In der aktuellen EMMA

Mein Leben in der Krabbelgruppe

„Ich möchte hier raus!“ 1976, Estate Birgit Jürgenssen, Courtesy Galerie Hubert Winter, Vienna, Bildrecht Vienna, 2018
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Wir saßen ohne Schuhe im Kreis und erzählten, „wie es uns mit der letzten Woche und dem Baby gegangen“ sei. Wir sangen Sachen wie „Zwei kleine Schlangen sagen sich ganz lässig ‚Hi‘“ oder „Uuhlalalala, Kssksskss“ und intonierten gemeinsam den Satz „Und was gibt es zum Schluss? Einen dicken fetten Kuss“. Wir krabbelten über den Boden und stapelten Bauklötze übereinander.

Anwesend waren etwa sechs Frauen, ihre Babys und kein Vater. Die Teilnehmerinnen wirkten anders als jene, die zu einem vergleichbaren Kurs in einer reicheren Gegend gegangen wären. Weniger schick, weniger sendungsbewusst. Die Babyausstattung kreischte nicht so unüberhörbar, von welchen Labels und wie teuer sie war, das heißt: Das How-to-be-a-perfect-mom-Thema war zwar da, aber nicht so laut.

In dem Stadtteil, in dem viele Menschen mit Migrationshintergrund lebten, waren nur Frauen dabei, die superdeutsch aussahen. Kleider von Esprit und H&M, wenig Schminke, ein bisschen alternativ. Durchschnittlich wirkende Frauen, eher mit Studium als ohne. Sie waren die Ankündigung dafür, dass sich in der Gegend irgendwann mal etwas ändern würde, langsam zwar, aber die Mieten wurden schon teurer.

Bereits vorher hatte ich gewusst, dass ich Schwierigkeiten damit haben könnte, mich in der Krabbelgruppe zu integrieren. Ich hatte mir deswegen vorgenommen, als offener, sympathischer Mensch ohne Vorbehalte in Erscheinung zu ­treten. Ich wollte keine schlechten Vibes ausstrahlen, denn vielleicht lernte ich ja jemanden kennen. Jemand aus unserer Gegend.

Aber dann war ich schlicht schockiert von der Art der Ansprache, von der Beklopptheit der Liedtexte und dem Gefühl, dass man mit mir sprach, als sei ich ein Baby (Was doch sichtbar falsch war. Ich war kein Baby, ich hatte eines). Dennoch gab ich mir Mühe. Ich machte mit, musste aber immer wieder lachen, weil ich mir vorstellte, dass statt der sechs Frauen ihre Männer dort säßen und diesen Blödsinn reden müssten. Oder jene Männer aus den Führungsetagen, von denen man immer wieder las. Ich stellte mir vor, wie sie im Kreis säßen und „Heute wollen wir spielen, heute wollen wir spielen, groß und klein, oh, wie fein“ sängen.

Diese Vorstellung war vollkommen grotesk und sie zeigte, wie selbstverständlich es ist, dass Frauen tun, was sie tun. Sie sind dafür zuständig, an Vormittagen idiotische Sachen zu singen und zu sagen. Sie tun es und haben damit entweder kein Problem. Oder sie denken sich, so ist das nun mal, wenn man ein Kind hat, mit einem Kind macht man Dinge, die man mit Kindern macht, mit einem Kind muss kindgerecht gesprochen werden. Das ist absolut richtig, aber daraus muss nicht folgen, dass man auch mit Frauen kind­gerecht spricht.

Es geht hier nicht um eine Kritik der Krabbelgruppe, Krabbelgruppen sind ohne Frage eine sinnvolle Institution. Es geht um die Feststellung, dass Frauen in der Logik der männlichen Führungsetagen allgemein langweiligere, weniger wichtige, spannende und anspruchsvolle Dinge tun, und dafür ist der Krabbelgruppen-Flavour und wie wenige Männer dort sitzen nur ein weiteres Beispiel.

Denn diese selbstverständlich infantilisierende Art der Mami-Ansprache (nicht nur in Krabbelgruppen, sondern auch im Fernsehen, Internet, Supermarkt und in Büchern) macht etwas mit Frauen, insbesondere wenn sie in einer Zeit wohnen (der Elternzeit, irgendwann back in den 50ern), in der es kein Draußen und also auch keine Bestätigung von dort gibt. Und so glauben vermutlich nicht nur die Männer aus den so genannten Führungsetagen, dass Frauen für weniger anspruchsvolle Tätigkeiten zuständig sind, die Frauen glauben es auch selber. Das ist es, was es mit ihnen macht.

