"Die Vollverhüllung eines Menschen gehört nicht in eine Demokratie!"

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Frau Schwarzer, in der Schweiz stimmen wir in einem Monat über eine Volksinitiative ab, die ein Verhüllungsverbot auf Verfassungsebene fordert. Würden Sie zustimmen?

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Ja.

Weshalb?

Lassen Sie es mich so sagen: Die Vollverhüllung eines Menschen gehört nicht in eine Demokratie. Es ist schon bedrückend genug, dass Millionen Frauen in den sogenannten Gottesstaaten unter den Schleier gezwungen werden. Der Koran schreibt das übrigens nicht vor. Diese Tatsache haben auch die höchsten islamischen Geistlichen längst bestätigt. Begründet wird der traditionelle und vom Siegeszug der Islamisten neu befeuerte Verschleierungszwang damit, dass Haar und Körper einer Frau «Sünde» seien. Nur der eigene Mann soll seine Frau sehen – alle anderen Männer würden dadurch gereizt.

Eine Nikabträgerin sagte kürzlich im NZZ-Interview, der Nikab schütze sie gegen Männerblicke.

Ein eigenartiges Männerbild: Als wären Männer Tiere, die sich auf jede nicht verhüllte Frau stürzten. Es geht zudem nicht nur um subjektive Befindlichkeiten, sondern auch um objektive Signale. Die Verschleierung der Frauen ist die Flagge des politischen Islam. Aber ist es das, was wir nach 200 Jahren Aufklärung und 50 Jahren Kampf um Gleichberechtigung in unseren Demokratien wollen? Verhältnisse, in denen eine Frau unsichtbar sein muss, um sich vor Männerblicken zu schützen? Ist jeder Männerblick gefährlich? Das ist doch lachhaft! Sollen Frauen sich zwischen Entblössung und Verhüllung entscheiden müssen? Zwischen Prostitution und Burka? In beiden Fällen wird ja gerne mit der «Freiwilligkeit» argumentiert. Aber Freiheit impliziert auch die Pflicht, die Menschenwürde zu achten – selbst die eigene. Wir würden ja auch nicht zulassen, dass sich ein Schwarzer halbnackt und mit Ketten an den Füssen durch Zürich schleifen lässt.

Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz sind Nikabträgerinnen auffallend oft Konvertitinnen. Sie sagen, hinter ihnen stünden oft Ehemänner und Organisationen, die die Scharia einführen wollten. Haben Sie Belege dafür?

Ein Blick in die Medienarchive genügt. Da finden wir, dass hinter jedem in Frankreich oder auch in der Schweiz bekanntgewordenen Fall provokanter Vollverschleierung ein Mann aus Marokko oder einem arabischen Land steckt, der aktiv für die Scharia eintritt. In der Tat sind es auffallend häufig Konvertitinnen, die mit Männern aus einschlägigen Ländern verheiratet sind, oft in polygamer Ehe. Die Bussgelder wegen der Verstösse gegen das Burkaverbot in Frankreich zum Beispiel zahlt seit Jahren der Franko-Algerier Rachid Nekkaz, der bei den letzten Wahlen in Algerien Ambitionen hatte, als Präsident zu kandidieren. Seine Aktionen sind also eindeutig politisch motiviert. Das sind Provokationen, die unseren Rechtsstaat verhöhnen. Ganz egal, ob es drei oder dreitausend Burkaträgerinnen sind – schon eine ist zu viel. Das ist eine Frage des humanitären Prinzips. Sie werden von der Bewegung in Iran gehört haben, wo Frauen heimlich den Tschador ausziehen und dann ein Bild, das sie mit wehendem Haar zeigt, auf Instagram posten. Ein todesmutiger Akt der Freiheit. Diesen Frauen müssen wir beistehen!

Kann es aus feministischer Sicht nicht so etwas wie selbstbestimmte Verschleierung geben?

