Werdenigg: Sie schweigt nicht

Nicola Werdenigg: Das ist erst der Anfang! Foto: Heribert Corn
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Sie ist so zierlich, nicht größer als 1,65, ihre unbändige Lockenmähne nicht mitgerechnet. Dabei hätte man sie sich wie ein Mannsweib vorgestellt. Sie, die den Machos im österreichischen Skisport Paroli bietet.

Nicola Werdenigg, ehemalige Skirennläuferin und Olympia-Vierte von 1976, war es, die letzten Herbst mit einem mutigen Interview in der Wiener Tageszeitung der Standard das Tabu sexueller Übergriffe und Machtmissbrauch im österreichischen Skisport brach. Sie sprach darüber, wie zwei ihrer Kollegen aus dem Ski-Kader sie in den 1970er-Jahren zuerst betrunken gemacht und dann einer von ihnen sie vergewaltigt hatte. Sie erzählte von einer Kollegin, die erst vor ein paar Jahren sexuell belästigt und deren Fall vertuscht wurde, obwohl er ans Management des Österreichischen Skiverbands (ÖSV) herangetragen wurde.

Ihr ist es zu verdanken, dass es in der Tiroler Kriminalpolizei jetzt eine eigene Taskforce zur Aufklärung von Übergriffen in den Skihauptschulen in Neustift und in anderen Tiroler Ausbildungsstätten gibt. Und dass der Mann, der als ehemaliger Leiter der Skihauptschule Jugendliche in den 1990er-Jahren jahrelang belästigt und missbraucht hatte, endlich suspendiert wurde. Er hatte danach eine steile Karriere in der Bildungsbürokratie gemacht.

Weg von den Kindern, dafür rauf in die Hierarchie oder Wechsel in eine andere Sportart, einen anderen Verband oder in ein anderes Land – nach diesem Muster überleben viele Belästiger im Umfeld des Spitzensports. Werdenigg wird man irgendwann auch zuschreiben, dass im Jahr 2017 die Macho-Strukturen im ÖSV endlich hinterfragt wurden und sich das Ende der 27-jährigen Ära von Präsident Peter Schröcksnadel abzeichnete.

Aber Werdenigg will mehr. Gemeinsam mit der Sportwissenschaftlerin und Psychologin Chris Karl gründete sie Anfang des Jahres den Verein „WeTogether“. Das „Institut zur Prävention von Machtmissbrauch im Sport“ soll als unabhängige Anlaufstelle für Opfer von Missbrauch jeder Form arbeiten. In Österreich, in Deutschland, in Europa. ­Jeder Fall wird protokolliert, für jede Person psychologische und juristische Betreuung ­gesucht. Die Vernetzung ist wichtig, damit Täter sich nicht nach oben oder jenseits der Grenze schummeln können. Wie so oft. ­Offizielle Unterstützung gibt es noch keine, Anerkennung durch die Politik auch nicht. Österreichs Sportminister ist Heinz-Chris­tian Strache, Chef der rechtspopulistischen FPÖ.

Nicola Werdenigg verstehen heißt, sich auf eine Reise zu begeben durch ein Leben, das weder Langeweile noch Stillstand kennt. Dass sie ihre persönliche Missbrauchsgeschichte öffentlich machen wollte, wusste sie schon vor einem Jahr, nachdem sie sie mit Hilfe einer Therapie aufgearbeitet und abgeschlossen hatte. Als im Herbst letzten Jahres die #MeToo-Bewegung weltweit Schlagzeilen machte und der alljährliche Skipatriotismuszirkus im Anlaufen war, spürte sie, dass es der richtige Moment war, um das Tabu zu brechen.

Ein doppeltes Tabu. Sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch in totalitären Systemen, wie es der Spitzensport schnell sein kann, sind das eine. Das andere ist Österreich und sein Verhältnis zum Skisport. Die Siege im Winter sind patriotische Akte, Momente der Selbstvergewisserung, hochgejazzt vom staatlichen Rundfunk und den Boulevardmedien. Wer da „reinspuckt“, muss mit besonderem Widerstand rechnen.

Auch Werdennig erlebte umgehend das, was Soziologen „Victim Blaming“, also Opfer-Beschämung, nennen. Man lasse sich nicht pauschal beschmutzen, sie solle Namen nennen, und zwar dalli, sonst gäbe es eine Anzeige, tönte ein offensichtlich überforderter ÖSV-Präsident Schröcksnadel. Inzwischen setzt er auf „konstruktive Aufarbeitung“. Denn noch mehr Negativ-Schlagzeilen kann die umstrittene Rechts-Regierung nicht gebrauchen.

Werdenigg stammt aus heimischem Skiadel. Ihre Mutter Erika, gerufen Rikki, war eine der bekanntesten Skisportlerinnen der Nachkriegsjahre; ihr Vater Trainer des österreichischen Damen-Ski-Nationalteams; ihr Bruder Uli Spieß erfolgreicher Rennläufer. Nicola wuchs im Zillertal auf, den Eltern gehörte eine der größten Skischulen Österreichs in Mayrhofen. Für sie prägend sind nicht nur die skifanatischen Eltern, sondern vor allem die Großmutter väterlicherseits. Die war, mitten im erzkonservativen Tirol, eine glühende Anhängerin des sozialdemokratischen Kanzlers Bruno Kreisky, las die Arbeiter-Zeitung und hatte etwas Widerspenstiges an sich, das der kleinen Nicola imponierte.

Die Enkelin hat jetzt immer zwei Handys in ihrer geräumigen Handtasche, die unentwegt läuten. Journalisten, die etwas wissen wollen; Freunde, die ihr Mut zusprechen; und Sportlerinnen und Sportler, die sie anrufen, um über ihren eigenen Missbrauch zu erzählen. Was endlich kein Tabu mehr ist.

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