Rechte Frauen: Was ist ihre Agenda?
Die Vormacht von Männern am autoritären Rand steht außer Frage. Sie dominieren das Lager der Wütenden sowohl als Wähler als auch als Gewählte. Überall auf der Welt sind sie die treibende Kraft hinter rachsüchtiger Politik – egal welchen Alters, welcher Einkommensklasse und welchen Bildungsstands. Mach kaputt, was dich kaputt macht, ist ein männliches Motto.
Am deutlichsten wird das in den USA. Seinen dritten Wahlkampf, der sein mit Abstand erfolgreichster werden sollte, eröffnete Donald Trump mit den Worten: „Ich bin euer Krieger. Ich bin eure Gerechtigkeit. Und allen, denen Unrecht geschah und die betrogen wurden, sage ich: Ich bin eure Vergeltung!“ Den Rat, seine martialische Sprache im weiteren Verlauf der Kampagne zu mäßigen, ignorierte er und tat das Gegenteil. „He doubled down“, heißt das auf Englisch: Wie ein dem Wahnsinn naher Glücksspieler erhöhte er den Einsatz, um männliche Wähler zu gewinnen und ihre Wut über den Verlust alter Vorrechte weiter anzustacheln.
Zu diesem Zweck verkam der Wahlkampf bisweilen zu einem Karneval der Machos. Trump ließ sein Polizeifoto verbreiten wie eine Trophäe, er umgab sich mit brutalen Kampfsportlern, mit Abtreibungsgegnern, mit libertären Techbros, die das Recht des Stärkeren einfordern, und mit frauenfeindlichen Podcastern aus der Manosphere. Sekunden nach dem überstandenen Mordanschlag ballte er die Faust und rief mit blutüberströmtem Gesicht: „Fight, fight, fight!“. Fünf Tage später betrat er die Bühne des Parteitags zu James Browns Hymne „It’s a Man’s Man’s Man’s World“.
Endgültig schien er es mit der Wahl seines Vizekandidaten zu übertreiben. Um seine Chancen unter gemäßigten und weiblichen Wählern zu erhöhen, geboten die Vernunft und herkömmliche Wahlkampfstrategien, eine Frau zu ernennen, am besten Nikki Haley. Stattdessen trieb JD Vance den Testosteronspiegel des Wahlkampfs noch weiter in die Höhe. Er hetzte gegen „diese kaputte Kultur“, von der sich Trumps wichtigste Wählergruppe nur nicht einreden lassen sollte, „als Mann ein schlechter Mensch zu sein“.
Am Ende ging die kompromisslos maskuline Strategie auf. Unter Frauen verlor Trump zwar auch zum dritten Mal die Präsidentschaftswahl, doch das Endergebnis bestimmte die andere Hälfte der Bevölkerung. Es waren vor allem die Stimmen junger Männer, die ihm die Wiederwahl sicherten. Unter männlichen Wählern im Alter von 18 bis 29 Jahren legte er im Vergleich zur Wahl im Jahr 2020 um acht Prozentpunkte zu.
Auch in Deutschland, Österreich, Großbritannien, Italien, Holland und Frankreich haben die rechten Protestparteien ihre Wahlerfolge Männern zu verdanken. Dabei zeichnet sich derselbe Trend ab wie in den USA. Die Hoffnung, dass der wütende weiße alte Mann als treibende Kraft hinter dem Rechtsruck bald aussterben würde, hat sich zerschlagen. Dieser Sündenbock wird längst übertroffen von den Jüngeren. Bei der vergangenen Bundestagswahl wählten 17 Prozent der über 60 Jahre alten Männer die AfD. Unter den 18-bis 29-Jährigen waren es satte zehn Prozentpunkte mehr.
Der Männerüberhang der wütenden Rechten ist also unbestreitbar. Das gilt für Wähler genauso wie für Gewählte. Fast 90 Prozent der Abgeordneten der AfD im Bundestag sind Männer, mehr als in jeder anderen Fraktion.
Trotzdem wäre das Bild der Neuen Rechten und der männlichen Wut, von der sie leben, unvollständig ohne die entscheidende Rolle, die Frauen dabei spielen. Angesichts der aggressiven Hypermaskulinität, die nicht nur Donald Trump an den Tag legt, stellt sich zwar die berechtigte Frage, wie Frauen überhaupt in diese Szene passen. Doch die Antwort lautet nicht nur für weibliche Mitläufer, sondern auch und gerade für weibliche Anführer: hervorragend.