Mein Freund und ich nahmen den Termin im Wechsel wahr. Ich musste lachen, wenn ich daran dachte, wo er war und was er machte, aber er tat mir auch sehr leid. Kam er nach Hause, sagte er jedes Mal, dass er dort nie wieder hingehen würde, und dafür liebte ich ihn. Ich liebte ihn auch, weil er dort hinging. Die Zumutung, der er sich aussetzte, wenn er auf dem Boden saß und sang, erschien mir dabei ungleich schlimmer als meine eigene Krabbelgruppen­zumutung. Der Termin war für sich genommen eine Zumutung, aber ich fand ihn noch unzumutbarer, wenn ich wusste, dass ein Mann, mein Freund, ihn wahrnahm.

Alle gingen zu irgendwelchen Krabbelterminen, also hatte ich mir ebenfalls einen Krabbeltermin gesucht. Diese Logik wirkt nicht besonders erwachsen. Erwachsen fand ich mich allerdings auch nicht, wenn ich mir in den Momenten zusah, in denen ich versuchte, alles so richtig wie möglich zu machen, und mich dabei ängstlich umsah und die anderen beobachtete. Ich sah dann zu meinem Baby und dachte: Wenn du wüsstest, wie wenig ich weiß, wo es langgeht. Verstehst du, ich tue hier die ganze Zeit nur so. Wenn du wüsstest, wie viel Angst ich habe. Hatten die anderen auch Angst?

Hätten wir nicht zur gleichen Zeit Kinder bekommen, wären wir uns nie begegnet. Denn wir kamen aus zu unterschiedlichen Milieus, wir hatten Berufe, die nichts miteinander zu tun hatten, unsere Codes sortierten sich gegenseitig aus. Nun aber saßen wir hier, und es verband uns doch eine ganze Menge. Was wir während der Tage und Nächte machten, verband uns, und was wir googelten, wenn unsere Kinder schliefen.

Außerdem verband uns, dass wir einander ganz genau abcheckten. Wir beobachteten uns gegenseitig, abwartend und aufmerksam. Die Gespräche waren vorsichtig, so, als befürchte man, zu viel zu verraten. Und dann schmeckte dieser Raum mitunter sehr streng.

Ich wusste, wer welche Feuchttücher benutzte und dass es Frauen gab, die es einen Skandal ­finden würden, dass hier teilweise mit Feucht­tüchern gearbeitet wurde, die irgendwelche Zusätze enthalten. Ich wusste, dass außer einer Mutter alle die Windeln kauften, die am teuersten waren. Du hast offenkundig nicht mehr alle Tassen im Schrank, sagte ich mir dann, was gehen dich die Feuchttücher anderer Leute an? Aber ich guckte weiter.

Ich wusste, wer schon abgestillt hatte. Ich wusste, dass eines der Babys nachts so häufig aufwachte, dass seine Mutter überlegte, nicht mehr zu stillen, und dass sie deswegen schon jetzt ein schlechtes Gewissen hatte. Ich sagte in die Schneidersitzrunde, natürlich, hör auf zu stillen, und dann schwiegen kurz alle, und irgendwer wies mit gesenktem Blick darauf hin, dass Stillen schon sehr wichtig sei. Und dann sagte eine andere Frau mutig, dass das natürlich jeder selber wissen müsse, auch wenn Stillen, ja, sehr, sehr wichtig sei, keine Frage. Und so hatte vermutlich nicht nur die Frau mit dem wachen Baby, sondern auch ich das Gefühl, wir gehörten ins Gefängnis.

Ich wusste, dass die meisten den Brei für ihre Babys selber kochten, und dass ich es nicht tat. Ich studierte, welche der Mütter besonders gestresst wirkte, und wenn eine die Frechheit besaß, entspannt zu sein, unterstellte ich ihr, dass sie nur so tue, und fragte mich, warum ich so angestrengt war und was mit mir nicht stimmte.

Und so sitzen vermutlich viele Frauen in diesen Gruppen (oder auf Spielplätzen, in Kinder­cafés, in Wartezimmern) zusammen und beobachten sich gegenseitig, weil sie glauben, man beobachte sie. Sie sitzen mit anderen Müttern zusammen und tauschen sich über ihre Beobachtungen anderer Mütter aus und wie unmöglich sie sind. Zu berufstätig, zu wenig berufstätig, over-protective, nicht protective genug und so weiter. Und das schreiben sie dann über die Kommentarfunktion unter die Artikel irgendwelcher Mütter-Blogs, die unmöglich mit ihnen reden.

Es war also nicht nur meine Krabbelgruppe, die Augen hatte, auch das Internet konnte mich sehen. Meine Timeline wusste, was ich brauchte, und so bekam ich ständig irgendwelche Blogs und Mütter und Babys und Baby­wippen vorgeschlagen, mit denen ich mich vergleichen konnte.

