Die Kinderfrage ist eine Partnerfrage

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Ich bin privilegiert. Privilegiert, weil ich Kinder habe und trotzdem einen interessanten Job. Ich habe immer Vollzeit gearbeitet, aber meine vier Kinder sind weder neurotisch noch verwahrlost. Was? Ich sehe schon die hoch gezogenen Augenbrauen. Das geht doch nicht! Doch, das geht. Auch in Deutschland, wo kleine Kinder so wie nirgendwo anders auf der Welt ihre Mutter brauchen, weil der Krippenausbau jahrzehntelang verschleppt wurde und wo Kultusbürokraten und Lehrerverbände seit Jahrzehnten die Ganztagsschule erfolgreich verhindern.

Was hierzulande die Ausnahme ist, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, funktioniert woanders längst besser. In Frankreich zum Beispiel, wo eine Mutter schon fast als gesellschaftlicher Parasit gilt, wenn sie nicht mindestens drei Kinder hat und dabei wenigstens eine Vier-Tage-Woche arbeitet. Oder in den USA. Auch wenn es dort oft der nackte ökonomische Druck und fehlende Mutterschutzgesetze sind, die Frauen kurz nach der Geburt zurück ins Büro oder ins Geschäft zwingen, und es umgekehrt als Privileg der Reichen gilt, sich ein paar Jahre Auszeit zu gönnen und Kinder Zuhause zu betreuen – die arbeitende Mutter ist längst der Normalfall.

Doch nun zeigen sich auch in der Neuen Welt Risse im Lack der bisher funktionierenden „work life balance“. Wie sonst ließen sich die heftigen Reaktionen auf einen Text der Politikwissenschaftlerin Anne-Marie Slaughter erklären? Ihr Artikel „Why women still can’t have it all“ (Warum Frauen immer noch nicht alles haben können), erschienen in der Sommerausgabe des Magazins The Atlantic, hat alle Rekorde der Klickzahlen des Magazins gebrochen und ist seit seinem Erscheinen Gegenstand von Debatten.

Slaughter, Professorin an der renommierten Princeton University, ließ sich 2009 für zwei Jahre beurlauben, um als Chefin des Planungsstabs bei US-Außenministerin Hillary Clinton in Washington zu arbeiten – die erste Frau auf diesem Posten. Statt jedoch im Zentrum der Macht zu bleiben, ging sie als Professorin nach Princeton zurück, um mehr Zeit für ihre zwei Kinder zu haben. Ihr Schlüsselerlebnis, so beschreibt sie es, war ein Empfang in Washington, mit wichtigen Menschen und viel Champagner, bei dem sie aber stets an ihren 14-jährigen Sohn dachte, der nie seine Hausaufgaben machte. Also beschloss sie nicht nur, ihren Top-Job aufzugeben, sondern auch einen Artikel zu schreiben, warum eine solche Karriere mit Kindern nicht vereinbar sei.

Der Artikel ist Wasser auf die Mühlen all jener, die schon immer wussten, dass Kinder und Karriere nicht zusammengehen, aber sich angeblich – so Slaughter – nie trauten, es offen zu sagen. Schließlich lauerten im Hintergrund immer die Feministinnen.

So argumentierte kürzlich auch Claudia Voigt im Spiegel. Frauen sollten nicht mehr auf ihre feministischen Mütter hören, sondern am besten schon mit 20 Kinder kriegen. Dann seien sie mit 40 startklar für die große Karriere. Ach ja? Wie viele Frauen mit kleinen Kindern bekommen denn gute Jobs? Und wie viele männliche Chefs sind denn bereit, einer 40-Jährigen, die immer nur drittklassige Jobs hatte, einen verantwortungsvollen Posten zu geben? Voigts Modell mag in der DDR funktioniert haben und in ­Einzelfällen auch heute passen – ein Rezept für Frauen, die weder auf Kinder noch auf Karriere verzichten wollen, ist es nicht. Im Gegenteil: Es ist gemeingefährlich!

Denn am Ende geht es immer um die Regeln der Arbeitswelt, die eine Gesellschaft vorgibt und die werden bisher von Männern geschrieben. Slaughter und Voigt gehen ganz einfach von falschen Prämissen aus. Sie behaupten erstens fälschlicherweise, der Feminismus bestehe – im Gegensatz zu ihrer These – darauf, dass „Frauen alles haben können“. Der Feminismus besteht aber nur darauf, dass Frauen alle Optionen offenstehen und sie ebenso wie Männer echte Wahlmöglichkeiten haben müssen.