Schließlich ist auch James Browns berühmte Zeile „this is a man’s world“ unvollständig ohne den Zusatz „but it wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a girl“.
Ohne die Hilfe von Frauen hätte die Wut niemals so salonfähig und normal werden können. Frauen machen das Unanständige sagbar, entgiften die Hetze und verleihen Verschwörungstheorien und Ausländerfeindlichkeit ein weicheres, weniger gefährliches Antlitz. Früher war der Hass reine Männersache. Er wurde vertreten von glatzköpfigen Kerlen mit Springerstiefeln und besaß keine Chance, in den Mainstream zu gelangen. Heute hat Giorgia Meloni ihre postfaschistische Partei in Italien an die Macht geführt. In Deutschland und Frankreich sind Alice Weidel und Marine Le Pen im Begriff, es ihr nachzutun. Die Französin bezeichnet ihre Strategie der Verharmlosung als „dédiabolisation“, was übersetzt so etwas wie „Entteufelung“ bedeutet.
Die Liste erfolgreicher Rechtspopulistinnen ist lang. In Finnland hat Riikka Purra für ein spektakuläres Comeback ihrer rechtsnationalen Finnenpartei gesorgt. In Rumänien führt Adela Mirza die rechtsextreme Partei „Die rechte Alternative“. In Polen regierte Ministerpräsidentin Beata Szydło jahrelang für die nationalistische Partei „Recht und Gerechtigkeit“, in Ungarn war Katalin Novák Staatspräsidentin von Viktor Orbáns Gnaden. In Großbritannien führte Liz Truss ihr Land als Premierministerin in sieben Wochen an den Rand des finanziellen Ruins. In Deutschland ist die AfD unter Frauke Petry groß geworden und lässt sich heute von der Co-Vorsitzenden Alice Weidel führen. In Norwegen hat Siv Jensen die rechtspopulistische „Fremskrittspartiet“ aufgewertet, in Dänemark gelang das Pia Kjærsgaard mit der „Dänischen Volkspartei“, in Holland Marjolein Faber mit der „Freiheitspartei“. In Spanien treibt Isabel Díaz Ayuso als Star der Rechten ihren Parteichef vor sich her. In Frankreich wird Marine Le Pen rechts außen von ihrer Nichte Marion Maréchal überholt.
Diese unvollständige Aufzählung offenbart die Ironie, dass der linke Traum des weiblichen Marschs durch die Institutionen am rechten Rand besonders erfolgreich verwirklicht worden ist. Rechte schaffen das, wovon Linke träumen. Dafür sind die Funktionärinnen und ihre frauen-oder zumindest feminismusfeindlichen Parteien eine eigentümliche Symbiose eingegangen, von der beide Seiten gleichermaßen profitieren.
Autoritäre Parteien haben ehrgeizigen Frauen nämlich im Zweifel mehr zu bieten als die liberale Konkurrenz. Giorgia Meloni gibt offen zu, dass sie es als junge Frau bei den Neofaschisten leichter hatte als in den Machtstrukturen etablierter Parteien. Rechts außen lockt sozusagen ein Frauenbonus; die Karrierechancen stehen gut. Dafür, dass Frauen die Männerparteien harmloser erscheinen lassen und ihnen neue Wähler erschließen, werden sie mit bemerkenswert viel Macht und Einfluss belohnt. Den Wütenden als leibhaftiger Schutzschild gegen den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit zu dienen, lohnt sich.
Dafür müssen mächtige Frauen in Parteien, die für reaktionäre Geschlechterrollen agitieren, zum Teil aberwitzige Widersprüche aushalten. Sie profitieren von den Errungenschaften für Frauen, die sie gleichzeitig bekämpfen. Viele illiberale Politikerinnen bezeichnen sich ausdrücklich als Antifeministinnen. Doch diese Art von programmatischem Verwirrspiel passt ins Konzept; die Politik der Wut bedarf keiner schlüssigen Logik.
