Dem Impfstoff auf der Spur

Die Britin Sarah Gilbert ist nah dran am Corona-Impfstoff. - Foto: John Cairns/Oxford University
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Sarah Gilbert ist im Endspurt. Sie könnte eine der ForscherInnen sein, die die Welt von Corona erlöst. Die britische Forscherin ist in Phase drei, das ist in der Impfstoffforschung die letzte Phase, bevor ein Impfstoff auf den Markt darf. Russland und China haben diese Phase "übersprungen", Russland präsentierte bereits den ersten Corona-Impfstoff - und steht damit in der Kritik. Schon im September könnte Gilbert die Phase drei abschließen. Das ist High-Speed.

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Der plötzliche Rummel ist für sie Ablenkung von ihrer Arbeit

Seit Anfang August weiß man offiziell, dass ihre Studie bisher erfolgreich verlaufen ist. In dem wissenschaftlichen Fachblatt „The Lancet“ wurde über die Wirkungen und Nebenwirkungen von mehr als 1000 ihrer Testpersonen berichtet. Das Resultat war: eine eindeutige Immunreaktion ohne schwere Nebenwirkungen. Das hat scheinbar noch niemand vor Gilbert geschafft. In den britischen Medien ist sie in den letzten Monaten zum Wissenschaftsstar gehypt worden. Für sie selbst ist der plötzliche Rummel nur eine Ablenkung von ihrer Arbeit. Gilbert gibt keine Interviews, keine Konferenzen, geht kaum in die Öffentlichkeit. Sie braucht jeden Tag, jede Stunde für ihre Forschung.

Nun schaut die Welt also nicht nur gebannt Russland und China, sondern auch nach Oxford. Gilbert ist dort seit 2010 Professorin für Impfstoffforschung am Jenner-Institut. Ihr Spezialgebiet: Adenoviren von Schimpansen, die so verändert werden können, dass sie starke Immunreaktionen hervorrufen – das sollen sie auch gegen Covid-19. Nur die Immunität durch ein sogenanntes Vakzin kann dafür sorgen, dass in Zukunft nicht länger Corona-Pandemien wellenweise unser Alltagsleben bestimmen und Todesopfer fordern.

Nachdem chinesische WissenschaftlerInnen Anfang Januar erste genetische Details des Coronavirus veröffentlicht hatten, legte Gilbert den Turbo-Gang ein. Am 10. Januar, lange bevor die WHO Corona überhaupt zur Pandemie erklärte, begann Gilbert die Covid-19-Forschung, ahnend, was kommt. In nur hundert Tagen hatte sie die genetische Sequenz, sozusagen der Bauplan des Virus, entschlüsselt.

Erste Testläufe für Vakzine brachte sie bereits Ende Mai auf den Weg. 10.000 Menschen ließen sich in ihrem Labor spritzen, darunter auch ihre drei Kinder – Drillinge. Keine Sorge, die drei sind keine Babys mehr, sondern 21 Jahre alt und studieren unisono Biochemie. Sie sind darum selber interessiert an Mutters Forschung und wissen von Kindheit an, welche Bedeutung die hat. Nicht minder Gilberts Ehemann. Als die Drillinge 1998 geboren wurden, übernahm der Vater, ebenfalls ein Wissenschaftler, die Kinder und den Haushalt und legte seine Karriere eine Zeit lang auf Eis.

Die heute 58-Jährige Sarah Gilbert kam in Kettering, nördlich von London, zur Welt, einen Steinwurf entfernt von Oxford. Ihre Mutter war Grundschullehrerin, ihr Vater Bürokaufmann für Herrenschuhe. Eine eher musisch orientierte Familie. Dass die Tochter Wissenschaftlerin werden wollte, wusste Sarah „quasi ab Geburt“. Ihre früheren KlassenkameradInnen beschreiben sie als „hochintelligent“, und allen war schnell klar, dass Sarah es weit bringen wird.

