Weinstein: It’s a Man’s World

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Ambra Battilana Gutierrez war vor dreieinhalb Jahren mit hohen Erwartungen in das New Yorker Büro der Weinstein Company gekommen. Das italienische Model hatte kurz vor dem Treffen den Chef der Produktionsgesellschaft, Harvey Weinstein, kennengelernt. Bei einer Premiere kam der 66-Jährige auf die 25-Jährige zu und machte ihr Komplimente. Am nächsten Tag erreichte Battilana eine E-Mail ihrer Agentur. Weinstein wolle sie so schnell wie möglich treffen, um über eine Zusammenarbeit zu sprechen.

Als die Italienerin (mit philippinischen Wurzeln) am nächsten Tag in Weinsteins Büro im schicken ­Tribeca vorsprach, nahm der Geschäftstermin einen uner­warteten Lauf. Statt sich Battilanas Fotomappe anzusehen, starrte Weinstein auf ihre Brüste. Nach der Frage, ob sie echt seien, stürzte er sich auf sie, befingerte ihre Brüste und versuchte, ihr die Hand unter den Rock zu schieben. Er ließ erst von ihr ab, als sie sich aus ganzer Kraft wehrte. Sodann ging der Filmpro­duzent zur Tagesordnung über. Er bot dem Model Tickets für ein Broadway-Musical an und verlangte, dass sie ihn am nächsten Abend dort ­treffen solle.

Battilana Gutierrez zog die nächste Polizei­wache vor. Als der Hollywood-Mogul am Tag darauf anrief, saß die gebürtige Turinerin schon bei der Spezialeinheit für Sexualstraftaten des New York Police Department. Die BeamtInnen entwickelten einen Plan. Battilana sollte Weinstein am nächsten Tag treffen und dabei ein Abhörgerät tragen.

Als die ehemalige Miss Piemont den Produzenten an der Bar des Tribeca Grand Hotels wiedersah, hörte die Special Victims Division (SVD) mit. Die BeamtInnen wurden Zeuge, wie Weinstein die 25-Jährige bedrängte, mit ihm auf sein Zimmer zu gehen. Schließlich gab sie nach. Vor der Tür zu Weinsteins Zimmer entwickelte sich ein hitziger Dialog. „Ich will nicht. Ich will wieder nach unten gehen“, sagte Battilana immer wieder, während er versuchte, sie mit einer Mischung aus Drohungen und Beleidigtsein in sein Zimmer zu locken. Nun holte sie zum Schlag aus. „Warum haben Sie meine Brüste angefasst?“, fragte Battilana Gutierrez hörbar verzweifelt. „Oh bitte. Es tut mir leid. Ich bin das gewohnt“, erwiderte Weinstein. Auf die Frage der Frau, ob Brüstegrabschereien zu seinen Gewohnheiten zählten, antwortete der schlicht: „Yes“. Als Battilana das Tribeca Grand Hotel einige Minuten später verließ, ging sie davon aus, Hollywoods einflussreichsten Strippenzieher als Sexualverbrecher enttarnt zu haben.

Die Causa Weinstein nahm allerdings eine andere Wendung. Cyrus Vance, der Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, gab zwei Wochen nach der Abhöraktion der Spezialeinheit für Sexualstraftaten bekannt, dass er Weinstein nicht anklagen wolle, trotz Zeugin, Tonaufnahmen und BeamtInnen, die das Agieren und Geständnis des 66-Jährigen live mitangehört hatten. „Auch wenn die Aufnahme schwer zu ertragen ist, reichte sie nicht aus, um ein Verbrechen nachzuweisen“, rechtfertigte sich der Staatsanwalt später. Denn: „Es gelang bei den folgenden Ermittlungen nicht, einen Vorsatz nachzuweisen. Dieser Umstand, verbunden mit anderen Beweisproblemen, ließ keine andere Wahl, als die Ermittlungen ohne Strafantrag zu beenden.“

Es sollte weitere zweieinhalb Jahre dauern, bis Weinsteins mutmaßlich gewohnheitsmäßige Sexualgewalt bekannt wurde. Anfang Oktober 2017 berichteten die New York Times und der New Yorker, wie der Gründer der Filmgesellschaften Miramax und The Weinstein Company jahrzehntelang (Nachwuchs)Schauspielerinnen, Models und Mitarbeiterinnen begrabscht, vergewaltigt und zu Oralsex gezwungen habe. Hollywood-­Stars wie Rose McGowan, Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie gingen mit ihren Weinstein-Erlebnissen an die Öffentlichkeit.

