Gewalt: Hinsehen & Handeln!
Am Freitag, den 9. Januar 2026, meldet die Mutter der 34-jährigen Johanna G. ihre Tochter im steirischen Tillmitsch als vermisst. Rasch fällt der Verdacht auf M., einen Beamten der Polizei-Spezialeinheit Cobra. Am Tag ihres Verschwindens hatte Johanna einer Freundin geschrieben, sie werde M. vielleicht an diesem Tag treffen. Die Fitnesstrainerin hatte den 30-Jährigen über eine Dating-App kennengelernt. Dass M. sich bereits in einer anderen Beziehung befand, verschwieg er. Fünf Tage nach Johannas Verschwinden erklärt die Landespolizeidirektion: Johanna G., die mutmaßlich von M. schwanger war, ist tot. Mit einem Gürtel um den Hals erstickt. Über seine Anwältin lässt M. verbreiten, es handle sich um einen „Sexunfall“.
Die gut besuchte Gedenkveranstaltung in Leibnitz, der Bezirkshauptstadt von Johannas Wohnort, hat Natascha Bergler mitorganisiert. Sie ist Geschäftsführerin der örtlichen Frauenberatungsstelle „Freiraum“. „Dieser Moment ist so schmerzhaft“, sagte sie, „und doch ist es eine Einladung an uns alle, nicht wegzusehen“.
Bergler koordiniert auch das Projekt „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ in Leibnitz. Erfunden hat das Konzept die Hamburger Professorin für Soziale Arbeit Sabine Stövesand, in Deutschland existiert das Projekt in zwölf Städten. 2019 setzte es der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) in Wien und damit erstmals auch in Österreich um. Durch Förderungen des Sozialministeriums konnte StoP so weit ausgebaut werden, dass es heute an 46 Standorten in allen neun Bundesländern vertreten ist.
Das Projekt „setzt dort an, wo Partnergewalt passiert“, heißt es auf einem Infofolder: „am Wohnort, in der Nachbarschaft“.
Zwei Fragen beschäftigen Natascha Bergler am Fall Johanna besonders: „War ihr nicht bewusst, dass sie in Gefahr ist?“ Und: Falls Johanna doch eine Gefahr ahnte – wusste sie womöglich nicht, wohin sie sich wenden könnte? Bei keinem der jüngeren Femizide im Bundesland hätten die Frauen zuvor eine Opferschutzeinrichtung kontaktiert. Bis Mitte Mai zählte Österreich bereits wieder 13 mutmaßliche Femizide. Ein Ziel von StoP: „Dass jede Frau und jeder Mann weiß, dass es so viele Beratungseinrichtungen mit kostenfreien Angeboten gibt.“
StoP versucht, seine Botschaften über unterschiedlichste Wege an die Frau und den Mann zu bringen. So läuten Mitarbeiterinnen in Wohnhäusern an und sprechen mit den BewohnerInnen darüber, wie wohl sie sich in der Nachbarschaft fühlen, wie gut sie einander kennen und ob sie mitbekommen, dass hinter den Türen die Nachbarin geschlagen wird. „Manchmal wird die Tür sofort zugeschmissen“, sagt Bergler. „Andere aber sind dankbar, dass sie erzählen dürfen.“
Was oft herauskomme: Dass die BewohnerInnen gar nicht wissen, wer hinter der Tür nebenan wohnt. Auch hier wird StoP aktiv: Ehrenamtliche sorgen dafür, dass Leute aus dem Haus, der Straße oder dem Wohnblock einander kennenlernen und zum Beispiel ein kleines Treffen im Park organisieren. So dass die von ihrem Mann verprügelte Nachbarin es eher wagt, sich jemandem anzuvertrauen. Und es für die Nachbarn leichter wird, sich einzuschalten, wenn es in einer Wohnung nach Gewalt klingt.
