Alice Schwarzer schreibt

1989: Politikerinnen: Immer nur lächeln?

Die neue Frauenministerin Prof. Ursula Lehr. Ex-Ministerin Rita Süssmuth.
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Sie behandeln die Frauen in Bonn wie ihre Frauen zuhause. Die Männer. Sie kommandieren sie ran und schicken sie weg, ganz wie es beliebt. Und die Frauen? Die benehmen sich auch wie zuhause. Sie beraten hinter verschlossener Tür, zerdrücken daselbst ein Tränchen und ballen auch mal die Faust. Draußen aber lächeln sie. Sie lächeln, lächeln, lächeln.

Und wenn es hoch kommt, deuten sie an, es sei ihnen "schwergefallen", sie seien "etwas bitter", ja, "Unmut" komme auf. Und dann lächeln sie wieder.

Die Lieblingskarikatur über die CDU/CSU-Frauen in der Presse war in diesen Wochen der Erniedrigung die Frau mit der Nudelrolle. Durchaus treffend. Scharf schießende Heckenschützen gegen Frauen mit der Nudelrolle - das kann ja nur blutig ausgehen.

Dabei hatten die 19 Christdemokratinnen im Bonner Parlament sich diesmal, für ihre Verhältnisse, sogar reichlich forsch verhalten. Zum erstenmal hatten sie es gewagt, ihrem allmächtigen Kanzler eine eigene Kandidatin für die Süssmuth-Nachfolge vorzuschlagen. Allerdings: Was für eine...

Übereifrig kompromissbereit präsentierten sie die 61-jährige, als "sehr konservativ" bekannte Roswitha Verhülsdonk. Ein blasser, halbherziger Vorschlag, der es dem Kanzler vermutlich nur leichter gemacht hat, nach eigenem Gutdünken zu verfahren.

Dies tat er denn auch, der Kanzler, und das, wie zunehmend gewohnt, à la Sonnenkönig. Nicht genug damit, dass er die Anregung der Frauen völlig ignorierte. Auch nicht genug damit, dass er die dringliche Bitte, diesmal doch eine Frau aus der eigenen Fraktion zu nehmen und nicht schon wieder eine Seiteneinsteigerin, kommentarlos vom Tisch wischte. Er setzte noch einen drauf: Die Wahl der Süssmuth-Nachfolgerin, Prof. Ursula Lehr aus Heidelberg, entnahmen die Christdemokratinnen nicht etwa dem Munde ihres Kanzlers, sondern - der Presse.

Klar wird: Hier geht es nicht nur um die uneingeschränkte Machtpolitik der Herren. Hier geht es auch um die ungehemmte Demütigung der Damen. Auf dem sogenannten „Frauen-Parteitag“ der CDU 1985 wurde der Slogan "Partnerschaft 2000" lanciert. Die CDU-Regierung 1988 gibt die Antwort, und die lautet: Verachtung, nichts als Verachtung.

Denn auch das ist im Leben nicht anders als im Parlament: Die eigenen Frauen findet diese Art von Männern allemal nicht der Rede wert. Wenn schon, dann bandeln sie lieber mit einer Neuen an. Und so wenig gegen die Neue als Mensch zu sprechen scheint, so wenig spricht für die Psychologie-Professorin als Politikerin oder gar Ministerin. Sie hat null Erfahrung in der aktiven Politik, und das Leiten eines Ministeriums lernt man wohl auch nicht gerade auf einem Lehrstuhl für Gerontologie (Altersforschung - das Spezialgebiet der neuen Familienministerin).

Außerdem war es gerade das, was die Männermafia der Medien und der Politik Rita Süssmuth zunehmend vorgeworfen hatte (zunehmend mit ihrer zunehmenden Beliebtheit): Sie sei eben doch in erster Linie Wissenschaftlerin und keine Politikerin. Sie mache sich ja ganz gut im Fernsehen, aber in ihrem Ministerium herrsche das nackte "Chaos" (Spiegel).

Apropos Spiegel: Der hat natürlich mal wieder am niedrigsten gezielt beim Abschießen von Süssmuth. Der spektakuläre Abgang der so populären Ministerin war ihm drei Tage danach im Heft noch nicht einmal mehr eine Extra-Story wert (würde z.B. einem Norbert Blüm so mitgespielt - und ließe der sich so mitspielen - so wäre das selbstverständlich eine eigene Titelgeschichte).

Die Ex-Ministerin aber kam in der Spiegel-Ausgabe vom 28. November nur noch ganz en passant vor: Ein Abschnitt innerhalb einer längeren Geschichte über Kohl und Konsorten im Wichtelmänner-, pardon, Wichtigmänner-Ressort "Deutschland I". Süssmuths Kummer über den Abgang, hieß es da, habe sich "in Grenzen gehalten". Die so knapp Abgehalfterte protestierte in der Ausgabe darauf in einem Leserinnenbrief: "Die Wahrheit ist, dass mir der Schritt nicht leicht gefallen ist und es eine sehr schwierige Entscheidung war. Nur weil es in seine Verurteilungen oder Vorurteile passt, muss der Spiegel keine Falschmeldung in die Welt setzen."

