Lena Dunham: Das Rolemodel

Hannah (Lena Dunham, links) und ihre Girls.
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Nie hat ein Outfit die amerikanische Fernsehnation tiefer gespalten als der Bikini von Lena Dunham. Nach dem Auftritt der Schauspielerin in der Serie „Girls“ in einem blaugrünen Nichts über Hüftspeck und Cellulite fand die 80-jährige ­Modera­torin Joan Rivers es an der Zeit, die 27-Jährige an ihre Vorbildfunktion zu erinnern. Sie mahnte öffentlich: „Lena, weil du amüsant bist, ist es in Ordnung so auszusehen wie du aussiehst. Aber rede anderen Mädels nicht ein, dass sie sich auch so präsentieren sollen!“  

Der Erfinderin, Regisseurin und Hauptdarstellerin der Serie „Girls“, in der es um vier Mittzwanzigerinnen geht, die in Brooklyn ihre Sexualität ausprobieren und nach dem Sinn des Lebens suchen, hat sich nach drei Girls-Staffeln längst an Verrisse gewöhnt. Sie sagt: „Beleidigungen lassen mich kalt. Niemand kann mich so sehr hassen wie ich mich selbst. Jede Bösartigkeit, die jemand mir an den Kopf werfen könnte, habe ich mir allein in der vergangenen halben Stunde gesagt.“ Das sagt Lena zwar nicht als Lena, sondern als Girls-Protagonistin Hannah. Sie macht allerdings keinen Hehl daraus, dass ihr Drehbuch aus ihrem Leben geschöpft ist.

Ihre Brüste sind zu klein, die Hüften zu rund.

Seit „Girls“ im Frühjahr 2012 in den USA Premiere feierte, polarisiert die 2013 vom Time-Magazine unter die „100 einflussreichsten Menschen der Welt“ gewählte Dunham wie keine andere. Ob beim Tischtennis mit nackten Brüsten, als ungelenke Kellnerin im Café Grumpy oder im Bett mit rammelnden Männern, ihre Titelheldin Hannah gibt nie die sprichwörtlich gute Figur ab. Ihre Brüste sind zu klein, die Hüften zu rund und die Rollen am Bauch zu üppig. „Endlich weiß ich, dass ich keine Größe 32 tragen muss, um Sex zu haben“, jubelt seither nicht nur Bloggerin Rhea Mirror. 

Dunham, die als Tochter des Popart-Künstlers Carroll Dunham und der Fotografin Laurie Simmons in Manhattans Künstlerviertel Soho aufwuchs, wird mal als Frauenidol der Generation Y gefeiert, mal als kleines, dickes Mädchen mit Hang zu Exhibitionismus verspottet. Aber alle kennen sie, alle regen sich über sie auf. Jeden Sonntag schalten über eine Million AmerikanerInnen den Kabelkanal HBO an, um der zweifachen Golden-Globe-Preisträgerin und „Herrin der Ängste“ beim (Über)Leben zuzusehen. 

Dunham war der New York Times schon zu Schulzeiten durch Eigenwilligkeit aufgefallen. Mal schrieb das Blatt über die ­Mode­entwürfe der Elfjährigen, mal berichtete es über ein veganes Abendessen der Sechzehnjährigen, bei dem sich die Girls über Justin Timberlakes Musik mokierten („Bitte schreiben Sie, dass niemand in diesem Raum eine CD von ihm besitzt“). 

In diesen Jahren besucht Lena die Eliteschule Saint Ann’s in Brooklyn Heights, in der auch Drehbuchschreiben, Kostümschneidern und Schauspielerei auf dem Lehrplan stehen. ­Rück­blickend beschreibt sie sich als altkluge Besserwisserin. „Ich hatte nicht viele Freunde. Viele haben mich abgelehnt, weil ich ständig redete und den Leuten auf die Nerven fiel.“ 

Nach Abschluss der Highschool zog die New Yorkerin in den Mittleren Westen und studierte an die Kunstakademie der liberalen Universität Oberlin, wo sie sich für kreatives Schreiben entschied. Als Zwanzigjährige verfasste sie erste Drehbücher, führte Regie und versuchte sich an Kurzfilmen, deren Hauptdarstellerinnen unübersehbar autobiografische Züge trugen: komisch, ein wenig neurotisch und so uncool, dass sie schon wieder cool waren. 

Sie gilt als Verfechterin eines neuen Feminismus.

Nicht ganz unerwartet erzählt Dunhams erster Film „Tiny Furniture“ die Geschichte der orientierungslosen Aura, die nach dem Universitätsabschluss aus dem Mittleren Westen nach New York zurückkehrt, wo sie sich als Kellnerin durchschlägt und immer wieder auf egozentrische Männer reinfällt. 