Zweitens suggeriert Slaughter, dass Frauen in Top-Positionen es besonders schwer hätten, ihre Karriere mit Kindern in Einklang zu bringen. Dass die Managerin demnach schlechter dran sei als die Kassiererin. Doch das Gegenteil ist der Fall. Anders als die Frauen, die Regale beim Discounter einräumen, haben Karrierefrauen beste Bedingungen – einmal abgesehen davon, dass ihnen auf ihrem Weg nach vor allem Männer Konkurrenz machen und manche männliche Vorgesetzte sie abschreiben, ­sobald sie Kinder haben. Aber sind sie einmal oben angekommen, können Professorinnen, Politikerinnen, Journalistinnen weitaus freier über ihre Zeit verfügen als Putzfrauen, Sekretärinnen, Friseurinnen. Vor allem aber haben sie mehr Geld, um sich gute Kinderbetreuung zu leisten.

Job und Familie, kurzum die Lebensgestaltung, sind immer und für jede und jeden eine Frage der Prioritäten. Die Gesellschaft und ihre Konventionen setzen der Freiheit zwar Grenzen, aber weitaus einengender sind die Grenzen, die man sich selbst setzt oder glaubt, setzen zu müssen. Slaughter erwähnt in ihrem Artikel mehrfach Cheryl Sandberg, die Geschäftsführerin von Facebook. Sandberg geht mit den Frauen hart ins Gericht: Sie wirft ihnen vor, nicht ehrgeizig genug zu sein. Sobald sie ans Kinderkriegen dächten, würden sie sich zurücklehnen und jegliche Ambitionen begraben. Womit Sandberg teilweise durchaus Recht hat.

Ich würde allerdings den Kern der Kritik von Sandberg etwas anders formulieren: Zu viele Frauen fordern von ihren Männer nicht den angemessenen Anteil an der Kinderbetreuung ein: Statt auch ihre Karriere im Blick zu haben, bleiben viele wie selbstverständlich nach der Geburt Zuhause oder stellen sich von vorneherein auf einen Teilzeitjob ein. Warum eigentlich? Und warum dann später jammern?

Tatsächlich stecken viele Frauen auch deshalb zurück, weil sie davon überzeugt sind, die Männer schafften das nicht mit der Kindererziehung und ihre Kinder bräuchten sie. Das ist die klassische Mutterfalle, in die auch Slaughter tappt. Während sie in Washington Weltpolitik machte, kümmerte ihr Mann sich um die zwei Söhne. Warum klappte das nicht? Es klappte – nur findet Slaughter, dass ihre Söhne ihre Mutter brauchten. Und: dass sie lieber selbst mehr Zeit mit ihnen verbringen wollte, als auf Empfängen Champagner zu trinken. Das ist eine durchaus legitime Entscheidung, aber sie hat mit ihrem Geschlecht rein gar nichts zu tun.

Alles, was Slaughter zur Unvereinbarkeit von Karrieren und Kindern schreibt, trifft theoretisch auf Männer ebenso wie auf Frauen zu. Ein Mann mit einer Arbeitswoche wie Clintons Beraterin sie hatte – Montagmorgen um 4 Uhr aufstehen, den Zug nach Washington nehmen, Freitagabend spät zurück, und während der Woche selten vor zehn Uhr Abends Zuhause – würde seine Kinder auch nur am Wochenende sehen. Ein Mann, der die Hälfte der Zeit im Flugzeug verbringt, kann seinen Kindern auch nicht regelmäßig bei den Hausaufgaben helfen. Die meisten Männer nehmen das in Kauf, sie entscheiden sich so – auf Kosten der Mütter.

Frauen, seien wir doch einmal ehrlich, könnten sich – zumindest wenn sie in der Liga von Slaughter, Voigt und Co. spielen – in den allermeisten Fällen ebenso entscheiden. Sie sind, was Karriere und Kinder ­betrifft, inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem sie die Wahl haben. Und warum wählen sie nicht die Karriere? Weil sie glauben, die Väter alleine machten es nicht richtig. Und: Weil sie die Auseinandersetzung mit ihren Männern scheuen.