Wieder leitete Bezirksstaatsanwalt Vance Ermittlungen ein. Wieder passierte nichts. Doch dann ging es plötzlich ganz schnell. Ende Mai brachten sich Dutzende Kamerateams vor der Polizeiwache in Tribeca in Stellung. Es war durchgesickert, dass Weinstein einer bevorstehenden Verhaftung zuvorkommen und sich stellen wolle. Die Special Victims Division habe inzwischen ausreichend Beweise zu Übergriffen auf zwei weitere Frauen gesammelt: So soll die einstige Nachwuchsschauspielerin Lucia Evans von Weinstein 2004 bei einem Treffen in seinem Büro zu Oralsex gezwungen worden sein. Eine zweite Frau, die anonym blieb, hatte der Produzent nach den bisherigen Ermittlungen 2013 in einem Hotel vergewaltigt.

Nach der Vorabinformation der Staatsanwaltschaft glich das Spektakel vor der Polizeiwache an der Varick Street einer perfekt inszenierten Filmszene. In Begleitung seines Verteidigers Benjamin Brafman erschien ein lächelnder Weinstein – unter dem Sakko ein Pullover in unschuldigem Babyblau, in der Hand Biografien über die Entertainment-Legenden Elia Kazan, Richard Rodgers und Oscar Hammerstein. Seht her, ich bin ein ­Filmemacher und kein Serienvergewaltiger, signa­lisierte Weinsteins Outfit.

Verteidiger Brafman ist spezialisiert in solchen Dingen. Er hatte vor sieben Jahren schon Dominique Strauss-Kahn, den mächtigen Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor einem Schuldspruch bewahrt. Strauss-Kahn soll allerdings in dem anschließenden Zivilprozess Mil­lionen Schweigegeld an das Zimmermädchen gezahlt haben.

Den Spießrutenlauf verdankte der von zwei Cops eskortierte Weinstein der Bewegung Time’s Up, die Prominente wie Reese Witherspoon und Taylor Swift als Reaktion auf den Weinstein-Skandal und #MeToo angestoßen hatten. Und: der Polizei.

Nach Andeutungen aus den Reihen der Special Victims Division, es seien die Anwälte von Weinstein gewesen, die Bezirksstaatsanwalt Vance nach Battilana Gutierrez’ Abhöraktion von einer Anklage abgehalten hätten, forderte Time’s Up den Gouverneur von New York öffentlich zu Ermittlungen gegen seinen Chefankläger auf. „Besonders die Berichte über Einschüchterungsversuche durch führende Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft gegen Battilana Gutierrez verdienen eine Untersuchung“, ließen die Aktivistinnen den Demokraten Andrew Cuomo in einem offenen Brief wissen.

Recherchen der Zeitschrift New Yorker hatten in der Tat ein verstörendes Bild gezeichnet. Wenige Tage nach Battilana Gutierrez’ Anzeige hatte Martha Bashford, die Chefin der Abteilung für Sexualstraftaten der Bezirksstaatsanwaltschaft von Manhattan, das Model zu einem Gespräch gebeten. Kurz darauf schickte Bashfords Vorgesetzter Vance Ermittler in die Wohnung der Italienerin. Wie Michael Bock, ein inzwischen pensionierter Beamter der SVD, sich erinnert, versuchten die Beamten, bei Battilana Gutierrez’ Mitbewohnerinnen Dreck zu sammeln. Arbeitete sie als Prostituierte? Unterhielt sie Beziehungen zu wechselnden Partnern? Etc.

Als die 25-Jährige von den Nachforschungen erfuhr, brach sie in Tränen aus. „Das Opfer hatte Angst“, sagt der pensionierte Cop Bock. Um Staatsanwalt Vance nicht ­länger die Möglichkeit zu geben, Battilanas Standfestigkeit zu erschüttern, unternahm die Spezialeinheit für Sexualstraftaten einen ungewöhnlichen Schritt. „Wir beschlossen, das Opfer zu verstecken – vor dem Staatsanwalt“, erklärt Bock heute.

Vance und seine KomplizInnen hatten aber bereits ganze Arbeit geleistet. Immer wieder erschienen in US-Medien Artikel über vermeintliche Skandale von Battilana. Die Zeitungen berichteten auch über den Besuch des Models bei einer von Silvio Berlusconis berüchtigten „Bunga Bunga“-Orgien – aber verschwiegen, dass Battilana die Party verließ, als Freunde des damaligen italienischen Ministerpräsidenten begannen, sich mit minderjährigen Prostituierten zu vergnügen. „Die Staatsanwaltschaft verbrachte mehr Zeit mit Ermittlungen gegen das Opfer als mit Ermittlungen gegen den Verdächtigen“, sagt ein ehemaliger Polizeibeamter heute.