Dunhams provokante Nacktheit als Antwort auf die ­Dauer­salven unrealistischer Körperideale hat ihr inzwischen den Ruf der Verfechterin eines neuen amerikanischen Feminismus eingebracht. Wo Carrie Bradshaw und Freundinnen in der Kultserie „Sex and the City“ Quickies in Spitzenunterwäsche absolvierten, kommen die sexuellen Abenteuer von Dunhams Hannah Horvath in „Girls“ realistisch schwitzig und unromantisch daher. Privat teilt sie das Bett seit zwei Jahren mit Jack Antonoff, dem Gitarristen der amerikanischen Band „Fun“.

Lena Dunhams Blick auf Amerika beschränkt sich allerdings nicht auf den Mikrokosmos ihrer „Girls“-Protagonistinnen. So warb sie bei der politisch zögerlichen Generation Y um Stimmen für Barack Obama, und auch in der Debatte um die wieder aufgeflammten Missbrauchsvorwürfe der Tochter gegen Woody Allen bewies Dunham Charakter. Via Twitter lobte sie den Offenen Brief von Dylan Farrow, die Allen des sexuellen Missbrauchs bezichtigt, als „mutig und kraftvoll“. 

Dass das Eis für gesellschaftliche Rebellinnen gelegentlich dünner ist als erhofft, erfuhr Dunham bei ihrem Vogue-Cover. Da die Unkonventionelle auf dem Titel des Glamourblattes ungewohnt glatt daherkam, setzte der Blog „Jezebel“ eine Prämie für die unretouchierten Originale aus. Tatsächlich belegten dann die Aufnahmen, dass die Fotoredakteure von Vogue bei Dunhams Falten, Hals und Kinn Hand angelegt hatten. Ein weiteres Mal entlud sich ein Kübel Dreck im Internet über Lena. Die ließ sich nicht einschüchtern: „Ich kann nicht nachvollziehen, warum es falsch sein soll, eine Frau auf dem Cover zu haben, die anders als das ­typische Model aussieht“, erklärte Lena Dunham gewohnt selbstbewusst. „Egal ob mit oder ohne Photoshop.“

Aktualisiert am 6.10.2016

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Game of Thrones: What a Beast!

"Brienne, die Schöne" wird sie spöttisch genannt - bis es zum Kampf kommt.
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Ja, das viele Blut ist auch toll, aber man muss nicht zwingend ein Anhänger von Gewalt sein, um der HBO-Serie „Game of Thrones“ zu verfallen. Für alle Schlafmützen, die es immer noch nicht mitbekommen haben: „Game of Thrones“ ist die Verfilmung der Fantasy-Romanreihe „Ein Lied von Eis und Feuer“ von George R.R. Martin. Erzählt wird die Geschichte von sieben Adelsfamilien – alle mehr oder weniger intrigant –, die im fiktiven, dem europäischen Mittelalter ­äußerst ähnlichen „Westeros“ um die Macht kämpfen. Hier wird niemandem etwas geschenkt, die Köpfe fallen so schnell wie die Klamotten und konspirative Treffen finden gern im Bordell statt.

Die stärksten, smartesten und komplexesten weiblichen Charaktere.

Deswegen ist die Serie in den USA auch in der Kritik, wobei man sich weniger über die brutal-realistischen Gewaltdarstellungen aufregt als über die vielen Sex-Szenen. In der Tat gibt es mehr Oben-Ohne-Auftritte, als für den Handlungsverlauf unbedingt notwendig wären. Die britische Feministin Laurie Penny sprach gar von einem „rassistischen Vergewaltigungskultur-Disneyland mit Drachen“.

Warum ich die Serie trotzdem uneingeschränkt empfehle? Weil es in „Game of Thrones“ die ungewöhnlichsten, stärksten, smartesten, anrührendsten und komplexesten weiblichen Charaktere gibt, die der Fernsehserien-Kosmos seit Menschengedenken zu bieten hat: Arya, den fechtenden Tomboy der Familie Stark, Ygritte, die unabhängige Wildlingsfrau, die intelligenten und manipulativen Königinnen Cersei und Margery, Kapitänin Asha und Daenerys, die von ihrem Bruder an den Anführer eines marodierenden Reitervolks verkauft wird und aus dieser schier ausweglosen Situation eine erstaunliche Karriere startet.

Eigentlich sind Fantasy-Romane ja eher dafür bekannt, dass sie von Männern für Männer geschrieben werden und Frauen darin – wie etwa bei „Der Herr der Ringe“ – nur klischeehaft und am Rande erwähnt werden oder gar nicht erst auftauchen. Auf die Frage eines verblüfften Interviewers, wie es denn komme, dass es in seinen Büchern so treffend beschriebene und völlig unterschiedliche Frauenfiguren gäbe, antwortete George R.R. Martin: „Ach wissen Sie, ich habe Frauen schon immer als Menschen betrachtet.“

Mein Lieblingsmensch in der Serie ist Brienne von Tarth, die leider erst in der zweiten Staffel auftaucht. Sie ist der Typ weiblicher Außenseiter, den man im Fernsehen nicht oft zu sehen bekommt: unattraktiv, maskulin, groß.

