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Berlin: Solidarität unter Müttern?

Hannah Lühmann über Mütternetzwerke: Sind sie wirklich tragfähig? Oder gibt es keine Solidarität unter Müttern?
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Neulich hatte ich einen Lesungstermin, am Wochenende, und weil mein Mann und ich uns in unserer Planung wieder einmal verzettelt hatten, war es so, dass ich ohne Kinderbetreuung dastand. Es waren noch einige Tage Zeit, und wie so oft ratterte ich in meinem Kopf durch das spärliche Arsenal in Frage kommender Babysitter: die kinderlose Patentante meines Sohnes, die sechs Tage die Woche hart arbeitet. Die Patentante meiner Tochter, die mittlerweile selbst einen kleinen Sohn hat. Meine alleinerziehende Freundin Sophia, die sich zwischen ihrem Kunstatelier und ihrem sechsjährigen Schulkind zerreibt. Meine Mutter, die ob ihres fortgeschrittenen Alters nicht mehr auf beide Kinder gleichzeitig aufpassen kann. Unsere Babysitterin, die eigentlich keine richtige Babysitterin, sondern eher die Tochter eines Freundes ist, die ab und zu mal vorbeikommt.

Sie alle kamen aus verschiedenen Gründen nicht in Frage. Das brachte mich dazu, die Freundin anzurufen, die nach allen Maßstäben der Zumutbarkeit am wenigsten in Frage kam: Leonie (Name von der Red. geändert) hat zwei kleine Söhne und ist gerade wieder schwanger, inklusive ständiger Übelkeit und vielreisendem Mann. Sie sagte zu, aber sie deutete schon während des Telefonats an, dass der vielreisende Mann wahrscheinlich am Wochenende verreisen müsse, und ich hörte aus ihrer Stimme die bevorstehende Absage heraus. Die kam dann auch einen Tag vor der Lesung, weil sich herausgestellt hatte, dass der Mann tatsächlich verreisen musste.

Ich stand wieder ohne Betreuung da. Ich empfand – und das war natürlich total ungerecht – eine leichte Enttäuschung. Hatte Leonie mir nicht vor ungefähr einem Jahr einen leidenschaftlichen Vortrag über Mütternetzwerke und die Notwendigkeit regelmäßiger gegenseitiger Entlastung gehalten? War mein Vorschlag, dass sie auf meine beiden Kinder aufpassen sollte, nicht im Grunde genommen ein feministischer Akt? Wäre ich nicht selbstverständlich jederzeit bereit, dasselbe für sie zu tun?

In meinen (privilegierten) Babysitter-Nöten spiegelt sich die Misere der Kleinfamilie unserer Tage, oder, wie meine Freundin Sophia (die mit dem Kunstatelier und dem Grundschulkind) es sagt, als ich sie bitte, für mich mal über das Thema nachzudenken: „Früher war definitiv mehr Solidarität“ und sie fügt hinzu, sie fände es im Übrigen seltsam, von „Müttersolidarität“ zu sprechen, es ginge ja eher um „Elternsolidarität“. Gefühlt jedes zweite Wochenende hätte sie als Kind der Neunziger bei einer anderen Familie geschlafen, dafür das Kind dann auch bei ihr zuhause, man habe sich viel selbstverständlicher abgewechselt. Die Eltern hätten viel mehr Zeit für sich als Paar gehabt.

Ich kann das zu hundert Prozent bestätigen: Gerade, weil ich (wie Sophia) Einzelkind war, wurden meine Eltern nicht müde, meine Freundinnen und Freunde mit in diverse Nordsee-Urlaube zu schleppen. Ständig aß irgendjemand bei uns Mittagessen, und nach dem Kindergarten war ich entweder mit meinen Besties Nico und Anni unterwegs oder ich ging rüber zu meiner anderen Kindergartenfreundin Sarah, die praktischerweise direkt nebenan lebte.

„Heute steckt jeder in seinem eigenen Kram fest“, sagt Sophia, und dann fügt sie noch etwas hinzu, das ich total interessant finde, weil ich es bei ihr nicht vermutet hätte – ihr Sohn ist viel häufiger verabredet als meiner. Sie meint, wir hätten auch viel mehr Angst davor, unsere Kinder zu anderen zu geben als unsere Eltern das gehabt hätten. Sie bekomme richtig Bauchschmerzen, wenn sie daran denke, dass ihr Sohn demnächst mal bei seinem Schulfreund übernachten könne. Natürlich würde sie ihn lassen, aber das Gefühl sei eben da. 