Graz, zweitgrößte Stadt Österreichs, ist seit dem Vorjahr mit an Bord. Zum StoP-Auftakt kam auch Bürgermeisterin Elke Kahr, die in ganz Europa Aufsehen erregte, weil sie als bekennende Kommunistin Stimmenstärkste wurde (EMMA 5/23). Um Partnergewalt zu vermeiden, müsse man „niederschwellig helfen und Ansprechpersonen direkt vor Ort finden“, sagte die Bürgermeisterin: „Darum gefällt mir der Ansatz dieses Projekts so gut.“
Im Grazer Stadtteilzentrum Jakomini haben zwei Sozialarbeiter Keksteig vorbereitet, Rahelle Gatea hat StoP-Flyer über die Tische verteilt. Einige Frauen und Männer mittleren bis höheren Alters trudeln ein. Die meisten wussten nicht, dass es an diesem Tag um Gewalt geht; sie schauen sowieso immer wieder herein. Eine resolute 75-Jährige namens Enesa, die regelmäßig zum Turnen herkommt, hat eine Menge dazu zu sagen. Dass sie immer einschreite, wenn sie Gewalt mitbekomme. Einmal schlug im Zug ein Mann auf seine Partnerin ein, da fing sie selbst laut zu schreien an. Der Schaffner kam angelaufen, sofort habe der Mann aufgehört.
Auch Rudolf, 71, wurde mutmaßlich schon Zeuge von häuslicher Gewalt – und griff ebenfalls ein. Aus einer Wohnung in seinem Haus habe er „eine Frau in unbekannter Sprache laut schreien gehört“. Auf dem Flur rief er dann laut: „Was ist jetzt schon wieder los? Braucht jemand was?“ Währenddessen muss jemand schon die Polizei gerufen haben, sie war wenige Minuten später da. Wie es weiterging, weiß Rudolf nicht, aber: „Eine Zeitlang waren auf dem Boden dann Markierungen aufgeklebt.“
Am Ende bekommen alle kleine Säckchen mit Keksen mit, auf denen die Telefonnummern von Beratungseinrichtungen stehen und: „Süß statt bitter: Gewalt hat in Beziehungen kein Plätzchen“. Im besten Fall verteilen die BesucherInnen die Kekstüten weiter und bringen so Bewusstsein und Information unter die Leute.
Um auch Jugendliche zu erreichen, geht StoP direkt in Schulen. In Leibnitz waren sie gemeinsam mit einem Polizisten in einer Klasse, wie Natascha Bergler erzählt, als ein Mädchen sagte: „Mein Freund will nicht, dass ich einen kurzen Rock anziehe, und das ist für mich okay.“ Sie fand das irgendwie süß. Der Polizeibeamte spielte darauf mit der Klasse durch, wie so etwas oft weitergeht. Zum Beispiel sagt der Freund als nächstes: „Du, ich mag nicht so gern, dass du so oft mit deiner Freundin fortgehst, ich möchte mehr Zeit mit dir verbringen.“ Dann will er vielleicht „mit ihr gemeinsam“ die Nachrichten und Fotos auf ihrem Handy anschauen. Irgendwann ruft er immer sofort nach Dienstschluss an: „Schatz, bist du wohl schon auf dem Heimweg? Ich möchte mit dir essen.“
Für viele Frauen, weiß Bergler, bedeute all das: „Der liebt mich über alles.“ Doch oft dürfe die Frau irgendwann nichts mehr allein tun. Die Schülerin wollte davon nichts wissen, bei ihr sei das anders. Bergler denkt dennoch, dass die Klasse sehr viel gelernt hat.
Wo beginnt Gewalt, was alles zählt dazu? Die meisten denken „nur“ an Schläge oder Femizide, über die es sich leichter sprechen lasse als über sexuelle Gewalt, sagt Ina Mastnak. Sie ist Geschäftsführerin von Tara, der steirischen Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt. „Frauen trauen sich eher zu sagen, dass sie verprügelt, als dass sie vergewaltigt wurden.“ Denn schnell wird angezweifelt, ob die Frau die Wahrheit sagt.
