Der Kampf gegen K.o.-Tropfen
Ab April wird der Handel mit K.o.-Tropfen strafbar. Es drohen dann drei Jahre Gefängnis. Zudem soll der Einsatz der Tropfen bei Vergewaltigung und Raub schon bald mit fünf Jahren bestraft werden. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) bringt das Gesetz gerade auf den Weg. Die Reform ist die Reaktion auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs im Oktober 2024. Der hatte entschieden, dass K.o.-Tropfen nicht als „gefährliches Werkzeug“ einzustufen sind, weil sie „kein fester Gegenstand“ seien. Seit Gisèle Pelicot versteht nun aber jedeR, welch eine Waffe K.o.-Tropfen sind. Und warum ihre Verwendung hoch bestraft werden muss. Warum das höchste Zeit war, aber noch nicht alles sein darf, erklärt die Gynäkologin Mandy Mangler, die in Berlin zwei Kliniken leitet.
Frau Prof. Mangler, was erleben Sie in Zusammenhang mit K.o.-Tropfen in Ihren Kliniken?
Das, was Gisèle Pelicot passiert ist, die dauerbetäubt wurde, das passiert in anderem Rahmen auch hierzulande jeden Tag. Von Jahr zu Jahr sind mehr Frauen und Mädchen betroffen. Das bestätigen auch die Gewaltschutzambulanzen. Ein Beispiel von Hunderten: Eine 20-Jährige hatte K.o.-Tropfen bekommen und wurde in eine Wohnung gebracht, wo fünf Männer sie vergewaltigt haben. Sie hat vieles mitbekommen, konnte sich nicht wehren, weil sie durch K.o.-Tropfen wehrlos wurde. Das passiert in Clubs, beim Ausgehen, im Café, überall dort, wo es offene Getränke gibt. Es trifft Frauen jeder Schicht und jeden Alters. Mir selbst ist es auch passiert.
Tatsächlich?
Ja, ich war in einer Bar mit Freunden und nach einem Getränk wurde mir übel. Meine Freunde haben gemerkt, dass etwas nicht stimmt und mich nach Hause gebracht. Es konnte also nichts Weiteres passieren. Aber oft werden die Opfer danach mitgenommen. Das Problem ist generell, dass oft Alkohol im Spiel ist, der das Ganze maskiert. Man merkt einfach nicht, dass K.o.-Tropfen im Glas sind. Erste Anzeichen werden meist nur auf den Alkohol geschoben.
Und die Teststreifen, die es mittlerweile gibt?
Sie können hilfreich sein, aber ich bin skeptisch. Erstens sind sie nicht hundertprozentig sicher. Zweitens schieben sie die Verantwortung wieder komplett auf die Frauen, nach dem Motto: Selbst schuld, wenn du dein Getränk nicht testest. Männern wird damit zugestanden, sich nicht im Griff zu haben. Wo kommen wir hin, wenn wir unsere Getränke testen müssen? Die Täter müssen ins Visier genommen werden, nicht die Opfer!
Das passiert gerade. Der Handel mit K.o.-Tropfen wird ab April mit drei Jahren bestraft. Wer damit vergewaltigen will, dem drohen fünf Jahre.
Ja, das Gesetz ist längst überfällig und richtig. Das ist der erste Schritt. Aber das wird nicht reichen. K.o.-Tropfen werden massiv im Umlauf bleiben. Drogen verschwinden trotz Verbot auch nicht mal eben so vom Markt. Es wird immer Mittel und Wege geben, an K.o.-Tropfen ranzukommen. Es sollten zum Beispiel auch Bars, Restaurants und Cafés in die Pflicht genommen werden. Und wir müssen die Substanzen endlich schneller, besser und einfacher feststellen können, um Täter zu überführen und potenzielle Täter abzuschrecken. Das wäre möglich, wenn es Forschung dazu gäbe. Wenn das Thema uns als Gesellschaft wichtig wäre, hätten wir längst Lösungen. Was glauben Sie, wieviel Gelder in die Forschung von Potenzstörungen oder Haarausfall bei Männern fließen! Für den Schutz von Frauen ist wenig Geld da.
Was wird heute getan?