Laut Scharia sind Frauen Unmündige. Jede Frau, die die Burka oder den Nikab freiwillig trägt, bestätigt also ihre Rechtlosigkeit. Der Verschleierungszwang ist immer verbunden mit der Scharia, nach der Frauen rechtlose Unmündige sind und Männer das Gewaltmonopol über Frauen und Kinder haben sowie über alle «Ungläubigen». Als im August 2016 die syrische Stadt Manbij vom IS befreit wurde, rissen sich die Frauen die Schleier vom Körper und machten ein Freudenfeuer damit. Diesen Millionen Frauen in den islamischen Staaten gehört meine Solidarität – und nicht der obskuren Minderheit, oft verhetzt in Moscheen und finanziert von Saudiarabien oder der Türkei, die in Demokratien für das «Recht» aufs Kopftuch auch in Schulen und die Verhüllung der Frauen in der Öffentlichkeit kämpft.

Würden Sie sagen, dass die islamische Welt ein grösseres Problem mit den Frauenrechten hat als die christlich geprägten Kulturen? Das Alte Testament ist ja auch nicht gerade ein Leitfaden zur Gleichberechtigung. Ist Religion per se antifeministisch?

So ist es. Darum zitiere ich so wenig den Koran wie die Bibel, in der ja auch so einiges Fragwürdiges steht. Mein Thema ist der Missbrauch, die Politisierung des Glaubens, diese Übergriffe im Namen Gottes auf unser Leben und unsere Freiheit. Und da sehe ich die Rolle des Vatikans bei der Abtreibung oder die der Evangelikalen in Amerika, die zu 80 Prozent Trump gewählt haben, nicht weniger kritisch als die der Gottesstaaten sowie der Agitatoren und Islamverbände in unseren demokratischen Ländern.

In Deutschland bezeichnen linke Stimmen Sie oft als "Rechtsfeministin". Trifft Sie das?

Ich bin selbst ein Teil der Linken!

Ja, aber Sie werfen der Linken vor, bei jeder Kritik am Islamismus reflexhaft "Rassismus" zu rufen.

Es ist ein alter Trick der Islamisten, die Teile der Linken solide unterwandert haben und seit einem Vierteljahrhundert auch im Westen in der Offensive sind: Sie diffamieren jegliche Kritik am politischen Islam als angebliche Kritik am Islam, dem Glauben. Eine französische Kollegin, Caroline Fourest, hat jüngst in der «Emma» geschrieben, wir linken Islamismuskritiker müssten, wenn wir die Wahrheit sagen wollten, den Mut haben, uns von den selbsternannten «Antirassisten» als «rechts» und «islamophob» diffamieren zu lassen. Habe die Ehre.

Sie hatten mehrere Zusammenstösse mit wütenden jungen muslimischen Frauen. Was antworten Sie einer Frau, die Ihnen sagt: "Wenn Sie Feministin wären, würden Sie sich dafür einsetzen, dass wir unser Kopftuch tragen dürfen?"

Zusammenstösse mit jungen Musliminnen? Ich kenne eigentlich nur die Situation, dass junge, kopftuchtragende Frauen strahlend Handyfotos mit mir machen, in Algier wie in Berlin. Aber es gab in der Tat einen Zusammenstoss, 2019 in Frankfurt. Das war eine gezielte Provokation. Dabei ging es um eine wissenschaftliche Konferenz zum Kopftuch. Es waren Kritikerinnen wie Befürworterinnen eingeladen. Dennoch hetzten fanatische «Antirassisten» gegen die gastgebende Professorin Susanne Schröter und forderten ihre Entlassung. Die Uni stellte sich hinter sie, was längst nicht mehr selbstverständlich ist.

Weil sie Angst haben, als Rassisten beschimpft zu werden?

