Doris Rauh: Ein Herz für Tiere
Könnten Sie später nochmal anrufen? Der Tierarzt ist gerade da“. Später: „Könnten Sie in zwei Stunden nochmal anrufen? Ich muss beim Abladen der Tiere helfen.“ Zwei Stunden später: „Jetzt ist der Tierarzt gerade wieder da“, sagt Doris Rauh und eilt wieder in den Stall.
Wer mit der Tierschützerin sprechen will, der braucht Geduld. Das ist verständlich. Denn da sind 2.000 Tiere, die unter der Obhut von „Rüsselheim e. V.“ stehen, dem größten „Tierrettungsverein“ Deutschlands. Zu den Schützlingen gehören 850 Rinder, 450 Schweine, 400 Schafe, etliche Ziegen, Hühner, Hunde, Katzen und Kaninchen.
Selbstverständlich leben nicht alle 2.000 Tiere bei Doris daheim in Allmannshofen bei Augsburg, sie sind verstreut auf sogenannten „Lebenshöfen“. Das sind Bauernhöfe, die Tiere aufnehmen und dafür Geld von „Rüsselheim“ bekommen. Das wiederum kommt von PatInnen, die eine Art Pflegegeld bezahlen. Für ein Rind zahlen sie 150 € im Monat, für ein Schwein 78 €. Teilpatenschaften sind schon ab 5 € möglich. Davon werden die Landwirte und auch die Tierarztkosten bezahlt. Doris und ihre ehrenamtlichen Mitretterinnen vermitteln die Tiere. Die PatInnen, von denen es mittlerweile über 2.000 gibt, können ihre Tiere auch vor Ort an den regelmäßigen Patentagen besuchen.
„Viele Landwirte leben von dem Geld der Patenschaften besser als von den Schlachtpreisen“, erzählt Doris Rauh. Mehrere ehemalige Betreiber von Mastanlagen wechselten so schon die Seiten, was Doris besonders freut. Andere Tiere wiederum werden von Tierschützern zu ihr gebracht, verwahrloste und halbverhungerte Tiere. Und wieder andere finden ihren eigenen Weg. So wie die Kuh Mücke, die Ende letzten Jahres die Fliege machte und vom Schlachttransporter sprang. Sie ist aktuell der prominenteste Neuzugang in „Rüsselheim“ und lebt auf einem Lebenshof im hessischen Alsfeld.
Bei Doris hat alles mit Schweinen angefangen. Deswegen auch „Rüsselheim“: wegen des Schweinerüssels. Doris war auf einem Bio-Bauernhof einkaufen und hat sich in die Schweine verguckt, die dort umherliefen. „Die kleinen Ferkel waren so niedlich, wie sie sich so direkt auf die Seite geworfen haben, wenn man sie am Bauch gestreichelt hat“, erzählt sie. „Ich fand sie direkt genauso niedlich wie meinen Hund.“ Auf einem anderen Hof mit Mastschweinen sieht Doris Muttersauen, die den ganzen Tag im Kastenstand stehen mussten und kleine zitternde Ferkel, denen es nicht gut ging.
Zu der Zeit war Doris noch im Marketing bei einem großen Computer-Hersteller, verdiente ordentlich Geld. „Da hab’ ich mir die Schweine einfach gekauft!“, sagt sie. Sie hat einen Bauern gefunden, der sie für Pflegegeld unterstellte und da kam sie auf die Idee, ein Modell daraus zu machen. 2009 wurde „Rüsselheim“ gegründet. 2018 ließ Doris sich von der Computer-Firma gut abfinden und machte von da an nur noch Tierschutz.
Die Liebe zu Tieren hat ihr die Mutter in die Wiege gelegt. 1963 wird Doris in Erlangen geboren. Die Mutter, von Beruf Drogistin, bringt ihr und ihrer Schwester bei, Tiere gut zu behandeln, auch die kleinsten. Mit 32 Jahren stirbt die Mutter an Krebs, da ist Doris 12. Sie fühlt sich daheim nicht mehr erwünscht und verbringt viel Zeit bei ihren Großeltern, die einen Selbstversorger-Hof haben. Wenn ein Tier vom Hof auf dem Teller landet, erzählen die Großeltern der tierlieben Enkelin, das sei ein „Unfallopfer“. Wenn ein Schwein auf der Wiese fehlt, „war das weggelaufen“.
Irgendwann kann Doris keine Tiere mehr essen. Und sie kann die industrielle Tierhaltung in Deutschland nicht ertragen. „All diese Tiere erleben nicht einen einzigen schönen Tag. Manche sehen nie die Sonne, sind nie auf einer Weide. Ich kann dieses Elend nicht sehen. Ich brauch’ was, wo ich anpacken kann“, sagt die Bayerin. Und dann muss sie auch schon wieder in den Stall. Und packt an.
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