Gilbert entwickelte auch den "Action-Plan" für die "Seuche X". Der Fall X ist eingetreten

Ihre wissenschaftliche Karriere begann mit der Erforschung von Malaria-Viren, da ist sie Ende 20. Seither haben es ihr die bösartigsten Viren dieser Welt angetan: das Nipah-Virus, das tödliche Gehirnentzündungen auslöst; das afrikanische Lassa-Fieber, das Riftalfieber, Ebola, MERS. Die ersten großen Vorstöße gegen MERS (ein Virus aus der Gruppe der Coronaviren), sind ihr zu verdanken. Auch wurde die WHO 2014 auf Gilbert aufmerksam, als sie eine Strategie für den Kampf gegen Ebola entwirft. Gilbert entwickelte anhand der Ebola-Ergebnisse einen „Action-Plan“, falls in der Zukunft die „Seuche-X“, also ein unbekanntes Virus pandemisch ausbrechen sollte. Der Fall X ist nun eingetreten.

Gilberts „Oxford-Team“ bestand im Januar 2020 noch aus einer Handvoll ForscherInnen, jetzt sind es 250. Um vier Uhr morgens steht die Chefin auf, arbeitet ein paar Stunden von zuhause aus, fährt dann mit dem Fahrrad in ihr Institut und arbeitet dort bis spät in den Abend. Unermüdlich. Gilbert hat mit dem Pharma-Giganten AstraZeneca Plc einen Deal ausgehandelt, der die weltweite Verteilung des Impfstoffs auf einer Non-Profit-Basis garantieren soll. Großbritannien orderte bereits 100 Millionen Impfstoffdosen. Die ersten zwei Billionen Dosen gehen in die Produktion - sobald Sarah Gilbert ihr Go gibt. Go Sarah!

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„Marie Curie war mein Vorbild!“

Rosamund Pike als Marie Curie.
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„Ich werde für Veränderung sorgen, wie es Newton getan hat!“ Die junge, stolze, aus Polen eingewanderte Physikerin an der Pariser Sorbonne weiß, was sie kann und was sie will. Und dank des Films von Marjane Satrapi weiß die Zuschauerin es bald auch.

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Die exil-iranische Filmemacherin und Cartoonistin („Persepolis“) wirft mit ihrer aufwändigen Verfilmung einen sehr genauen Blick auf das Leben von Marie Curie (eindringlich: Rosamund Pike), die 1867 als Maria Sklodowkska in Warschau geboren wurde. Obwohl sie mit 15 ein glänzendes Abitur hinlegt, wird sie als Mädchen nicht zum Studium zugelassen und geht deshalb nach Frankreich. Dort entdeckt sie schließlich die Radioaktivität.

Wir erleben die Genialität der zweifachen Nobelpreisträgerin (1903: Physik, 1911: Chemie), ihre Liebes- und Arbeitsbeziehung mit Pierre Curie – und ihren lebenslangen Kampf um Anerkennung in einer Männerwelt.

Marjane Satrapi - Foto: imago images/Stargate
Marjane Satrapi - Foto: imago images/Stargate

„Ich bin quasi mit Marie Curie aufgewachsen“, erklärt Filmemacherin Satrapi, die 1984 vor den Gotteskriegern im Iran floh und heute, wie einst Curie, in Paris lebt. „Meine Mutter hat ständig Madame Curie zitiert, als Vorbild, damit ich eine unabhängige Frau werde.“ Dennoch sei auch ihr einiges über ihr Rolemodel nicht bekannt gewesen. Zum Beispiel, dass die Wissenschaftlerin im Ersten Weltkrieg mobile Röntgenstationen entwickelte und so Tausenden Soldaten die Amputation ihrer Gliedmaßen ersparte.  

Dass Curie als „arrogant“ galt, findet Marjane Satrapi „lächerlich, wenn man bedenkt, was sie erreicht hat. Picasso soll angeblich ein Arschloch gewesen sein, aber als Mann verzeiht man ihm das, weil er ein Genie war. Wenn eine Frau Außergewöhnliches leistet, erwarten die Leute, dass sie ein bescheidenes, süßes Mäuschen bleibt. Wir sollten damit aufhören.“

Was Marie und Marjane gemeinsam haben? "Sie war viel intelligenter, als ich jemals sein werde", findet die Regisseurin. "Aber was wir vielleicht gemeinsam haben, ist die Sturheit. Ich mache auch mein Ding und will micht nicht ständig rechtfertigen."

Marie Curie – Elemente des Lebens, jetzt im Kino

Graphic Novel: Anna Blaszcyk, Frances A. Osterfelt, Anja C. Andersen: Marie Curie - Licht im Dunkeln (Knesebeck, 22 €)

 

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