Weibliche Emanzipation gilt zum Beispiel nur dann als besonders verteidigungswürdig, wenn es darum geht, Ausländerhass zu schüren. Dann warnen Populistinnen wie Marine Le Pen vor der vermeintlichen Frauen-und Schwulenfeindlichkeit fremder Kulturen: „Ich habe Angst, dass die Einwanderungswelle den Anfang des Endes von Frauenrechten bedeutet.“ Dass sie Feminismus und LGBTQ-Rechte im nächsten Moment als zersetzende Wokeness von links verteufelt, stört nicht. Genauso wenig irritiert ihre Anhänger die Tatsache, dass weder die lesbische Alice Weidel noch die zweimal geschiedene Marine Le Pen oder die alleinerziehende Giorgia Meloni das traditionelle Familienbild leben, das sie hochhalten. Der Vorwurf der Heuchelei kann Trumps Schwestern im Geist nichts anhaben. Im Gegenteil: Je widersprüchlicher ihre Positionen, desto menschlicher und wählbarer wirken sie.
Deshalb ist es auch kein Wunder, dass die erfolgreichen Frauen in der rechten Männerwelt ihre Weiblichkeit ganz bewusst einsetzen, statt sie zu verbergen. Marine Le Pens Lieblingsrolle ist die der herzlichen, besorgten Mutter der Nation, die versteht, wo der Schuh drückt. Giorgia Meloni leitet ihre Wahlkampfreden gern mit den Worten ein: „Ich bin eine Frau, ich bin eine Mutter.“ In den USA (über)betonen Trumps Verbündete auch äußerlich ihre weiblichen Attribute. Fast alle Politikerinnen in seinem Orbit pflegen ein extrem stilisiertes Schönheitsideal. Die Modechefin der New York Times hat die schrittweise „Trumpifizierung“ oder „Magamorphose“ von Heimatschutzministerin Kristi Noem (inzwischen entlassen) verfolgt: Die Haare wurden länger, die Wimpern dichter, die Stirn glatter, die Kleider enger, die Zähne weißer, die Lippen voller, die Absätze höher, die Nase schmaler, das Make-up dicker. Ein Look, den das Politmagazin Mother Jones als „Mar-a-Lago-Gesicht“ bezeichnet.
Doch egal, ob das Aussehen chirurgisch verändert ist, oder nicht – was autoritäre Politikerinnen dies-und jenseits des Atlantiks gemeinsam haben, ist ihr virtuoses, betont weibliches Spiel mit der Wut. Dem vermeintlich schwachen Geschlecht wird schließlich von jeher die aggressivste Rolle zugeschrieben, die das Menschengeschlecht zu bieten hat. Diese Mutterrolle, in der sie zum Schutz ihrer Kinder/Wähler/Nation Ethnie über sich hinauswachsen, wissen die Demagoginnen perfekt einzusetzen. Um ihre Anhänger gegen Einwanderer, gegen die EU, den Deep State, Wokeness oder die globalisierte Elite zu verteidigen, werfen sie sich in die Pose der Löwin. Sie tun sozusagen das Gegenteil von Angela Merkel, der während der Flüchtlingskrise vorgeworfen wurde, dass sie sich als „Mutti“ mehr um die fremde Brut gekümmert habe als um die eigene.
Stattdessen haben die Illiberalen gelernt, ihre Rolle als wütende Beschützerin so eindeutig und unmissverständlich zu spielen wie möglich. Trumps Jüngerinnen treten gerne bis an die Zähne bewaffnet auf und verschicken Grußkarten im Stil von Lauren Boebert, die mit ihren Söhnen unterm Weihnachtsbaum mit halb-automatischen Maschinengewehren posiert. Ihre Kollegin Majorie Taylor Green hat zur Aufrüstung schon ein 50-Kaliber-Präzisionsgewehr unter ihren Anhängern verlost und sieht sich als eine Art aufgedonnerte Schutzgöttin des „weißen Manns“, den sie als „die am meisten misshandelte Bevölkerungsgruppe“ der USA bezeichnet.