Oh je, das hätte sie nicht tun sollen. "Deutschland I" schlug zurück. Unter dem Titel "Verpennte Tage" schrieb der Spiegel nun ein paar offene Takte über das angeblich so "ehrenvolle Amt" des Bundestagspräsidenten, das niemand gewollt hatte und Süssmuth sich hatte aufdrängen lassen. Mit einem Haufen von abgeschobenen Nullen habe sie in diesem Amt zu tun, und zu sagen hätte sie auch nichts. Wer einmal da gelandet sei, "verpennt seine Tage". Da wurde der längst Abgeschossenen also noch eine Ladung Schrot aus Hamburg hinterhergeschickt.

Sicher, es ist richtig: Rita Süssmuth hat die Machthebel im Ministerium mit der Redeglocke im Parlament vertauscht. Auf ihrem neuen Posten kann sie bestenfalls gute Miene zum üblichen Spiel machen, zu sagen hat sie nichts. Nur lässt sich das für die ins "zweithöchste Amt im Staat" weggelobte Person auch weniger höhnisch und kränkend und analytischer sagen, wie es zum Beispiel die "Zeit" tat.

Die dachte anlässlich des Süssmuth-Falls über den "kompensatorischen Charakter der politischen Rhetorik" nach und fragte sich: Kommt "nach den Jahren der modernen Macher also die postmoderne Epoche der Redner? Kluge Reden zum Ausgleich kruder Politik? Sinnstiftung als Politik-Ersatz".

Und, so fragt sich EMMA darüber hinaus: Kommen bei dieser Theater-Vorführung vor den Bonner Kulissen vor allem Frauen in die Rolle der Darstellerinnen des Schönen, Guten, Wahren - während Männer das Unschöne, Ungute, Unwahrhaftige hinter den Kulissen schieben?

Der ganze Spektakel erinnert mich fatal an den Abgang einer Ministerin vor zehn Jahren. Auch damals traf es eine der raren weiblichen Persönlichkeiten in Bonn, allerdings eine aus der SPD-Riege: die Entwicklungsministerin Marie Schlei. Nach einer monatelangen beispiellosen Demontage ihrer Person in der Presse (der Spiegel allen voran) gegen diese Frau in einem Amt, das bis dahin und seither Männerdomäne war, entnahm die SPD-Ministerin ihre Entlassung durch Kanzler Schmidt morgens der Tagespresse. (Wir sehen, ein Fortschritt - Süssmuth erfuhr es immerhin schon vom Kanzler selbst.)

Der "Kriegsschauplatz" (Süssmuth) Bonn ist hart für alle. Vor allem der als "guter Mensch aus Oggersheim" belächelte und so verharmloste Kanzler Kohl scheint längst vergessen zu haben, dass er demokratisch gewählt wurde. Er verfährt eitel-rabiat, mit Frauen wie Männern nach Gutdünken. ("Ich bin bekannt für meine überraschenden Personalentscheidungen.").

Frauen aber sind in Bonn ganz zum Abschuss freigegeben. Für sie gelten überhaupt keine Spielregeln mehr. Und je mehr sie klein beigeben, umso mehr provozieren sie die Paschas auf der Regierungsbank. Inzwischen werden die CDU/CSU-Frauen von ihrem eigenen Kanzler so verachtet, dass er sich auf den Ministerinnen-Sessel lieber eine Altersforscherin aus Heidelberg holt, als eine Abgeordnete aus Bonn (von denen immerhin schon vier Regierungserfahrung haben, zwei als Ministerin, zwei als Staatssekretärin).

Das ist die Lektion, die die Christdemokratinnen, und andere, aus den jüngsten Bonner Ereignissen lernen müssten: Kuschen und Anbiedern bringt nichts! Im Gegenteil. Das steigert nur die Verachtung und den Allmachtswahn der Männer.

Schon Süssmuth war 1985 von draußen in die Regierung geholt worden. Entsprechend unbefangen trat sie damals an, mit großen Worten. Die Taten aber wurden immer kleiner, ja richteten sich zuletzt sogar gegen die Frauen (so das von ihr mitvertretene sogenannte "Beratungsgesetz“ zum § 218). Lovely Rita hat in ihren drei Jahren Amtszeit in Wahrheit nicht viel für uns Frauen getan. Aber selbst das wenige war den Herren offensichtlich schon zuviel.

Es war ihnen zuviel, dass man ihr das Selbstbewusstsein auch noch ansah! Es war ihnen zuviel, dass sie augenzwinkernd die Quotenregelung der SPD begrüßte! Es war ihnen zuviel, dass sie, die Katholikin, mit einem Kondom überm Kopf gegen Aids warb! Es war ihnen zuviel, dass sie sich für die Bestrafung der Vergewaltigung in der Ehe einsetzte! Es reichte ihnen endgültig, als sie den Hexenprozess in Memmingen öffentlich, immerhin, "empörend" nannte!

