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Familienkolumne: Reingeritten

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Ich mag Pferde. Meine Tochter Henriette soll Pferde mögen. Pferde sind gut für Mädchen. Wer auf 500 Kilogramm Lebendgewicht durch den Busch galoppiert, ohne runterzufallen, der behält auch in anderen Lebenslagen die Zügel in der Hand.

Meine Pläne gerieten jäh ins Stocken, als wir an einem Sportplatz am Kölner Stadtrand entlang spazierten. Der war voll von Mädchen und Frauen in Reitklamotten. Aber kein Pferd, nirgends. Dafür galoppierten kleine und größere Mädchen über einen Parcours mit Hindernissen aus Pappe – auf Steckenpferden. Einige versuchten sich bizarr tänzelnd an Dressur-Figuren – und erwachsene Frauen vergaben mit ernster Miene dafür Noten.

Ich habe das Theater anfangs für eine Art Karneval-Ersatz gehalten, die coronabedingte Abstinenz treibt in Köln ja mitunter seltsame Blüten. Ich konnte aber nirgendwo eine KölschTheke entdecken. Die meinten das ernst.

Überlall Mädchen und Frauen in Reitklamotten. Aber kein Pferd, nirgends

Das Ergebnis meiner Recherche: Hobby Horsing! Der neue Trendsport aus Finnland, bei dem Mädchen zwischen zehn und 18 Jahren vor Publikum über Hindernisse springen, mit Steckenpferden zwischen den Beinen, in Reitstiefeln und mit Reithelm. Vielleicht vereinzelt auch wiehernd. Das sind die Momente, in denen ich an meinem Geschlecht verzweifle.

Nein, ich habe nichts gegen SteckenpferdSpiele, ich hatte als Kind auch eins, SundanceKid. Und ich kann ja verstehen, dass nicht jeder holsteinische Immenhof-Romantik vor der Haustür hat bzw. sich Reitstunden leisten kann. Die Pferde, auf denen ich früher gen Sonnenuntergang geritten bin, standen auch eher bei Bauer Kasuppke hinter der Autobahnausfahrt als auf einem schnuckeligen Ponyhöfchen. Aber Steckenpferd-Reiten vor Publikum? Erwachsene Frauen, die dafür Noten vergeben? Really? Also, irgendwo hört der Spaß auf: So schaffen wir das nie mit der Hälfte der Welt.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich schon einmal, als ich mit meinem Sohn Ben zum Schwimmkurs gegangen bin. Im Becken nebenan fand gerade „Mermaiding“ statt. Erwachsene Frauen lagen im Pailletten-bestickten Meerjungfrauen-Kostüm am Beckenrand und versuchten, sich anmutig ins Wasser zu robben. Der Bademeister half wohlwollend mit. Ben zeigte auf die fremden Wesen und fragte ihn verdutzt: „Wer sind die?“ Der Bademeister, die letzte Meerjungfrau versenkend: „Bekloppte.“

Also so wird das nie was mit der Hälfte der Welt

Ich habe versucht, meiner Tochter beim Steckenpferd-Gedöns die Augen zuzuhalten. Ich bin bei solch einem Spektakel sehr für Zensur. Henriette nicht. Sie war schneller am „Reitplatz“, als ich gucken konnte, und hatte flugs ein Steckenpferd in der Hand. Es hieß „Talula May“, dem Namensschild am Halfter nach. „Das ist mein Pferd“, hörte ich eine vorwurfsvolle Stimme hinter mir. Talula Mays Besitzerin, ein etwa sechsjähriges Mädchen mit Dressurjäckchen, weißer Bluse, Reitkappe und Reitstiefeln, klemmte sich ihr Pferd zwischen die Beine und trabte von dannen.

„Wenn Ihre Tochter Interesse hat, kann sie gerne einen Kurs bei uns absolvieren“, hörte ich eine weitere, noch vorwurfsvollere Stimme hinter mir. Sie gehörte einer Frau, dem Outfit nach britischem Landadel entsprungen, die zur „Jury“ gehörte. Auch sie trug Reitstiefel. „Nein danke, meine Tochter reitet lieber auf echten Pferden“, sagte ich überheblich blinzelnd, Henriette „Abigail Sabrina“ aus den Händen fummelnd und unter lautstarkem Protest vom „Reitplatz“ schiebend.

Immer diese Flucht in Fantasie-Welten … Henriette und ich haben abends erstmal „Immenhof“ geguckt. So ein Pony, das kann doch wirklich alles.

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