Aber man bewertet ja nicht, weil man denkt, das sei notwendig oder richtig. Man tut es, weil man Angst hat, falsch zu sein. Man tut es, weil man unsicher ist und sich, indem man andere abwertet, darüber versichern kann, dass man richtig ist.

Ich weiß nicht genau, woher diese fundamentale Unsicherheit kommt. Ein wichtiger Aspekt ist sicher, dass eine traditionell stark aufgeladene und überhöhte Rolle, die Mutterrolle, mit dem Anspruch zusammenknallt, dass diese Mutter auch beruflich erfolgreich sein sollte. Weil dieses Modell erst seit relativ kurzer Zeit ausprobiert wird, gibt es dafür natürlich noch nicht so viele Beispiele, und darüber hinaus spielen in dieser modernen Mutterversuchs­anordnung eben auch Kinder eine zentrale Rolle. Kinder, deren Wohlergehen einen speziell sensi­blen Nerv im Mutterkopf anspricht, der folglich leicht zu irritieren ist.

Und vielleicht bedingt dieser komplexe und lange währende Umbruch eine Art mütterliche Identitätskrise, die sich vor allem in ängstlichen Seitenblicken äußert. Der Bewertungssport könnte zudem dadurch beschleunigt werden, dass erstens pausenlos irgendwelche Experten erklären, wie es richtig geht, und dass sich zweitens nahezu jeder von dem Mutterthema angesprochen fühlen und sich dazu äußern kann (Alle haben Mütter, haben gute oder schlechte Erfahrungen gemacht, haben eine Idee davon, wie es wäre, wenn es perfekt wäre). Und dadurch kann dann das Gefühl entstehen, man werde als Mutter permanent beobachtet.

Dass man so unsicher ist, wird jedenfalls dadurch verstärkt, dass man täglich verschiedenen Müttermodellen (Arbeitsmodelle, Erziehungsmodelle, tatsächlich: Lebensmodelle) dabei zusehen kann, wie sie perfekt zu funktionieren scheinen. Man geht mit dieser Situation um, wie man seit jeher mit Situationen umgeht, die man im Internet sieht. Man liked sie oder nicht, man liked nicht nur im Internet, man tut es auch in der Krabbelgruppe. Das heißt, man bewertet auch, weil das eben ist, was man als moderner Mensch tut.

Wirklich crazy war jedoch, dass ich nicht nur das Gefühl hatte, dass wir einander observierten, sondern dass auch die Babys überwacht wurden. Ich meine, es wurde sich zu Beginn der Stunde präzise und ausgedehnt darüber ausgetauscht, welches Baby was konnte. Manche Mütter waren besorgt, wenn ihr Baby noch nicht krabbelte. Sie waren vollkommen verrückt danach, ihren Kindern dieses Krabbeln beizubringen. Auch ich wurde einmal nachdenklich, weil mein Kind irgendetwas nicht tat, was aber alle anderen taten.

Was sich damit in meinem und dem Kopf der anderen Mütter vollzog, ist naheliegend: Das Kind funktionierte als eine Art Erweiterung des angeschlagenen Selbst, das in jener Zeit einzig auf dem Babyfeld reüssieren konnte und somit an sich zu zweifeln begann, wenn das Baby noch nicht konnte, was es laut Tabelle ­können sollte.

Einmal traf ich eine alte Freundin nach vielen Jahren auf einem Spielplatz. Beide hatten wir inzwischen Kinder. Wir sprachen darüber, wie wir uns die Aufgaben mit unseren Männern teilten und welcher Bezirk der beste zum Wohnen sei. Ich sagte ihr, dass ich bald wieder voll arbeiten würde, sie erzählte, dass das bei ihr noch nicht gehen würde, dass sie es aber ohnehin besser fände, so lange wie möglich bei dem Kind zu Hause zu sein. Schließlich sagte sie mir, dass ich nicht besonders glücklich aussehe.

Auf dem Nachhauseweg hatte ich ein schlechtes Gefühl. Ich verstand erst später, dass ich ihre Aussage über mein Glück wie ein Urteil über meine bisherige Lebensleistung aufgefasst hatte. Dagegen hatte sie sich vielleicht falsch gefühlt, weil sie nicht arbeitete, und musste mich aus diesem Grund irgendwie zurückverletzen.

Das Schreckliche an diesem Kapitalismus ist nun mal, dass man die Wahl hat. Das ist beängstigend, und aus diesem Grund wollen die Menschen ihre Sicht an den Umständen festnageln. Sie wollen ihr Selbstbild und wie es sich in der Welt spiegelt, fixieren, weil sie befürchten, sonst zu straucheln. Sie befürchten, die falschen Entscheidungen getroffen zu haben.

Antonia Baum hat ihre Erfahrungen in dem Buch "Stillleben" aufgeschrieben (Piper, 20 €). Dieser Text ist ein Auszug.

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