Alice Schwarzer im ZEIT-Interview
Die ZEIT Frau Schwarzer, Sie stellen nach fünf Jahrzehnten und 398 Ausgaben die EMMA ein. Warum gerade jetzt?
Alice Schwarzer Weil wir diesen Job mit einem kleinen Team von sechs Leuten seit Jahrzehnten machen. Und auch, weil wir ein bisschen ermattet sind. Das Emma-Machen ist sehr arbeitsintensiv und immer wieder mit harten politischen Kontroversen verbunden. Und wir möchten die Emma in voller Kraft stehend beenden. Nach 50 Jahren stimmt der politische Bogen. Gerade ändert sich wahnsinnig viel, und bis jetzt haben wir uns in alle Debatten eingemischt. Stichwort Islamismus, Stichwort Trans-Ideologie, Stichwort Prostitution. Das sind brisante Themen. Und wir meinen, dazu haben wir das Unsere beigetragen.
Man könnte doch auch sagen, gerade jetzt braucht es eine politisch-feministische Zeitschrift. Gab es einen Auslöser für das Ende?
Der Auslöser war, dass vor drei Jahren meine dienstälteste Redakteurin gesagt hat: »Es bricht mir das Herz, aber ich will gehen. Ich will noch eine Weltreise machen.« Dann haben die anderen Kolleginnen sie überredet, doch noch die 50 Jahre mit uns vollzumachen. Aber ab da war klar, wir können das nicht ewig fortsetzen.
War das für Sie als Gründerin sofort klar?
Mir war bewusst, wenn meine älteste Redakteurin wegbricht, dann wackelt der Laden. Dadurch musste ich die Sache zu Ende denken. Für mich war das auch okay. Ich war sehr lange Blattmacherin, Chefredakteurin und Verlegerin. Und das ist eine verdammt anstrengende Sache.
Sie hätten eine Nachfolgerin suchen können.
Schwarzer: Ich habe immer wieder nach einer Nachfolge für den Posten der Chefredakteurin gesucht. Seit den Neunzigerjahren. Zunächst innerhalb der Emma. Die Kolleginnen wollen das nicht. Die wissen, was für eine Mörderarbeit das ist und wie undankbar der Posten ist. Und außerhalb? Ich erinnere mich an mehrere Kandidatinnen, darunter auch ein, zwei Ihrer Kolleginnen von der ZEIT und vom stern, die habe ich im Café Einstein in Berlin getroffen. Die waren erst interessiert, haben dann aber abgewinkt: Nee! Ich verstehe das. Ich sage nicht, dass es nicht doch welche gibt, die das könnten. Aber sich so nach vorne in den Wind zu stellen, da denkt jede Kandidatin noch mal nach.
Vor fast 20 Jahren gab es einmal eine neue Chefredakteurin, die ging allerdings nach knapp acht Wochen wieder.
Da war unser Fehler, eine Kollegin anzusprechen, die zuvor Fernsehen gemacht hatte, aber mit Print null Erfahrung hatte. Schon die zwei, drei Wochen Schnupperzeit wurden immer wieder verschoben, von den geplanten sechs Monaten Einarbeitung ganz zu schweigen. Und dann ist nach zwei Wochen eine Kollegin zu mir gekommen und hat gesagt: "Wenn die bleibt, dann gehe ich!" Das war eine einzige Katastrophe. Danach haben wir noch mal eine unangenehme Erfahrung gemacht, mit einer erfahrenen Chefredakteurin. Sie hatte den Vertrag unterschrieben, ihr Arbeitsplatz war eingerichtet – und dann ist sie einfach nicht erschienen. Ohne Worte. Da haben meine Kolleginnen gesagt: Alice, es reicht. Du machst das, solange du kannst!
Dulden Sie vielleicht keine Nachfolgerin?
Natürlich bin ich EMMA. Aber dass niemand anderes eine anständige journalistische Arbeit machen kann – also, ich würde das nicht überhöhen.
