Wie Pornos Kultur verändern
Die Pornografie hat in den letzten Jahrzehnten eine kulturelle Revolution ausgelöst und einen erheblichen Einfluss auf viele Aspekte der patriarchalen Kultur ausgeübt, in der Mädchen und Frauen aufwachsen, und darauf, wie sie ihr Leben zu leben haben. Der Aspekt, über den ich hier sprechen möchte, ist der der sogenannten „Schönheitspraktiken“ (Beauty Practices). Unter diesem Begriff verstehe ich das, was die UNO als „schädliche kulturelle Praktiken“ bezeichnet. Die UNO sieht deren Ursprung in der Unterdrückung von Frauen, da sie der Gesundheit von Frauen und Mädchen schaden, Männern zugutekommen und durch Traditionen gerechtfertigt werden. Die UNO versteht darunter hauptsächlich nicht-westliche Praktiken wie zum Beispiel Genitalverstümmelung. In meinem 2005 erstmals veröffentlichten Buch „Beauty and Misogyny” habe ich gefordert, dass westliche „Schönheitspraktiken“ ebenfalls in die Definition einbezogen werden sollten, da sie alle genannten Kriterien erfüllen.
Die Sexindustrie und insbesondere die Pornografie haben zunehmend Einfluss auf diese Praktiken genommen. Dazu gehören Mode und Kleidung, Praktiken zur Umgestaltung des Körpers einschließlich Haarentfernung und Genitaloperationen, die Rekonstruktion des Gesichts wie z. B. Lippenauffüllungen und des Körpers wie z. B. Brustimplantate, lange Fingernägel und Tätowierungen. Mit dem Effekt, dass Männer das aufregende Gefühl haben, in einem Freiluftbordell zu leben, weil all diese Praktiken ihren Ursprung in Bordellen, Stripclubs, Pornografie und anderen Bereichen der Sexindustrie haben. Vor der Industrialisierung dieser Branche im späten 20. Jahrhundert waren viele dieser Praktiken, wie beispielsweise die Rasur der Schambehaarung, im Westen unbekannt.
Einer der ersten Bereiche im Leben von Frauen, der von der Pornoindustrie dramatisch beeinflusst wurde, war die Mode. Das wurde mir Anfang der 2000er Jahre bewusst. Ich erkannte, dass die Mode Frauen zunehmend sexualisierte, so dass sie wie die Frauen in Pornos aussahen. Noch in den 70er und 80er Jahren war Mode als Resultat der Frauenbewegung weit weniger erniedrigend für Frauen gewesen, doch nun machte die Gegenreaktion gegen den Feminismus diese Erfolge wieder zunichte.
Schuhe mit extrem hohen Absätzen kamen in Mode. Ich sah ganz normale Frauen, die versuchten, in diesen Schuhen die Straße entlang zu laufen und hinfielen, so dass ihnen aufgeholfen werden musste. Die Rückkehr von Schuhen, die Frauen verkrüppeln und erniedrigen, hing klar mit dem dramatischen Aufstieg der Sexindustrie, insbesondere der Pornografie, zusammen. Oft tragen die Frauen in Pornos nichts anderes als diese Schuhe, bei denen es sich häufig um transparente Plastikstreifen auf extrem hohen Absätzen handelt. In Pornos werden sie als „Slut Pumps“ bezeichnet, was zeigt, wie Männer sie verstehen. Diese Schuhe haben zur Folge, dass Frauen hilflos werden und ihre Körperhaltung verändern müssen: Sie müssen ihre Brüste und ihr Gesäß herausstrecken, was Männer sexuell erregen soll.
Anfang der 2000er Jahre begannen Modefotografen, in ihren Fotoshootings für Zeitschriften den „Just Raped“-Look einzuführen: Frauen auf nassen, dunklen Straßen liegend, die aussahen, als wären sie attackiert und vergewaltigt worden oder vielleicht sogar tot. Aber immer noch in unbequemen High Heels. Modedesigner begannen, direkt auf Pornowebseiten zu werben. Diesel beispielsweise bewarb seine Unterwäsche auf Pornhub.
In letzter Zeit ist der Einfluss der Pornografie in einem neuen Trend zu erkennen. Begonnen hat er 2023 mit den Entwürfen des Designers David Koma. Er entwarf ein Kleid, das er als „Unterwäsche als Oberbekleidung” (Underwear as Outerwear) bezeichnet, für die Torhüterin Mary Earps aus der englischen Fußball-Nationalmannschaft. Die mehrfache FIFA-Welttorhüterin trug das Kleid, als sie ihre Auszeichnung als „BBC Sports Personality of the Year“ entgegennahm. Der britische Standard beschrieb es als „Underwear-as-Outerwear Spitzenkorsettkleid mit hochgeschnittener Unterhose und einem schwarzen bodenlangen Rock”. Mary Earps habe darin ihren „Beyoncé-Moment“ gehabt.
Männer, die Sportauszeichnungen entgegennehmen, können Anzüge tragen und für ihre sportlichen Leistungen gefeiert werden. Sportlerinnen hingegen fürchten offenbar, sie könnten als „nicht weiblich genug“ gelten, wenn sie sich nicht derart sexualisiert zur Schau stellen.
