Klitoris oder Vagina?
Klitoris oder Vagina? Das ist eigentlich keine Frage, oder? Die Vagina ist ein gefühlloser Hautkanal, jedoch unerlässlich zum Zeugen von Kindern. Die Klitoris ist mit ihren weitgreifenden Schwellkörpern das Zentrum der körperlichen Lust. Das war schon in der Antike bekannt. Doch es wurde immer wieder verdrängt und geleugnet. Nicht zufällig im Zuge der Neuen Frauenbewegung veröffentlichte die US-Psychiaterin Mary Jane Sherfey (Foto li) 1972 ihre bahnbrechende Forschung „The Nature and Evolution of Female Sexuality“ (auf Deutsch: „Die Potenz der Frau“).
Sie belegte die These von der größeren körperlichen sexuellen Potenz der Frau – und provozierte damit unerhört. 1975 analysierte Alice Schwarzer im „Kleinen Unterschied“ die politische Funktion des „Mythos vom vaginalen Orgasmus“. Sie kommentierte ihn mit den Worten: „Nur die Penetration sichert den Männern das Sexmonopol.“ Die 1970er waren Jahre der Aufklärung und Erkenntnis in Bezug auf Lust und Sexualität von Frauen. Ab den 80ern wurde dieses Wissen wieder von der Pornografie verschüttet. Sie propagierte eine vaginal und anal fixierte Rammelsexualität. 2026 holt in Deutschland eine Gynäkologin die Bedeutung der Klitoris erneut ans Licht. Die Berliner Chefärztin Mandy Mangler (Foto re) hat, zusammen mit der Journalistin Esther Kogelboom, eine handliche rosa „Bedienungsanleitung“ zur Klitoris herausgegeben: alles über das wichtigste weibliche Lustorgan. Nachfolgend das Kapitel „Analogie von Penis und Klitoris“ .
Eine Ultraschalluntersuchung im ersten Trimester der Schwangerschaft kann, im Gegensatz zu einer Blutuntersuchung, frühestens ab der zehnten Schwangerschaftswoche darüber Aufschluss geben, ob der Fötus zu einem biologisch weiblichen oder männlichen Menschen heranwachsen wird. Das liegt nicht etwa an der schlechten Qualität der Ultraschallgeräte oder an der Kurzsichtigkeit der Gynäkologinnen, sondern daran, dass jeder Embryo bis zur zehnten Schwangerschaftswoche identische sogenannte „Genitalhöcker“ entwickelt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es also schlicht unmöglich, den Embryo anhand der im Ultraschall sichtbaren Organe einem Geschlecht zuzuordnen. Erst danach entsteht die Klitoris bzw. der Penis.
Die Klitoris entspricht also dem Penis. Umgekehrt entspricht der Penis der Klitoris. Betrachtet man die Entwicklung eines Menschen, verfügt jede und jeder über die gleiche Ausgangslage; die Grundstruktur, aus dem sich unsere Genitalien bilden, eint uns alle. Im Uterus sind wir alle mit demselben Lego-Starterset ausgestattet. Das Set „Klitoris“ und das Set „Penis“ bestehen aus denselben Bausteinen. Anatomisch ausgedrückt, sind sie „homologe Organe“.
Das bedeutet auch, dass jeder Teil an der Klitoris ein Äquivalent am Penis hat und andersherum – nur die Form ist ein wenig anders.
Größenmäßig ist die Klitoris im Vorteil: Das gesamte klitorale Erektionssystem – bestehend aus vier Schwellkörpern, Klitoriskörper und Eichel – bietet ein umfassenderes und komplexeres Netzwerk aus Schwellgewebe als der Penis. Ich finde, das kann man einfach mal einen Moment so stehen lassen. Relativ einfach zu sehen und zu verstehen ist, dass Penis und Klitoris beide eine Eichel und eine Vorhaut mitbringen. Auch die weibliche Vorhaut lässt sich zurückziehen, um einen besseren Blick auf die Eichel zu bekommen. Hier sitzen tausende, hochgradig erregbare Nervenenden auf engem Raum – die Klitoriseichel ist damit zwar kleiner, aber effektiver erregbar als die des Penis.
