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Kunigunde: Emanze & Kaiserin

Foto: aus dem Katalog "Gold & Ruhm" aus der Ausstellung im Kunstmuseum Basel, bis 19.1.20. (Hirmer Verlag)
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Als Alice Schwarzer das Bamberger Literaturfestival eröffnete, machte sie einen Spaziergang durch unsere Stadt. Dabei entdeckte sie im Bamberger Dom ein „offensichtlich gleichberechtigtes Paar“: Kaiserin Kunigunde und Kaiser Heinrich. Die Marmorbildnisse der beiden von Riemenschneider – liegend auf dem Deckel ihres Hochgrabes –, beide gekrönt, beide gleich groß, Kunigunde noch dazu auf der „liturgisch besseren“ Seite, die sonst fast immer den Männern vorbehalten ist. Das erregte Alice Schwarzers Aufmerksamkeit, ebenso wie einst meine. Und weil es mich geärgert hat, dass in der historischen Literatur und bei entsprechenden Ausstellungen meist nur Heinrich im Mittelpunkt stand, habe ich über die beiden ein Buch geschrieben, das Kunigunde ins rechte Licht rücken soll: als eine der großen Herrscherinnen des Mittelalters.

Kunigunde war in der Tat eine der emanzipiertesten und tüchtigsten Frauen des Mittelalters. Erstens war sie beruflich ungemein erfolgreich, verwaltete ihre umfangreichen eigenen Besitzungen, hielt Gerichtssitzungen, organisierte Feldzüge und war die wichtigste diplomatische Schaltstelle in der Regierung ihres Landes. Zweitens leitete sie einen riesigen Haushalt mit Hunderten von Dienstboten und veranlasste entscheidend die großartige Kunstproduktion, die vom Hof Kaiser Heinrichs II. ausging. Und drittens verband sie eine ungewöhnliche, gleichberechtigte Liebe mit ihrem Mann, Heinrich II. Und das ein Leben lang und unter schwierigsten Bedingungen.

Die Annäherung an das historische Paar Kunigunde und Heinrich ist gar nicht so einfach, weil beide später heiliggesprochen wurden und deshalb in unseren Köpfen die ungemein farbigen und wirkmächtigen Bilder der Legenden alles überlagern. Die berühmteste dieser Erzählungen ist die von dem „Gottesurteil“, nach dem Kunigunde als Beweis ihrer ehelichen Treue unversehrt barfuß über glühende Pflugscharen zu gehen hatte – was ihr gelungen sein soll. Doch die Kunigunde, die von 975 bis 1033 real gelebt hat, musste das Wunder nie vollbringen. Die Legende entstand erst über 150 Jahre nach ihrem Tod, im Vorfeld ihrer Heiligsprechung im Jahr 1200.

Doch stellt die Geschichte ein Thema in den Mittelpunkt, das auch für die historische Kunigunde zentral war: ihre Ehe mit Heinrich, der schon 1146 in die Schar der Heiligen aufgenommen worden war. Kunigunde und Heinrich sind übrigens das einzige heilige Kaiserpaar der katholischen Kirche.

Aber wer war Kunigunde wirklich? Sie war die Tochter von Graf Siegfried, damals der mächtigste Adelige in Trier und Umgebung, der auch die „Luxemburg“ erbaute, nach der sich die Familie später nennen wird. Sie wuchs wohl in Trier auf, damals eines der großen Kunstzentren Europas, wo wundervoll illustrierte Handschriften und exquisite Gold- und Elfenbeinarbeiten entstanden. Und sie erhielt – vielleicht bei den Trierer Benediktinerinnen – eine qualitätsvolle Ausbildung, die es ihr später ermöglichte, ihren Job als Königin bestens zu erledigen.

Um 997 heirateten Kunigunde und Heinrich. Das fiel völlig aus dem Rahmen. Heinrich war als Herzog von Bayern der mächtigste Mann im Reich nach dem König. Er hätte unter den Königstöchtern Europas wählen können. Dynastenehen wurden im Mittelalter ja meist aus materiellen Gründen geschlossen, um für die eigene Familie vermehrt Macht und Besitz zu erwerben, um Bundesgenossen zu gewinnen, um den Frieden zu sichern. Umso mehr fällt Heinrichs „unpolitische“ Entscheidung für Kunigunde auf. Die Tochter eines (noch) nicht besonders bedeutenden Grafen hatte weder eine nennenswerte Mitgift noch hatte der bayerische Herzog in Lothringen politische Ambitionen.