In Ihrer nächsten Ausgabe (Anm. im November/Dezember-Heft) in der Sie sich verabschieden, steht, dass Sie von Ihren Mitarbeiterinnen »der Chef« genannt werden.
Ja, das ist ironisch gemeint. Meine engste Mitarbeiterin war ein großer Harald-Schmidt-Show-Fan. Und da war irgendwie immer vom »Cheffe« die Rede. Und dann fing sie an, mich »Cheffe« zu nennen. Ist doch schön, wenn Frauen auch männliche Qualitäten haben. Männlich in Anführungszeichen.
Wenn man Ihnen gegenübersitzt oder sieht, in welche Kämpfe Sie sich noch immer stürzen, wirken Sie nicht ermattet.
Über das Wort ermattet wurde bei uns viel diskutiert. Meine Kräfte sind ungebrochen und meine journalistische Leidenschaft auch. Aber ich glaube, jeder versteht, wenn du mit 83 nicht mehr Blattmacherin und Verlegerin sein willst.
Was wird aus Ihren Mitarbeiterinnen?
Schwarzer: Die Kollegin, die erst vor ein paar Jahren zu uns gestoßen ist, die hätte gern weitergemacht. Um die kümmern wir uns. Alle anderen haben ihre Zukunft geregelt. Bei Emma kriegen alle auch noch Abfindungen. Wir waren immer ein soziales Haus. Und ich arbeite mit zwei Kolleginnen weiter. Eine macht in Zukunft Emma online. Und wir werden das Emma-Archiv in das Literaturarchiv in Marbach überführen. Für die Ewigkeit, das wird noch sehr viel Arbeit.
Ist Ihnen auch das Geld ausgegangen?
Nein, ich habe noch Reserven. Ich war immer eine ökonomisch besonnen agierende Verlegerin. Ohne ökonomische Unabhängigkeit keine journalistische Freiheit.
Wie viele Leserinnen haben Sie noch?
Vor nicht allzu langer Zeit waren es 30.000 Abonnentinnen, jetzt ist es die Hälfte. Hinzu kommt der schwankende Kioskverkauf.
Fehlt Ihnen die junge Leserschaft?
EMMA war lange die Frauenzeitschrift mit den jüngsten Leserinnen. Seit ein paar Jahren brechen die weg. Es gibt einen eindeutigen Generationenbruch. Und einen Wechsel weg vom Gedruckten hin zum Digitalen.
Kommen wir einmal zu den Anfängen: 1976 haben Sie die EMMA gegründet. Wie sah der erste Tag aus?
Schwarzer: Am ersten Tag, dem 1. September 1976, war ich noch allein mit der frisch angestellten Redaktionsassistentin. Später waren wir zu dritt, mit wechselnd vorbeikommenden Kolleginnen. Wenn man die Papiere aus der Zeit liest, die wir auch in der aktuellen Ausgabe veröffentlichen ...
... da sieht man, dass eine andere Frauenzeitschrift, die Courage, als Erstes zum Boykott gegen Emma aufgerufen hat.
Zum Boykott gegen Schwarzer!
Warum haben die Sie so abgelehnt?
Das weiß ich bis heute nicht wirklich. Es hatte zum einen etwas damit zu tun, dass man damals immer Teil eines Kollektivs sein musste. Man durfte sich niemals herauswagen. Und ich habe natürlich qua Vitalität herausgeragt. Mein Buch Der kleine Unterschied und seine großen Folgen war 1975 ein überwältigender Erfolg. Da war ich plötzlich ein Star in der Bewegung, was man nicht sein durfte. Natürlich spielten auch Neid und Rivalität eine Rolle. Außerdem gab es politische Gründe. Ich stehe bis heute für den autonomen, universalistischen Feminismus. Und meine Gegnerinnen waren und sind linke Feministinnen.
Das zieht sich bis heute durch Ihr Leben.
