In der aktuellen EMMA

Eine Mutter stöhnt auf

Artikel teilen

Das erste Mal ausgehen ist aufregend. Ein Befreiungsschlag nach Wochen zuhause mit einem Säugling. So dachte ich jedenfalls.

Es ist die Weihnachtsparty meiner Zeitung. Endlich mal wieder unter Menschen und ein Bier in der Hand lausche ich den Welterklärungen eines mir unbekannten Kollegen. Plötzlich wendet er sich mir zu: „Schwanger Alkohol trinken sollte man aber nicht!“ Ich verschlucke mich fast an meinem Bier. „Ich bin nicht schwanger!“ – „Ach, nein?“ Er deutet auf meinen Bauch. Ja, der ist noch nicht ganz weg. Wie peinlich.

Ich erkläre – und ärgere mich, dass ich das überhaupt muss. „Aber dann stillst Du noch“, stellt er fest: „Dann solltest Du auch keinen Alkohol trinken.“ Woher will er wissen, dass ich stille? Soll ich einfach behaupten, dass ich es nicht tue?

Besser nicht, fällt es mir noch rechtzeitig ein. Nicht stillen ist nämlich auch furchtbar schlecht fürs Baby. Das musste sich eine Freundin, die keine Lust dazu hatte, anhören.

Außerdem ist die Wahrheit völlig okay – denke ich: „Das Baby ist beim Vater, mit abgepumpter Milch, bis morgen früh. Bis dahin hat das Bier hier mein Blut wieder verlassen.“ Na dann, sagt der Kollege, grinst schief und prostet mir zu. Aber nun hebt eine Kollegin die Brauen. „Also das hätte ich ja nicht gekonnt: Mein Baby so früh allein beim Vater lassen.“

Wie ich es auch mache, ich mache es falsch. Überall lauert die Rabenmutterfalle. Einmal mehr merke ich: Mutter werden ändert alles. Eben noch dachtest du, du seiest ein selbstbestimmter, freier Mensch. Und dann merkst du wieder, du bist Frau und musst ein bisschen kämpfen, vielleicht um Redezeit. Aber dann wirst Du schwanger – und plötzlich bist Du etwas anderes, eine völlig andere Kategorie. Nicht Mann, nicht Frau, nicht Trans. Sondern Mutter.

Eine Mutter ist nicht voll zurechnungsfähig, ein bisschen dumm oder zumindest ungebildet. Sie hat zum Beispiel bestimmt kein Buch über Säuglingspflege gelesen. Darum muss man ihr unbedingt helfen, sie ermahnen und ihr die Funktionsweisen des Körpers geduldig erklären.

Muttermilch ist ein beliebtes Thema. Eine Bekannte mahnt, als ich uns Kaffee einschenke, das Baby könne nicht schlafen, wenn es das Koffein über die Muttermilch aufnehme. „Wenn ich nicht gerade literweise Club Mate trinke, schläft mein Kind gut“, erwidere ich. Sie aber weiß es besser: Das könne gar nicht sein! Der Übergang von Kaffee in die Muttermilch sei nachgewiesen. Ich hätte die Wirkung wohl nur noch nicht bemerkt.

Wie viele Kinder mag sie wohl haben, denke ich, dass sie das so genau weiß? Sie hat – keins. Ihre Schwester habe ihr das gesagt, die habe ein Kind, sagt sie.

Wie gut, dass ich sogar drei Bücher über Säuglingspflege gelesen hatte und ihr die Sache mit dem Milchkaffee nun mal ganz geduldig erklären kann.

Ausgabe bestellen
Anzeige
'
 
Zur Startseite