Sie befindet sich über den inneren Vulvalippen am Ende des ebenfalls tastbaren, länglichen Klitoriskörpers. Wenn man davon ausginge – und das war lange genug der Fall –, dass das Organ dahinter endet, wäre sie tatsächlich nur ein winziger Penis. Doch so ist es nicht: Äußerlich erkennbar ist nur ein kleiner Teil dieses fulminanten Organs. Das Wesentliche ist auch hier für die Augen unsichtbar. Oft bemüht wird der Vergleich mit dem Eisberg.
Auch von ihm ragt nur die Spitze aus dem Wasser und ist damit für Landbewohnerinnen sichtbar, während sich der massige Rest unterhalb der Oberfläche verbirgt. Ebenso reichen die mit dem Klitoriskörper verbundenen Schwellkörper tief ins Gewebe der Vulva hinein. Zwei davon befinden sich unmittelbar hinter den Vulvalippen, links und rechts der Vagina, die anderen zwei deutlich weiter seitlich am Knochen – und alle vier entsprechen den unterschiedlichen Schwellkörpern des Penis, von dem schließlich auch die Wurzel in den Körper hineinragt.
Neben dem Zwillingspaar Klitoris und Penis gibt es übrigens noch weitere Gemeinsamkeiten. Die Hoden sind das Spiegelbild der Eierstöcke, während die Hodenhaut mit ihren Runzeln und genitalen Haaren ebenso wie die Haut der äußeren Vulvalippen aus den Genitalwülsten entstanden ist, die jeder Embryo hat.
Schwellkörper sind Schwellkörper: Sie bestehen aus Blutgefäßen, verzweigten Hohlräumen, die mit Endothelzellen ausgekleidet sind. Erektion ist Erektion: Bei sexueller Erregung fließt Blut in die Schwellkörper, während simultan der Blutabfluss gedrosselt wird.
Klitoris und Penis sind also in einer binären Geschlechtereinteilung die Organe, die einander entsprechen. Aber ist denn nicht wenigstens beim heterosexuellen, penetrativen Sex die Vagina das für den Penis zentrale Organ und fungiert sozusagen als „Host“? Ja, das tut sie. Aber sie spürt dabei kaum etwas. Anatomisch betrachtet, ist die Vagina ein Hautschlauch. Sie besteht entgegen anderslautender Gerüchte auch nicht aus ansteuerbaren Muskeln oder ähnlichen Strukturen, sondern lediglich aus einem Oberflächenepithel, also Haut. Dass sie mit sehr wenigen Nervenenden ausgestattet ist, kann man überprüfen, wenn man sich selbst in die Vagina kneift: Es tut nicht besonders weh. Die Evolution hat dies zum Vorteil aller so eingerichtet, denn sonst würde die vaginale Geburt noch mehr schmerzen, als es ohnehin schon der Fall ist.
Umgeben ist die Vagina von den Muskeln des Beckenbodens. Daher kann der Eindruck entstehen, man könne die Vagina zusammenziehen. Man kann zwar etwas zusammenziehen, aber das ist die Beckenbodenmuskulatur um die Vagina herum.
Bereits der Anatom Kobelt (1804 – 1857) war bezüglich der Vagina desillusioniert: „Wir können ihr keinen Antheil an der Erzeugung des specifischen Wollustgefühls im weiblichen Körper zugestehen.“
Die Klitoris ist ein absolutes Premiumprodukt, mit dem alle weiblichen Menschen serienmäßig ausgestattet sind, und ein Organ, das einzig und allein dem Vergnügen dient. Von der Erzählung, die Vagina und der Penis bildeten ein Paar, weil sie schließlich so gut zueinander passten wie Ladegerät und Handy (oder gar das Schwert in die Scheide), wollen wir uns an dieser Stelle also ein für alle Mal verabschieden.
Der Gedanke, dass unsere Lustorgane einander überraschend ähnlich sind, ist befreiend: Es geht eigentlich „nur“ um die wechselseitige Stimulation von Schwellkörpern. Wie das am besten geht, darüber gibt unter anderem das Wissen um ihre Lage und ihre Nervenverflechtungen Aufschluss. Zugegeben, diese Sicht ist mechanistisch. Aber Sexualität ist zu einem nicht geringen Anteil auch Mechanik. Es kann alles stimmen, das Gespräch, die Beziehung, der Consent und das Gefühl – wenn die Mechanik an der falschen Stelle ansetzt, wird es trotzdem schwer mit dem Orgasmus.
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