Ich kenne viele Professorinnen und Professoren, von der Sorbonne bis zur Freien Universität Berlin, die unter dem Terror dieser Ideologen längst verstummt sind. Sie haben resigniert oder gehen in den vorgezogenen Ruhestand. Ich war auf der Konferenz in Frankfurt die Einzige, die irgendwann rausging zu den im Regen Protestierenden, um mit ihnen zu diskutieren. Mich empfing nur Gebrüll. Und als ich bei dem Versuch, ein Gespräch zu führen, eine der jungen, kopftuchtragenden Frauen an den Ellbogen tippte, schrie die: «Fassen Sie mich nicht an! Ich rufe die Polizei! Ich zeige Sie an!» Im Internet wurde mir dann das Wort im Munde umgedreht. Billigste Manipulation und Provokation. Das sind so die Methoden dieser Leute.

Viele Musliminnen und Muslime in der Schweiz sagen, die sogenannte Burka-Initiative ziele auch auf den Islam und damit auf alle Muslime. Trifft das aus Ihrer Sicht zu?

Ganz im Gegenteil: Es hilft der Mehrheit der Nichtfundamentalisten, wenn man sie vor diesen Fanatikern schützt. Ich habe es schon oft gesagt, sage es aber gerne noch einmal: Ich habe noch nie ein Wort über den Islam verloren. Der ist nicht mein Thema. Der Islam ist ein Glaube, und ich bin für Glaubensfreiheit. Mein Thema ist der politische Islam. Dieser Islamismus, der den Glauben in Geiselhaft nimmt, ist keine Religion, sondern eine faschistoide Ideologie, die nicht nur den Frauenhass predigt, sondern auch den Judenhass und die antidemokratische Scharia. Die ersten Opfer dieser Islamisten sind die ganz normalen Muslime. Sie werden von den Fanatikern auf die Knie beziehungsweise unter den Schleier gezwungen.

Wie stehen Sie zum Kopftuch?

Ich bin lediglich für ein Kopftuchverbot in Schulen und im öffentlichen Dienst. Damit verschleierte Mädchen sich wenigstens in der Schule für ein paar Stunden so frei fühlen können wie ihre nichtmuslimischen Freundinnen und weil politische Symbole nichts im Staatsdienst zu suchen haben. Sonst sollte jede Frau, die will, ein Kopftuch tragen können. Das ist doch selbstverständlich. Aber die Burka? Nein! Wir erleben ja gerade, wie behindernd und kommunikationsfeindlich schon so eine kleine Corona-Maske ist. Die Vollverhüllung verstösst nicht nur gegen die Bewegungsfreiheit und die Gesundheit des verhüllten Menschen, sondern auch gegen seine elementarste Menschenwürde.

Sie haben ein sehr zärtliches Buch über Ihre "algerische Familie" geschrieben. Werden wir im christlich geprägten Europa je zu einem entspannten, freundschaftlichen Umgang mit dem Islam finden?

Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Und genau deshalb habe ich 2018 ein Buch über diese Familie geschrieben, mit der ich seit über zwanzig Jahren befreundet bin. Das sind ganz normale Muslime, einige nur Freitagsmuslime, die meisten aber tiefgläubig. Die Freundschaft entstand über Djamila, meine Kollegin. Ich hatte sie in den 1990er Jahren, den sogenannten schwarzen Jahren, als über 200 000 Menschen Opfer des von den Islamisten angezettelten Bürgerkriegs wurden, nach Köln geholt. Sie war in Lebensgefahr, wie viele Journalistinnen und Journalisten damals. In dieser Familie habe ich wochenlang gelebt, aber nie ein Mitglied beten sehen, obwohl die meisten fünf Mal am Tag beten. Warum nicht? Für normale Muslime ist das Beten ein Dialog zwischen Mensch und Gott. Das demonstrative öffentliche Beten oder Fasten ist erst mit der Erstarkung des Islamismus nach Khomeinys Sieg 1979 in Iran aufgetaucht.

Wie hat man in Algerien auf Ihr auch auf Französisch erschienenes Buch reagiert?

