Gisèle Pelicot: Was ist ihr Rezept?
Gisèle Pelicot, 73, ist, wir wissen es, die ganze Welt weiß es, von ihrem Ehemann über einen Zeitraum von zehn Jahren nachts betäubt und vergewaltigt worden, hinzu kamen weitere 80 Männer (51 von ihnen konnten inzwischen identifiziert werden), die ihr Ehemann zum Vergewaltigen eingeladen hatte.
Sie hat nichts geahnt. Und dass einige das in Zweifel gezogen haben, gehörte, so sagt sie rückblickend, mit zum Schmerzlichsten für sie. Manche gingen sogar so weit, ihr Komplizität zu unterstellen. Dass sie das widerlegen konnte, verdankt sie einzig und allein der Tatsache, dass ihr sorgfältiger Ehemann alle Taten gefilmt und archiviert hat.
Gisèle über die von ihr gezeigten Videos: Das bin nicht ich. Das ist eine Leiche.
Der Prozess, den, ja man kann sagen, die ganze Welt verfolgt hat, fand von September bis Dezember 2024 in der französischen Stadt Avignon statt. Die ist eigentlich für ein Theater-Festival berühmt. Das Opfer hat, zur Fassungslosigkeit des Gerichts, eine öffentliche Verhandlung gefordert und wurde darin von seinen beiden Anwälten unterstützt. Das war eine wahrhaft weise Entscheidung. „Die Scham muss die Seite wechseln!“, lautete die Parole.
Tag für Tag sahen wir die zarte Madame Pelicot, flankiert von ihren Anwälten wie Schutzengel, im Hof ins Gericht schreiten, durch eine Gasse wachsender Unterstützerinnen und Unterstützer, die Parolen riefen wie „Merci, Gisèle“ oder „Bravo, Gisèle“. Gisèle wurde zur Jeanne d’Arc, zur Rächerin aller Opfer sexueller Gewalt. Weltweit.
Doch wie schaffte das die kleine Frau, die ihre Augen hinter der Sonnenbrille verbarg? Und wer war sie überhaupt?
Darauf gibt dieses Buch Antworten. Gisèle ist das Kind kleiner Leute und wuchs in einer armen Idylle auf dem Land auf. Da gab es einen liebevollen Vater, eine kranke Mutter und eine tatkräftige Großmutter, das war in dem Fall auch nötig. Die Mutter von Gisèle starb, als das Kind neun Jahre alt war. Dieser Verlust wurde zum Trauma ihres Lebens. Darum kann sie wohl bis heute Menschen nicht gehen lassen – selbst Dominique nicht, obwohl sie inzwischen weiß, dass er ein Monster ist. In ihrer Lebensgeschichte kündigt Gisèle den Besuch auch bei ihrem zu 20 Jahren verurteilten Ex-Mann im Gefängnis schon an. Sie besteht auf einer Entschuldigung.
Dominique, das Monster, ist zu Beginn noch keines, aber schon der gequälte Sohn eines brutalen Vaters, der schlägt und vergewaltigt. Sein Bruder wird Arzt. Er wird ein glückloser Handwerker und Vertreter mit lebenslangen Schulden. Die Lebenstüchtige ist sie.
Sie lässt sich von ihrem Mann nicht ihr ganzes Leben rauben
Die Ehegeschichte ist das Übliche. Glück und Unglück. Drei Kinder. Nein, sie hat es tatsächlich noch nicht einmal geahnt, obwohl es Anzeichen gab. Auch, weil sie nichts ahnen wollte. So wie hunderte oder Millionen anderer Frauen auch.
Die Ehefrauen der Männer, die Monsieur Pelicot zum Vergewaltigen seiner Frau eingeladen hatte, ahnten auch nichts. Einer der Gast-Vergewaltiger hatte das Modell auch schon bei seiner eigenen Ehefrau eingeführt und seinerseits nun auch Monsieur Pelicot zum Vergewaltigen eingeladen (die Frau glaubte bis zuletzt dessen Leugnen).
Gisèle Pelicot hat sich die von ihrem Mann gedrehten Videos angesehen: von vorne, von hinten, in den Mund, so fest und tief, dass ihr beinahe die Kronen rausgestoßen worden wären und sie „fast erstickt“ wäre, wie der entsetzte Richter kommentierte.
Gisèle selbst sagt: „Das bin nicht ich. Das ist eine Leiche.“
Sie wird übrigens das Unvorstellbare schaffen: Sie wird drei Jahre nach der Enthüllung des Grauens wieder eine neue Beziehung mit einem Mann eingehen können, inklusive einer liebevollen, körperlichen Sexualität, wie sie schreibt.
Woher hat Gisèle Pelicot die Kraft? Aus sich selbst. Lange Phasen der Selbstbesinnung. Stundenlange Spaziergänge allein am Meer, auf einer bretonischen Insel, wo ihre Tochter ein Haus hat. Zeit. Abwarten. Nachdenken. Besonnen-Sein mit sich selber.
Dazu gehört auch, dass sie sich von Dominique, dem Monster, nicht ihr ganzes Leben rauben lässt. Da gab es ja nicht nur die Nächte der letzten Jahre, sondern auch die Tage der 50 Jahre. Sie war ein halbes Jahrhundert mit diesem Mann zusammen, und sie haben vieles geteilt: das Erwachsenwerden, das Entstehen der Sexualität (deren düstere Fratze er damals anscheinend noch nicht hatte oder nicht zeigte), das Elternsein, das Glücklichsein, das Unglücklichsein. Das alles soll jetzt nicht mehr existieren? Nein!, sagt Gisèle, es war auch mein Leben!
Diese Frau will sich von diesem Mann, der einst ein junger Mann war und irgendwann zum Monster geworden ist, nicht ihr Leben rauben lassen. Sie hat den Abgrund überwunden und wieder Land gewonnen. >Sicher, Gisèle hat auch Glück gehabt. Sie hat einen neuen Menschen gefunden, der erst vor kurzem seine Partnerin durch Tod verloren hatte – eigentlich ganz wie sie. Und sie hat zwei formidable Anwälte gefunden, die die richtige Haltung und das richtige Handwerk hatten. Aber: Glück erarbeitet man sich auch.
Wir dürfen uns heute Gisèle Pelicot vorstellen als eine Frau, die mit sich im Reinen ist. Der das Grauen begegnet, ja passiert ist. Die sich jedoch vom Grauen nicht besetzen, nicht definieren ließ. Eine Frau, die selber bestimmt, wer sie ist. Trotzalledem. Sie ist eine Frau im Besitz ihrer Kräfte und mit der Entschlossenheit, das Leben zu genießen. Gisèle Pelicot war ein Opfer. Aber sie ist keins mehr.
ALICE SCHWARZER
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Gisèle Pelicot (mit Judith Perrignon): Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln. Ü: Patricia Klobusiczky (Piper, 25 €)

