In der aktuellen EMMA

In den 20ern hoch hinaus!

Foto: Fotoarchiv Deutsche Kinemathek
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Die Dame, die sich hier ebenso waghalsig wie elegant durch die Gegend schwingt, hört auf den Film-Namen Miss Madge Henway und befindet sich gerade mal wieder auf der „Jagd auf Schurken“. Miss Madge war anno 1921 eine der ersten Detektivinnen der Filmgeschichte. Doch ihr Name ist heute ebenso vergessen wie der ihrer Erfinderin Jane Bess. Dabei war Hertha Fruchter, so ihr bürgerlicher Name, eine der produktivsten und meistbeschäftigten DrehbuchautorInnen der Weimarer Republik – und ein Kassenmagnet.

Herthas Krimis, egal ob „Verbrechen in der Wallstreet 13“ oder „Brillanten-Mieze“, ließen die Menschen in die Kinos strömen. 88 Drehbücher, darunter die erste deutsche Agatha-Christie-Verfilmung, stammten aus der Feder der Berlinerin.   

Zum 100. Geburtstag der Weimarer Republik hat die Deutsche Kinemathek nicht nur sie für ihre Ausstellung „Kino der Moderne“ ausgegraben: die „Frauen hinter der Kamera“.

Allen voran: die Drehbuchautorinnen. Allein 16 Autorinnen, die je mehr als zehn verfilmte Drehbücher geschrieben haben, haben die AusstellungsmacherInnen in den Archiven entdeckt. Einige von ihnen sind heute völlig unbekannt (auch, weil nicht wenige Frauen unter männlichem Pseudonym schrieben); andere immer noch berühmt. Wie Vicki Baum, die nicht nur erfolgreiche Romane schrieb („Menschen im Hotel“), sondern auch die Drehbücher für deren ebenso erfolgreiche Verfilmungen. Sie war Redakteurin beim Ullstein-Verlag, der Anteile an Filmproduktionen besaß. Wie Vicki Baum waren die meisten Drehbuchautorinnen der Weimarer Republik auch als Schriftstellerinnen, Lektorinnen oder Journalistinnen tätig. Jeder zehnte Drehbuchautor zwischen 1919 und 1933 war weiblich.

Und gleich mehrere von ihnen machten eine der bis heute dringlichsten Frauenfragen zum Thema: den § 218. Zum Beispiel Thea von Harbou. Sie war mit 66 verfilmten Drehbüchern – darunter das zum weltberühmten „Metropolis“! – eine der erfolgreichsten Autorinnen der Weimarer Repu­blik. Mit ihrem Film „Das erste Recht des Kindes“ (1932) bezog sie klar Haltung gegen das Abtreibungsverbot.  Die ungewollt schwangere Steno­typistin Lotte wird von Ärzten wie Engelmachern abgewiesen und nach einem Selbstmordversuch in letzter Minute gerettet. Am Ende steht das Statement: „Wir stehen auf gegen die Misshandlungen unserer Körper und unserer Seelen durch Pfuscherhände! Wir stehen auf für die Freiheit des Muttertums, für die Erlösung von Zwang und für das Ziel, das jedes Kind, dem wir Leben schenken, willkommen sei.“ Der Film wird nach der Machtergreifung als einer der ersten verboten.

Frauen hinter der Kamera schrieben in der Weimarer Repu­blik aber nicht nur Drehbücher, sie führten, wenngleich selten, auch Regie. Eine der wenigen Frauen, die man auf den Regiestuhl ließ, war Leontine Sagan. Auch ihr Name wäre womöglich vergessen, hätte „Mädchen in Uniform“ nicht 1958 ein legendäres Remake bekommen. Produziert von einem rein weiblichen Ensemble, war der Film schon 1931 eine Sensation. 27 Jahre und einen Weltkrieg später wird der Kuss zwischen Internatsschülerin (Romy Schneider) und Lehrerin (Lilli Palmer) in die Filmgeschichte eingehen. In den 50er-Jahren liegen Drehbuch und Regie allerdings fest in Männerhand.

Regisseurin Lola Kreutzberg schrieb ebenfalls Filmgeschichte. Mit ihrer Produktionsfirma Lo-Zoo-Film hatte sie sich auf Tier- und Expeditionsfilme spezialisiert, für die sie sich auch hinter die Kamera stellte. Ihr Film „Wunderland Bali“ (1927) war die erste lange Dokumentation über die Insel.

Mit dem Ende der Weimarer Republik kam auch das Ende der Frauen hinter der Kamera. „Durch die frauenfeindliche Einstellung, die schon vor 1933 einsetzte und dann immer stärker wurde, bin ich um mein Arbeitsgebiet gebracht worden“, klagte Marie Luise Droop, die 1936 das letzte ihrer 41 Drehbücher schrieb. Für Frauen jüdischer Herkunft galt das erst recht. Die Bücher von Vicki Baum wurden verbrannt. Jane Bess emigrierte 1933 in die Niederlande, wo sie für den Film „De Kribbebijter“ ihr wohl letztes Drehbuch schrieb. Ab 1936 verliert sich ihre Spur. Die Berliner Ausstellung hat sie wieder aufgenommen.

Termine:
Kino der Moderne, bis 13.10 in der deutsche Kinemathek, Berlin. Katalog erschien bei Sandstein (29€)

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