Die grösste oppositionelle Zeitung Algeriens, «El Watan», hat mein Buch als «eine Liebeserklärung an Algerien» bezeichnet. Und das ist es auch. Eine Liebeserklärung an die Mehrheit der Muslime auf der Welt, die unter dem islamistischen Terror leiden. Und eine Kampferklärung an die Kräfte, die im Orient ganze Länder unter ihre Knute zwingen und im Okzident die Integration verhindern und die Demokratie bekämpfen. Sie schaffen seit Mitte der 1990er Jahre Gegengesellschaften mitten unter uns und verhetzen die jungen Männer. Die dritte Generation der Einwanderer ist heute schlechter integriert als ihre Eltern. Ausgerechnet mit diesen Fanatikern dialogisieren viele Politiker und weite Teile der Linken. Das ist nicht nur ein Verrat an unserer Demokratie, sondern auch an der Mehrheit der Muslime und Musliminnen.

Das Interview führten Christina Neuhaus und Simon Hehli. Es erschien zuerst auf nzz.ch am 6.2.2021.

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Burkaverbot: Der Schrei von Djemila

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Ich habe unter den Bedingungen einer islamistischen Diktatur gelebt. Das war Anfang der 90er Jahre. Ich war noch keine 18 Jahre alt. Ich war schuldig, weil ich eine Frau war, weil ich Feministin war und weil ich für die Trennung von Staat und Religion eintrat.

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Ich muss Ihnen gestehen, dass ich nicht Feministin und Laizistin aus Neigung bin, ich bin es aus Notwendigkeit, gezwungenermaßen, aus leidvoller Erfahrung. Denn ich kann mich nicht damit abfinden, hier und überall auf der Welt den politischen Islamismus auf dem Vormarsch zu sehen. Ich bin Feministin und Laizistin geworden, weil ich um mich herum Frauen leiden sah, schweigend, eingesperrt hinter verschlossenen Türen, um ihr Geschlecht und ihr Leid zu verbergen, um ihre Sehnsüchte zu ersticken und ihre Träume zum Schweigen zu bringen.

Es gab eine Zeit, da machte man sich in Frankreich Gedanken um das Tragen des islamischen Kopftuchs in der Schule. Heute geht es um den Ganzkörperschleier. Statt den Geltungsbereich des Gesetzes von 2004 auf die Universitäten auszuweiten, diskutieren wir darüber, ob wir wandelnde Särge auf unseren Straßen zulassen sollen. Ist das noch normal? Morgen steht vielleicht die Polygamie auf der Tagesordnung. Lachen Sie nicht. In Kanada ist das passiert, und die Gerichte mussten eingreifen. Denn schließlich hat die Kultur einen breiten Rücken, wenn es darum geht, die Frauen zu unterdrücken.

Ironie des Schicksals: In mehreren Stadtvierteln habe ich festgestellt, dass die Röcke länger werden und die Farbpalette eintöniger wird. Es ist üblich geworden, den eigenen Körper unter einem Schleier zu verbergen. Einen Rock zu tragen wird nun zu einem Akt des Widerstands. Während sich die Frauen in den Straßen Teherans und Khartums unter Gefährdung ihres Lebens immer freizügiger kleiden, ist in abgelegenen Gegenden der Französischen Republik der Schleier zur Norm geworden.

Was geht hier vor? Ist Frankreich krank? Der islamische Schleier wird oft als Teil der „gemeinsamen moslemischen Identität“ dargestellt. Das ist falsch. Er ist überall auf der Welt das Symbol des moslemischen Fundamentalismus. Wenn er eine besondere Bedeutung hat, dann eher eine politische, vor allem seit dem Beginn der islamischen Revolution im Iran 1979.

Der politische Islamismus ist nicht Ausdruck einer kulturellen Besonderheit, wie hier und da behauptet wird. Er ist eine politische Angelegenheit, eine kollektive Bedrohung, die mit der Verbreitung einer gewaltverherrlichenden, sexistischen, frauenfeindlichen, rassistischen und homosexuellenfeindlichen Ideologie das Fundament der Demokratie angreift.

