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Valseska Grisebach: Mutige Regisseurin

Valeska Grisebach gewann für ihren neuesten Film den "Preis der Jury" in Cannes. - Foto: Iris Janke
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Valeska Grisebach ist eine Ausnahme unter den deutschen FilmemacherInnen – und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Wo andere gern die Namen großer Stars auf ihre Besetzungsliste wünschen, arbeitet sie lieber mit Laiendarstellern. In ihren Filmen hinterfragt sie gängige Geschlechterklischees. So auch in ihrem neuesten, „Das geträumte Abenteuer“, der beim Wettbewerb des Filmfests von Cannes im Mai mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Eine Ehrung, die traditionell an KünstlerInnen vergeben wird, deren Leistungen man als besonders innovativ hervorheben möchte. Im Vorjahr hatte die deutsche Filmemacherin Mascha Schilinski diesen Preis für ihren Film „In die Sonne schauen“ erhalten. 

Ähnlich wie ihre Kollegin nimmt auch Grisebach in „Das geträumte Abenteuer“ Frauen in den Fokus, allerdings nicht in Deutschland, sondern an der Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei. Grisebach folgt in ihrem Krimi- Abenteuer zunächst ganz klassisch einem schweigsamen Mann, der für einen Schmuggelauftrag in seine alte Heimatstadt zurückkehrt. Doch schon bald verlieren wir ihn aus den Augen. Hier also folgt sie statt dem schweigsamen Typen nun der Archäologin Veska und den Frauen im Dorf. So macht Grisebach das gern – Rollenklischees krempelt sie um, setzt andere, eigene Sehgewohnheiten dagegen. 

Die Frauen erzählen von den Umbrüchen seit 1989, von Vergewaltigung und dem Verschieben der Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen mit dem Einzug des Kapitalismus. Wieso kehrte das Patriarchat so heftig zurück, fragen die Frauen. Mit Veska schafft Grisebach dabei einen Gegenentwurf: Eine Frau, Anfang sechzig, die sich weder von betrunkenen Männergruppen, noch von korrupten Politikern aus der Ruhe bringen lässt. Eine solche selbstbewusste, kraftvolle Frau sieht man selten im Kino. 

Grisebach formt solche Figuren nach realen Vorbildern, die so ganz anders sind als das Milieu, in dem sie aufgewachsen ist. Geboren im Januar 1968 in Bremen als älteste Tochter des Kunsthistorikers Lucius Grisebach, verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend in West-Berlin, wo ihr Vater als Kustos für die Neue Nationalgalerie arbeitete. Zur Kunst zog es Grisebach schon früh, aber zunächst hing sie dem Wunsch nach, Schauspielerin zu werden – ein Weg, den ihre sechs Jahre jüngere Schwester Anna Grisebach tatsächlich erfolgreich einschlug. 

Valeska hingegen ging zunächst an die Uni und studierte in Berlin, München und Wien Germanistik und Philosophie. Nach dem Studienabschluss beschloss sie, ihrer Leidenschaft für die Filmkunst endlich zu folgen und schrieb sich, einmal in Wien, 1993 an der dortigen Filmakademie ein – für Regie. Kurse gaben dort unter anderem die Regiegrößen Michael Haneke und Peter Patzak. 

Bei einem Gastsemester an der Deutschen Film-und Fernsehakademie in Berlin nahm Grisebach erstmals Fühlung zu den Themen auf, die sie über Jahre umtreiben sollten. Für ihren kurzen Dokumentarfilm „Berlino“ porträtierte sie italienische Arbeiter auf einer Baustelle am Potsdamer Platz. Das Arbeiten mit echten Geschichten gefiel ihr. Ebenso die Arbeit mit echten Menschen, also Laiendarstellern. Für ihren Abschlussfilm „Mein Stern“ interviewte sie 2001 rund 250 Jugendliche und fand unter den Gesprächspartnern auch ihre Hauptdarsteller für einen sensiblen Film über das Heranwachsen und die Liebe. 

Realismus, so sagte Valeska Grisebach einmal, sei nichts Pures oder Absolutes, sondern etwas Persönliches: „Es bedeutet: in Kontakt treten.“ 

Den Kontakt zu Bulgarien hatte sie bereits vor über zehn Jahren für ihren Film „Western“ aufgenommen, der 2017 in Cannes Premiere feierte. Darin nahm sie das von Männern geprägte Western-Genre auseinander und folgte einer Gruppe deutscher Montagearbeiter ins bulgarische Bergland. Dabei entdeckte sie, dass Europa die Region kaum im Blick hat. In „Das geträumte Abenteuer“ hat sie ihren Blick darauf gerichtet. In Cannes dankte die deutsche Filmemacherin den Frauen in den Grenzstädten, „voller Empathie und Zärtlichkeit“, die sie daran erinnerten, dass „genau das unsere Superkraft ist“. 

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