In der aktuellen EMMA

Warum greifen Frauen zur Flasche?

Andrea Noack gelang der Ausstieg aus der Sucht. - Foto: Urban Zintel
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Wie war Ihr Weg in den Alkoholismus?
Andrea Noack Am Anfang trank ich einfach nur zu viel. Alkohol war ein Hauptbestandteil in meinem Leben, schon lange vor der Abhängigkeit. Die Werbung ist eine sehr trinkfreudige Branche, ständig gibt es etwas zu feiern. Nach der Arbeit geht man oft zusammen aus. Aber irgendwann wurde der tägliche Konsum zum Zwang. Jede Schwierigkeit habe ich abends mit Alkohol abgemildert. Ohne Alkohol funktionierte ich nicht mehr richtig. Das führte zu einem Kontrollverlust – und zu Aggressionen, wenn ich am Trinken gehindert wurde. Die schlimmste Störung war eine Depression, begleitet von enormen Selbstzweifeln.

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Die Sie dann wiederum mit Alkohol zu überwinden versuchten.
Ja, aber das verstärkte die Depression.

Oft bleibt es nicht bei nur einer Sucht.
Fast alle Alkoholiker sind vom Nikotin abhängig, worüber selten gesprochen wird. Und im Job wird oft Kokain oder Speed konsumiert.

Was in der Werbebranche vermutlich sogar noch als chic gilt.
Die Werbebranche, vielleicht sogar die Kreativbranche insgesamt, ist nach meiner Erfahrung stark von ausbeuterischen Elementen und patriarchalen Strukturen geprägt. Und Alkohol zementiert das. Kumpanei, Kungeleien – Alkohol ist immer dabei. Frauen möchten mithalten oder trinken heimlich aus Versagensangst. Es herrscht eine Doppelmoral: Wir betonen Kompetenz, setzen jedoch gleichzeitig auf traditionelle Rollenbilder. Es mag inzwischen mehr Frauen in Führungspositionen geben, aber zu meiner Zeit waren die meisten Vorgesetzten und Geschäftsführer Männer. Frauen mussten von vornherein mindestens mehr, wenn nicht doppelt so viel leisten wie die männlichen Kollegen, um vergleichbare Positionen zu erreichen, falls sie das überhaupt schafften. Bezahlte Überstunden gab es nicht, Wochenendarbeit war selbstverständlich.

Die November/Dezember-EMMA
Die November/Dezember-EMMA

„Ich war von früh bis spät damit beschäftigt, für andere zu sorgen. Und Kunden zu bedienen“, schreiben Sie. Wie schaffen wir es, uns von dieser Dienstmagd-Mentalität zu befreien?
Da haben wir noch viel zu tun. Wir haben die Dienstmagd als Karrierefrau verkleidet. Das habe ich erst sehr spät begriffen. Ich führte Probleme eher auf meine eigene Unfähigkeit zurück als auf ein System, das Frauen ausbeutet und Männer bevorzugt. Dieses System habe ich tatsächlich erst durch meine Suchterkrankung, oder besser durch meinen Ausstieg aus der Sucht, erkannt.

Das ganze Interview in der aktuellen November-Dezember EMMA.

Weiterlesen: Andrea Noack: Die Bestie schläft (Blessing, 20.60 €), www.andreanoack.de

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