In der aktuellen EMMA

Stärkt die liberalen MuslimInnen!

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Nach den Anschlägen des 11. September 2001 haben wir uns stark auf das Phänomen des Extremismus und des Salafismus konzentriert, und dies zu Recht. Die Frage, die viele beschäftigte, war die nach der Radikalisierung von jungen Muslimen, die hier in Europa geboren und aufgewachsen sind. Der postsalafistische islamistische Diskurs verwendet dieselbe Opferrhetorik wie die Salafisten. Muslime werden als eine über alle Zeiten hinweg verfolgte Gemeinschaft imaginiert, die Gesellschaft wird in „Wir, die Guten“ und „Die Anderen, die Bösen“, „Wir, die Opfer“ und „Die Anderen, die Täter“ polarisiert. Anders als der Salafismus verpackt der postsalafistische Diskurs seine Rhetorik kaum in einer religiösen Sprache. Statt wie der Salafist die „anderen“ als Kuffar (Ungläubige) zu stigmatisieren, werden sie nun als Islamophobe, Islamhasser oder Rassisten klassifiziert.

Der postsalafistische Islamist versucht, Parallele zu ziehen vom einstigen Kolonialismus zu der heutigen Lage der Muslime in der Welt. Der „antimuslimische Rassismus“ beginnt für ihn mit der Entdeckung Amerikas 1492 durch den „weißen Mann“. Und so werden Begriffe wie „der Westen“, „der weiße Mann“, „Kolonialismus“, „anti-islamischer Rassismus“ fast als Synonyme verwendet, um sie für die Herstellung einer Opferhaltung als globale und historisch verankerte kollektive Identität der Muslime zu benutzen.

Worin sich der politische Islam vom Salafismus unterscheidet, ist, dass er seine Machtansprüche durch die Partizipation an (zivil)gesellschaftlichen und politischen Institutionen zu verfestigen versucht und daher in der Gesellschaft kaum auffällt. Er präsentiert sich nach außen modern, seine Vertreter sind gebildet, eloquent und rhetorisch gut geschult. Man umgibt sich mit einer demokratischen Fassade, geschmückt mit Diversitätsappellen und Gendersternchen – während nach innen gegen den Westen polemisiert wird.

In Wirklichkeit geht es dem politischen Islam darum, geistige und gesellschaftliche Parallelstrukturen aufzubauen, die verhindern sollen, dass sich Muslime mit der Gesellschaft identifizieren. Dass ausgerechnet die Anhänger des politischen Islams den „anderen“ genau das vorwerfen, was sie selbst anstreben – die Ausweitung ihrer Herrschaft –, verwundert nicht, denn so kann der politische Islam immer mehr Räume und Privilegien für sich in Anspruch nehmen, um seine Macht Stück für Stück zu erweitern.

Immer wieder beobachte ich, wie in den sozialen Netzwerken nach rassistischen Angriffen gegen Muslime in Europa manche muslimische Akteure Pauschalverurteilungen gegen Politik, Medien und Mehrheitsgesellschaften Europas verbreiten. Dahinter verbirgt sich die Strategie, mit den Ängsten der Muslime zu spielen, um sie von den Mehrheitsgesellschaften abzuschotten. Und tatsächlich fallen viele verunsicherte Muslime auf diese Manipulation herein. Die Konstruktion des Feindbildes „Westen“ bzw. „weißer Mann“ dient dem politischen Islam zur Rekrutierung junger Muslime, denen man sich als Anwalt der Unterdrückten darstellt.

Der politische Islam hat in Ländern wie Deutschland große Chancen, weil sich gerade die deutsche Politik bei ihrer Suche nach Repräsentanten der Muslime für Vertreter der großen muslimischen Verbände entschieden hat. Das Dilemma ist, dass die meisten großen muslimischen Verbände im Laufe der Zeit politische Strukturen aufgebaut haben und zum Teil eher politischen als religiösen Agenden folgen. Dadurch verpassen sie allerdings nicht selten den Anschluss an die eigene Basis. Studien zeigen, dass Moscheegemeinden und religiöse Praxis immer unattraktiver für junge Muslime werden.

Angehörige der zweiten und dritten Migrantengeneration besuchen die Moschee weniger häufig als die der ersten Generation (23 versus 32 Prozent wöchentlich oder öfter). Sie bekunden auch deutlich seltener, mehrmals am Tag das persönliche Gebet zu verrichten (35 versus 55 Prozent). Gleichzeitig gewinnt aber die salafistische Szene gerade unter jungen Musliminnen und Muslimen immer mehr an Attraktivität.

Ich sehe heute die dringliche Notwendigkeit, diejenigen islamischen Institutionen und Interessenvertretungen in Deutschland zu bestärken, die bemüht sind, ein weltoffenes aufgeklärtes religiöses Angebot zu machen, ohne dabei eine politische Agenda zu verfolgen. Es wird allerdings eine Herausforderung bleiben, die Mehrheit der Muslime zu organisieren, denn der Islam ist in seinem Selbstverständnis dezentral organisiert, er kennt weder eine Kirche noch ein Lehramt.

