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Daniela Cavallo: Geht ihren Weg

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Natürlich wird fast immer erwähnt, wie klein und zart sie ist. Nun sind zwar viele Frauen klein und zart, aber bei Daniela Cavallo scheint die Erwähnung ihrer Körpermaße wichtig, weil man bei jemandem in ihrem Job auch im Jahr 2022 etwas anderes erwartet. Nämlich einen Mann, und zwar einen kräftigen. Einen wie ihren Vorgänger Bernd Osterloh. Der sah aus wie ein Bär: Fast zwei Meter groß, Vollbart, Bauch.

Jetzt aber ist eine zwei Köpfe kleinere, schmale Frau mit freundlich blitzenden braunen Augen „Chefin des Gesamt- und Konzernbetriebsrats“ von VW. Das heißt: Daniela Cavallo besetzt, so schreibt das Manager Magazin, die „wohl mächtigste Position der Arbeitnehmerseite in der deutschen Industrie“. Mehr noch: Der Volkswagen-Konzern hat international 670.000 MitarbeiterInnen in 120 Fabriken. Damit ist die 46-jährige Cavallo Chefin der größten Arbeitnehmervertretung der Welt.

Das hätte sich Daniela Cavallos Vater ganz sicher nicht träumen lassen, als er seiner Tochter nach dem Abitur riet, eine Ausbildung bei VW zu machen. Er selbst war Ende der Sechziger Jahre aus Kalabrien zu dem Autoriesen nach Wolfsburg gekommen und stand dort jahrelang am Band. „Mein Vater sagte immer, VW ist der beste Arbeitgeber in der Region. Wenn du im Werk einen Ausbildungsplatz bekommst, hast du eine sichere Zukunft.“ Also ging Daniela zu VW, wie auch ihre beiden jüngeren Schwestern und ihr späterer Ehemann.

Zu Hause wurde Italienisch gesprochen. Auf dem Gymnasium sei sie als „Gastarbeiterkind“ eine „Exotin“ gewesen, sagt Cavallo. Daniela wird zunächst Bürokauffrau und setzt ein berufsbegleitendes Studium zur Betriebswirtin drauf. Sie engagiert sich in der Jugendvertretung, mit 27 wird sie 2002 in den Betriebsrat der VW-Tochter „Auto 5000“ gewählt. Als 2004 und 2008 ihre beiden Töchter zur Welt kommen, geht sie – als erster VW-Betriebsrat – in Elternzeit. 2013 wird sie Mitglied des Gesamtbetriebsrats. Und als sie 2019 zur Stellvertreterin von Bernd Osterloh gewählt wird, ist klar, dass sie auch für den Chefposten in Frage kommt. Das war der Zeitpunkt für ein Gespräch mit ihrem Mann. „Wir haben zwei Töchter, und wenn das in der Partnerschaft nicht mitgetragen wird, funktioniert es nicht. Mein Mann sagte aber: Ist doch klar, dass du das machst!“

Als Osterloh im April 2021 auf die Arbeitgeberseite wechselt, ist es soweit. Daniela Cavallo übernimmt. „Ein wichtiger Moment nicht nur für Volkswagen, sondern für die gesamte Gewerkschaftsbewegung“, schreibt das Handelsblatt. In der Tat. Betriebsräte waren lange astreine Männerbünde und benahmen sich auch so. Unvergessen die „Lustreisen“, „Sonderbonuszahlungen“ und Schmiergelder, die VW-Betriebsratschef Klaus Volkert 2008 ins Gefängnis brachten. Auch die Vergütungen von Osterloh, inklusive Boni bis zu 750.000 Euro, waren ein Fall für das Arbeitsgericht.

Jetzt also eine Frau im Männerclub. Die verdient nicht nur erheblich weniger, nämlich nach eigenen Angaben rund 100.000 Euro. Weil sie weniger poltert als ihr Vorgänger, werde sie leicht unterschätzt, heißt es. „Aber nicht von Menschen, die schon mit mir zusammengearbeitet haben“, entgegnet Cavallo. Ihre Feuerprobe kommt im Herbst 2021. Da lässt Konzernchef Herbert Diess in einem Nebensatz fallen, dass er 30.000 Arbeitsplätze in Wolfsburg „überflüssig“ findet. Da wird auch die ansonsten eher leise Betriebsratschefin laut – und geht als Siegerin aus dem öffentlichen Schlagabtausch hervor. Diess zieht seine Drohung zurück.

Jetzt steht die nächste Krise ins Haus: Durch den Ukraine-Krieg fehlen den Werken Halbleiter und Kabel, schon wieder ist die Belegschaft in Kurzarbeit. Bei den Betriebsratswahlen am 18. März 2022 musste sich Daniela Cavallo, die ein Jahr zuvor als Nachrückerin ohne Wahl auf ihren Chefposten gerutscht war, zum ersten Mal dem Votum der Belegschaft stellen. Sie wurde auf der Liste der IG Metall mit 85 Prozent der Stimmen bestätigt. Es scheint, als ob die zu 80 Prozent männliche Belegschaft der kleinen, zarten Frau zutraut, sie durch all diese Krisen zu führen.

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