Ingrid Thurnher: Räumt auf
Erst wenn Männer Mist bauen, kommen Frauen an die Spitze, zum „Aufräumen“. Diese Regel, in der Ökonomie als „Glass Cliff“ bekannt, lässt sich gerade in Österreich beobachten. Dort leitet seit März Ingrid Thurnher, eine der bekanntesten Journalistinnen der Republik, den ORF. Sie sprang als Generaldirektorin ein, nachdem ihr Vorgänger, Roland Weißmann, sich nach Vorwürfen sexueller Belästigung zurückziehen musste.
Wenn MeToo-Skandale eine Institution erschüttern, ist der Ruf nach einer Frau an der Spitze besonders groß. Thurnher ist auch beim Publikum beliebt. Aber die 64-Jährige wird trotzdem nur bis Jahresende dienen. Am 11. Juni wählte der ORF-Stiftungsrat Clemens Pig zum neuen ORF-Chef, er war der Favorit der Kanzlerpartei ÖVP und sie hatte ein inoffizielles Nominierungsrecht für den Posten. Das ist in Österreich ganz normal.
Auch deshalb hat Thurnher erst gar nicht kandidiert. Sie wollte politisch unabhängig sein, um im ORF aufzuräumen. Warum sie sich diese Mammutaufgabe, als Generaldirektorin einzuspringen und aufzuräumen, überhaupt antut? „Ich bin eine Veteranin, ORF ist auf meiner Stirn eintätowiert.“
Dabei war Journalismus etwas, zu dem Thurnher eher zufällig kam. Das Publizistikstudium hatte sie abgebrochen, um Schauspielerin zu werden. Bei einem Casting für ORF-Ansagerinnen gewann sie – und wurde mit nur 22 Jahren Programmansagerin. Ihr erster Auftritt auf dem Bildschirm: Sie kündigte die US-Intrigenserie „Denver Clan“ an.
Shame and Scandal brachten Thurnher auch in ihre neue Funktion. Der ORF steckt in der schwersten Krise seit seiner Gründung. Es begann mit den Vorwürfen einer ORF-Mitarbeiterin gegen Weißmann. Über Monate habe er ihr nachgestellt, ihr Dickpics geschickt und sie zu mehr als einer kollegialen Beziehung gedrängt. Chats belegen das: „Schick mal ein Foto von dir im Bikini!“ – „Ich bekomme gerade eine neue Matratze, wir können sie einweihen“. Oder: „In meiner Welt haben wir Sex, wenn ich Sex will.“ Weißmann bestreitet das bis heute, für ihn war das Ganze nur ein „einvernehmlicher Flirt“. Dass er seine Machtposition als Vorgesetzter ausgenutzt habe, sieht er nicht.
Thurnher sprach ihm die Kündigung aus. „Diese Anmaßung und diese sexualisierte Sicht auf Frauen, die in diesen aktuellen Chats sichtbar werden: Das wollen wir so nicht hinnehmen“, sagte sie.
Aber das war nur der Anfang. Inzwischen sind zwei weitere Top-Manager wegen mutmaßlichem Fehlverhalten und Verstöße gegen die Compliance- Richtlinien freigestellt, demnächst wird ein eigens eingerichteter Transparenz-Beirat seinen Bericht vorlegen. Er hat die „Cold Cases“ im Haus untersucht.
Dazu kommt ein massiver Gender-Pay-Gap an der Unternehmensspitze. Im ORF verdienen derzeit vier Personen mehr als Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen – allesamt Männer. 65 Personen – überwiegend Männer – kommen auf mehr als 170.000 Euro pro Jahr.
Ein Vorbild zu sein, das lernte Thurnher als Älteste von vier Schwestern von klein auf. Sie stammt aus einer Unternehmerfamilie, Leistung und Pflichterfüllung waren immer selbstverständlich. Ihren Durchbruch als Anchorwoman hatte sie erst 1994, als sie das Gesicht der „ZiB 2“ wurde, Österreichs wichtigster Nachrichtensendung. Dort war sie stets um Äquidistanz und Zurückhaltung bemüht. Nur zweimal gingen die Gefühle mit ihr durch. Einmal im Jahr 1997, als der Komiker Otto Waalkes sie im Studio besuchte und vor laufender Kamera als „Frau Turnschuh“ niederblödelte. Da musste sie lachen. Und im Juni 2001, als ihr langjähriger Moderationspartner Robert Hochner an Krebs verstarb und sie ihm zum Abschied auf Sendung mit belegter Stimme eine weiße Rose auf den Moderationstisch legte.
2017 verließ Thurnher überraschend ORF 2 und wurde Chefredakteurin des Informations- und Kultursenders ORF III. Da war sie 55 Jahre alt, ein durchaus gefährliches Alter, in dem Moderatorinnen gerne „ausgelistet“ werden. Thurnher selbst sagt: „Been there, done that. Ich hatte das andere gesehen, und es hatte überhaupt keinen Reiz mehr. Ich wollte etwas Neues machen.“ Das macht sie jetzt als Karrierefinish, wenn auch nur auf Zeit.
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