Dank ihrer Weiblichkeit, ihrer Fähigkeit, absurde Widersprüche auszuhalten, und ihrer Lust an der Macht haben Frauen also entscheidend zur Verbreitung der Wut beigetragen. Die weiblichen Funktionäre sind so etwas wie Backpulver – man braucht nicht viel davon, aber es ist unverzichtbar, damit der Kuchen aufgeht. Mit den Wählerinnen aber verhält es sich anders als mit den Gewählten. In ihrem Fall ist die Versuchung noch größer, ihr Verhalten als absurd oder gar dumm abzutun. Frauen, die reaktionären Macho-Parteien dienen, haben insofern nachvollziehbare Gründe, als sie mit guten Aufstiegschancen belohnt werden. Frauen, die diese Parteien wählen, scheinen dagegen ihre eigenen Interessen krass zu missachten und sich selbst zu schaden.
Mit derartigem Unverständnis wurde etwa das Ergebnis der amerikanischen Präsidentschaftswahl kommentiert. Unter Kamala Harris taten die Demokraten alles, um Wählern vor Augen zu führen, wie frauenfeindlich der Gegner war. Gegen einen des sexuellen Missbrauchs überführten, wütenden alten Mann, der Gewaltphantasien gegen Frauen heraufbeschwört, sie nach eigenen Angaben gern betatscht und ihnen das Recht auf Abtreibung nimmt, schien alles für Harris und einen Erdrutschsieg der Demokraten zu sprechen.
Doch dann passierte das Gegenteil. Harris verlor sogar Wählerinnen. Der Stimmenanteil der Demokraten unter Frauen fiel von 57 Prozent bei der Wahl im Jahr 2020 auf 53 Prozent im Jahr 2024. Diesmal gaben mehr weiße Frauen, mehr junge Frauen und mehr hispanische Frauen ihre Stimme dem alten Mann mit dem Strafregister als noch vor vier Jahren.
Auf den ersten Blick scheint diese Entwicklung irrational zu sein, ein großes Rätsel, dessen einfachste Lösung darin besteht, zu behaupten, dass die Wählerinnen nicht wissen, was sie tun. Doch diese Interpretation mochte kaum für Trumps erste Wahl gegolten haben – bei seiner zweiten ist sie endgültig unhaltbar.
Wenn man stattdessen davon ausgeht, dass die Wählerinnen sehr wohl wissen, was sie tun – in den USA wie in anderen Ländern, wo die Wut grassiert –, dann drängt sich die Erkenntnis auf, dass Frauenrechte offensichtlich nicht die entscheidende Rolle an der Urne spielen. Dass Wählerinnen also weniger als Frau abstimmen, als dem progressiven Lager recht ist, sondern mehr als Mensch. Als Mensch gehören sie nämlich sowohl einer gesellschaftlichen Schicht an als auch einer Familie. Sie haben nicht nur die üblichen wirtschaftlichen Bedürfnisse (und Nöte), sondern sie haben auch Väter, Brüder, Ehemänner und Söhne. Und deren wachsender Frust, der sich aus materiellen und immateriellen Verlusten speist, geht nicht spurlos an Familien vorüber.
Davon abgesehen profitieren ärmere Frauen mit geringer Bildung so gut wie gar nicht von den identitäts-politischen Errungenschaften, auf die das progressive Lager so stolz ist. Frauenquoten, Gendersprache, Unisex-Toiletten oder gleiche Bezahlung für Vorstandsmitglieder sind Mindestlohnempfängerinnen weitgehend egal. Über das Recht für Abtreibung konnten Wählerinnen in zahlreichen US-Staaten separat abstimmen. Nachdem das erledigt war, wählten sie Trump.
Denn wenn die Wut einmal Tritt gefasst hat, setzt sie sich selbstverständlich über Geschlechtergrenzen hinweg. Frauen sind nicht immun, egal wie hypermaskulin die selbsterklärten Rächer daherkommen. Denn Frauen sind Töchter, Schwestern, Ehefrauen und Mütter. Nicht alle, aber viele wollen und brauchen Männer, denen es gutgeht. So wie das umgekehrt genauso der Fall ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Frauen einen nicht unerheblichen Anteil daran haben, dass die Verhältnisse im Westen angefangen haben zu tanzen: Sowohl als Wählerinnen als auch als Repräsentantinnen von Parteien, die von männlicher Wut leben, helfen sie mit, Feinde des Rechtstaats zu ermächtigen.
Der Text ist ein Auszug aus „Not am Mann – Die Erfindung toxischer Männlichkeit“ (Reclam, 8 €).
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