Das kann man wohl sagen. Eine linke Feministin stellt die linke Sache immer etwas vor die feministische Sache. Dagegen ist im Prinzip nichts zu sagen. Nur wird das bis heute nicht klar benannt. Deswegen hat der autonome Feminismus, für den ich in besonderer Weise in Deutschland stehe, immer mit diesen linken Feministinnen Probleme. Mehr als mit den konservativen. Ich bin ja eine Feministin, die von Anfang an, ab Mitte der Siebzigerjahre, den Kontakt mit Frauen aus allen Parteien gesucht hat. Mein Kriterium war nie die Parteizugehörigkeit, sondern ob das wirklich für Frauen engagierte Politikerinnen waren.
Warum wollten die Frauen von der Courage Sie schon vor der ersten EMMA boykottieren?
Erstens, weil sie den autonomen Feminismus bekämpften, der ja auch die Linke kritisierte. Und es ging gegen die Person Alice Schwarzer und deren Positionen. Zum Beispiel forderten die Linken bezahlte Hausarbeit. Dagegen bin ich früh angetreten. Denn das ist Unsinn. Damit festigt man die Arbeitsteilung der Geschlechter. Frauen müssen ermutigt und ermächtigt werden, auch zu Hause die Machtfrage zu stellen. Und zu sagen: Pass mal auf, Junge, so läuft das nicht – entweder wir teilen die Arbeit, oder du siehst mich von hinten! Also, es gab schon vor Erscheinen der EMMA mit der Autorin Schwarzer politische Kontroversen.
Wenn man Texte von damals über Sie liest, steht dort "der Männerschreck" oder "Miss Hängetitt". Dafür würde man heute vermutlich Ärger bekommen.
Ja, Feministinnen pflegte man nicht mit Sachargumenten zu bekämpfen, sondern durch die Infragestellung ihrer Attraktivität. So etwas geht nicht mehr. Das ist etwas, das die Frauenbewegung erreicht hat. Offener Sexismus ist nicht mehr möglich.
Die erste Emma erreichte eine verkaufte Auflage von 300.000 Exemplaren. Hatten Sie das erwartet?
Uns wurde vorausgesagt, wir schaffen nur zwei Ausgaben! Aber ich hatte alles auf eine Karte gesetzt, mein gesamtes Geld zusammengekratzt und welches geborgt. Ich hatte die Räume gemietet und die Druckerei ausgesucht. Das ganze Wissen darüber, wie man eine Zeitung macht, habe ich übrigens nur von Männern bekommen. Es gab ja keine Frauen in dem Geschäft damals.
Also waren auch Männer an der EMMA beteiligt. Aber sie durften nicht schreiben.
Ja, viele Männer haben uns geholfen. Dass Männer nicht schreiben durften, stimmt nicht: Männer durften nur nicht Mitglied der Redaktion werden. Das wäre ein Störfaktor gewesen. Die Emma ist ein Frauenladen.
Sie haben die EMMA gegründet, weil Medien damals nur von Männern gemacht wurden?
Ja, wir Feministinnen hatten in den "Männermedien", wie wir früher sagten, keine eigene Stimme. Der letzte Tropfen auf den heißen Stein war der Prozess gegen zwei Frauen, die einen Auftragsmörder engagiert hatten, um den Ehemann der einen Frau umzubringen. Sie war von ihrem Mann vergewaltigt und geschlagen worden. Das Übliche. Die Frau wollte aus der Ehe ausbrechen und ist mit der anderen Frau eine Beziehung eingegangen. Aber beim Urteil gab es keine mildernden Umstände. Die beiden Frauen bekamen lebenslänglich. Das war 1974. Eine Zeit, in der eine große Angespanntheit zwischen Männern und Frauen in Deutschland herrschte. Und Frauen, die etwas mit Frauen anfingen? Was sollte das denn jetzt? Das wurde der exemplarische Prozess gegen die lesbische Liebe. So titelte damals Bild.
Die schrieb 1973: "Wenn Frauen nur Frauen lieben, kommt es oft zu einem Verbrechen."
Ja, da wurde ideologisiert und gehetzt.
Als die erste Emma im Januar 1977 erschien, war die Bundesrepublik noch eine andere. Das Gesetz, dass Frauen ohne Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten dürfen, war gerade erst beschlossen worden. Seitdem hat sich viel verändert.