Die Frauenberatungsstelle „Freiraum“ hat Ina Mastnak zu einem offenen StoP-Frauentisch eingeladen. Ein Dutzend Frauen unterschiedlichsten Alters sind gekommen. Die Runde spricht schnell sehr offen miteinander. Eine Jüngere sagt, ihr sei erst viel später bewusst geworden, wie viele Übergriffe sie als Mädchen erlebt hat. Die Teilnehmerinnen haben juristische Fragen: Gilt Geschlechtsverkehr immer noch als eheliche Pflicht? Nein, beruhigt die Expertin. Eine Frau will wissen, ob auch Frauen angezeigt werden können, wenn sie Männern auf den Hintern hauen. „Ja natürlich“, sagt Mastnak. Immer wieder wird die Tara-Chefin gefragt, was Frauen tun können, um sich zu schützen. Sie ist es schon ein bisschen müde – schließlich seien es die Männer, die ihr Verhalten ändern müssen.
Da setzen die Männertische an, die StoP ebenfalls forciert. Gottfried Silly, 46, hat zuerst nur teilgenommen, jetzt organisiert er den Leibnitzer Stammtisch selbst – ehrenamtlich. Zu den Treffen, erzählt der IT-Experte, kommt ein Gemeindepolitiker genauso wie ein Psychotherapeut, Pensionisten und Schüler.
Ihm selber, erzählt Silly, seien viele Dinge erst durch den Männerstammtisch bewusst geworden. Für ihn selbst, aufgewachsen in einem kleinen Dorf, war klar: Der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau Teilzeit, diese ist auch für alles zuständig, was mit den Kindern zu tun hat. Jetzt weiß er, „dass es schon Machtausübung ist, wenn sich der Mann als Hauptverdiener daheim gewisse Dinge herausnimmt“.
Im Stammtisch spricht die Runde auch darüber, was Männer tun können, wenn sie Zeugen von Gewalt werden. Silly selbst ist bereits einmal eingeschritten, auch hier zeigte sich, wie hilfreich es ist, wenn die Nachbarn sich kennen: In der Nachbarwohnung wurde es unangenehm laut, der Mann war alkoholisiert. Silly läutete und schlug dem Mann vor, eine Runde mit dem Hund zu gehen. Tatsächlich war er bereit mitzugehen. Sillys Partnerin versuchte, in der Zeit mit der Frau Kontakt aufzunehmen.
Ebenfalls ein Thema: Nicht mehr wegzuhören, wenn ein Geschlechtsgenosse einen frauenfeindlichen Kommentar oder Witz ablässt. Vielen Männern werde gar nicht bewusst, was da gerade passiere. Silly organisiert daher gerade in seinem Betrieb, der Anlagen für die Pharma- und Biotech-Branche liefert, einen Workshop. „Ich bin schon gespannt, wie offen meine Kollegen sind“, sagt Silly augenzwinkernd: Kolleginnen hätten sich nämlich sofort angemeldet. Leider sei das typisch.
Aber es werde besser: Bei der Veranstaltung „Man(n) kann reden“ über mentale Gesundheit seien etwa die Hälfte der Besucher Männer gewesen. „Vielleicht hat deren Bewusstsein für solche Themen doch zugenommen“, hofft er.
Wie wird es mit StoP weitergehen? Ende Mai ist die bundesweite Förderung ausgelaufen. Das von der SPÖ geführte Sozialministerium hat bereits Kürzungen angekündigt, da die Bundesregierung gerade ein strenges Sparbudget schnürt. Dabei geht es immerhin um bereits 46 Standorte in Österreich – von Wien bis in kleine, ländliche Gemeinden finden jährlich hunderte Aktionen statt: Flohmärkte und Lesungen, Ausstellungen und Plakataktionen.
Wie breit das Projekt bisher eingesickert ist, lässt sich vielleicht auch an Veranstaltungen wie jener am 7. März 2026, einen Tag vor dem Weltfrauentag, ablesen: Da sind Silly und ein paar Kollegen vom Stammtisch aus der Steiermark nach Wien gefahren, um gegen Partnergewalt zu demonstrieren. Die Demo hatte ein Mann organisiert, und mehrere hundert Männer gingen mit. Geht doch.
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