Warum muss die Mutter immer tot sein?
„Guck dir das an, schon wieder!“, entfleucht es mir nahezu jeden Samstagabend. Immer, wenn wir mit unseren Kindern Kinderfilme schauen, fühlen meine Frau und ich uns wie die beiden meckernden Alten vom Balkon der Muppet-Show.
Der Auslöser ist meist etwas, das ungefähr 80 Prozent aller Kinderfilme gemeinsam haben: die tote Mutter. Letzten Samstag war es wieder so weit. Meine Tochter Henriette wollte unbedingt den Film „Lilo & Stitch“ gucken. Natürlich muss Lilo ein Waisenkind sein, damit sie sich mit einem außerirdischen Koalabären anfreunden kann.
Mütter werden nicht nur in "Ice Age" eiskalt ausradiert. Alles Zufälle?
Die Woche zuvor war es „Hotel Transsilvanien“. Ein eigentlich lustiger Film über Graf Dracula, der ein Monster-Hotel in Transsilvanien betreibt, um seine Tochter Mavis vor den Menschen zu schützen. Denn Mavis‘ Mutter wurde von einem wütenden Menschenmob getötet als Mavis noch ein Baby war.
In der Woche davor war es „Findet Nemo“. Clownfisch Marlin sucht seinen Sohn Nemo, der von einem Taucher entführt wurde. Nemos Mutter Cora wurde von einem Barracuda gefressen. In dem Kassenschlager „Ice Age“ wirft eine im Fluss treibende Mutter mit letzter Kraft ein Bündel auf eine Eisscholle, bevor sie von der Bildfläche verschwindet. Mammut Manni und Faultier Sid finden das entkräftete Baby und beschließen, es zu seinem Vater zurückzubringen.
Denn Vati, der darf meist überleben und bedauert werden. Mütter aber werden nicht nur bei „Ice Age“ eiskalt ausradiert. Zufälle? Nope.
Fangen wir mal an bei der – ausgerechnet – größten Heldin der Mädchenliteratur: Pippi Langstrumpf. Während Pippis Vater Efraim munter auf der Hoppetosse durch die Südsee schippert, ist Pippis Mama im Himmel. „Heidi“ wächst ohne Mutter auf, die „kleine Meerjungfrau“ und „Hannah Montana“ auch. Belles Mutter aus „die Schöne und das Biest“ stirbt an der Pest; in „Kung Fu Panda“ opfert sich die Mutter, um ihren Sohn vor Wölfen zu retten. Eine Anspielung auf „Bambi“. In „Bambi“ opfert sich die Mutter, um ihr Kitz vor Jägern zu schützen und wirft sich vor die Kugel. In dem Film „Whale Rider“ stirbt die Mutter von Protagonistin Pai bei ihrer Geburt. In Henriettes Lieblingsserie „Spirit“, über einen wilden Mustang, wächst die Protagonistin Lucky bei ihrem Vater auf, weil ihre Mutter, eine Rodeo-Reiterin, einen tödlichen Unfall hatte.
Das Thema „tote Mutter“ ist natürlich älter als Disney und Pixar zusammen. Auch in den Märchen der Gebrüder Grimm hagelt es tote Mütter, bei Charles Dickens ebenso. Die ganzen großen Romane des 19. Jahrhunderts sind voll von Müttern, die bei der Geburt sterben. Was in der Tat damals auch oft der Fall war.
Oft wird die tote Mutter durch die böse Stiefmutter ersetzt oder neuerdings durch den hübschen Super-Papa, bei dessen Anblick mitleidsvolle Frauen dahinschmachten sollen. Die fürsorgliche Mutter nervt, der fürsorgliche Vater wird in den Himmel gehoben. Und nur durch die tote Ehefrau ist er natürlich frei für die neue große Liebe.
Während der Tod als Prozess in Kinderfilmen meist ausgespart wird – weil zu traurig – wird die tote Mutter schon fast vorausgesetzt, sie ist der „Normalfall“. Das „ordnende, wachende, behütende Element“ wird ausgehebelt. Denn die nörgelnde Mutter, die dafür sorgt, dass Schatzi eine Jacke anzieht, drei Mal am Tag was zu essen hat und warm und sicher schläft, wäre wohl die ultimative Abenteuer-Verhinderin. Soll heißen: die Mama muss tot sein, damit das Kind frei sein kann.
Mittlerweile erkennen sogar unsere Kinder das immergleiche Muster. „Warum muss immer die Mama sterben?“, fragte mein Sohn Ben vorwurfsvoll. „Weil die Idioten von hauptsächlich männlichen Autoren, die einen Kinderfilm schreiben, glauben, dass ein Kind nur dann auf ein Abenteuer gehen kann“, fluche ich.
Und ich sage meinen Kindern deutlich, was das ist: Frauenhass. Eine Abschätzigkeit gegenüber den Menschen, die euch überhaupt erst auf die Welt bringen. Ja, Mütter wollen Gefahren von ihren Kindern fernhalten – und dafür sollten alle verdammt nochmal sehr dankbar sein. Und fragen wir mal gar nicht erst, wie es all den mutterlosen Kindern in der Realität so ergeht.
Ich habe keine Lust mehr auf diese Geschichten. Ich checke jetzt vorher den Plot. Tote Mutter, anderer Film. Denn die gibt es auch.
Meine aktuellen Vorschläge: „Vajana“, „Merida“, „Ronja Räubertochter“, „Mulan“, „Encanto“, „Die fünf Freunde“ und „Hanni und Nanni“. Und natürlich die Muppet-Show.
Die beiden Mecker-Alten vom Balkon werden mir sowieso immer sympathischer.

