Der wütende weiße Mann

Foto: pacific press agency/Imago
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Neuerdings heißt es ja gerne, wir lebten jetzt im „postfaktischen“ Zeitalter. Will heißen: Zunehmend viele Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern nur noch für ihre persönliche gefühlte Wahrheit. Donald Trump, der notorische Faktenverdreher, gilt als Prototyp des Postfaktischen, und seine Anhänger, die sich ihr Weltbild aus Vorurteilen zusammenbasteln, natürlich auch. So weit, so bekannt.

Ist das Problem also eine Klassenfrage bzw. eine „soziale Frage“? 

Allerdings erleben wir nach dem Wahlschock gerade in einer ganz anderen Zielgruppe eine erstaunliche Ignoranz eines bestimmten Faktums. Es lautet: Donald Trump wurde mit überwältigender Mehrheit von weißen Männern gewählt, und zwar vor allem von solchen, die man als „abgehängt“ bezeichnet. Zwei Drittel (63%) der weißen männlichen Wähler stimmten laut CNN-Wahlstatistik für den weißen männlichen Kandidaten. Und fast drei Viertel (72%) der weißen Männer ohne Collegeabschluss. Das ist eine gewaltige und aufschlussreiche Zahl - für die sich aber nicht nur Jörg Schönenborn im ARD-Brennpunkt am Abend nach der Wahl kein bisschen interessierte.     

Auch als Alice Schwarzer kurz darauf bei „Maischberger“ versuchte, über das Phänomen zu sprechen - und über die Schlüsse, die daraus zu ziehen seien - wurden die Fakten von den Mitdiskutanten beiseite gewedelt. So befand zum Beispiel Julian Reichelt, Chef von Bild.de, Hillary Clinton solle gefälligst „das Problem bei sich selbst suchen und nicht beim weißen Mann“. Und überhaupt, ob Schwarzer dem weißen Mann demnächst wohl das Wählen verbieten wolle?

Auch die Medien spöttelten: Schwarzer habe „die Feminismuskeule rausgeholt und traf damit sich selbst“, befand der Kölner Stadtanzeiger. „Schwarzer weiß, was sie schon vor 40 Jahren wusste: Der weiße Mann ist das Problem,“ schrieb der Spiegel. Vielleicht hätte der Rezensent den Bericht seines Kollegen Georg Diez lesen sollen. Der war schockiert, auf einer Trump-Wahlveranstaltung den „blanken Hass“ von „wilden weißen Männern mit großen Bäuchen und jungen glattrasierten Männern um die 20“ zu erleben. Spiegel-Autor Diez rief daraufhin den „Bürgerkrieg des weißen Mannes“ aus: „Diese Menge war vereint in der Wut, sie war vereint in der Kränkung, sie war vereint in dem Gefühl, dass ihnen ihr Land genommen wurde und dass sie es sich zurückholen würden.“       

Währenddessen läuft in den USA eine differenzierte Debatte um die „abgehängten weißen Männer“, die schon vor Jahren begonnen hatte. „Who is the ‚Forgotten Man‘?“ fragt die New York Times und konstatiert, dass die Demokraten sich von ihren einstigen „working class politics“ verabschiedet hätten. Vergessen wurde dabei der Arbeiter, der seinen Job in der Autoindustrie verloren hat oder der Landwirt, der seinen Hof dichtmachen musste. Deshalb, so die Washington Post, habe Trump vor allem Bundesstaaten im „Rust Belt“ geholt, dem „Rostgürtel“ mit den geschlossenen Fabriken. Und darum habe Trump auf die „Less Educated Whites“ gesetzt, auf die Weißen mit geringer Bildung.

Sind es die Armen, die gegen die Elite protestieren?

Man kann in der amerikanischen Presse kluge Analysen darüber lesen, was die Verarmung der unteren Mittelschicht mit dem hammerharten Sexismus zu tun hat, der Hillary Clinton entgegenschlug. Nicht nur unter den Trump-Wählern mit ihren Stickern Marke „Don’t be a Pussy. Vote for Trump!“ oder „Finally Someone with Balls!“ Endlich jemand mit Eiern! „Die Antipathie, die Hillary Clinton von weißen Männern entgegenschlägt, ist unvergleichlich“, stellt Politik-Professor Peter Beinart von der New Yorker Universität in seinem Artikel „Fear of a Female President“ fest.

