In der aktuellen EMMA

Strahlendes Norwegen

Foto: A.Volz/blickwinkel McPHOTO/Imago
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Von Deutschland aus gesehen kann Norwegen durchaus wie ein feministisches Paradies wirken – wenn frau nicht zu genau hinschaut. Denn Norwegen gibt sich alle Mühe, als feministischer Superstaat dazustehen. So heißt es im offiziellen Webauftritt des Gastlandes der diesjährigen Buchmesse: „Die Gleichstellung der Geschlechter ist für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg von Ländern essentiell. Norwegen gilt als eines der Länder mit der höchsten Gleichstellungsquote der Welt und misst diesem Wert eine hohe gesellschaftliche Bedeutung zu.“

Tatsächlich war Norwegen den deutschen Staaten bei Frauenrechten immer um Haupteslänge voraus: Cecilie Thoresen immatrikulierte sich 1882 als erste Studentin an einer norwegischen Universität, 18 Jahre vor der ersten Studentin an einer deutschen Uni. Das Großherzogtum Baden ermöglichte als erster deutscher Staat am 19. Januar 1900 das Frauenstudium. Das allgemeine Stimmrecht, eben auch für Frauen, wurde 1913 eingeführt, sechs Jahre vor Deutschland. Zwei Jahre vor uns, 1961, wurde Ingrid Bjerkås als erste Geistliche der Lutherischen Norwegischen Staatskirche ordiniert. In allen evangelisch-lutherischen Landeskirchen ging das erst ab 1963.

Und seit 1975 ist Schwangerschaftsabbruch in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen fast ohne bürokratische Hürden möglich – was bis heute nicht der Fall ist in Deutschland.

Die erste Regierungschefin war 1981 die Sozialdemokratin Gro Harlem Brundtland. Sie besetzte bei ihrer Wiederwahl 1986 ihr halbes Kabinett mit Ministerinnen. Und sie hat nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass sie ohne Quote bei den Betonköpfen ihrer Partei keine Chance gehabt hätte.

Der erste feministische Roman in Norwegen erschien 1854. Die Autorin Camilla Collett berief sich auf ihre Vorbilder Bettine von Arnim und Rahel Varnhagen – woran wir nun doch sehen, dass Deutschland nicht in allen Bereichen hintenan war. „Die Amtmannstöchter“, wie die deutsche Übersetzung von 1860 hieß, war zugleich der erste Roman in norwegischer Sprache überhaupt! Camilla Collett schrieb nur diesen einen Roman, ihr weiteres Werk besteht aus Essays und Kampfschriften, die wegweisend für die norwegische Frauenbewegung wurden. Übrigens besuchte Collett 1872 ihren Landsmann Henrik Ibsen in Dresden. Ibsen bezeichnete sie als eines seiner Vorbilder. Sie dagegen attestierte dem ­Dramatiker, der noch heute in Deutschland den Ruf eines progressiven Frauenverstehers genießt, das „Frauenbild eines Höhlenmenschen“.

2003 machte die Entscheidung, nur Unternehmen mit mindestens 30 Prozent Frauen im Vorstand an die Börse zu lassen, international Schlagzeilen. Aber wenn wir dann lesen, dass die 30 umsatzstärksten norwegischen Firmen allesamt keine Frau im Vorstand haben und es ihnen egal ist, deshalb nicht an die Börse zu dürfen, fällt doch ein Schatten über das positive Bild. Selbst der Webauftritt vom „Gastland Norwegen“ muss einräumen: „Das durchschnittliche Einkommen von Frauen liegt bei nur 69 Prozent des Einkommens der Männer.“ Das liegt nicht daran, dass die Professorin weniger verdient als der Professor. Doch auch in Norwegen finden wir in Teilzeitjobs und in den miesbezahlten Pflegeberufen eben vor allem Frauen.

Stichwort Professorin: Der Anteil von Professorinnen an norwegischen Universitäten (15 Prozent) liegt weit unter dem europäischen Durchschnitt, sogar unter dem deutschen (25). Und das hierzulande so heiß umstrittene Hausfrauengehalt, die „Herdprämie“ (in Norwegen „Barunterstützung“ genannt), existiert in Norwegen seit 1998. Ebenso lange schon verspricht fast jede neue Regierung, sie wieder abzuschaffen, stellt dann aber fest, dass es billiger ist, weiterhin Betreuungsgeld zu zahlen, als für genügend Kita-Plätze im ganzen Land zu sorgen.

Die derzeitige Regierungskoalition bestand bis Anfang 2019 aus drei Parteien, die allesamt eine Vorsitzende haben. Doch die Mitte-Rechts-­Rechts­außenkoalition in Norwegen nahm trotzdem Einsparungen im sozialen Bereich vor, plus dem Versuch, die für Väter reservierten zehn Wochen der Elternzeit einzuschränken. Und schon 2014 wurde versucht, das Recht auf Abtreibung einzuschränken. Das trieb die Norwegerinnen auf die Straße, die ­Protestdemos erreichten Ausmaße wie zuletzt in den 1970er-Jahren. Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg er­klärte daraufhin unschuldig, sie habe doch nicht wissen können, dass das Thema Abtreibung den NorwegerInnen noch immer so wichtig sei.

Anfang 2019 wurde die Regierungskoalition erweitert, nun ist auch die Christliche Volkspartei (KrF) dabei, vom Familienbild her mit der CSU zu vergleichen, und sie haben natürlich einen Mann an ihrer Spitze, Kjell Ingolf Ropstad. Eine seiner Bedingungen in der Koalitionsabmachung: die Einschränkung des Abtreibungsrechts.

In einem vom staatlichen norwegischen Radiosender NRK ausgestrahlten Werbespot erklärt ein Wissenschaftler mit ernster Professorenstimme, dass der Brotaufstrich, für den hier geworben wird, alle Nährstoffe enthält, die Jugendliche in der Pubertät dringend brauchen. Dazu ruft im Hintergrund ein Junge mit grober Stimmbruchstimme immer wieder: „Mama, hörst du, Mama!“ Wäre es denkbar, dass ein Kind in diesem Spot „Papa, Papa“ ruft? Doch zum Glück gibt es in Norwegen in der Realität durchaus broteschmierende Väter, die gesellschaftliche Wirklichkeit ist eben weiter als die Werbung. Doch in vielen Dingen sind sich Norwegen und Deutschland ähnlicher, als es uns Frauen lieb sein kann.

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