Ja, da war auch Emma ein Motor. Aber wir mussten uns immer abschotten von dem weiblichen und feministischen Hickhack, der auch von Männern angefeuert wurde und wird.
Der Eindruck ist eher, dass Sie sich da voll hineinbegeben haben. Nach der ersten Ausgabe wurde Ihnen zum Beispiel das Interview mit Romy Schneider vorgeworfen – Sie hätten lieber mit Arbeiterinnen sprechen sollen. Die Abschottung hat nicht funktioniert.
Doch! Schon in dem ersten Antwortbrief auf die Boykottaufrufe der lieben Schwestern sagte die damalige kleine Emma-Truppe: Es reicht, wir arbeiten jetzt weiter! Denn die große Gefahr war, sich so aufzureiben, dass man stehen bleibt. Und ich habe mich immer dafür entschieden, etwas Sinnvolles zu machen, statt mich lähmen zu lassen. Bis heute denke ich manchmal: Alice, du hättest dich viel mehr wehren müssen gegen diese Intrigen. Aber ich habe die Tür zugemacht und weitergearbeitet. Manchmal mit Tränen in den Augen.
Sie haben auch ausgeteilt. Nun schreiben Sie in der letzten Ausgabe, manche Angriffe hätten Ihre "Seele beschädigt".
Habe ich das wirklich geschrieben? Die Angriffe richteten sich gegen mich als Person. Und sicher habe ich ausgeteilt. Aber in der Sache, nicht persönlich. Und das werde ich auch weiter tun.
Sie wollten mit der ersten Ausgabe Akzente setzen: Es ging um Männerjustiz, es gab einen Text über eine Frau, deren Mann arbeitslos geworden war, die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich bekannte: »Ich bin Feministin.« Und dann war da noch eine Anleitung für Frauen, wie man einen verstopften Abfluss repariert.
Oh ja! (lacht) Das haben wir dann bald gelassen. Nachdem wir irgendwas mit der Reparatur einer Elektroleitung erklärt hatten und uns jemand schrieb: Um Gottes willen, ihr habt einen Fehler gemacht! Vieles war in dieser ersten Ausgabe natürlich programmatisch. Was ist jetzt das Wichtigste? Was brennt uns auf den Nägeln? Aber manches war auch zufällig. Da kam eben eine Kollegin aus der Schweiz und sagte: Hört mal, ich schreibe euch jeden Monat eine Seite, wie eine Frau was repariert. Es war nicht alles so eng.
Was waren Ihrer Meinung nach die wichtigsten Recherchen der EMMA?
Jetzt könnte ich natürlich antworten: Wir haben Gesetze geprägt und Themen gesetzt. Aber ich glaube, unser größtes Verdienst ist die Ermutigung von Frauen und auch manchen Männern. Ich gehe heute über die Straße, und Frauen kommen auf mich zu und sagen: »Danke, ich habe mich damals scheiden lassen.« Oder: »Ich habe mich getraut, einen Beruf zu ergreifen.« Wir haben Leben verändert.
EMMA wollte sich immer auch einmischen und hat politische Kampagnen gestartet.
Ja. Die größten und härtesten Kampagnen waren die gegen die Prostitution und gegen die Pornografie. »PorNo« von 1987 ist bis heute ein stehender Begriff. Wir wollten ein Gesetz für das Verbot von Pornografie durchsetzen. Wir haben eine kritische Debatte darüber angestoßen. Aber die Pornografie wird mehr statt weniger. Das ist eine weltweite Niederlage für Frauen.
Auch Frauen schauen Pornos, und inzwischen gibt es "feministische Pornos".
Das ist das Traurige, dass Frauen selber an so einem Quatsch mitstricken. Die Männer lachen sich kaputt darüber. Aber ich glaube, die Zeiten der Leichtfertigkeit sind vorbei. Pornografie ist die Sexualisierung von Erniedrigung und Gewalt. Was kann daran feministisch sein?
Womit waren Sie erfolgreich?