Vielen kam die Strategie bekannt vor. Auch Strauss-Kahns mutmaßliches Opfer Diallo war 2011 als Prostituierte und Lügnerin beschrieben worden. Der damalige Bezirksstaatsanwalt? Cyrus Vance! Strauss-Kahns Verteidiger? Benjamin Brafman! Die damalige stellvertretende Bezirksstaatsanwältin Joan Illuzzi beantragte damals, wegen „mangelnder Glaubwürdigkeit“ des mutmaßlichen Opfers die Klage gegen den IWF-Direktor fallen zu lassen. Brafman hatte zuvor eine Armee von Privatdetektiven auf das Zimmermädchen aus Guinea angesetzt. Der Prozess gegen Strauss-Kahn endete, bevor er richtig begonnen hatte.

Bei Weinstein zeigte sich die Anklägerin Illuzzi bislang weniger verständnisvoll. „Die Ermittlungen belegen, dass er Geld, Macht und Stellung nutzte, um junge Frauen in Situationen zu bringen, in denen er sie sexuell verletzten konnte“, warf die Staatsanwältin dem mächtigen Filmproduzenten bei der Anklageerhebung Ende Mai vor. Die SVD-Beamtin Keri Thompson und ihr Kollege Nicholas DiGaudio, die Weinstein verhaftet hatten und nun auch in Handschellen in den Gerichtssaal des Criminal Court führten, hatten sieben Monate lang Beweise gesammelt. Sie waren nach Los Angeles, London und Paris geflogen, hatten Hotlines für vergewaltigte Frauen abgehört und Opfer befragt. Frauen erzählten von Grabschereien, Belästigungen und Vergewaltigungen. Einige signalisierten die Bereitschaft, vor Gericht gegen den Hollywood-Mogul auszusagen. Andere haben Angst.

„Wir erkannten ein Muster. Die Frauen wurden mit der Aussicht auf eine Karrierechance an einem Ort isoliert“, fasste der ehemalige Polizeidirektor Robert Boyce den Einsatz zusammen. Seit den ersten öffentlichen Anschuldigungen im Oktober 2017 haben fast 90 Frauen von Übergriffen durch Weinstein berichtet. Neben New York wird auch in Los Angeles, Beverly Hills und London gegen den 66-Jährigen ermittelt. Bei einem Schuldspruch drohen Weinstein, der gegen eine Million Dollar Kaution bis zum bisher noch unbestimmten Prozessbeginn auf freiem Fuß blieb, eine lebenslange Haftstrafe.

Wie im Fall Strauss-Kahn lässt Weinsteins Verteidiger Brafman daher nichts unversucht. Nach Bespitzelungen der anonymen Frau, die der Pro­duzent 2013 in einem New Yorker Hotelzimmer vergewaltigt haben soll, zauberte der Jurist vor einigen Tagen plötzlich Dutzende E-Mails hervor. Die Korrespondenz zwischen der Frau und Weinstein, so Brafman, belege eine jahrelange, einvernehmliche Liaison. „Das hatte nichts mit Vergewaltigung zu tun“, behauptete er – und forderte die Aufhebung sämtlicher Anklagepunkte gegen seinen Mandanten.

Derweil wird die Luft für den gewählten Bezirksstaatsanwalt Vance dünner. Wie Reporter des New Yorker und der Website Propublica herausfanden, hat der Sohn des verstorbenen US-Außenministers Cyrus Vance ein großes Herz für einflussreiche Persönlichkeiten – vor allem, wenn sie für seine Wiederwahl spenden. So verzichtete Vance 2012 abrupt auf eine Anklage gegen Ivanka Trump und ihren Bruder Donald Jr., die in Verdacht standen, potenzielle Käufer über die finanzielle Misere des Trump Soho Hotels im Dunklen gelassen zu haben. Der Kehrtwende war eine Spende an Vance vorausgegangen über 25.000 Dollar durch Marc Kasowitz, den Privat­anwalt ihres Vaters Donald Trump.

