Vivian Motzfeldt bricht das Eis
Ihr Gesicht spricht Bände. Die Lage ist ernst. Als Grönlands Außenministerin Vivian Motzfeldt am 14. Januar 2026 in Washington vor die internationale Presse tritt, muss sie sich zusammenreißen. Wenige Minuten zuvor hatte sie mit US-Außenminister Marco Rubio und Vizepräsident J. D. Vance über die Übernahme- und Okkupations-Drohungen von Donald Trump verhandelt.
Da passiert es: Nach einem Satz auf Englisch wechselt Vivian Motzfeldt nicht zufällig in die indigene Landessprache Kalaallisut: „Wir stehen nicht zum Verkauf! Grönland ist kein Handelsgut. Wir wollen in Sicherheit leben. Das müssen unsere Verbündeten verstehen.“
Für Grönland wird sie in diesem Moment zur Nationalheldin. Und auch die Weltöffentlichkeit erkennt: Das kleine Grönland mit seinen gerade mal 56.000 EinwohnerInnen kuscht nicht vor den übermächtigen USA.
Nur wenige Minuten später gibt Motzfeldt dem grönländischen Rundfunk ein Video-Interview. Dabei legt sie, um Worte ringend, eine Hand aufs Herz und kämpft mit den Tränen. „Die letzten Tage waren hart. Wir haben uns vorbereitet, und der Druck ist immer stärker geworden. Wir arbeiten mit aller Kraft daran, dass wir in Grönland weiter sicher leben können“, sagt sie. Auch dieses Video geht um die Welt.
Als Motzfeldt einen Tag später wieder in der Heimat in Nuuk auf dem Flughafen landet, wird sie von einer jubelnden Menge und einem Fahnenmeer empfangen. Das Bodenpersonal steht Spalier, hunderte Kinder in gelben Warnwesten rufen ihren Namen, ihr Enkelkind rennt in ihre Arme. „Du hast uns ein Gesicht gegeben“, steht auf einem der Plakate. Die Menge stimmt ein Volkslied an: „Kalaallit Nunaat Kalaallit Pigaat!“ („Grönland gehört den Grönländern!“). Motzfeldt schnappt sich eine Flagge und singt mit. Etwa 90 Prozent der grönländischen Bevölkerung sind Inuit (oft als Kalaallit bezeichnet) oder haben indigene Wurzeln. Motzfeldt selbst auch.
Was die Verhandlungen in Washington gebracht haben, steht noch in den Sternen. Aber: Außenministerin Motzfeldt hat Respekt bei Rubio und Vance erkämpft. Einfach Abbügeln konnten sie sie nicht mehr. „Ich habe ihnen die Angst und Unsicherheit deutlich gemacht, mit der wir seit einem Jahr leben müssen. Das haben sie verstanden“, sagt sie.
Seit 2005 ist Vivian Motzfeld in der Politik. 2018 wurde sie Bildungsministerin. Da stieß sie Projekte gegen Jugendgewalt an, für Mädchenschutz und einen besseren Zugang zu Bildung von Frauen – ein Schlüsselthema in den indigenen arktischen Gesellschaften. Bevor sie in die Politik ging, arbeitete sie als Lehrerin, studierte ein Jahr in den USA. 2022 wurde sie schließlich Außenministerin.
Motzfeldt stammt aus einer der einflussreichsten grönländischen Familien, die seit dem 18. Jahrhundert politisch aktiv ist. Ihre Abstammung geht auf den deutschen Adeligen Peter Motzfeldt zurück.
Ihre Eltern haben in Süd-Grönland Schafe gezüchtet. 1972 kommt Dorthe Kathrine Vivian zur Welt und wächst mit drei älteren Brüdern auf. Die Familie legt viel Wert auf Traditionen. Die Kinder arbeiten auf dem Schäferhof mit. Später geht es für die höhere Bildung aufs Internat. Heute ist Vivian Motzfeldt mit dem dänischen Politiker Jørgen Wæver Johansen verheiratet, mit ihm hat sie vier Kinder.
In der sozialdemokratischen Siumut-Partei ist Vivian schnell aufgestiegen, weil sie als Brückenbauerin gilt.
Die muss sie nun nicht nur in die USA bauen, sondern auch innerhalb Grönlands. Seit sich Grönland seit 1979 selbst verwaltet, war die Siumut-Partei die bestimmende Regierungspartei der 56.000-EinwohnerInnen-Insel. 2014 kam es jedoch zur Spaltung. Die radikalere Naleraq-Partei ist gewachsen, die die Unabhängigkeit von Dänemark will und sich den USA gegenüber offener zeigt. „Wenn wir gespalten sind, können die Amerikaner uns schneller kaufen“, warnt Motzfeldt.
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