Im Kampf gegen die Prostitution. Da bedauere ich, dass wir den Sieg nicht mehr als Emma miterleben werden. Den Kampf gegen die Salonfähigkeit der menschenfeindlichen Prostitution wollen wir posthum noch gewinnen. Der erste Schritt ist die Bestrafung der Freier – die ja den Markt schaffen. Und ich habe das Gefühl, da stehen wir kurz davor. Wenn das geschieht, treffen wir Emmas uns und stoßen mit Schampus an! Prostitution wird weiter existieren. Aber wir haben die Stimmung zum Kippen gebracht.
In Ihrer letzten Ausgabe, die am 8. Dezember erscheint, veröffentlichen Sie eine Chronik mit den 50 wichtigsten Themen der Emma. Von Abtreibung über Islamismus bis zum Kampf um die Brustkrebsvorsorge.
Ja, wir haben immer auch ganz pragmatische Frauenpolitik gemacht. Wir wollten nicht nur die Welt, sondern das Leben von Frauen verändern, es verbessern.
Und worin haben Sie sich geirrt?
Eigentlich kann ich das nur für mich persönlich sagen. Beim Thema Transsexualität war ich nicht aufmerksam genug. 1983 habe ich mich deshalb sogar mit der Frauenbewegung angelegt. Ich habe dafür plädiert, dass transsexuelle Männer, die Frauen geworden waren, auch in die Frauenzentren gehen können. Da hätte ich genauer nachdenken müssen. Aber damals wusste man noch nicht um die Ideologisierung dieses Problems.
Das ist eines der Themen, für die Sie hart angegriffen werden. Sie haben gegen das Selbstbestimmungsgesetz gekämpft und werden als »transphob« bezeichnet.
Ja, solche verleumderischen Angriffe bin ich gewohnt. Aber bei dem Thema ist das besonders grotesk. Denn ich habe mich schon vor 44 Jahren für die Rechte von Transsexuellen eingesetzt. Da kannten die meisten noch nicht mal das Wort. Ich erinnere mich an einen Text, in dem ich geschrieben habe: Es wäre gut, die Geschlechtsidentität würde nicht im Ausweis stehen, sondern man wäre ganz neutral, einfach Mensch. Das habe ich zu einer Zeit geschrieben, in der man die Gefahr nicht erkennen konnte, dass dadurch der real existierende Unterschied zwischen Männern und Frauen geleugnet werden würde. Wir sind in erster Linie Menschen – das ist meine grundsätzliche Position. Aber noch ist es leider nicht so.
Sie sagen, Sie haben sich damals geirrt, weil Sie sich für Transgeschlechtliche eingesetzt haben?
Nein, nicht weil ich mich für die Minderheit der existenziellen Transsexuellen eingesetzt habe. Für die setze ich mich weiterhin ein. Ich habe nicht zu Ende gedacht, was daraus gemacht werden kann. Aber darüber hinaus kann die Emma nicht groß mit Irrtümern aufwarten. Wir sind immer nur von unserer Frauen-first-Regel abgewichen, wenn wir fanden, dass andere Medien die Themen, die uns existenziell erschienen, nicht beachteten. Wie zum Beispiel beim Krieg gegen die Ukraine.
Sie meinen Ihren Aufruf mit Sahra Wagenknecht gegen Waffenlieferungen an die Ukraine – ein weiteres Thema, für das Sie angegriffen werden. In der nächsten Ausgabe veröffentlichen Sie einige Absagen, die Sie bekommen haben wegen Ihrer politischen Meinung.
Und darauf sind wir stolz. Eindeutig ist die Emma, und eindeutig bin ich unbequem. Viele Leute möchten, dass wir die Klappe halten!
Andererseits wurden Sie hofiert, eingeladen von Ministerien, konnten mit Ihrer Stimme die Gesetzgebung prägen.
Ja, das ist richtig. Aber diesen Dialog zwischen der außerparlamentarischen Opposition und der Politik, den gibt es nicht mehr. Die Grünen sind seit Langem eine Partei, und die Linke kommt vielleicht ins Rote Rathaus in Berlin. Der autonome Feminismus ist kein eigenständiger Machtfaktor, sondern ein geförderter Staatsfeminismus geworden. Oder aber er ist marginalisiert.