Es gibt einige wenige Gewaltschutzambulanzen, die an Uni-Kliniken oder rechtsmedizinische Institute angegliedert sind. Dort gibt es die Infrastruktur, um die Frauen nach einem Übergriff adäquat psychologisch zu betreuen und Spuren zu sichern. Das sind aber viel zu wenige und auf die Bundesländer ganz unterschiedlich verteilt. Nehmen wir als Beispiel Berlin. Man kann als Opfer von sexueller Gewalt nicht klar verstehen, in welchem Krankenhaus man adäquat behandelt wird. Es gibt wenige Krankenhäuser, die Strukturen für solche Opfer geschaffen haben. Oft gibt es wenig Infrastruktur dafür und Opfer von sexueller Gewalt werden von Warteraum zu Warteraum verfrachtet.
Aber wie kann das sein, wo es doch so viele Frauen betrifft?
Es gibt keine staatliche, gesundheitliche oder Krankenkassenversorgung für Opfer von sexualisierter Gewalt. Krankenhäuser müssen sich in vielen Bundesländern selbst darum kümmern. Das Gleiche gilt für die vertrauliche Spurensicherung. Dafür muss es eine Infrastruktur geben, einen Leitfaden, wie Spuren wie DNA gesichert und aufbewahrt werden müssen, um die Tat anzeigen und beweisen zu können. Ich merke immer wieder, wie wenig Interesse das Thema sexualisierte Gewalt im Medizinsystem hervorruft.
Verkehrsopfern muss doch auch geholfen werden.
Wir leben im Patriarchat. Ein Fall hat mich sehr schockiert. In einem anderen Krankenhaus kam eine Frau auf die Intensivstation, die nicht nur nach K.o.-Tropfen vergewaltigt, sondern auch schwer misshandelt wurde und multiple Knochenbrüche aufwies. Trotz massiver Gewalteinwirkung war keine Polizei involviert. Ich habe es mitbekommen und Anzeige gestellt. Du kannst also schwerverletzt nach einer Vergewaltigung in ein Krankenhaus kommen und es wird noch nicht einmal automatisch Anzeige erstattet, obwohl offensichtlich ein Verbrechen stattgefunden hat.
Was tun Sie in Ihrem Krankenhaus, wenn eine Frau nach einer Vergewaltigung mit K.o.-Tropfen zu Ihnen kommt?
Wir betreuen psychologisch und suchen nach den Spuren. Sekrete, Speichel, Sperma, Hautzellen, um an die DNA des Täters zu kommen. Genetische Spuren sind 72 Stunden vaginal, 24 Stunden anal und 12 Stunden oral nachweisbar, im Einzelfall auch noch Hunderte Stunden später. Hämatome, Wunden, Blutungen oder Verletzungen werden dokumentiert. Die Kleidung der Frau wird aufbewahrt und untersucht. Wir raten zur Pille danach und Medikamenten zur Prophylaxe nach möglichem Kontakt mit HIV oder Hepatitis. Die gesamte Dokumentation und die Proben werden von der Kripo mitgenommen und für einen späteren Gerichtsprozess verwendet.
Verfolgen Sie, ob Täter dingfest gemacht werden?
Wir bekommen Auswertungen von den Gewaltschutzambulanzen. Die sind allerdings sehr frustrierend. Nur zehn Prozent der Taten werden angezeigt. Und von denen kommt es bei fünf bis zehn Prozent zu einer Verurteilung. Die Botschaft an Täter ist deutlich: Du hast freies Spiel. Wenn wir schneller die Verwendung von K.o.-Tropfen nachweisen und die DNA des Täters sichern könnten, sähe das anders aus.
Also nur jeder 100. Täter wird verurteilt, wie bei der klassischen Vergewaltigung. Trotzdem raten Sie Frauen zur Anzeige.
Es geht ja auch darum, Gerechtigkeit anzustreben und diese Dinge auch beim Namen zu nennen. Wie soll sich sonst jemals etwas ändern? Selbst, wenn die Justiz im Nachgang versagt, kann eine Frau für sich sagen ‚Ich habe alles getan‘. Sie hat, was ihr passiert ist, öffentlich gemacht. Ich finde, wir Frauen dürfen nicht aufhören, die Gewalt gegen uns auch zu benennen. Sonst haben wir schon verloren.
Das Gespräch führte Annika Ross.
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