Grund: Der weiße Mann fühlt sich entwertet. Umfragen ergeben: „Die weißen Amerikaner, die Hillary Clinton am stärksten ablehnen, sind die, die eine Entmännlichung am meisten fürchten“, erklärt Beinart. Entmännlichung durch Jobverlust, Entmännlichung durch die Tatsache, dass sie nicht mehr Alleinverdiener sind. Entmännlichung dadurch, dass ihre Art der Männlichkeit nicht mehr Maß aller Dinge ist. „Amerikaner, die finden, dass Amerika ‚zu weich und feminin‘ geworden ist, finden viermal häufiger, dass Hillary Clinton „sehr unangenehm“ ist. Und sie finden, dass „weiße Männer stärker diskriminiert werden als Frauen“.

Ist das Problem also eine Klassenfrage bzw. eine „soziale Frage“? Sind es die Armen, die gegen die Elite protestieren? Könnte man meinen, aber das ist nur ein relativ kleines Stück des Puzzles. Denn: Die abgehängtesten Männer der USA haben Trump ihre Stimme nicht gegeben: die schwarzen. 80 Prozent aller schwarzen Männer haben Hillary Clinton gewählt - und 94 Prozent der schwarzen Frauen. Hier geht es also nicht nur um den Verlust von Einkommen und Sicherheit. Hier geht es um den Verlust angestammter (männlicher und weißer) Privilegien. In der Wahl, die die New York Times als „Schlacht der Geschlechter“ bezeichnet, ging es um die Rassen- und die Geschlechterfrage. Der sich abgehängt fühlende weiße Mann ist wütend auf den aufgestiegenen schwarzen Mann – und noch wütender auf die aufsteigende Frau.  

„Weiße Amerikaner sind wütender als schwarze“, zitiert der Guardian eine NBC-Studie. „Weiße Menschen erklärten häufiger, ihre finanzielle Situation sei nicht so, wie sie sie sich vorgestellt hätten. Und sie schrieben das eher „den Umständen“ zu als ihren eigenen (Fehl)Entscheidungen. Sie erklärten häufiger als Schwarze, dass sie, wenn sie die Nachrichten hören, „mindestens zweimal am Tag wütend sind“. Besonders wütend, so die Umfrage, sind weiße Männer.

Natürlich, es gibt auch wütende weiße Frauen. Über die Hälfte der weißen Frauen (53%), vor allem die älteren, haben Trump gewählt. Und sogar zwei Drittel der weißen Frauen ohne College-Abschluss (62%). Darunter dürften etliche Evangelikale gewesen sein, von denen zwei Drittel Trump wählten. Die Pro Choice-Politik von Clinton, also für das Recht auf Abtreibung, ihre positive Haltung zur Homo-Ehe und natürlich ihr fortschrittliches Frauenleben dürften auch so mancher evangelikalen Frau ein Dorn im Auge gewesen sein. Aber auch die weiblichen Wählergruppen, die für Trump stimmten, reichen nicht an die Zahl der männlichen Trump-Wähler heran. Für Gloria Steinem ist darum die Wahl Trumps ein „White-Lash“ und ein „Man-Lash“, sprich: Ein Backlash, der sich aus der Wut der Weißen und der Männer speist.

Nein, es geht um Rassismus und um Sexismus

Warum ist es so wichtig, sich diese Entwicklung in den USA genau anzusehen? Erstens: Weil auch in Deutschland eine Menge wütender abgehängter Männer unterwegs sind. Sie haben ihre Wut nicht erst in den letzten beiden Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern im September 2016 an der Wahlurne ausgetobt: Hätten in Berlin nur Männer zwischen 45 und 59 gewählt, wäre die AfD stärkste Partei geworden und würde jetzt den Regierenden Bürgermeister stellen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern würde die AfD jetzt den Ministerpräsidenten stellen, hätten im Land des Werftensterbens und der Frauenflucht in den Westen nur Männer zwischen 30 und 60 gewählt.