Hat sich der Feminismus so verändert, dass die Ära der EMMA einfach vorbei ist?
Wahrscheinlich. Früher sind wir in die Ministerien gegangen und haben Sachen gestartet. Ich habe mich mit Spitzenpolitikerinnen und Frauen in Ministerien selbstverständlich geduzt. Man hat miteinander telefoniert, man hat sich getroffen, man hat etwas angezettelt. Das ist vorbei.
Einerseits hat die Frauenbewegung viel erreicht. Frauen waren zumindest im Westen noch nie so frei. Andererseits gibt es einen Backlash.
Ja, klar. Wenn du Mädchen hast, die acht Stunden am Tag am Smartphone hängen und sich Influencerinnen anschauen, die ihnen erzählen, welche Produkte sie kaufen sollen, um glücklich zu sein. Sie sollen für immer jung und schlank sein. Der Druck auf die Frauen war nie so groß.
Gab es den Schönheitsdrang nicht immer?
Ja, aber nicht so umfassend. Dieser Druck wird immer größer. Auf der einen Seite wird gesagt: Du bist so emanzipiert wie ein Mann, du kannst alles machen! Doch in Wahrheit zerreißt es die Frauen von innen. Und dann ist da ja auch noch die zunehmende sexuelle Gewalt. Die jungen Frauen heute tun mir wirklich sehr leid.
Wo sehen Sie junge Feministinnen, von denen Sie sagen, mit denen geht es weiter?
Die sehe ich zum Beispiel beim Verein Sisters, die Frauen da engagieren sich gegen Prostitution. Sie sind zum Großteil unter 30 Jahre alt.
Sie haben sich auch viel mit jüngeren Feministinnen gestritten oder die sich mit Ihnen.
Ist das eine Frage des Alters? Tatsache ist, dass ich älter bin. Aber meine Mitarbeiterinnen sind alle 20, 30 oder 40 Jahre jünger als ich.
Auf jeden Fall haben viele jüngere Frauen eine andere Sichtweise als Sie. Sie werfen Ihnen vor, sich in Ihrem Kampf auf weiße Frauen zu beschränken. Die Jüngeren setzen eher auf Selbstbestimmung beim Thema Prostitution, beim Tragen knapper Kleidung und in der Kopftuch-Debatte.
Mich beunruhigt vor allem die systematische Unterwanderung der akademischen Welt seit den Neunzigerjahren durch die Islamisten. Die markieren alle, die nicht auf ihrer islamistischen Linie sind, als rassistisch und islamophob. Das ist der Trick. Dabei sind das heute die wahren Gegner von Gleichberechtigung, Rechtsstaat und Demokratie. Der politisierte, radikale Islam hat einen Plan, und den hat er alarmierend weit umgesetzt. Ich halte den Islamismus für den Faschismus des 21. Jahrhunderts. Und wir haben es jetzt mit einer akademischen Jugend zu tun, die bei jeder Kritik am Islamismus aufschreit, das sei Rassismus. Es ist schwer, diesen manipulierten jungen Leuten das transparent zu machen. In diese Schlacht hat sich Emma seit Jahrzehnten geworfen und dafür einen hohen Preis bezahlt.
Manche glauben, Sie seien eine Rassistin.
Ja, daran kann ich nichts ändern. Uns stehen leider nicht Milliarden Petrodollar für Aufklärung oder Propaganda zur Verfügung, wie sie die Muslimbrüder haben. Wir tun, was wir können. Die gesamte Linke ist in einer dramatischen Verfassung, wenn sie sich von den Islamisten in der Umarmung ersticken lässt.
Das Tragen des Kopftuchs ist doch eine private, persönliche Entscheidung. Solange es freiwillig geschieht und nicht missioniert wird.
