Da guckste! Schantall gibt Gas.

Ja, da guckste! Chantal Louis in ihrer schnittigen Kiste. - © Bettina Flitner
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Er sieht gut aus. Er ist flott. Er macht mich glücklich. Ich bin echt in ihn verknallt. Und dennoch: Es fällt mir schwer, zu ihm zu ­stehen. Es ist so: Ich fahre einen Sport­wagen, und irgendwas daran ist mir, verdammt noch mal, peinlich.

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Es hat ein paar Wochen gedauert, bis ich mir das eingestehen konnte. Aber das Gestammel, in das ich regelmäßig ausbreche, sobald jemand den Wagen bemerkt, bestaunt, bewundert, lässt keinen anderen Schluss zu. „Sooo viel PS hat er gar nicht“, beschwichtige ich zunächst. „Auf der ­Autobahn ist er echt laut, richtig unangenehm“, füge ich hinzu. Und dann, ganz wichtig: „Er war nicht teuer! Ich hab ihn gebraucht gekauft. Also, den Preis hätte man für jeden anderen Gebrauchtwagen auch bezahlt.“

Sooo viel PS hat er gar nicht!

Warum, in Gottes Namen, tue ich das? Wieso jubiliere ich nicht: „Guck mal, mein neuer Sportwagen. Ist der nicht su-per-schön? Der zieht echt gut, das macht totalen Spaß. Und ab 22 Grad fahr ich mit offenem Verdeck, ist das geil!“

Die Analyse des Phänomens ist schnell erledigt: 1. Ich bin eine Frau. 2. Ich habe das Stereotyp über Frauen und Autos perfekt internalisiert, das da lautet: Für Frauen ist ein Auto ein Gebrauchsgegenstand. Es darf also allenfalls sicher sein, denn das ist wichtig, aber keinesfalls schnell und schnittig und schon gar nicht teuer.

Bei mir ist das aber anders. Kurze ­Ursachenforschung: Als ich klein war, bastelte mir mein Vater aus einer leeren ­Posterrolle und Pappe ein Lenkrad. Das wurde zwischen die beiden Vordersitze ­geklemmt, so dass ich von der Rückbank aus mitsteuern konnte. Später gab es keine Rückbank mehr, denn mein Vater kaufte sich einen VW-Porsche (den gab’s mal), den er – wenn auch versehentlich – pink spritzen ließ. Meine Mutter, eine sehr gute Autofahrerin, schwärmte vom BMW-Cabrio eines Arbeitskollegen, stieg dann aber auf Geländewagen um und hat inzwischen einen LKW-Führerschein. Den braucht sie, wenn sie mit ihrem umgebauten DDR-Armeewagen in die Mongolei fährt.

Meine Auto-Sozialisation verlief also eher untypisch. Und so teile ich zwar nicht den Blick vieler Herren auf das Auto als Statussymbol, finde es aber durchaus begrüßenswert, wenn ein Auto hübsch ist und ein bisschen was unter der Haube hat.

In Sachen Auto spiele ich jetzt also in der Jungsliga. Und genau das ist das Problem. Nicht nur, weil neuerdings ständig Männer mit mir über Autos sprechen möchten. „Ah, der MX5, ist das noch ein Baujahr mit Wankelmotor?“ Woher soll ich das wissen?

Was ein Wankelmotor ist, habe ich ­inzwischen bei Wikipedia nachgelesen (und nur begrenzt verstanden), und kann jetzt den hochkompetent klingenden Satz „Er ist Baujahr 1999, die erste Serie mit Ottomotor“ in die Herrenrunde werfen.

Damit habe ich die nächste Stufe des Initiationsrituals erreicht. Nun beginnt eine neue Rederunde, in der es um Drehmomente, Sperrdifferentiale und Federbeindome geht. „Jehört dir dat rassije Auto?“ fragte mich kürzlich mein 86-jähriger Nachbar, der sein ganzes Leben bei Ford gearbeitet hat. Sodann ratterte er in einem halbstündigen Redeschwall mir ­völlig unverständliche Zahlen-Buchstaben-Kombinationen diverser Automodelle ­herunter. Spätestens jetzt bin ich raus aus der Nummer.

Männer wollen jetzt mit mir ständig über Autos sprechen.

Und wie reagieren die Frauen? Mit ganz wenigen Ausnahmen, zu denen meine Mutter gehört – verhalten. „Guck mal, mein neues Auto!“ – „Ah ja.“ Ende der Durchsage. Es ist ihnen suspekt, dass ich ihr pragmatisches Verhältnis zum Thema Auto nicht teile und sie finden es blöd, dass ich ihre VW Polos und Renault Twingos sterbenslangweilig finde.

Ich bin also in Sachen Auto aus meiner weiblichen Peergroup ausgestiegen. Dafür habe ich bei den Männern einen Fuß in der Wagentür, gehe aber trotzdem nicht mit auf die „Hat-deiner-auch-den-neu-designten-Frontstoßfänger“-Reise. Das fühlt sich so an, wie ständig auf der Mittellinie fahren, an der Ampel immer über Gelb ziehen oder hochtourig nicht in den nächsten Gang zu schalten.

Aber: All das macht mit einem Sportwagen sogar Spaß. Ich muss nur genügend Gas geben. Also los, mein Süßer!

Mehr in der aktuellen März/April-EMMA: Frauen am Steuer - Rasend! 

Mehr über Frauen & Autos gibt es auf der Themenseite: Frauen geben Gas!

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