Glückwunsch, Erika Stucky!

Erika Stucky mit Akkordeon und Geiß. - Foto: Gina Folly
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"It's a movie! Move!", ruft Vater Stucky der kleinen Erika zu, und das Mädchen im roten Kleid dreht sich zum Surren seiner Super8-Kamera wie ein Tanzbärchen. Die kurze Filmsequenz zeigt die Familie Stucky in San Francisco. "Es waren die wilden 60er Jahre, wir wohnten in einem typischen Holzhaus nah beim Golden Gate Park im Herzen der Hippieszene", erinnert sich die Tochter. Der Vater, Metzger von Beruf, hatte allerdings nichts am Hut mit Flowerpower und LSD. In der Enge eines Schweizer Bergdorfs aufgewachsen, streng katholisch erzogen, war ihm schon das ganz normale Amerika Befreiung genug.

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Sonntags war Schweizerzeit in San Francisco, man ging in den Swiss-Club und lauschte den Jodlern und Alphörnern aus der Heimat, und wenn da gerade keiner spielte, gab es Musik auf Vinyl von Dean Martin und Frank Sinatra. Sowas prägt.

Es sind diese Musikzitate aus der Alten und der Neuen Welt - uralpine Jodel, genannt Zäuerli, gemixt mit Cowboy-Yodel aus der Bluegrassszene oder aus "Tom und Jerry"-Trickfilmen - die das musikalische Repertoire der Stimmakrobatin heute bestimmen. "In einem siebenminütigen Jodel zeigt Erika Stucky das ganze Spektrum dieses Genres, dafür brauchte ich in meinem Buch 300 Seiten", schwärmt der holländische® Jodelforscher Bart Plantenga. Außer in seinem Buch "Yodel-Ay-Ee-Oooo: The Secret History of Yodeling Around the World" ist Erika Stucky auch in einem Film über das Jodeln verewigt. Der Dokumentarfilm "Heimatklänge" von Stefan Schwietert, der für den Europäischen Filmpreis nominiert wurde, zeigt Stimmartistlnnen, die Tradition und Innovation verknüpfen. Noldi Alder, ehemals Mitglied des Familienunternehmens "Die Alder Buebe", Obertonsänger Christian Zehnder vom Duo "Stimmhorn" - und eben Erika Stucky, Gesamtkunstwerk. Performerin, Filmerin, Musikerin, Sängerin und Komikerin, von der die Finnen sagen: "She acts like a Kaurismäki moviestar" und die Franzosen: "She is a Jazz singer with Punk gestus."

Als die Stuckys in die Schweizer Berge zurückkehrten, war Erika neun Jahre alt. Im Dorf gab's samstags Skifest, und als die Band "Yellow Submarine" spielt, holt man das laut mitsingende Girl auf die Bühne. Nach ihrem ersten Bühnenauftritt verkündet sie strahlend: "Fm gonna be a singer!" Die Eltern waren vorgewarnt. Ein Jahr später - die Familie wohnt nun wieder in Morel, dem Heimatdorf der Stuckys, unter dem Eis des Aletschgletschers - zieht das Jungtalent mit ihrer Haarbürste als Mikrofon ins Restaurant Furka und singt den stumpenrauchenden Männern den "Mammy Blue". Die lassen das Amerikanerli vom Stucky Bruni gewähren, denn die Amerikaner, befinden sie, haben halt ein bisschen weniger Genierung. Als das Kind nicht aufhören will, grummeln sie: Nun sei genug gesungen. Aber da haben sie die Rechnung ohne die Sängerin gemacht.

Die Schulzeit im Bergdorf macht aus dem Amerikanerli ein ganz normales Dorfmädchen. Bei den Nonnen in der klösterlichen Handelsschule lernt sie brav Fremdsprachen. Dann endlich der Aufbruch oder besser: Ausbruch. Reisen nach Südamerika, immer auf der Straße, in der Schweizertracht, singend und jodelnd zur Handharmonika. In Paris lässt sich Erika Stucky zur Jazz-Sängerin und Schauspielerin ausbilden. Richtig jodeln gelernt hat sie aber erst später bei den Schweizer Alphorn-Jazzpäpsten Hans Kennel und George Gruntz. Ob Naturjodel, Scat-Jodel, Pop-Jodel, sie beherrscht spielend die ganze Palette.

Erika Stucky ist Musikerin und Hofnärrin zugleich. Ihre neue CD heißt "Suicidal Yodels": "Weil das Alpenland Schweiz Europas höchste Suizidrate hat und Jodeln zum Volksgut gehört." Ihr kommen keine Texte von Kühen am Brunnen über die Lippen, keine Blut- und Bodenschnulzen mit Juchzern. Sie mag es nicht glatt und lieblich und tausendmal gesungen.

Stattdessen verkündet sie lieber in einem Country-Verschnitt, sie werde es jetzt auch machen, wie alle guten Frauen, sich einen Mann uchen, Kühe, Hühner und Kinder anschaffen und alles für ihn tun und für seine Mutter auch, "Like the Good Women Do".

Dazu projiziert Stucky über der Bühne einen ihrer geliebten Super8-Filme, offenbar ein väterliches Erbe, der Stucky harmonikaspielend in einem Farmhaus zeigt, das in ungespülten Tellerbergen und überhaupt im Chaos versinkt.

Währenddessen kämpft Tochter Maxine im Kinderzimmer mit MTV gegen die seltsamen Gesänge der Mutter an. Ihr ist die Mama auf der Bühne oft nicht ganz geheuer. Im Film sagt sie treuherzig: "Es ist nicht schlimm, dass meine Mutter häufig im Ausland tourt, dann muss ich mich nicht schämen, wenn sie auf der Bühne steht."

Die Mutter nimmt's gelassen: "Welche 14-Jährige findet schon ihre Mutter gut? Ich glaube, meine Schamlosigkeit verschreckt die Schweizer allgemein." Daran ist Erikas Vater mit seiner Aufforderung "Move!" wohl nicht ganz unschuldig.

"Ich habe eine Mutter und einen Vater, die sagten: Unsere Tochter wird Sängerin. Ich war ja so froh, dass mir niemand meine Visionen genommen und sie langsam fein erstickt hat", sagt die musikalische Grenzgängerin heute. Und formuliert daraus ihre Botschaft: "Liebe Mütter, schickt eure Mädchen in den Übungsraum, wenn sie eine Band gründen wollen. Lacht sie nicht aus, wenn sie Sängerin werden wollen. Ansonsten können die Meitli mir schreiben unter www.erikastucky.ch. Ich schreibe zurück."

www.erikastucky.ch

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