Wir haben erlebt, wie die islamistischen Bewegungen im feigen Einvernehmen und mit Unterstützung bestimmter Teile der Linken die tiefgehende Rückschrittlichkeit zementieren, die sich mitten in unseren Städten eingenistet hat. In Kanada wäre es fast zur Einrichtung islamischer Gerichte gekommen. In Großbritannien ist das in vielen Gemeinden bereits der Regelfall. Von einem Ende des Planeten bis zum andern verbreitet sich das Tragen des islamischen Schleiers und wird zur Gewohnheit, manche halten ihn sogar für eine annehmbare Alternative, denn er sei immer noch besser als die Burka!

Was sagen wir zu der nachgiebigen Haltung der westlichen Demokratien, wenn es um die wesentlichen Grundlagen des Zusammenlebens und des Gemeinwesens geht, um die Verteidigung des staatlichen Schulsystems, die öffentlichen Dienstleistungen und die Neutralität des Staates? Was sagen wir zum Rückzug in der Abtreibungsfrage hier in Frankreich?

Als der FIS (Front islamique du salut – Islamische Heilsfront) Anfang der 90er Jahre meine Heimat Algerien mit Krieg überzog und Tausende von Algeriern ermordete, begriff ich die Notwendigkeit der Trennung von Staat und Religion. Seitdem hat sich, wie wir heute feststellen müssen, nicht viel verändert.
Noch immer werden weltweit sehr viele Frauen erniedrigt, geschlagen, vergewaltigt, verstoßen, ermordet, verbrannt, ausgepeitscht und gesteinigt. Und in wessen Namen? Im Namen der Religion, in diesem Fall eines instrumentalisierten Islams.

Weil sie eine arrangierte Ehe oder das Tragen des islamischen Schleiers verweigern, die Scheidung verlangen oder Hosen getragen haben, Auto gefahren oder ohne männliche Erlaubnis aus dem Haus gegangen sind, müssen Frauen, sehr viele Frauen, die Barbarei am eigenen Leib erdulden. Ich denke besonders an unsere iranischen Schwestern, die auf den Straßen Teherans demonstrierten, um Ahmadinejad, einem der schlimmsten Diktatoren der Welt, Angst zu machen. Ich denke an Neda, die junge Iranerin, die im Alter von 26 Jahren getötet wurde. Wir alle sahen das Bild, wie Neda am Boden liegt und ihr das Blut aus dem Mund läuft. Ich denke an Nojoud Ali, die kleine zehnjährige Jemenitin, die nach der Zwangsverheiratung mit einem Mann, der dreimal so alt war wie sie, um das Recht auf Scheidung kämpfte und es bekam. Ich denke an Loubna Al-Hussein, die im vergangenen Sommer durch ihre Kleidungswahl die Regierung in Karthum in Angst und Schrecken versetzte.

Bereits 1984 wurde in Algerien ein Familiengesetz beschlossen, das sich an der islamischen Scharia orientierte. Ich war damals zwölf Jahre alt. Dieses Gesetz verlangt von der Ehefrau Gehorsam gegenüber ihrem Mann und ihren Schwiegereltern, erlaubt die Verstoßung, die Polygamie, entlässt die Frau aus der elterlichen Verantwortung und erlaubt dem Ehemann, seine Frau zu züchtigen. Im Erbschaftsrecht wie bei Zeugenaussagen wird die Ungleichheit zum System erhoben, denn die Stimme zweier Frauen zählt so viel wie die eines Mannes, und das gleiche gilt bei Erbanteilen.

Die Frauen in den islamischen Ländern leben unter den schlimmsten Bedingungen weltweit. Das ist eine Tatsache, die wir erkennen müssen. Darin besteht unsere oberste Solidaritätspflicht gegenüber all den Frauen, die den schlimmsten Gewaltregimen auf der Welt die Stirn bieten. Wer wollte das bestreiten? Wer wollte dem widersprechen? Wer wollte das Gegenteil behaupten? Die Islamisten und ihre Komplizen? Natürlich. Aber nicht nur sie.