Es scheint also Liebe gewesen zu sein. Und gemeinsame Interessen. Beide stammten aus einer alten Römerstadt, Trier und Regensburg. Beide hatten gemeinsame Freunde. Und beide interessierten sich für die Avantgarde-Kunst ihrer Zeit und engagierten sich für eine Reform der Kirche.

Auch später, lange nach ihrer Hochzeit, gibt es auffallend viele Hinweise auf ihre Liebe. Er schenkte ihr als Morgengabe das Liebste, was er nach eigenen Aussagen hatte: die Stadt Bamberg. Er nannte sie in seinen Urkunden ungewöhnlich oft: „geliebteste Königin“ oder „allerliebste Gemahlin“ oder „meine liebe Bettgefährtin, contubernalis coniux“ (1018).

Dann sind da die zahlreichen Urkunden, in denen Heinrich von sich und Kunigunde als „von einem Fleisch“ spricht. 1017 (nach 20 Jahren Ehe) bezeichnet er Kunigunde als die, „mit der ich ein Leib und eine Seele bin“. Diese Urkunden wurden von Heinrich persönlich diktiert; kein Schreiber oder Kanzlist hätte wagen dürfen, solche Formulierungen zu gebrauchen. Die Ehe von Kunigunde und Heinrich war also ganz bestimmt keine „Josefsehe“, wie es später gerne behauptet wurde (also eine Ehe ohne sexuelle Beziehung).

Beide hofften lange auf Kinder, auch noch nach der großen Wende in ihrem Leben. 1002 wurde Heinrich nach einem stürmischen Wahlkampf von einem Teil der Reichsfürsten zum deutschen König gewählt. Anschließend begannen er und Kunigunde ihren großen Ritt durch das Reich, um sich auch die Anerkennung der anderen Volksgruppen zu sichern. Auf dieser Reise wurde Kunigunde am 10. August 1002 als erste deutsche Königin in einer eigenen Zeremonie in Paderborn gekrönt. Schon am nächsten Tag zogen Kunigunde und Heinrich weiter.

Der Hof war generell ununterbrochen unterwegs. Er hielt sich selten mehr als ein paar Tage an einem Ort auf. Die Herrschaft und das Reich waren um das Jahr 1000 noch so wenig institutionalisiert, dass der König stets in eigener Person vor Ort die Autorität darstellen und ausüben musste: zu Gericht sitzen, Huldigungen entgegennehmen, Entscheidungen fällen.

Permanent weiterziehen musste der König mit seinem Gefolge aber auch deshalb, weil kein Ort in der Lage war, diese Gruppe von 200 bis zu 1.000 Menschen über längere Zeit zu verköstigen. Eine Quelle berichtet: Der Kaiser und seine Entourage hatten an einem einzigen Tag Folgendes an Nahrung verbraucht: 1.000 Schweine und Schafe, zehn Fuder Wein und ebensoviel Bier, 1.000 Malter Getreide und acht Ochsen und dazu noch Hühner und Spanferkel, Fische, Eier, Gemüse und anderes mehr. Die Oberaufsicht über diesen Riesenhaushalt hatte die Königin. Natürlich stand ihr jede Menge Personal zur Seite, aber irgendjemand musste ja jeweils die letzten Entscheidungen treffen, und damit belästigte man sicher nicht den König.

Daneben hatte Kunigunde sich auch um ihre eigenen Besitzungen zu kümmern. Sie war durch die Geschenke, die Heinrich ihr gemacht hatte, wohl die reichste Frau Deutschlands geworden. Da war zunächst Bamberg mit Umgebung, für das sie als Ersatz dann später Kassel mit Kaufungen bekam, dazu ausgedehnte Güter in Bayern: etwa 63 Orte.

