Meine Geschichte

Wo ist die Girl Power hin?

Amelie: Was tun gegen Sexismus?
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Ich bin ein Kind der 1990er Jahre und habe in meinem Zimmer laut und mit voller Überzeugung die Liedtexte von "Tic Tac Toe", den "Spice Girls", "Salt ’n’ Pepper" und anderen Künstlerinnen, die auf der Compilation „Girl Power“ zu finden waren, mitgesungen. Wenn ein Typ keine Kondome benutzen wollte, wurde er zum Teufel gejagt. Man war die unabhängige Frau, die in Beziehungen finanzielle Angelegenheiten generell 50-50 regelt und ihre Diamanten selber kauft.

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Ich konnte mich selber lieben, und war genau so richtig wie ich war, und wenn jemand mit mir zusammen sein wollte, war auch ich einmal an der Reihe, Ansprüche zu stellen. Im Fernsehen konnte ich die ersten richtigen Superheldinnen in meinen Lieblingsserien bewundern, die etwas mehr geleistet haben, als „einfach nur ein Mädchen“ zu sein. Sie waren taff, nie um einen Satz verlegen und haben alles, was sie erreichen wollten, am Ende auch bekommen.

Heute frage ich mich, was mit der „Girl Power“ von damals geschehen ist. Meine Kommilitonen, die genauso wie ich Soziologie und Politik studiert haben, machen über Themen zur Gleichberechtigung lieber Witze, als sich ernsthaft damit zu beschäftigen. Natürlich spaße ich mit. Zum einen sollte man das Leben immer mit einer gewissen Prise Humor nehmen, und zum anderen möchte ich dem negativen Bild von Feministen, das meine Generation leider hat, nicht auch noch Nahrung geben. Feministinnen sind generell eine große, unrasierte, ungepflegte spaßfreie Zone, haben an allem etwas auszusetzen und hassen Männer.

Ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, dass sich meine Geschlechtsgenossinnen auf den Lorbeeren eines Kampfes ausruhen, der noch nicht gewonnen ist. Die junge Frau von heute scheint wie in einer Seifenblase gefangen. In diese Seifenblase stößt nun der Artikel von Frau Himmelreich. Plötzlich muss man sich mit dem, was im Alltäglichen untergeht, auseinander setzen und stellt fest: Sexismus ist allgegenwärtig! Wie auf Twitter bereits gesehen, weiß ein jeder eine Geschichte im Alltag zu erzählen, die einen ohne die Geschehnisse der letzten Woche gar nicht als Sexismus aufgefallen wäre, aber komischerweise doch im Gedächtnis geblieben ist.

Wie der Kunde, der im Café mit anzüglichem Grinsen im Gesicht jeden Morgen „eine Latte“ bestellt. Warum hat man nichts gesagt? Gegenfrage: Warum sollte man? Wenn man dem Kunden antworten würde: „Aber nur, wenn ich dann  auch eine feuchte Fotze bekomme!“ – was hätte man gewonnen, außer einer Abmahnung durch den Chef?

Es sollten doch die Ursachen bekämpft werden, nicht die Symptome. Unsere Gesellschaft sollte sich eine „Halt! Stopp!“- Mentalität zulegen.

Amélie Leiser, 24, Darmstadt

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