In der aktuellen EMMA

Obdachlos: 20 Minuten Würde

Foto: Arnulf Hettrich/IMAGO
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Tabea kocht Rosi einen Tee, legt ihr zwei frische Handtücher bereit. Rosi duscht. Sie kann duschen, so lange sie will. 270 Liter Wasser sind im Tank. Eine Zeitbegrenzung gibt es nicht. Rosi kann sich eincremen, ihre Nägel maniküren, die Haare kämmen, durchatmen. Meist bleibt Rosi 20 Minuten. Andere Frauen bleiben auch gern länger.

Die Zeit im Duschmobil ist für die obdachlosen Frauen eine Auszeit von einem Leben, deren permanente Begleiter Misstrauen, Angst und Scham sind. Seit 2019 ist es im Einsatz. Es ist das erste in Deutschland. Ein Unternehmer hat es gespendet, gerade baut er noch ein zweites Betreut wird es vom „Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Berlin“ (SkF). Das Duschmobil ist nur für Frauen, deswegen trägt es auch das Frauenzeichen im Namen.

Tabea Erkens ist Sozialarbeiterin und sitzt seit Oktober 2020 hinter dem Steuer. Sechs Tage die Woche fährt sie das Duschmobil durch Berlin, steuert Orte an, an denen sich viele Obdachlose aufhalten: Alexanderplatz, Tiergarten, Kreuzberg. Sie und ihre Kolleginnen wollen Frauen erreichen, die noch in keinem Hilfesystem angekommen sind.

Tabea kommt aus Straelen vom Niederrhein, hat Soziale Arbeit und Theologie studiert und findet die Arbeit in Berlin enorm sinnvoll. Sie sagt: „Ich freue mich immer riesig, wenn die Frauen aus dem Mobil kommen und sagen: ‚Ich fühle mich wieder wohl in meiner Haut‘.“

Jede Frau, die zum Duschmobil kommt, hat ihre eigene Geschichte. „Sie müssen sie uns nicht erzählen, aber sie können, wenn sie wollen“, sagt Tabea. „Viele kommen regelmäßig wieder. Manchmal auch nur, um mit uns einen Kaffee zu trinken. Für manche ist es das Highlight der Woche.“

Fast alle der Frauen haben Gewalt erlebt, auch sexuelle Übergriffe. Bevor und seit sie auf der Straße leben. Viele wurden von ihren Männern oder Freunden geschlagen und aus der Wohnung getrieben. Manche sind schon als halbe Kinder von zuhause vor dem prügelnden Vater geflohen. Andere haben sich scheiden lassen, sind in die Armutsfalle und schließlich in die Abwärtsspirale geraten.

„Wohnungslosigkeit passiert ja nicht von einem auf den anderen Tag“, weiß Tabea, „Den Frauen ist fast immer viel passiert, bis es so weit kommt. Viele der Schicksale gehen mir sehr nahe.“ Das gilt besonders, wenn sie die Kurfürstenstraße ansteuert, den Berliner Straßenstrich. Dort leben viele Prostituierte, die obdachlos sind. „Es ist ein großes Elend dort, viele der Frauen sind sehr krank. Wir versuchen auch, die Frauen an Tagesstätten und Notübernachtungen weiterzuvermitteln.“ Ob sie dort ankommen, weiß Tabea nicht.

Ist Obdachlosigkeit für Männer die Hölle, so ist sie es für Frauen noch immer ein Stück mehr. Beschimpfungen und Übergriffe stehen auf der Tagesordnung. „Oft schließen sich obdachlose Frauen obdachlosen Männergruppen an, um dort ein wenig geschützt zu sein. Doch dafür müssen sie dann Gegenleistungen erbringen“, weiß Tabea.

Manchmal kommen auch Männer, möchten duschen und sprechen von Diskriminierung, wenn sie nicht dürfen. „Ich sage ihnen dann, dass es so gut wie keine Räume für Frauen gibt und dass viele der Frauen, die zu uns kommen, schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht haben und dass das Duschen ein Schutzraum für sie ist“, erklärt Tabea.

Sie und ihre Kolleginnen verteilen auch heiße Getränke, kleine Snacks und Hygieneartikel. Binden, Mundschutz, Zahnbürsten… Manchmal auch Kleidung. Ein gepflegtes Äußeres hilft den Frauen, nicht gleich als obdachlos erkannt zu werden. Es schützt sie.

Zwischen 6.000 und 9.000 Obdachlose sollen in Berlin leben. Rund ein Drittel davon sind Frauen. Eine genaue Zahl weiß niemand. Allein der SkF mit seinen Hilfseinrichtungen, darunter „Evas Obdach“, eine Notunterkunft mit 20 Schlafplätzen, hat im vergangenen Jahr 688 Frauen betreut. Die Not kennt keine sozialen Grenzen. Juristinnen gehören ebenso zur SkF-Klientel wie Frauen, die schon immer arbeitslos waren. „Jetzt ist wegen der Wohnungsnot auch der Mittelstand bedroht“, sagt Elke Ihrlich, Bereichsleiterin der Offenen Sozialarbeit vom SkF Berlin, „wer seine Wohnung jetzt verliert, findet nur sehr schwer eine neue.“

„Es werden immer mehr“, erzählt auch Tabea Erkens, „nicht nur Frauen, die duschen wollen, sondern auch Frauen, die sich das Nötigste zum Leben nicht mehr leisten können.“

Die Frauen vom Duschmobil sehen, wie die Schlangen länger werden. Neuerdings stellen sich verstärkt ältere Frauen an, die verschämt in die Snackbox und zum heißen Tee greifen. „Die Armut in Deutschland wächst, und die Energiekrise wird die Lage noch weiter verschlechtern“, sagt Tabea.

Sie und ihre Kolleginnen fühlen die Angst der Frauen, vor dem, was noch kommt.

ANNIKA ROSS

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