manuela Schwesig bedankte. Spätestens das hätte der Ministerin zu denken geben müssen.

„Es hätte schlimmer kommen können“, kommentiert Rettig jetzt selbstgefällig dem Spiegel gegenüber den nun vorliegenden Gesetzesentwurf. In der Tat, alle entscheidenden Punkte, die der Prostitutionsbranche das Geschäft mit den Frauen vermiest hätten, scheinen vom Tisch oder mindestens stark abgeschwächt zu sein. Und schon wittern Rettig & Co. Morgenluft. Rettig kündigte an, dass man sich keineswegs das Geschäft mit den Gang-Bang-Partys (simulierte Gruppenvergewaltigungen) verbieten lassen wolle. Dafür will sein Verband „notfalls bis vors Verfassungsgericht“ gehen.

„Hat die Zuhälterlobby über den Rechtsstaat gesiegt?“, fragen Barbara Lanzinger, die Vorsitzende der CSU-Frauen, Hans-Peter Uhl und Volker Ullrich zu recht in ihrer Pressemitteilung. Sie bezeichnen den Gesetzesentwurf aus dem Hause Schwesig als „Triumph der Zuhälter und Bordellbetreiber“ und schreiben: „Es bleibt nur zu hoffen, dass von dieser Seite keine Gelder für die Entschärfung von gesetzlichen Regelungen geflossen sind“. Die Abgeordneten fordern die SPD-Fraktionsführung auf, sich zu „besinnen“ und neu in der Koalition zu verhandeln.

Doch die Parteispitzen der Großen Koalition halten sich bedeckt bei dem Thema Prostitution und Frauenhandel. Das ist in der Union nicht anders als bei den Sozialdemokraten. Auch aus dem Mund der Kanzlerin war bisher kein einziges Wort zur Prostitution zu hören. Dabei betrifft die nicht nur das Leben von Hunderttausenden von Elendsprostituierten in Deutschland, sondern auch das alle betreffende Frauenbild und Männerbild in unserem Land.

International steht das Pro-Prostitu­tionsland Deutschland heute fast allein da. Im Ausland ist man „entsetzt“ über die inhumanen Verhältnisse im deutschen Sexgewerbe, insbesondere über die Großbordelle und Praktiken wie Flatrate und Gangbang-Partys.

Im März bekam Merkel darum Post aus New York: über hundert Frauenorganisationen schrieben, initiiert von der weltweiten „Coalition Against Trafficking in Women“ (CATW), an die Kanzlerin.

Bleibt nur zu hoffen, dass keine Gelder für die Entschärfung geflossen sind

Die erinnerten die deutsche Bundeskanzlerin daran, dass Deutschland seit Jahren internationale Abkommen zum Kampf gegen die Prostitution schlicht ignoriert. Allen voran die „UN-Konvention zur Bekämpfung des Menschenhandels und der Ausbeutung von Prostituierten“, in der es heißt: „Die Prostitution und das sie begleitende Übel des Menschenhandels sind mit der Würde und dem Wert des Menschen unvereinbar.“ Wer ein „Bordell unterhält, leitet oder wissentlich finanziert“, müsste laut UN strafrechtlich verfolgt werden. 91 Staaten haben die Resolution unterzeichnet. Deutschland nicht.

Die Unterzeichnerinnen des Appells lenken „die Aufmerksamkeit der Kanzlerin auch auf die Resolution des EU-Parlaments vom 26. Februar 2014“, nach der Prostitution eine „Verletzung der Menschenwürde“ ist, die im „Gegensatz zu Menschenrechten und Gleichberechtigung steht“ und daher „unvereinbar ist mit der Grundrechts-Charta der Europäischen Union“. Sie schreiben: „Die Welt schaut auf Deutschland und darauf, ob es sein Prostitutionsgesetz ändert.“

Was Deutschland wenig zu scheren scheint. Die Reform des Prostitutionsgesetzes von 2002 soll bereits am 1. Juni im Bundesgesetzblatt veröffentlicht werden. Heißt das, dass man sich mit dem vorliegenden Gesetzestext bescheiden will? Und sollen die notwendigen drei Lesungen im Parlament, wie üblich bei unbequemen Gesetzen, nach all den Jahren und Jahrzehnten der gesellschaftlichen Debatte etwa im Mai hastig durchgepeitscht werden? Das sollten alle, die für Prostituierte und gegen Prostitution sind, zu verhindern wissen!

Weiterlesen
 
Zur Startseite