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Prostitution: Mythen & Realität

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>>„Viele Frauen machen das doch freiwillig!“

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Über 90 Prozent der Frauen, die sich in Deutschland prostituieren, kommen aus den ärmsten Ländern Europas oder Afrika. Manche sind Analphabetinnen, viele können kein Deutsch und wissen nicht, in welcher Stadt sie sich gerade aufhalten (müssen).

Erfahrene Kommissare, die über Jahrzehnte im Rotlichtmilieu ermittelt haben, schütteln nur den Kopf über die Unterscheidung zwischen „freiwilliger“ Prostitution und „Zwangsprostitution“. Kommissar a. D. Manfred Paulus: „Es sollte klar sein, dass eine Weißrussin aus dem Tschernobyl-Gebiet oder eine Roma aus dem Ghetto in Rumänien sich niemals allein aufmachen kann, um sich in Deutschland zu prostituieren. Die haben kein Geld, keine Bezugspersonen, keine Anlaufstelle.“ Der EU-Experte für Frauenhandel weiter: „Die Frauen werden ins Land geschleust. Die Organisierte Kriminalität hat das Gewerbe im Griff.“

Sein Kollege, Oberkriminalrat a. D. in Augsburg, Helmut Sporer bestätigt: „Da ist eine Sklaverei unter staatlicher Aufsicht entstanden.“ Manchmal ist der Sklaventreiber die eigene Familie, die die Tochter zum Anschaffen nach Deutschland schickt, beaufsichtigt von einem „Cousin“. Und die Minderheit der deutschen Frauen? Studien belegen, dass Frauen in der Prostitution weit überdurchschnittlich oft Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch sind. Gerade sie werden oft Opfer sogenannter Loverboys, die ihnen Liebe vorgaukeln und sie dann für sich anschaffen lassen.

>>„Wenn man die Freier bestraft, rutscht die Prostitution in die Illegalität.“

Schlimmer kann es eigentlich kaum noch werden. Deutschland hat in Sachen Prostitution eines der liberalsten Gesetze der Welt (inklusive „Weisungsrecht“ für Bordellbetreiber) – und damit einen der größten Prostitutionsmärkte der Welt. Experten schätzen die Zahl der Frauen in der Prostitution auf 200–400.000 – schon daran sehen wir, wie stark die angeblich „legale Prostitution“ illegal ist. Deutschland lädt Zuhälter und Frauenhändler regelrecht ein, „ihre“ – oft sehr jungen – Frauen hierher zu transportieren.

Wo sonst gibt es so viele und so große Bordelle, in denen sie die Mädchen vermarkten können? Wo sonst können sie ungehindert für ihre Ware werben, von der Zeitungsannonce bis zum Werbeplakat? Zuhälterei und Menschenhandel kann die Polizei de facto nur mit der Aussage der Frau nachweisen, die sie in der Regel nicht bekommt. Die Frauen haben Angst. Prostitution gilt in Deutschland als Privatsache.

In Schweden ist das anders. Dort beträgt der Prostitutionsmarkt heute relativ zur Einwohnerzahl nur noch ein Zehntel des Marktes in Deutschland. Wenn Sexkauf stattfindet, machen sich alle strafbar, die daran beteiligt sind – außer der Prostituierten. Damit sind Zuhälterei und Menschenhandel in Schweden viel leichter zu verfolgen. Das deutsche Prostituiertenschutzgesetz, das nach dem skandalösen von 2002 am 1. Juli 2017 in Kraft trat, hat hingegen nichts bewirkt. Gerade einmal 30.000 Frauen sind als Prostituierte angemeldet, also etwa jede zehnte. Neun von zehn Prostituierten arbeiten in Deutschland also nach wie vor in der „Illegalität“.

>>„Wenn man Männern verbietet, Frauen zu kaufen, steigt die Zahl der Vergewaltigungen.“

Es ist genau umgekehrt. Eine Gesellschaft, die Prostitution als „normal“ akzeptiert, signalisiert damit Männern, sie hätten das Recht, über Frauen und ihren Körper zu verfügen. Sie signalisiert, für Männer sei eine Sexualität „normal“, bei der die sexuellen Bedürfnisse des Gegenübers keinerlei Rolle spielen. Sie signalisiert, Männer dürften ihre sexuellen Bedürfnisse jederzeit und um jeden Preis befriedigen. Wenn junge Männer mit einem solchen Frauenbild aufwachsen, dürfte die Zahl der sexuellen Übergriffe auf Frauen eher steigen.

In Schweden, so argumentieren manche, sei die Zahl der Vergewaltigungen seit Einführung der Freierbestrafung gestiegen. Das ist falsch. Gestiegen ist die Zahl der Anzeigen wegen Vergewaltigung. Und das hängt damit zusammen, dass Schweden mit der Freierbestrafung 1998 ein ganzes Gesetzespaket („Kvinnofrid“ = Frauenfrieden) gegen Gewalt gegen Frauen verabschiedet hat. In Schweden herrscht also schon seit vielen Jahren ein Klima, in dem Frauen ermutigt werden, Vergewaltiger anzuzeigen, und Prostituierte, auszusteigen.

Übrigens belegen Studien: Die Mehrzahl der Freier ist verheiratet. Sie gehen nicht zu Prostituierten, weil sie einen „sexuellen Notstand“ haben. Sie gehen zu Prostituierten, weil sie Macht über die Frau haben wollen. In Schweden begrüßen heute drei von vier Männern das Sexkaufverbot (acht von zehn Frauen). In Frankreich sind seit der Einführung der Freierbestrafung 2017 schon zwei von drei Männern für die Bestrafung von Freiern (und acht von zehn Frauen).

>>„Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt, das kann man nicht abschaffen!“

Prostitution ist nur so alt wie das Patriarchat. Die ersten „Prostituierten“ waren Sklavinnen, die in Kriegen als Gefangene den Siegern zu Diensten sein mussten. In Zeiten, in denen Frauen der Zugang zu Bildung und Berufen verwehrt wurde, blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als ihren Körper zu verkaufen, wenn kein Ehemann als Versorger da war. Prostitution ist für Frauen also immer Zwang gewesen und eine Verletzung ihrer körperlichen wie seelischen Integrität.

Lässt sich Prostitution ganz abschaffen? Nein. Auch Gewalt in Beziehungen oder sexuellen Missbrauch von Kindern werden wir nie ganz verhindern können, aber wir können sie ächten und bestrafen. Und auch die Sklaverei wird heute – nach langen Kämpfen, an deren vorderster Front übrigens Frauenrechtlerinnen standen – weltweit geächtet. Natürlich gibt es sie noch, aber sie wird in Demokratien als Menschenrechtsverletzung verfolgt.

„Prostituierte sind eine in Bezug auf Gewalt hochgradig gefährdete Gruppe“, stellte das Bundesfrauenministerium 2004 in seiner Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ fest, für die Frauen in der Prostitution speziell befragt wurden. Fazit: Die „gesundheitliche und psychische Verfassung vieler Prostituierter ist äußerst problematisch".

Schon 1949 erklärte die UNO: „Die Prostitution und das sie begleitende Übel des Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution sind mit der Würde und dem Wert der menschlichen Person unvereinbar.“

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