Auch Weinstein soll von Vance’ Milde profitiert haben. Nach der überraschenden Entscheidung des Bezirksstaatsanwalts, trotz der durch Battilana Gutierrez bewiesenen Übergriffe und Geständnisses von einem Strafprozess abzusehen, überwies David Boies, der Anwalt der Weinstein Company, Vance 10.000 Dollar. Insgesamt sollen der Jurist und Kollegen mehr als 180.000 Dollar für Vance’ Wahlkampfkasse aufgetrieben haben.

Gouverneur Cuomos Versuch, dem umtriebigen Ankläger nach Protesten der Time’s-Up-­Bewegung auf die Finger zu sehen, läuft dennoch schleppend. Denn New Yorks Attorney General Eric Schneiderman, den Demokrat Cuomo mit der Untersuchung von Vance’ Praktiken beauftragte, musste vor einigen Wochen nach Misshandlungsvorwürfen von vier früheren Liebhaberinnen zurücktreten. Ausgerechnet Schneiderman war im Februar noch zum Impulsgeber der #MeToo-­Bewegung avanciert, als er die Weinstein Company vor dem Obersten Gerichtshof des Bundesstaats New York wegen Verstößen gegen das Verbot sexueller Belästigung und geschlechtsspezifischer Diskriminierung verklagte.

Auch der angezählte Bezirksstaatsanwalt gibt sich plötzlich konsequent. Vance teilte Anfang Juli mit, er habe Weinsteins Liste mutmaßlicher sexueller Verbrechen um drei Anklagepunkte verlängert. Weinstein soll 2006 eine dritte Frau zu Oralsex gezwungen haben. „Die Grand Jury in Manhattan beschuldigt Harvey Weinstein jetzt einiger der schlimmsten sexuellen Verbrechen, die das New Yorker Strafgesetz kennt“, verkündete der Ankläger Vance. Nicht nur Battilana Gutierrez, auch die Ermittler der Special Victims Division dürften ein „Endlich!“ ausgestoßen haben.

Ob sie auch in der Causa Les Moonves aktiv werden, blieb vorerst offen. Ronan Farrow, der schon Weinsteins Übergriffe publik machte, trat einen weiteren Skandal los, als er Ende Juli 2018 in der Zeitschrift New Yorker über sexuelle Belästigungen durch den Chef des Fernsehsenders CBS berichtete. Moonves soll in den vergangenen Jahrzehnten mindestens sechs Frauen gegen ihren Willen geküsst und begrabscht haben. Einigen drohte er, ihre Karriere als Schauspielerin oder Drehbuchautorin zu beenden, wenn sie nicht gefügig seien. Die Zentrale des Senders an der West 52nd Street versicherte nun, den Vorwürfen hinter geschlossenen Türen nachzugehen – da Moonves nicht beurlaubt wurde, kurioserweise unter seiner Führung.

In Los Angeles, fast 4.000 Kilometer entfernt, verzichtete die Bezirksstaatsanwaltschaft derweil fast unbemerkt auf juristische Schritte gegen den 68-jährigen Moonves. Trotz Anzeigen von zwei Frauen lehnte die Staatsanwaltschaft eine Anklage ab. Die Vorwürfe, so die Bezirksstaatsanwältin Jackie Lacey, seien längst verjährt. Die Juristin hatte schon 2014 und 2016 für Empörung gesorgt, als sie den inzwischen in Pennsylvania als Vergewal­tiger verurteilten Bill Cosby ziehen ließ, da sie angeblich keine ausreichenden Beweise gegen „America’s Dad“ finden konnte.

Wenig überraschend lässt sich Staatsanwältin Lacey auch bei Weinstein Zeit. Die beiden Fälle gegen den Hollywood-Mogul, die die Polizei von Beverly Hills schon vor acht Monaten an die Bezirksstaatsanwältin weiterleitete, liegen weiter auf ihrem Schreibtisch. Wird es zur Anklage kommen? Kein Kommentar.

PS: Am 14. August 2018 wurde bekannt, dass nun eine dritte Klage gegen Weinstein anhängig ist. Richter Robert W. Sweet entschied, dass Weinstein im Fall Kadian Noble wegen „Menschenhandel“ angeklagt wird. Die englische Schauspielerin wirft dem Filmproduzenten vor, dass er sie 2014 wegen einer Rolle in sein Hotelzimmer gelockt habe. Dort habe er sie dann begrapscht und sie gezwungen, ihn zu masturbieren. Laut Nobles Anwälten ist dieser Vorfall mit „Zwangsprosti­tution“ gleichzusetzen. Weinsteins Anwälte hatten bis zuletzt versucht, diese dritte Klage zu verhindern.
 

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