In der aktuellen EMMA

Hier wird der Feminismus beerdigt

Judith Sevinç Basad: Umgeben von Diversen und "Nicht-Binären", die Angst haben, vom queeren Konsens abzuweichen.
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Am 22. März 2026 habe ich in Berlin eine feministische Kundgebung gegen digitale Gewalt besucht, kurz nachdem Collien Fernandes ihre Eheprobleme öffentlich gemacht hatte. Aktivistinnen wie Luisa Neubauer drohten „dem Patriarchat“ mit einer wütenden Jetzt-reicht’s-Rhetorik Vergeltung. Alles wirkte wie eine Inszenierung emotionaler Betroffenheit für Menschen, die mit den wirklichen Abgründen der Gesellschaft nie in Berührung gekommen sind. Über drogenabhängige Prostituierte aus Osteuropa, über Frauen in patriarchalen Migrantenmilieus oder über Genitalverstümmelung sprechen diese Frauen nicht. Stattdessen beschäftigt man sich mit Themen, die sich gut auf Instagram posten lassen. 

Spätestens seit dem 7. Oktober 2023 ist diese Art von Aktivismus unerträglich geworden. In Berlin werden seither über Nacht fast alle linken und feministischen Veranstaltungen von Palästina-Aktivisten dominiert. Ich erinnere mich an einen FLINTA-Marsch in Berlin. Weiße Bildungsbürger mit Kufiyas schrien „Free Palestine!“ und skandierten antisemitische Parolen wie „Kindermörder Israel“ oder forderten mit „From the River to the Sea“ die Auslöschung Israels. Über die Frauen, die von der Hamas vergewaltigt und verschleppt wurden, fiel kein Wort. 

Ähnliches konnte man auch bei der Berliner Alternative zum „Christopher Street Day“ (CSD), der „Internationalistischen Queer Pride“-Parade beobachten. Dort erklärten mir Teilnehmer, der Kampf für LGBTQ-Rechte sei derselbe wie der Kampf der Hamas gegen Israel — alles sei „intersektional“. Dass die Hamas Homosexuelle verprügelt, Frauen vergewaltigt und antisemitischen Terror betreibt, wurde ausgeblendet. 

Es ist absurd: In Berlin solidarisieren sich Feministinnen mit Milieus, die Frauenrechte und Homosexualität offen verachten. Diese Szene hat sich seit einiger Zeit in einer Ideologie verstrickt, die sich fernab jeglicher Vernunft und Rationalität bewegt – und Frauenrechte in ihr Gegenteil verkehrt. 

Auch was das Thema „Trans“ angeht. Bei einem alternativen Lesbenmarsch am 27. Juni 2023 liefen ein Dutzend Lesben durch Berlin und forderten, dass Frauenräume Frauen vorbehalten bleiben. Ihnen gegenüber standen Hunderte queere Gegendemonstranten — viele davon Transfrauen, also biologische Männer — die die Frauen anschrien, bedrängten und beschimpften. Die Polizei musste die Lesben schützen. 

In Berliner Clubs wie dem SO36 sieht man die Folgen: Frauenklos werden zu „FLINTA“- oder „All-Gender“-Toiletten umbenannt, Frauen sollen akzeptieren, dass neben ihnen plötzlich Männer am Pissoir stehen. Als ich kritisierte, dass Unisex- Toiletten in öffentlichen Räumen für viele Frauen unangenehm sind, wurde mir sofort Transfeindlichkeit vorgeworfen. Genau das ist typisch für diese Szene: Jede Kritik wird diffamiert. 

Die Berliner Aktivistenszene hält sich für rebellisch, ist aber in Wahrheit extrem konformistisch. Alle benutzen dieselbe Sprache, dieselben Begriffe, dieselben moralischen Codes. Man nennt sich divers und „nicht-binär“, hat aber panische Angst davor, vom queeren Konsens abzuweichen. 

Besonders grotesk ist das bei Gruppen wie „Queers for Palestine“. Ich habe auf einer Demonstration junge westliche Akademiker getroffen – viele davon Expats (Menschen, die nur eine begrenzte Zeit in Deutschland leben) aus wohlhabenden Familien – die mit Kufiya, Party-Kleidung und Glitzer im Gesicht gegen den Westen demonstrierten und dabei offensichtlich keinerlei Ahnung vom Nahen Osten hatten. Für sie ist „queer“ einfach automatisch gut und jeder Gegner automatisch böse. Fakten oder Widersprüche interessieren nicht mehr. 

Dazu kommt die Sexualisierung des öffentlichen Raums. Der Berliner CSD ist längst keine Demonstration mehr für die Rechte Homosexueller. Er ist zu einem Spektakel geworden, bei dem sich riesige Konzerne für mehr Profit eine Regenbogen-Moral erkaufen – während extreme Fetische öffentlich ausgestellt und romantisiert werden. 