Ich glaube, Millenialeltern empfinden den Kontrast zwischen ihrem überbehütenden Erziehungsstil und ihrer eigenen Kindheit zunehmend als schmerzhaft – es wird ihnen jetzt gerade erst bewusst, was verloren gegangen ist. Und natürlich sind es die Mütter, die darauf mit neuen Idealbildern reagieren, sich selbst mit ihnen geißeln: Die „Neunziger-Mom“ ist in den Sozialen Medien nicht umsonst zur viralen Mutterfigur geworden – man muss sie sich als etwas mildere Schwester der allseits bekannten „Tradwife“ vorstellen. Immer häufiger begegnen einem Influencerinnen, die ihren Alltag „wie in den Neunzigern“ gestalten – gemeint sind damit vage Vorstellungen von analogem Leben, die oft mit der Fantasie zu tun haben, als Frau zuhause bleiben zu „dürfen“, die Kinder zum Spielen „einfach rausschicken“ zu können oder „nicht in allem perfekt“ sein zu müssen. 

Ich muss gestehen, dass mich als Großstadtmutter dieser Content zu 100 Prozent abholt. Spätestens seitdem ich „Generation Angst“ des kanadischen Sozialpsychologen Jonathan Haidt gelesen habe, neige auch ich dazu, die digitale, hyperindividualisierte Moderne als einen Hort unendlicher Übel zu betrachten. Ich sehne mich nach selbstgebackenen Küchlein, die noch nichts von Social Media wissen; nach Kindern, die mich einfach in Ruhe lassen, weil sie draußen auf der Straße spielen; und nach der Möglichkeit, den Fernseher ohne schlechtes Gewissen anschalten zu können, weil ich weiß, dass die „Sesamstraße“ keine neuronalen Löcher in die zarten Kinderhirne reißt. Und ich sehne mich nach diesem verdammten Dorf. 

Jeden Nachmittag stehe ich mit den anderen Kita-Mamas und -Papas auf diesem grauen Platz mit dem Brunnen in der Mitte herum und sehe meinem Sohn dabei zu, wie er übt, es endlich allein auf den Stromkasten zu schaffen, und meiner Tochter, wie sie ihre rennfahrerinnenhaften Fahrradschleifen um den Brunnen zieht. Ich mag die anderen Eltern alle total gerne, aber ich glaube, ich trete keinem von ihnen zu nahe, wenn ich sage, dass wir uns unter anderen Umständen nicht täglich miteinander zum Eisessen verabreden würden. 

„Playdates“ zu organisieren, bei denen die Kinder sich privat treffen, ist hingegen aufgrund voller Terminkalender ein unverhältnismäßig zähes und langwieriges Unterfangen, das dann meistens in ein oder zwei Stunden mündet, während derer wir Eltern mehr oder weniger daneben sitzen und zur Abwechslung mal Filterkaffee und Gemüsesticks statt Eis und Cappuccino konsumieren. Ich kenne niemanden, den ich so ganz ohne Umschweife fragen würde, ob er Lust hat, eines meiner Kinder mitzunehmen, vielleicht sogar zum Abendessen dazubehalten. 

Woher kommt diese Vereinzelung? Warum sind wir so zaghaft, wenn es darum geht, einander unter die Arme zu greifen? Ist das Ganze vielleicht am Ende mein privates Problem? Sind meine Kinder einfach zu wild? Will sie nachmittags keiner bei sich aufnehmen? Oder seine Kinder zu mir schicken? Gibt es hinter meinem Rücken ein florierendes Netz des gemeinsamen Urlaubens und Mittagessens? 

Meine Mutter sieht übrigens die Neunziger keineswegs als rosige Zeit. Immer wenn man sie auf meine frühen Kindheitsjahre anspricht, schöpft sie aus ihrem Arsenal von Anekdoten, die alle auf die Erkenntnis hinauslaufen, dass Frauen einander oft die ärgsten Feindinnen sind. Wie eine mal zu ihr gesagt habe, dass gesunde Kinder nicht so viel schreien würden wie ich. Wie eine andere mal zu ihr gesagt habe, dass gesunde Kinder nicht so oft krank seien wie ich. Wie alle sich ständig verglichen hätten und niemand zugegeben habe, wenn bei ihm etwas schieflaufe. 

Ich glaube, zumindest da sind wir besser geworden. Ich habe das Gefühl, ich könnte jeder der Mütter beim Eisessen erzählen, was bei uns alles nicht rund läuft, und tue das auch ständig. Ich glaube, der Anspruch, als Mutter irgendwie „perfekt“ sein zu müssen, wird eher als eine Art Gerücht von Generation zu Generation weitergetragen oder im Internet zu etwas aufgebauscht. Ich glaube, Mütter haben sich gegenseitig meistens relativ lieb – sie sind nur viel zu müde, um daraus irgendwelche Handlungen wachsen zu lassen. Und stehen dann eben oft ziemlich allein da als Mutter. 

Die Kinder sind während der Lesung dann doch bei meinem Mann geblieben. 

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