Und dann ist da noch die Popmusik. Ein Beispiel dafür ist Cardi B’s. Song „Wet Ass Pussy”, der 2020 Erfolge feierte. Der Song wurde als „empowernd“ für Frauen gepriesen, weil es darin angeblich um offenherzig gelebte Sexualität von Frauen geht. Tatsächlich spielt der Song in einem Bordell (There’s Some Whores in the House). Ein weiteres Beispiel für die Übernahme der Popmusik durch die Sexindustrie sind die „Nude Suits“, also „Nackt-Kostüme“, die Künstlerinnen wie Lizzo und ihre Tänzerinnen auf allen großen Bühnen und im Fernsehen tragen. Taylor Swift, die sich als Feministin gibt, tritt oft in Bodysuits auf, die denen ähneln, die Showgirls wie die Pariser „Folies Bergère“ tragen. Tatsächlich hat Swift eins ihrer Alben „The Life of a Showgirl” genannt. Diese Showgirls wurden häufig als Prostituierte sexuell ausgebeutet. Sänger hingegen sind in der Regel vollständig bekleidet, so dass sie ihre Würde bewahren können und ihre musikalischen Talente im Mittelpunkt stehen.
Die Erwartung, dass Frauen Kleidung tragen sollen, die eher für einen Stripclub als für einen formellen Anlass geeignet ist, hat sich in den letzten zwei Jahren noch verstärkt. So trugen beispielsweise Schauspielerinnen auf Filmfestivals komplett durchsichtige Kleider. Darunter hatten sie winzige Unterwäsche oder waren im Brust- und Gesäßbereich völlig nackt. Das war den Organisatoren der Filmfestspiele von Cannes dann offenbar doch so unangenehm, dass sie 2025 eine neue Regel einführten: „Naked Dresses“ dürfen nicht mehr getragen werden. Doch bei den Golden Globes 2026 trugen Stars von Jennifer Lopez bis Jennifer Lawrence wieder ihre Haut zu Markte.
Besonders stark von der Pornografie beeinflusst ist Damenunterwäsche. Als ich kürzlich im Internet nach „Slut Pumps” suchte, fand ich auch einen „Bralette” mit passendem Bikinihöschen, beide Kleidungsstücke trugen die Aufschrift „Cum Slut“. Eine „Cum Slut“ (Sperma-Schlampe) ist eine Frau, der Männer, manchmal in Gruppen, ins Gesicht ejakulieren. Dieser Begriff aus der Pornografie wird nun auch auf ganz normaler Damenunterwäsche verwendet.
Die Pornografie hat auch Einfluss darauf genommen, was Frauen mit ihren Genitalien anstellen müssen. Als Pornografie in den 1960er und 70er Jahren zu einer regelrechten Industrie wurde, hatten die Frauen in Pornos noch keine rasierten Genitalien. Ich weiß das, weil ich 1977 in der ersten Anti-Porno-Gruppe in Großbritannien war, und wir uns viel Material angesehen haben. Heute müssen sich Frauen rasieren, weil die Porno-Konsumenten für ihre Erregung einen klaren Blick auf die weiblichen Genitalien wollen.
Die Intimrasur hielt Anfang der 2000er Jahre Einzug in die Popkultur. Im Jahr 2005 fragte ich meine Studentinnen, wie viele von ihnen ihre Schamhaare entfernten. Die Antwort lautete: Alle. Die Porno-Revolution hat auch zu einem starken Anstieg von Labioplastiken beigetragen: Operationen, bei denen Frauen sich ihre Schamlippen verkleinern oder anderweitig „verschönern“ lassen. Auch dies war vor der Industrialisierung der Pornografie undenkbar. Männer sehen in Pornos weibliche Genitalien, die mehrfach Behandlungen unterzogen wurden, und verlangen dies dann auch von ihren Freundinnen. Private Kliniken, die diese und viele ähnliche Behandlungen anbieten, sind in Großbritannien und anderen Ländern wie Pilze aus dem Boden geschossen.
Eine weitere Praxis, die heute von Frauen verlangt wird, ist das Analbleaching. Auch dies war vor dem Porno-Jahrhundert, dem 21. Jahrhundert, unbekannt. Frauen waren sich wahrscheinlich der Farbe ihres Anus nicht bewusst, bevor Pornos allgegenwärtig waren und in ihre Beziehungen eindrangen.
Die Pornografie-Revolution hat die Populär-kultur verändert und damit Frauen in vielerlei
Hinsicht Schaden zugefügt, darunter lebensgefährliche Sexualpraktiken wie Strangulation, zunehmende Frauenfeindlichkeit und Gewalt gegen Frauen. Die Pornografisierung von Schönheit hat erhebliche negative Auswirkungen auf die Gesundheit und das Selbstverständnis von Frauen sowie auf unsere Fähigkeit, uns so zu kleiden und Beziehungen zu führen, dass wir Würde und Respekt erfahren.
SHEILA JEFFREYS
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