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Meron Estefanos: jagt Schlepper

Foto: Robin Hinsch
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Es begann mit einem Anruf am 9. Februar 2011. „Sie kommen einmal pro Stunde und foltern uns. Wir sterben“, sagt ein Mann, offensichtlich in Todesangst. Er spricht Tigrinya, die Sprache Eritreas. Dort ist Meron Estefanos aufgewachsen. Als Jugendliche kam sie nach Schweden. Nicht als Flüchtling, sondern in einem bequemen Flugzeug nach Stockholm, wo ihr Vater Arbeit gefunden hatte. Dort saß sie in ihrer Küche, als der Anruf kam, der ihr Leben veränderte.

Flüchtlingsgeschichten gehört hatte die Radiojournalistin zuvor schon viele, auch darüber berichtet. Auch aus Eritrea, wo Isaias Afwerki, ein ehemaliger Freiheitskämpfer, der seit 1993 an der Spitze eines Einparteiensystems steht, ein brutales Regime aufgebaut hat. Mehr als eine halbe Million Menschen sind in den vergangenen 20 Jahren von dort geflohen, die meisten über Schlepperbanden.

Was Meron 2011 jedoch schockt, ist das perfide Geschäftsmodell der Schlepper: Um Geld von Angehörigen im Ausland zu erpressen, foltern sie die Flüchtlinge, während die mit ihrer Familie telefonieren und irgendwann nur noch ins Telefon schreien.

Den Mann von jenem ersten Anruf hat Meron gerettet. Als Journalistin konnte sie Druck auf die Behörden ausüben. Weitere Anrufe folgten. Von ihrer Küche aus mit dem Handy Behörden oder Hilfsorganisationen, manchmal auch Kirchenleute in Gang zu setzen, wurde ihre neue Lebensaufgabe. Sie verhandelt auch selbst am Telefon mit den Schleppern, hilft bei der Organisation von Lösegeldern und tröstet verzweifelte Angehörige. Und sie sammelt unermüdlich Beweise, zeichnet Telefongespräche auf, führt Listen mit den Lösegeldsummen. Ihr Ziel: Die Täter vor Gericht zu bringen.

Die Foltercamps entstanden um 2010 zunächst auf der Sinai-Halbinsel, später – nach Auffliegen der Camps 2013 – in dem nach dem Sturz Gaddafis von Bürgerkriegen zerrissenen Libyen. Damals dachte Meron, so erzählte sie es dem SZ-Magazin, sie könne helfen, das Grauen zu beenden, wenn die Welt nur erführe, was dort passiert.

Einen der Folter-Anrufe überträgt sie live in ihrer Radio-Sendung bei Radio Erena, einem tigrinya- und arabischsprachigen Sender in Paris. Danach hofft Meron auf einen Aufschrei, auf Anrufe von Behörden. Doch es geschieht nichts. Nur, dass noch mehr Gefangene ihre Nummer wählen. Sie hört Frauen und Kinder, die vergewaltigt werden, sie hört Menschen im Todeskampf sterben.

Zu dem Zeitpunkt hat Meron einen kleinen Sohn, ist alleinerziehend. Sie schreibt an große Hilfsorganisationen, sucht den Kontakt zu den Medien. Ein israelisches Filmteam reist mit ihr nach Sinai, macht die aufrüttelnde Doku: „Sound of Torture“ (zu sehen auf YouTube).

Als sie erfährt, dass einige der Täter in Europa leben, hofft sie auf Europol. Doch wieder passiert nichts. Entsetzt vom Desinteresse der Behörden, beschließt sie, selbst Jagd auf die Schmuggler zu machen. Ihre Küche in Stockholm wird zur Zentrale. Sie lässt Geflüchtete bei sich auf der Couch übernachten. Und sie fragt sie: „Wer sind die Schlepper? Wie arbeiten sie? Mit wem? Wo leben sie?“

Wenn die Schlepper das Lösegeld erhalten haben, setzen sie die Flüchtlinge in nicht seetüchtige und überfüllte Boote nach Italien. Diese Bilder erreichten Europa schließlich. StaatsanwältInnen begannen zu ermitteln, deckten Netzwerke auf, die sich von Eritrea, Äthiopien oder Somalia bis nach Nordeuropa, auch nach Deutschland erstrecken. Aber verhaftet wurden nur einige wenige Schlepper. Einen der brutalsten servierte Meron der Polizei sogar auf dem Silbertablett. Doch schon nach wenigen Monaten kam er in Äthiopien frei. Korruption. Ihre bittere Erkenntnis: Den europäischen Behörden geht es nicht darum, Folter und Menschenhandel zu bekämpfen, sie wollen lediglich die Migration nach Europa stoppen.

„Solange Europa nicht mit voller Kraft handelt, werden die Netzwerke niemals zerschlagen“, ist sich die 48-Jährige sicher. Meron Estefanos kennt sie alle: Die Routen, die Schlepper, sogar ihre Aufenthaltsorte. Noch hat sich keine Staatsanwaltschaft bei ihr gemeldet. Es wäre alles da.

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