In der aktuellen EMMA

Ayaan Hirsi Ali: Sie redet Klartext

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Wenn man von weit her kommt, macht man manchmal größere Schritte. Das hat Simone de Beauvoir im Jahr 1969 gesagt – in dem Jahr, in dem Ayaan Hirsi Magnan in Somalia zur Welt kam. Da ist ihr Land geschüttelt von Bürgerkrieg und Korruption.

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Ihr Vater sitzt als Oppositionspolitiker im Gefängnis und flüchtet später ins Exil. Ihre Mutter ist eine orthodoxe Muslima und kämpft als Hausfrau hart um das Überleben ihrer Kinder. Und die bei ihnen lebende Großmutter kommt, wie Ayaan sagt, „noch aus der Eisenzeit“: Sie ist eine Nomadentochter, die den Himmel und den Sand lesen kann. Wird sie gefragt, wie viele Kinder sie geboren habe, antwortet sie: „Eins.“ – Sie hatte einen Sohn und neun Töchter.

Genitalverstümmelung, Zwangsverheiratung, Schläge - doch Ayaan leistete Widerstand

Auf dem vom Postkolonialismus und der beginnenden islamistischen Agitation erschütterten Kontinent werden Großmutter, Mutter und die drei Kinder hin und her geworfen. Auf der Flucht aus Somalia landen sie im islamistischen Saudi-Arabien, wo sie als Frauen nicht mehr ohne Begleitung auf die Straße gehen können. Von dort geht es nach Äthiopien, wo die somalische Opposition im Exil ist – und zuletzt in den Sudan, der in Hunger und Blut versinkt.

 

2006 verlieh Alice Schwarzer Ayaan Hirsi Ali den "Kasseler Bürgerpreis". - Foto: Bettina Flitner
2006 verlieh Alice Schwarzer Ayaan Hirsi Ali den "Kasseler Bürgerpreis". - Foto: Bettina Flitner

 

Unter diesen Umständen hätte aus Ayaan auch etwas ganz anderes werden können als die Frau, die wir heute für ihren Mut, ihren Verstand und ihre Ungebrochenheit schätzen. Ayaan hätte unter den brutalen Schlägen ihrer Mutter und ihres Koranlehrers tot liegen bleiben können, wie so manche Freundin. Ayaan hätte an all den Demütigungen, widersprüchlichen Botschaften und der erlittenen Klitorisverstümmelung verrückt werden können, wie ihre Schwester. Doch Ayaan wählte die dritte Option: Sie leistete Widerstand.

Vor einer Zwangsverheiratung mit einem Somalier floh sie im Jahr 1992 am Flughafen Frankfurt in die Freiheit. Sie ging in die Niederlande, studierte dort und engagierte sich gegen islamische Fundamentalisten. Die Kugel, die 2004 den Satiriker und Filmemacher Theo van Gogh aus der Pistole eines Islamisten tötete, galt auch ihr. Sie hatte zuvor mit van Gogh einen Film über die Unterdrückung der Frauen im Islam gemacht.

Mehr von Ayaan Hirsi Ali in der aktuellen EMMA, jetzt am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel und im emma.de/shop
Mehr von Ayaan Hirsi Ali im Juli/August-Heft: am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel & im emma.de/shop

2003 hat EMMA die damals in den Niederlanden lebende Ayaan Hirsi Ali erstmals porträtiert. 2006 habe ich die Laudatio gehalten für den „Kasseler Bürgerpreis“, den die deutsche Stadt ihr verliehen hat: der Frau, die inzwischen vor den Mördern von van Gogh ein zweites mal geflohen war, diesmal nach Amerika. Dort  forscht sie seither zu der weltweiten Offensive des politischen Islam, der die Scharia über den Rechtsstaat stellt, und vor dem sie einst geflohen war.

Die Todesdrohungen der radikalen Islamisten konnten Ayaan Hirsi Ali bis heute nichts anhaben. Aber die Naivität vieler Linker, Liberaler und sogar so mancher Feministinnen macht der geborenen Muslimin Angst. Für sie ist Ayaan Hirsi Ali eine „Rechte“, weil sie den rechtsradikalen Islamismus bekämpft. In der aktuellen Juli/August-EMMA erklärt sie, warum.

A.S.

Weiterlesen
Ayaan Hirsi Ali : "Beute. Warum muslimische Einwanderung westliche Frauenrechte bedroht" (Ü: K. Petersen/W. Roller, Bertelsmann, 22 €)

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