Um Muslim zu sein, muss man kein Mitglied einer Gemeinde sein. Der Islam ist eine stark individuelle Religion. Das Drängen der deutschen Politik nach einer organisierten Struktur führt zu einer Art Zwangsverkirchlichung des Islams, von der bislang hauptsächlich der politische Islam profitieren konnte, weil er, wie etwa die Muslimbruderschaft, besser organisiert ist als die meisten anderen islamischen Institutionen in Deutschland.

Was ist jedoch mit anderen, eher liberaleren Verbänden, wieso gelten sie nicht auch als Ansprechpartner für den Staat? Es ist die deutsche Politik, die in den letzten Jahren den konservativen und politischen Islam gestärkt und aufgewertet hat. Und so stehen Theologen wie ich, die sich für eine aufgeklärte Auslegung des Islams und somit für die Freiheit des Menschen einsetzen, zwischen den Stühlen konservativer Verbände und naiver Politik.

Was gesagt werden muss: Alle Positionen innerhalb der islamischen Lehre, die Frauen in welcher Form auch immer benachteiligen, müssen ohne Wenn und Aber zurückgewiesen werden. Argumente, die Frauen auf Objekte der Begierde reduzieren (man darf ihnen nicht die Hand geben, damit keine sexuelle Erregung entsteht; sie dürfen nicht als Imaminnen vor Männern beten, damit die Männer nicht abgelenkt sind; sie müssen ihre Haare bedecken, damit die Männer nicht auf dumme Gedanken kommen) gehören der Vergangenheit an. Frauen sind heute gleichberechtigte Partnerinnen der Männer und sollten in allen sozialen Angelegenheiten – auch in Fragen der Erbschaft, der Heirat und Scheidung – gleichberechtigt behandelt werden.

Der Islam muss die Rolle des Brückenbauers zwischen allen Menschen, Kulturen, Religionen und Weltanschauungen einnehmen. Niemand darf ausgegrenzt werden. Dies gilt vor allem für Minderheiten, die es ohnehin schwer haben, ihre gesellschaftlichen Rechte durchzusetzen. Ich spreche nicht nur von religiösen Minderheiten in islamischen Ländern, sondern ausdrücklich auch von Homosexuellen. Manche muslimische Gelehrte erklären Homosexualität nicht nur zu einer religiös verwerflichen Neigung, sie sprechen sich sogar für die Todesstrafe für Homosexuelle durch Steinigung aus. Sie verurteilen Homosexualität aufgrund einer falschen Lesart koranischer Aussagen zum Volk Lot. In diesen Stellen geht es gar nicht um die Homosexualität, wie wir sie heute kennen, verurteilt wird vielmehr der Versuch derer, die die Gäste Lots durch Analpenetration demütigen und ihre Überlegenheit durch sexuelle Vergewaltigung demonstrieren wollten.

Der Islam wie ich ihn verstehe, würdigt alle Menschen als selbstbestimmte Subjekte, dazu gehört auch das Recht auf seine sexuelle Ausrichtung. Diese muss ohne Wenn und Aber gewürdigt, anerkannt und bejaht werden.

Der säkulare Staat schützt die Religionsfreiheit aller, an uns ist es, innerhalb dieses geschützten Rahmens nach einem Wertekonsens im Sinne der Freiheit des Menschen zu suchen. Werte der Selbstbestimmung sind auch im Sinne des Islams. Ich betone dies, weil ich immer wieder die Erfahrung mache, dass Muslime, die sich in eine Ecke gedrängt fühlen und daher eine gewisse apologetische Haltung eingenommen haben, alles pauschal ablehnen, sobald sie Verdacht schöpfen, das sei „westlich“. Dabei ist der Wert der Selbstbestimmung auch ein islamischer Wert.

Die Frage, die sich jeder Muslim stellen sollte, lautet: Wie kann ich die Gesellschaft, in der ich lebe, bereichern? Wie kann ich Hand Gottes auf Erden sein? Das Verfallen in eine Opferrolle lähmt jegliche positive Kraft in uns. Es geht nicht darum, die Welt in Täter und Opfer zu teilen. Vielmehr geht es um das geistige und kulturelle Brückenbauen in einer modernen pluralen Gesellschaft, die dringend die Kraft der Achtsamkeit und der Spiritualität benötigt. Darin sehe ich den Auftrag an uns Muslime heute, und darin sehe ich den Beitrag des Islams für unsere Gesellschaft.

Wir Muslime müssen aber verstehen, dass solche Veränderungen nicht vom Himmel fallen. Wir sind es, die unsere Geschichte und somit die Geschichte des Islams neu schreiben können und müssen. Daher liegt die Lösung nicht in der Passivität, auch nicht darin, sich vom Islam zu entfernen. Muslime müssen sich den innerislamischen Herausforderungen stellen. Und jeder muss bei sich selbst beginnen.

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