Es gibt auch einen Relativismus, eine politische Tendenz, die fordert, wir müssten im Namen der Kulturen und der Traditionen Rückschrittlichkeit akzeptieren. Man verdammt die anderen dazu, Opfer zu bleiben, und behandelt uns als Rassisten und Islamgegner, wenn wir für die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Trennung von Staat und Religion eintreten. Und dieselbe Linke empfängt mit offenen Armen Tarik Ramadan (Anm.d.Red.: Enkel des Gründers der fundamentalistischen Muslim-Brüder in Ägypten und heute einer der islamistischen Vordenker in Europa), damit er sich landauf, landab aufspielen und die republikanischen Werte niedermachen kann.

Ich sage euch: In meiner Kultur gibt es nichts, was mich als Frau dazu bestimmt, unter einem Leichentuch als dem zur Schau getragenen Symbol von Andersartigkeit zum Verschwinden gebracht zu werden. Nichts, was mich dazu prädestiniert, den Sieg eines Schwachsinnigen, eines Dummkopfs und eines Feiglings zu akzeptieren, vor allem, wenn das Mittelmaß zum Richter erhoben wird. Nichts, was mein Geschlecht darauf vorbereitet, zerstückelt zu werden, ohne dass mein Leib daran erstickt. Nichts, weshalb ich dazu ausersehen wäre, mich an Peitsche oder Stachel zu gewöhnen. Nichts, was mich dazu verurteilt, Schönheit und Lust abzulehnen. Nichts, was mich dafür empfänglich macht, die Kälte der rostigen Klinge an meinem Hals zu spüren.

Und wäre das der Fall, würde ich ohne Reue und Gewissensbisse den Bauch meiner Mutter, die Zärtlichkeit meines Vaters und die Sonne, unter der ich aufgewachsen bin, verfluchen.

Es ist möglich, die Gesellschaft durch unseren Mut, unsere Entschlossenheit und unsere Kühnheit voranzubringen. Das ist nicht leicht. Keineswegs. Die Wege zur Freiheit sind immer steile Wege. Aber es sind die einzigen Wege, die zur Emanzipation der Menschheit führen. Ich kenne keine anderen. Dieser wunderbare Moment der Geschichte, unserer Geschichte, lehrt uns, dass erdulden nicht bedeutet, sich zu unterwerfen. Denn neben den Ungerechtigkeiten und den Erniedrigungen gibt es auch den Widerstand.

Widerstand zu leisten, heißt, sich das Recht zu nehmen, das eigene Schicksal selbst zu bestimmen. Das bedeutet für mich Feminismus. Kein individuelles, sondern ein gemeinsames Leben für die Würde aller Frauen. Ich verbünde mich als Frau mit allen, die von Gleichberechtigung und von der Trennung von Staat und Religion als den Grundlagen der Demokratie träumen, und gebe dadurch meinem Leben einen Sinn.

Die Geschichte ist reich an Beispielen von Religionen, die sich über die Privatsphäre hinaus in den öffentlichen Raum ausweiten und zum Gesetz werden. Verliererinnen sind dabei immer zuallererst die Frauen. Doch nicht nur sie. Wenn Gottesgebot und Menschengesetz miteinander vermengt werden, um alles Tun bis ins kleinste zu lenken, kommt es zu einer plötzlichen Erstarrung des Lebens in seiner ganzen Vielfalt. Es gibt keinen Raum mehr für den Fortschritt der Wissenschaft, für Literatur, Theater, Musik, Tanz, Malerei, Film, kurz, keinen Raum mehr zum Leben. Nur immer mehr Rückschrittlichkeit und Verbote.