Aber das ist der erste Schritt. Dann haben die Islamisten den Fuß in der Tür. Das Kopftuch ist keine beliebige Toleranzfrage. Es ist die Flagge des Islamismus.
Viele Kopftuchträgerinnen sagen, es gehört zu ihrem Leben und ihrem Glauben dazu.
Das verstehe ich. Es ist auch bisher, selbst bei den schärfsten Kopftuch-Kritikerinnen wie mir, noch nie darum gegangen, dass man dem einzelnen Individuum sein Kopftuch verbietet. Ich kämpfe gegen die Propaganda-Kopftücher. In der algerischen Familie, mit der ich befreundet bin, gibt es eine ganz süße, liebe Tante, die trägt Kopftuch. Werde ich ihr das übel nehmen? Nein! Werde ich sie deswegen brüskieren? Nein! Trotzdem sage ich: Das Propagieren des Kopftuchs ist Teil einer politischen Strategie.
Gab es in Ihrer Zeit bei EMMA
etwas, wo Sie im Nachhinein wirklich sagen: Das hätten wir anders machen sollen?
Es ist furchtbar, aber mir fällt nichts ein. Vielleicht fällt den anderen was ein?
Schwarzer führt von ihrem Büro im dritten in den zweiten Stock des FrauenMediaTurms in Köln. Dort arbeiten die »Emma«-Redakteurinnen an der letzten Ausgabe. Gemeinsam kommen sie nachträglich auf die Antwort: Die Kür der FDP-Politikerin Agnes Strack-Zimmermann 2024 zum »Sexist Man Alive« – wegen ihres Einsatzes für Waffenlieferungen an die Ukraine –, das sei »nicht ideal« gewesen.
Was haben Sie in den 50 Jahren Emma über Frauen gelernt, Frau Schwarzer?
Dass Frauen weniger kritikfähig sind als Männer. Ich habe am Anfang nicht gewusst, dass die Mehrheit der Frauen sich als Person in Gänze infrage gestellt fühlt, wenn man sie punktuell kritisiert. Ich musste lernen, darauf Rücksicht zu nehmen. Natürlich habe ich mich manchmal danach gesehnt, mit Männern zu arbeiten. Weil ich finde: Männer sind einfacher. Aber ich habe auch lange nicht mehr mit ihnen gearbeitet. Deshalb fange ich vielleicht an, sie zu idealisieren. Das war schön, als die Jungs noch ihre Bierflasche auf den Tisch stellten und sagten: »Also, Schwarzer, was ich dir mal sagen wollte: Das ist ein Mist, den du da gemacht hast!« Da blühe ich auf.
Was soll von der EMMA bleiben?
Ich hoffe, unsere Kämpfe gegen Prostitution, Essstörungen oder Islamismus zeigen, dass es sich lohnt, zu kämpfen. Und es gibt noch so viel zu tun! Menschen sprechen mich zunehmend auf der Straße an, weil sie gehört haben, dass ich jetzt älter bin, und sagen: »Sie müssen weitermachen!« Aber ich kann mich ja nicht klonen, ne?
Sie setzen sich tatsächlich zur Ruhe?
Nein, der sogenannte Ruhestand ist mir fremd. Aber ich habe dann die Freiheit, endlich mal wieder in Ruhe Autorin zu sein. Meine Bücher habe ich 50 Jahre lang nur zwischen zwei Redaktionsschlüssen schreiben können.
Was machen Sie dann im Dezember nach der letzten Ausgabe? Weinen?
Ganz bestimmt. Aber es hat mich vor der Emma gegeben, und es wird mich auch danach geben. Für mich ist es ein guter Gedanke, das Projekt Emma so klar und selbstbestimmt und in Eintracht mit der ganzen Truppe abzuschließen. Man kann es nun erforschen, man kann es ablehnen oder befürworten. Wir feiern unseren Abschied mit Champagner in Paris, den Tisch in der Coupole habe ich schon reserviert. Und wir machen uns nichts vor: Die Emma wird uns furchtbar fehlen.
Das Interview führte Jana Simon, es erschien am 21. Oktober 2026 in der ZEIT