Vor allem aber übte Kunigunde ihren Beruf als Königin aktiv und sehr effektiv aus. Sie war keineswegs nur die Frau an der Seite des Königs. Sie arbeitete als seine Stellvertreterin, hielt Gericht, befehligte 1012 und 1016 die Verteidigungslinie an der Ostgrenze des Reiches, während ihr Mann gerade im Westen gegen ihre aufständischen ­Brüder kämpfte, und hatte viele Jahre lang die Leitung des Herzogtum Bayerns inne.

Ihre wichtigste Aufgabe in der Regierung Heinrichs aber war die Intervention. Sie hatte ständig Kontakt und Umgang mit den Großen des Reiches. Der Weg zum Ohr des Herrschers verlief damals fast stets über besondere Vertraute und Ratgeber, die wie ein Filter wirkten. In diesem System war die Königin die zentrale Schaltstelle.

Kunigundes Aufgabe war nicht immer einfach, denn ihr Gemahl war kein besonders umgäng­licher Mann. Er hatte Humor, aber er war auch konsequent bis zur Halsstarrigkeit. Kunigunde war diejenige, die immer wieder vermittelte und versöhnte.

Einen gewissen Lebensmittelpunkt schuf sich das Herrscherpaar mit Bamberg, Kunigundes wertvollstem Besitz. Als dem Paar klar wurde, dass sie keine Kinder bekommen würden – die große Tragik ihres Lebens –, stifteten sie in Bamberg ein Bistum, das sie als ihren Erben einsetzten und dem sie all ihre Fürsorge zukommen ­ließen. Auch nach ihrer gemeinsamen Krönung zu Kaiser und Kaiserin 1014 in Rom hielten sich Kunigunde und Heinrich häufig in Bamberg auf, zu Hof- und Reichstagen, um sich zu erholen oder wenn Heinrich wegen seiner zahlreichen Krankheiten bettlägerig war, wie im Frühjahr 1024. Er starb am 13. Juli mit nur 51 Jahren und wurde im Bamberger Dom begraben.

Für einige Monate war nun Kunigunde allein die Regentin des Reiches. Erst als ihr Wunschkandidat, der Salier Konrad d. Ä., zum König gewählt wurde, überreichte sie ihm die Reichsinsignien und damit die Herrschaft. Ein Jahr lang lebte sie noch in Regensburg und ordnete ihre Angelegenheiten, versorgte ihr Personal mit neuen Stellen und sicherte ihre Finanzen. Dann zog sie sich in das von ihr gegründete Kloster Kaufungen zurück. Dort starb sie am 3. März 1033. Ihre Leiche wurde nach Bamberg gebracht und an der Seite ihres Mannes beigesetzt.

Nach ihrem Tod war Kaiserin Kunigunde über 170 Jahre lang fast vergessen. Dann hatten die Bamberger Geistlichen, die sich inzwischen schon erfolgreich um die Heiligsprechung von Kaiser Heinrich und Bischof Otto I. bemüht hatten, die gute Idee, dass ihnen auch noch eine weibliche Heilige fehle. Auslöser waren „Wunder“, die sich am Grab Kunigundes ereigneten.

Für den Heiligsprechungsprozess wurden Lebensbeschreibungen der Kaiserin angefertigt, in denen ihr Bild den zeitgenössischen Vorstellungen von einer heiligmäßigen Frau angepasst wurde. Darin wurde Kunigunde zu der braven, frommen und keuschen Frau, als die sie in die kollektive Erinnerung eingegangen ist.

Doch selbst in den Legenden hat sich ein Kern der Stärke und Selbstständigkeit dieser ungewöhnlichen Frau erhalten. In der berühmtesten Legende wird sie der ehelichen Untreue beschuldigt, woraufhin sie – um „ihre Ehre und die des Reiches“ wiederherzustellen – von sich aus ein „Gottesurteil“ gefordert haben soll. Dazu soll sie mit nackten Füßen über glühende eiserne Pflugscharen gegangen sein – die Legende hat ein Happy End: Kunigunde ist unversehrt. Ehemann Heinrich und der gesamte Hofstaat müssen sie beschämt um Verzeihung bitten. Diese Szene ist sehr oft dargestellt worden, am prominentesten auf dem Kaisergrab Tilmann Riemenschneiders im Bamberger Dom. Die (zu) starke Frau musste ihre Demut und Unschuld beweisen. Zumindest in der Legende.

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