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Diana Kinnert: CDU ganz anders

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Sie ist 31 Jahre alt, weiblich, lesbisch und hat einen Migrationshintergrund. Ihre Erkennungsmarke: ein breitkrempiger Hut. Da freuen sich natürlich die „alten weißen Männer“ der CDU. So jemanden können sie bestens gebrauchen. Stichwort: Diversität. Stichwort: Jugend. Stichwort: Nicht biodeutsch. Und Stichwort: Frau – wohl auch. Diana Kinnerts Aushängeschild des Andersseins hat ihr frühe Bekanntheit verschafft, schnell ist sie zur renommierten Person unter gestandenen ChristdemokratInnen aufgestiegen. Verschärfend kommt hinzu: Sie hat auch noch was zu sagen: Über ihre Generation, über die weite Welt des Netzes, über vieles, was ältere verheiratete Herren, die sich übers Ehegattensplitting freuen, nicht wissen.

Obwohl Kinnert derzeit weder Amt noch Macht besitzt, ist sie bekannter als dutzende CDU-PolitikerInnen, die beides haben. Sie ist Gast in Polit-Sendungen und auf politischen Veranstaltungen, sie wird von Medien nach ihrer Meinung zum Krieg gefragt. Hauptsächlich ist sie heute „Politikberaterin“ in Berlin, u. a. arbeitet sie im Team von Friedrich Merz mit an einem neuen Grundsatzprogramm für die CDU.

Wie wird frau sowas? Und wer ist Diana überhaupt? 1991 ist sie in Wuppertal-Elberfeld geboren, da passte Diana und die ganze Familie Kinnert nicht ins Bild. Der Vater ist gebürtiger Pole und lernte die Mutter als Marine-Offizier im Urlaub auf den Philippinen kennen. „Bei uns zuhause sah es anders aus, es roch anders, meine Mutter kochte anders, pflanzte andere Blumen. Wir haben dieses Anderssein aber nicht als Manko empfunden, sondern als Freiheit“, erinnert sich Diana. Als Fünfjährige darf sie entscheiden, ob sie lieber polnische oder philippinische Weihnachten feiern möchte. Und der streng katholischen Oma zuliebe wird sie Messdienerin, stürmt nach der Messe aber flugs auf den Fußballplatz. Mit ihrem Vater geht sie angeln, während ihre kleine Schwester mit der Mutter kocht. Diana liebt „Jungssachen“ – und ihre Eltern respektieren das (auch wenn die polnische Oma sie für einen „kaputten Jungen“ hält). Die Tochter soll das machen, was zu ihr passt.

In der Partei ist sie, seit sie 17 ist. PolitikerInnen wie Heiner Geißler, Rita Süssmuth und Peter Hintze, einst Pfarrer in Wuppertal, gefallen ihr. An ihrem ersten Stammtisch vom Ortsverein Wuppertal wird sie für die Kellnerin gehalten. Das ändert sich 2015 – als sie in Wuppertal Mitarbeiterin im Büro des Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, Peter Hintze, wird. Der wird ihr Mentor, zusammen erarbeiten sie einen Gesetzesentwurf für die Liberalisierung der Sterbehilfe und er ist von ihrer Arbeit begeistert. Mit 24 wird sie seine Büroleiterin. Dann holt CDU-Generalsekretär Peter Tauber sie in seine Reformkommission und Paul Ziemiak in die Bundeskommission für „Gesellschaftlichen Zusammenhalt“.

Chauvinismus erlebt auch Diana Kinnert – wie alle Politikerinnen – immer noch, besonders auf Salon-Ebene. „Mit Anfang 20 habe ich Mails von Männern bekommen, die ganze Vergewaltigungsromane über mich geschrieben haben. Heute visieren mich Männer an, die wissen, dass ich lesbisch bin, weil sie glauben, mit mir gemeinsam andere Frauen zu erniedrigen zu können.“

Nebenher hat die ehemalige Philosophie-Studentin schon zwei Bücher geschrieben. 2017 „Für die Zukunft seh’ ich schwarz“, ein autobiografisches Plädoyer für einen Werte-Konservatismus. 2021 erscheint ein zweites. Darin geht es um „Die neue Einsamkeit“, um die „Lost Generation“, die tausend Facebook-Freunde, aber niemanden für echte Gespräche habe. Wie sie auf das Thema kam? Sie fühlte sich einsam, als ihre Mutter vor fünf Jahren plötzlich an einem Aneurysma starb. „Ich war zu feige, mich mit den schmerzhaften Gefühlen auseinanderzusetzen.“ Sie flog auf die Philippinen, ging auf Spurensuche. Das half.

Heute engagiert Kinnert sich für Arbeitnehmer-Innenrechte, Gleichstellung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Nebenbei schreibt sie wieder an einem neuen Buch. Das Thema: Scham. Motiv: wird noch nicht verraten. Ganz ungeniert und „ganz glücklich“ lebt sie heute mit ihrer Partnerin in Berlin. Und im Frühling und Sommer geht’s zum Angeln an die Brandenburger Seen.

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