Kein Gesetz auf der Welt schreibt vor, dass eine Mutter zu jedem Kindergartenfest gehen, geschweige denn einen selbstgebackenen Kuchen mitbringen muss. Die anderen Mütter machen ein schlechtes ­Gewissen, wenn sie hübsch dekoriertes­ ­Gebäck mitbringen oder grandiose Geburtstagspartys ausrichten? Dann darf frau sich eben nicht unter Druck setzen lassen.

An einem Punkt aber müssen Frauen selbst Druck machen: auf ihre Partner. Sie müssen die Väter ihrer Kinder in die Pflicht nehmen. Denn ebenso wenig wie Frauen Zuhause bleiben müssen, weil ihre Kinder klein sind oder sie eine ehrgeizige Karriere zugunsten ihres pubertierenden Nachwuchses zurückfahren müssen, müssen Männer täglich von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends im Büro zu sitzen. Früher war es unmännlich, einen Kinderwagen zu schieben? Dann lasst es eben heute unmännlich sein, lange Abendstunden (angeblich?) im Büro zu verbringen. Am Ende ist die Kinderfrage eine Partnerschaftsfrage.

Die Argumentation der berufstätigen Professorin Slaughter (auch kein Teilzeitjob) oder der Spiegel-Redakteurin Voigt ist privat und apolitisch, also ärgerlich. Die beiden begeben sich in die weibliche Perspektive und vergessen, dass Kinder nicht nur eine Mutter, sondern in aller Regel auch einen Vater haben.

Und vielleicht sollten sie, bevor sie wieder einmal die Meinung verbreiten, dass Frauen keinen anspruchsvollen Beruf plus Zeit für ihre Kinder haben können, überlegen, was die Konsequenz ihrer These ist. Dass Männer die Top-Jobs weiterhin alleine machen bzw. rechtzeitig dazu starten – und Frauen in den Vierzigern sich mit 400-Euro-Jobs begnügen dürfen? Auf dass die Anzugträger noch Jahrzehnte lang die Chefetagen dominieren? Nein, Ms. Slaughter und Frau Voigt, machen Sie mal schön weiter und sorgen Sie als Politologin und Journalistin dafür, dass Frauen es in nicht allzu weiter Ferne noch besser haben als Sie selbst schon heute.

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Kommentare

Irgendwie sollte dieses Wort zum nächsten Unwort nominiert werden...
Keine Mama sollte das Gefühl, haben in einer "Falle" gelandet zu sein. Auch dann nicht, wenn sie für ein paar Jahre beruflich kürzer tritt, um die verantwortungsvolle Aufgabe einer Mutter zu erfüllen.
Wo käme unsere Menschheit hin, wenn alle Mütter, die sich nicht unmittelbar nach der Geburt wieder in ihre "Vollzeitkarriere" stürzen in der Mutterfalle landen?

...sollten vermutlich noch nicht genügen, um das Delta im Verdienst zu kompensieren. Doch das Argument, dass viele Frauen gerne zuhause bleiben, erlebe ich immer wieder an Beispielen gut ausgebildeter Frauen, die auch beruflich etwas erreicht haben. Das Thema ist nach wie vor sehr aktuell. - Mein Fazit aus heutiger Sicht: Frauen sollten guten Gewissens in Elternzeit gehen dürfen, während Arbeitgeber den Wiedereinstieg gezielt unterstützen sollten.

dass Frauen mehr Geld verdienen sollten, finde ich irgendwie lustig. Wer sollte das denn machen, außer man selbst. Die Gehaltsverhandlung führt ja nun jeder selbst.

Artikel wie dieser propagieren eine Familienorganisation, die eigene, und werten andere ab, indem sie unterstellen, Frauen die TZ oder gar nicht arbeiteten, nähmen ihre Partner nicht in die Pflicht bzw. unterstellen diesen Partnerschaften ein Ungleichgewicht. Wenn man im Reinen mit seiner Entscheidung ist und bereit deren Konsequenzen zu verantworten, muss man eigentlich niemand abwerten, der anders entschieden hat.