Wie immer, wenn in einem Film die Rolle einer hässlichen Frau zu besetzen ist, wurde auch hier eine außergewöhnliche Schönheit gecastet. Dennoch besitzt die ungeschminkte Gwendoline Christie noch genug Ecken und Kanten, um als glaubwürdig und im besten Sinne unweiblich durchzugehen. Sie ist 1,92 m groß und schon allein dadurch prädestiniert, Männer auch körperlich in Frage zu stellen.

Zurück zu Brienne: Ausgegrenzt, weil sie nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht, hat sie ihre Verletzlichkeit mit der Ausbildung körperlicher Stärke und der Verinnerlichung eines Ritterideals überwunden. Brienne ist der beste Schwertkämpfer von Westeros (Die beste Schwertkämpferin ist sie sowieso.)

Nun gibt es ja schon seit Geraumem die gut gemeinte Gepflogenheit, in historisierenden Abenteuer-Filmen eine reitende und kämpfende Quotenfrau unterzubringen, damit die weiblichen Zuschauer nicht vor lauter Langeweile vom Kinosessel rutschen. Da springt dann in einem Zeitalter, in dem noch nicht einmal der Damensattel erfunden und erlaubt war und Frauen allenfalls wie Gepäck auf einem Pferderücken transportiert wurden, die Heldin breitbeinig auf einen Gaul und galoppiert mit gerafften Röcken mal eben um die Ecke, um mit den Feinden zu rangeln.

Nicht, dass die Sache selber nicht vorstellbar wäre: Es hat schon immer Menschen gegeben, die sich wenig um die Gesetze, Sitten und religiösen Gebote ihrer Zeit geschert haben. Ärgerlich ist bloß, dass diese Filme für gewöhnlich den ­Anschein erwecken, Frauen könnten sich so einfach über bösartige patriarchale Strukturen hinwegsetzen, ohne dafür ­gesellschaftlich sanktioniert zu werden. Denn die Heldinnen sind in diesen Filmen stets allseits beliebt.

Das ist Brienne nicht. Als Frau wird sie verachtet, weil sie nicht der konventionellen Vorstellung von Weiblichkeit entspricht – ihr Spottname ist „Brienne, die Schöne“ –, und als Ritter löst sie Heiterkeitsanfälle aus, weil sie eine Frau ist. Es ist herzzerreißend mitanzusehen, wie sich die Kränkungen in ihrem Gesicht widerspiegeln, wenn Männer mit brüllendem Gelächter auf sie zeigen, und wie sie trotzdem klug, besonnen und würdevoll – eben ritterlich – reagiert. Und dadurch nur noch neue Lachsalven auslöst.

Brienne hat nicht den Hauch einer Chance – bis es zum Kampf kommt. Dann entlädt sich ihr aufgestauter Hass und besonders widerliche Gegner werden auch schon mal absichtlich langsam umgebracht. Das ist im ritterlichen Tugendsystem schließlich nicht verboten. Und alles, was Brienne will, ist: Ein wahrer Ritter sein.

Mit absoluter Ergebenheit und Loyalität dient sie Lady Catelyn, eine der wenigen, die ihr mit Respekt und Freundlichkeit begegnet sind. Dass Brienne von ihr die Aufgabe übertragen bekommt, ausgerechnet Jaime Lannister, den bestaus­sehenden und skrupellosesten Mann von Westeros und den einzigen, der es mög­licherweise im Schwertkampf mit ihr aufnehmen könnte, als Gefangenen zu überführen, ist einer der Geniestreiche in dieser Serie. Die scheinbar so Gegensätz­lichen haben auf ihrer wochenlangen Wanderung ausgiebig Zeit, sich ihre vorgefassten Meinungen erst gegenseitig an den Kopf zu werfen und dann zu überdenken.

Ich will diese Frau! In meinem Bett!! 

Denn in einer Welt voller Intrigen, Verrat und Selbstsucht sind Anständigkeit und Verlässlichkeit plötzlich ungeheuer attraktiv – wenn nicht sogar sexy. Und so geschieht das Wunder, dass ausgerechnet in einem Fantasy-Film ernsthaft in Frage gestellt wird, was Weiblichkeit und Attraktivität ausmacht, und wie Liebe beschaffen zu sein hat.

Im Internet versehen männliche Fans Brienne-Fotos inzwischen mit dem ursprünglich einmal abfällig gemeinten, aber nun ins Ehrfürchtig-Bewundernde gekehrten Jaime-Zitat: „What a beast!“ und (zumindest vormals) heterosexuelle Frauen posten ihre Begeisterung in einem Dschungel voller Ausrufezeichen:

„Ich will diese Frau! In meinem Bett!! Und zwar sofort!!!“ – Dem kann man/frau sich nur anschließen.

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