Doch jemand wie Rita Süssmuth ist nicht nur an der unerschütterten Männermafia in Bonn (und Hamburg) gescheitert. Sie ist auch an sich selbst gescheitert. Denn niemand kann es allen recht machen. Niemand kann gleichzeitig eine Anhängerin vom Papst und von Simone de Beauvoir sein (wie sie es angeblich war). Rita Süssmuth, die Neue, hat ganz wie die Alten zuviel taktiert, sich zuviel angebiedert, zuviel aufgegeben. Zuletzt sich selbst.

Als ich 1985 mit der frischernannten Ministerin für EMMA ihr erstes großes Interview machte, antwortete sie auf meine Frage, ob sie zurücktreten würde, wenn sie in Bonn gar zuviele ihrer Hoffnungen aufgeben müsste, noch sehr sicher: „Ja! Ich muss an diesem Amt nicht festhalten. Ich habe eine Alternative, habe eine Professur.“

Und jetzt? Jetzt hält sie fest. Um jeden Preis. Auf die Frage, was ihr größter Misserfolg als Ministerin gewesen sei, antwortete sie dem WDR nach ihrem "Rücktritt" ganz offen: "Dass ich meine Arbeit nicht weitermachen kann." Wer oder was also hat Rita Süssmuth zwingen können, ihr Ministeramt so demütigend und so demütig zugleich aufzugeben? Warum hat sie nicht darum gekämpft?! Und wenn sie verloren hat-warum ist sie dann nicht klar zurückgetreten? Dazugehören, berühmt sein, viel Geld verdienen – das allein kann es doch nicht sein, oder...?

Mit einem begründeten, offensiven Rücktritt hätte Rita Süssmuth Geschichte machen können - aufklärende, emanzipierte, demokratische Geschichte. Alle hätten davon profitiert: Sie selbst, weil sie ihre politische Ehre nicht verloren hätte und auch nicht die realistische Möglichkeit, etwas wirklich Sinnvolles zu tun (als Wissenschaftlerin und Autorin - mit der Erfahrung). Die vielzitierte Demokratie, weil sie einmal ernstgenommen worden wäre. Und wir Frauen, weil damit endlich auch einmal in Bonn gezeigt worden wäre, dass man mit uns nicht alles machen kann!

Rita Süssmuth ist nicht zurückgetreten. Sie spielt das Spiel weiter mit und wird dabei sich selbst und uns alle mehr und mehr belügen müssen. Gleich am ersten Tag in ihrem neuen Amt nahm sie ohnmächtig hin, wie ihre Anregung, auch eine Grüne zur stellvertretenden Bundestagspräsidentin zu machen, von der eigenen Partei abgeschmettert wurde. Rita Süssmuth lächelte dazu. Die schönen Worte ersetzen in Bonn heute nicht nur die Taten - schlimmer noch: sie verdecken sie.

Ursula Lehr, die Neue, gilt nicht als sehr konservativ, aber sie gilt auch nicht als "so fortschrittlich" wie Süssmuth. Sie wird wohl beim Kanzler weniger häufig "Missfallen" erregen. Und ihr Spezialfach Gerontologie lässt ja auch keinen Zweifel über die Umorientierung des ehemaligen (Schein)Frauenministeriums. Denn das ist auch ein Problem, das Alter, aber eben ein anderes.

Eine Niederlage ist der unchristliche Frauenspektakel auch für die Reformerriege in der CDU, die "Viererbande" Geißler, Blüm, Fink und Süssmuth. Süssmuth war 1985 immerhin noch die Wahl des profunde emanzipationskundigen Generalsekretärs gewesen. Lehr guckte sich der frauenignorante Kanzler ganz allein aus.

Werden sie ihre Lektion lernen, die Christdemokratinnen (und die anderen)? Bis jetzt sieht es nicht so aus. Die "kalte Wut", von der am Anfang die Rede war, scheint schon verraucht. Und das Zittern in der Stimme, das ich bei meinen Telefonaten in den Tagen danach mit ihnen gehört habe, scheint schon wieder beherrscht.

Im Januar feiert die Frauenunion der CDU ihren 40. Geburtstag. Wäre das nicht eine gute Gelegenheit? Aus der Geburtstagstorte könnte statt des Pinupgirls oder Hausmuttchens doch diesmal der Tiger steigen. Denn ohne Kampf geht es nun mal nicht, meine Damen. Das ganze ist nichts als eine Machtfrage. Die Männer wissen das. Nur - wissen es auch die Frauen?

Innerhalb ihrer Partei sind die Christdemokratinnen (wie alle anderen auch) machtlos. Ihre einzige Chance liegt draußen, bei den Frauen, den Wählerinnen . Mit ihnen und ihren Hoffnungen und Erwartungen müssten sich die Parteifrauen kurzschließen. Mit ihnen müssten sie ein Bündnis eingehen gegen die Herren in Bonn. Denn die nächsten Wahlen kommen bestimmt. Und so ganz ohne Wählerinnen geht auch in Bonn die Chose nicht. Stimmt, dazu müssten sie etwas riskieren, die Frauen in Bonn. Sie müssten aufhören, alles mitzumachen. Sie müssten aufhören, sich alles gefallen zu lassen. Kurzum: Sie müssten aufhören zu lächeln.

ALICE SCHWARZER

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