Eben deshalb habe ich eine tiefe Abneigung gegen jeden Fundamentalismus, welcher Art auch immer, denn ich liebe das Leben. Ihr müsst bedenken: Wenn die Religion Staat und Gesellschaft beherrscht, bewegen wir uns nicht mehr im Raum des Möglichen, wir können nichts mehr in Frage stellen, wir beziehen uns nicht mehr auf Vernunft und Rationalität, die der Aufklärung so wichtig waren. Es scheint mir unerlässlich, durch die Stärkung der Neutralität des Staates den öffentlichen und den privaten Raum voneinander zu trennen, denn nur die Trennung von Staat und Religion macht es möglich, einen gemeinsamen Raum zu schaffen, sagen wir, einen staatsbürgerlichen Bezugsrahmen, fern von allem Glauben und allem Unglauben, um die Zivilgesellschaft gestalten zu können.

Monsieur Gérin (Anm.d.Red.: der Bürgermeister, der die Initiative zum Verbot der Burka ergriff), ich wende mich an Sie, ich möchte mit Ihnen sprechen, Ihnen von der Angst erzählen, die ich am 25. März 1994 empfunden habe, als ich noch in Oran in Algerien lebte und die GIA (Bewaffnete islamische Gruppe) den Frauen in meiner Heimat befahl, den islamischen Schleier zu tragen. An dem Tag ging ich mit unbedecktem Kopf, wie Millionen andere Algerierinnen auch. Wir haben dem Tod die Stirn geboten. Wir haben mit den Schlächtern der GIA Versteck gespielt, und über unseren unbedeckten Köpfen schwebte die Erinnerung an Katia Bengana, eine 17-jährige Gymnasiastin, die am 28. Februar 1994 vor ihrer Schule ermordet worden war, weil sie unverschleiert war.

Es gibt Schlüsselereignisse im Leben, die dem Schicksal des Einzelnen eine besondere Richtung geben. Für mich war dies so eines. Seit diesem Tag habe ich eine tiefe Abneigung gegen alles, was Hidschab, Schleier, Burka, Niqab, Tschador, Dschilbab, Khimar oder ähnlich heißt. Heute nun stehen Sie an der Spitze einer parlamentarischen Kommission, die sich mit dem Tragen des Ganzkörperschleiers in Frankreich befassen soll.

Man täusche sich nicht. Der islamische Schleier verbirgt die Angst vor den Frauen, vor ihrem Körper, ihrer Freiheit und ihrer Sexualität. Schlimmer noch, die Perversion wird auf die Spitze getrieben, wenn man Mädchen unter fünf Jahren verschleiert. Wann genau sah ich in Algerien diesen Schleier in den Klassenzimmern auftauchen? Während meiner Kindheit und bis zu meinem Übergang auf das Gymnasium im Jahr 1987 war das Tragen des islamischen Schleiers in meiner Umgebung eine Randerscheinung. In der Grundschule trug niemand den Hidschab, nicht unter den Lehrerinnen und erst recht nicht unter den Schülerinnen.

Jetzt lebe ich seit zwölf Jahren im kanadischen Québec, dessen Devise auf allen Nummernschildern der Autos geschrieben steht: „Ich erinnere mich“. Apropos Erinnerung: Woran sollte sich Frankreich erinnern? Dass es das Land der Aufklärung war! Dass Millionen von Frauen die Bücher von Simone de Beauvoir lesen, deren Name untrennbar mit dem von Djamila Boupacha verbunden ist (Anm.d.Red.: Eine Algerierin, die während des Algerienkriegs von französischen Soldaten gefoltert wurde und dank des Einsatzes von Beauvoir freikam).

Deshalb erwarten wir gerade von Ihnen, dass Sie Mut und Verantwortungsbewusstsein zeigen und das Tragen der Burka verbieten. Und ich schließe mit einem Zitat von Simone de Beauvoir: „Wir haben das Recht zu schreien, aber unser Schrei muss auch gehört werden. Er muss bei anderen Widerhall finden.“
Ich setze meine Hoffnung darauf, dass Sie meinen Schrei hören.

Übersetzung: Sigrid Vagt

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