Zweitens, um nicht im Postfaktischen zu verweilen, das verhindert, dass wir die Ursachen verstehen – und sie verändern können. Im Herbst 2017 ist Bundestagswahl. Es ist Zeit, sich für die Fakten zu interessieren.

Chantal Louis 

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Wieso sind wir eigentlich überrascht?

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Wieso sind wir eigentlich alle so überrascht? Wir Europäer. Wir Fortschrittlichen. Wir Frauen. Wieso waren wir uns so sicher, dass diese Frau zur ersten Präsidentin von Amerika gewählt wird? Eine Frau, die zu einer Generation gehört, die eigentlich Housewife hätten werden sollen, dann aber Ärger machten als Frauenrechtlerinnen. Eine Frau, die seit Jahrzehnten Männerjobs macht, dabei aber immer „ganz Frau“ bleiben sollte. Eine Frau, der bis zur letzten Sekunde vorgeworfen wurde, sie sei „kaltherzig“ und man wisse nicht, was sie „wirklich fühlt“. Eine Frau, die seit 40 Jahren gedemütigt und mit Dreck beworfen wird – und die in den letzten Monaten im Schlamm versank.

Ich weiß nicht mehr, wer es war, es war auf jeden Fall ein eher fortschrittlicher Kollege, ein deutscher Fernsehkorrespondent in Amerika. Und der sagte vor einigen Wochen mit fester Stimme in den Abendnachrichten: „Amerika hat die Wahl zwischen Pest und Cholera.“ Und er war nicht der einzige Fortschrittliche, der so getönt hat.

Pest und Cholera? Pest okay. Dieser Trump, ein Hasardeur, Rechtspopulist und Frauenhasser, der keine Ahnung hat von Politik, dafür aber goldene Wasserkräne in seinem Badezimmer und wechselnde, immer jünger werdende Models an seiner Seite, dieser Trump ist tatsächlich die Pest. Aber wer ist die Cholera? Hillary Clinton?

Nicht nur die Trump-Anhänger haben Hillary begrabscht und gedemütigt

Wie kommt die brillante Juristin, mitregierende First Lady („Wählt einen – ihr kriegt zwei“), Ex-Senatorin von New York und Ex-Außenministerin unter Obama zu so einem Ruf? Sie gehöre zum so genannten „Establishment“, hieß es über die Kandidatin. Geschenkt. Welcher Präsidentschaftskandidat in den USA gehört nicht dazu? Allen voran der Milliardär Trump. Sie mache eine fragwürdige Außenpolitik, sei eine kalte Kriegerin und pro Interventionen. Stimmt. Aber welcher US-Präsident ist das nicht? Und was wohl haben wir von einem Präsidenten Trump zu erwarten?

Hillary Clinton, 69, ist eine sehr erfahrene, demokratische Politikerin. Sie ist eine Frau, ja sogar bekennende Feministin. Sie wäre nach 44 US-Präsidenten endlich, endlich die erste Präsidentin gewesen! Und sie wäre es auch geworden, wenn - wie die ersten Wahlanalysen belegen - nur Frauen, nur Schwarze oder nur junge Leute gewählt hätten.

Sie ist es nicht geworden. Nicht nur darum nicht, weil die Angry White Men sie bekämpft haben. Sie ist es auch nicht geworden, weil sie am Ende einfach zu angefasst war. Und da bleibt immer etwas hängen.

Doch nicht nur die Trump-Anhänger haben diese Frau in einer nie dagewesenen Art begrabscht und gedemütigt. Die Kandidatin Clinton war für alle in diesen letzten Wochen und Monaten vogelfrei.

Dass wir uns heute nicht über die erste Präsidentin Amerikas freuen können, verdanken wir also nicht nur den Männern von gestern. Wir verdanken es auch den Neunmalklugen, wie zum Beispiel ihrem Parteikollegen Bernie Sanders. Diesen BesserwisserInnen, denen Hillary nicht genug dies oder nicht genug das war, aber die in Wahrheit einer Frau diesen Job einfach nicht zutrauen, schlimmer noch: die einer Frau diesen Job nicht gönnen. Jetzt haben sie den 45. Mann. Und was für einen.

Alice Schwarzer

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