Ich habe dort BDSM-Gruppen gesehen, die sich vor Kindern auspeitschten, Männer mit Puppy- Masken an Leinen, alte nackte Männer mit Penisringen und Windelfetischisten in Babykostümen. Als ich kritisierte, dass Kinder auf einem angeblich familienfreundlichen Event mit solchen sexuellen Praktiken konfrontiert werden, wurde ich als „verklemmt“ und „sexnegativ“ beschimpft. Wer sich nicht begeistert anschließt, gilt als repressiv. 

Einmal machte ich mit einer Freundin einen Ausflug an die Dahme. Dort trafen wir auf eine Gruppe von Transmännern, die zusammen feierten. Mehrere hatten amputierte Brüste. Noch mehr verstörte mich die Atmosphäre in der Gruppe. Die jungen Frauen wirkten auf mich fragil und isoliert. Geschlechtsdysphorie — also das Gefühl, im falschen Körper zu leben — ist eine psychische Abweichung, die mit extremen Leid verbunden ist. Genau deshalb irritiert es mich, wie leichtfertig Teile des queerfeministischen Milieus mit dem Thema umgehen. 

In Berlin begegnet man Menschen, die Begriffe wie „nicht-binär“ oder „genderfluid“ wie Lifestyle-Accessoires benutzen. Meist sind es privilegierte Hipster aus akademischen Milieus, die mit Pronomen und Identitäten spielen, um sich „marginalisiert“ zu fühlen — obwohl ihr Leben oft maximal angepasst und bürgerlich ist. 

Das ist wohl das perfideste Element der queeren Bewegung: Dass sie vorgibt, besonders sensibel gegenüber Transsexuellen zu sein – aber gleichzeitig deren Interessen und Lebensrealität ignoriert. Menschen, die so viel Schmerz erfahren, dass medizinische Eingriffe die letzte Lösung darstellen, werden durch diesen identitätspolitischen Lifestyle-Aktivismus nicht nur verhöhnt, das Leid und die Außenseiterposition von Transsexuellen und Homosexuellen wird hier gezielt instrumentalisiert. 

Früher war es unter Linken und Feministinnen völlig normal, gegen Geschlechterklischees zu leben. Frauen konnten dominant sein, Männer feminin, ohne daraus gleich eine Ideologie zu machen. Niemand brauchte dafür neue Kategorien oder Labels. 

Heute braucht die Berliner Szene ständig neue Begriffe und Buzzwords, um Andersartigkeit auszustellen. Wer Pronomen ins Profil schreibt und die richtigen Codes beherrscht, gilt als „subversiv“ – obwohl man die Rebellion in Wahrheit verachtet. 

Kurz: Der Feminismus wurde von Spießern gekapert, die auf Kategorien, Identitäten und Schubladen angewiesen sind, weil sie echte Toleranz nicht aushalten. Die Berliner Hipster mit ihren Pronomen, gefärbten Haaren und Piercings, die sich als etwas Besonderes sehen, weil sie sich als „genderfluid“ identifizieren, sind keine Freigeister oder Systemsprenger, sondern Mitläufer. 

An der Uni in Berlin habe ich oft erlebt, dass Gespräche unter angeblich emanzipierten Frauen irgendwann nur darum kreisten, wie toll, erfolgreich oder intelligent ihre Männer seien – welche Bücher sie schreiben, welche Kunst sie machen, welche Karriere sie haben. Sich selbst mit derselben Selbstverständlichkeit groß zu machen, würden viele dieser Frauen nie wagen. 

Wenn Collien Fernandes in kugelsicherer Weste martialische Reden gegen „das Patriarchat“ hält, wirkt das nicht wie echte Stärke, sondern wie eine Inszenierung. Wo waren ihre Stimmen gegen die Gruppenvergewaltigungen, von denen in Berlin jeden dritten Tag eine begangen wird? Ist ihr Problem, dass in mindestens jedem zweiten Fall die Täter keine Deutschen sind und sich die Zahl der Gruppenvergewaltigungen seit 2015 verdoppelt hat? Und dass es in der eigenen Peergroup nicht gut ankäme, das zu benennen? 

Genau das meine ich mit der Unehrlichkeit der queeren Szene: Toughness wird performt, aber nicht gelebt. Viele dieser Frauen wirken nach außen dominant und abgeklärt, sind innerlich aber extrem unsicher und abhängig von sozialer Bestätigung. Dabei wussten die Feministinnen der zweiten Welle doch längst, wie Emanzipation funktioniert. Frauen wie Alice Schwarzer oder Elfriede Jelinek verstanden, dass Frauen sich bestimmte männlich codierte Eigenschaften aneignen müssen, um ernst genommen zu werden. Die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel sprach vom „schielenden Blick“: Frauen werden immer als Frauen gesehen, müssen sich aber gleichzeitig etwas Männliches aneignen, um erfolgreich zu sein. Sie müssen schielen. 

Feministinnen wie Collien Fernandes oder Luisa Neubauer aber gucken ziemlich geradeaus.

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