Ich denke nicht, dass die meisten Frauen in ambitionierten Jobs in eine Mutterfalle tappen, weil sie Angst haben, ihre Männer in die Pflicht zu nehmen. Ich kenne es nur als sehr bewusste Entscheidung der Frauen. Der Standpunkt der Männer war immer: So wie Du es machst, ist es in Ordnung, ich stehe hinter Dir. Vor dem Kind will man so schnell wieder arbeiten, danach ist alles anders. Man kann sich einreden, was man will: Die Väter-Kind-Beziehung ist anders als die Mutter-Kind-Beziehung, jede auf ihre Art wichtig. Für viele Frauen ist es eine emotionale Belastung, wenn sie arbeiten statt bei ihrem Kind zu sein. Es ist durchaus sinnvoll, sich nur so weit emotional zu belasten, wie man kann. Nicht jeder Job ist gleich, nicht jeder Mensch. Kinder fordern einen menschlich. Nicht jeder kann beidem gleich gut gerecht werden. Einer findet seinen Job supereasy, ein anderer hat Burn Out. Da ist es akzeptiert. Privat ist es doch nicht anders.

Ihr Mann hat das gesetzliche Recht Elternzeit zu nehmen. Daher sind seine Ausführungen nur Ausflüchte und vorausschauender Gehorsam gegenüber seinem Chef. Ausserdem bedenken Sie: Die Einstellung, dass er unabkömmlich ist, hat er ja nur, weil er sich voll auf seine Arbeit fixiert und es ist als Mann eben leichter zu sagen: "Die können nicht ohne mich", als "Ich kann nicht ohne die, weil ich Angst hab dann nicht mehr mitspielen zu können". Bei Ihnen (wie bei den allermeisten anderen) steht halt materieller Reichtum gegen Gleichberechtigung. Wenn Sie durch Ihre Arbeit die Familie ernähren können, dann sollten Sie meiner Ansicht nach arbeiten und ihr Mann Pause machen, denn Gleichberechtigung geht vor materiellem Reichtum. Wenn Sie allerdings durch Ihr Gehalt die Familie nicht ernähren könnten, dann sollten Sie Hausfrau werden oder keine Kinder bekommen, denn dann wäre es Ihre Aufgabe gewesen einen Beruf zu ergreifen, wo man ausreichend gut bezahlt wird.

macht man sich genau diese Gedanken. Genau das ist nämlich der Sinn dahinter und nicht Frauen zu unterdrücken.

Ich hab auch immer jemanden gesucht, bei dem ich mir vorstellen kann, dass er meine Kinder erzieht (also aktiv) und sich nicht auf seine Karriere konzentriert, also zumindest bereit wäre, Teilzeit zu arbeiten. Ich fühl mich gegenüber jungen Paaren, wo die Frau schon brav für wie meine Oma für ihren Partner kocht, wie in so einer Parallelwelt, die meine Mutter bereits halb verlassen hatte. Solche Paare hab ich auch nicht im Umfeld: Entweder beide kochen, oder in zwei Fällen kocht sogar nur der Mann.
Ein osteuropäischer Austauschstudent hat mir mal gesagt, er mag es, dass deutsche Frauen selbst Geld verdienen wollen und nicht nur das Geld ihres Partners ausgeben. Die Formulierung war etwas misstrauisch, aber ich mochte seine Einstellung, weil er offenbar die Perspektive hatte, nicht wirklich verschieden zu sein. Ihm war diese Perspektive, ebenbürtig zu sein, seit der Kindheit nicht verloren gegangen. Ich fand das irgendwie cool.

Ich will meine künftigen Kinder nur mit einem Hausmann! Die Familie ist mir dabei wichtiger als das Einkommen.

Ich finde Ihre Argumentation gut. Nur einen Haken hat die Sache: Solange Frauen immer noch weniger verdienen als Männer, kann sich das Problem so nicht lösen. Mein Mann würde z.B. kürzer arbeiten, aber dann hätten wir wesentlich weniger Geld zur Verfügung, da ich das mit meinem Einkommen nicht ausgleichen kann. Also weiter kämpfen, dafür, dass Frauen und Männer das gleiches Geld für gleiche Arbeit bekommen!
Und noch eins: Kitas können leider keine natürliche Familienstruktur bieten. Sie sind also nicht immer so gut geeignet um Kinder gesund aufwachsen zu lassen! Leider gibt es hier im Patriarchat sowieso keine gesunde natürliche Familienstruktur mehr....Seit mindestens 500 Jahren....Vielleicht bildet sich ja mal was Neues aus, die Hoffnung habe ich noch.

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