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Bettina Flitner: Meine Schwester

Bettina mit ihrer Schwester Susanne.
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Der Telefonanruf kam abends gegen 22 Uhr. Eine Freundin aus Wien war zu Besuch, sie hatte gerade ihre Mitbringsel ausgepackt. Zwei Oberteile, von einer Modemacherin. Ich zog meins sofort über, ein hauchdünner moosgrüner Hoodie. Genau meine Farbe, extra für mich angefertigt. „Sie ist Fotografin“, hatte die Freundin der Designerin gesagt und etwas „schickes Sportliches“ bestellt. Sie saß auf dem Sofa und betrachtete zufrieden mich und Alice, die etwas „elegantes Schwarzes“ bekommen hatte, wie wir uns in der großen Wohnzimmerscheibe spiegelten. Während wir uns noch hin- und herdrehten – Wie fällt es? Was zieht man drunter? – klingelte das Telefon.

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Es war Thomas, der Mann meiner Schwester. Er schrie und schluchzte ins Telefon. Er hatte meine Schwester im Bad gefunden, als er um halb zehn nach Hause gekommen war. Sie lag da neben der Waschmaschine. Er hatte sofort den Notarzt gerufen. Aber die hatten nur noch das Fenster aufgemacht. Das machen sie immer so.

*

33 Jahre vorher. Ich halte den Hörer in der Hand. Mein Vater ist am Telefon, er sagt: „Tina, Mami ist tot.“ Dann hat sie es also wirklich getan, denke ich.

*

Ich zog sofort den Hoodie aus, versuchte zu verhindern, dass er den Geruch der Erinnerung annahm. Seltsam, dachte ich, während ich den moosgrünen Stoff über den Kopf zog. Seltsam, dass ich in diesem Moment daran denke. Ich wusste im gleichen Augenblick, dass ich ihn nie wieder tragen würde.

Ich spürte, wie ich auf unterste Betriebstemperatur hinunterschaltete. Der Katastrophenmodus lief. Das geht automatisch. Diesmal war ich es, die bei meinem Vater anrufen musste. Es klingelte einmal, es klingelte zweimal, es klingelte dreimal, es klingelte viermal, es klingelte fünfmal, es klingelte sechsmal. Der Anrufbeantworter sprang an. „Ich bin im Moment nicht da, aber was Sie mir auf das Band sprechen, höre ich mir später an.“ Ich hatte diese Ansage viele Male gehört. Mein Vater ist oft unterwegs, auch mit seinen 89 Jahren. Die Stimme war fröhlich. Ich bat ihn, mich zurückzurufen. Für meinen Vater war die Welt noch in Ordnung.

Wenn wir früher in unserem weißen VW Käfer zu meinen Großeltern fuhren – ich saß immer hinter meinem Vater, meine Schwester immer hinter meiner Mutter –, gab es manchmal auf der Gegenfahrbahn einen Unfall. Dahinter stauten sich bereits die ersten Autos. Wir fuhren an den stehenden Wagen vorbei, dann an denen, die gerade abbremsten, und dann kamen die, die noch unbeschwert unterwegs waren. Je weiter wir fuhren, desto mehr wurde ich zur Zeitreisenden. Ich konnte in die Zukunft der anderen blicken. Noch ahnen sie nichts, dachte ich, wenn uns die Unwissenden in voller Fahrt entgegenkamen. In 30 Sekunden werden sie es erfahren.

*

Ami setzt sich ihren grünen Turban auf, eine fertige Haube aus Baumwolle, die vorne geschlungen ist. Sie rückt ihn vor dem Spiegel am Eingang zurecht und überprüft den Sitz ihrer langen diamantenen Ohrgehänge. Sie steckt die längliche Brosche mit den beiden Vorderzähnen eines Hirsches aus den schlesischen Wäldern an, ihr Vater hat ihn vor 70 Jahren geschossen. Sie haben im Laufe der Jahre eine gelbliche Farbe angenommen. Die Schachtel HB landet in ihrer Handtasche. Sie klaubt den Autoschlüssel von der Ablage, und los geht’s.

Wir warten vor der Garage, die beiden grünen Holztüren stehen auf. Wir hören den BMW starten. Meine Schwester zieht mich rasch beiseite. Da springt der BMW schon mit einem Satz aus seiner Hütte. Wir rollen durch die Einfahrt, vorbei an dem zerbeulten Schild: Arztausfahrt, bitte freihalten. Meine Schwester behauptet, Ami würde bei jedem zweiten Mal dagegenfahren. Und Api jedes Mal. Ami ist die zweitschlechteste aber Api ist unbestritten der schlechteste Autofahrer der Welt.

Meine große Schwester hatte mich am Tag zuvor in ein von ihr erdachtes umfangreiches Sicherheitskonzept eingeweiht. „Das Schlimmste, das uns passieren kann“, hatte sie gesagt, „ist, dass bei einem eventuellen Aufprall das Glas splittert und unsere Gesichter zerschneidet.“

Sie hatte eine Schulung anberaumt, die während des Mittagsschlafes unserer Großeltern in Apis Arbeitszimmer stattfinden sollte. Als ich Punkt 14.30 Uhr eintraf, hatte sie schon alles vorbereitet. „Willkommen zur Operation Hase“, sagte meine Schwester mit ernstem Gesicht. Sie hatte die beiden hohen Stühle so gestellt, dass sie einander gegenüberstanden, und wies mir den rechten zu. Ich setzte mich. Kerzengerade saß ich auf der Stuhlkante und schaute sie an. Was hatte meine große Schwester vor?

Sie nahm auf dem Stuhl gegenüber Platz und griff zu den steifen Kissen der Odyssee. „Diese beiden Kissen“, sagte sie und machte eine bedeutungsvolle Pause, „diese Kissen werden unsere Rettung sein.“ Sie nahm eines und legte es auf ihren Schoß.

„Jede von uns hat ihr Kissen während der gesamten Autofahrt auf den Knien liegen“, sagte sie und wies mit der Hand auf das ihre wie eine Stewardess, die den Passagieren vor einem Flug die Sicherheitsbestimmungen erläutert. „Sobald eine von uns die Gefahr kommen sieht, löst sie sofort den Alarm aus. Dann gehen wir beide in Hockstellung und pressen die Kissen auf unsere Gesichter.“

Was mit Gefahr gemeint war, brauchte sie eigentlich nicht zu sagen. Der Wagen von Ami und Api war ständig zerbeult. Irgendetwas stand zu ihrer beider Entrüstung immer im Weg. Aber meine Schwester fuhr trotzdem fort, als müsse sie die Sicherheitsbestimmungen ordnungsgemäß zu Ende führen: „Egal, ob es ein anderes Auto, eine rote Ampel, ein Baum oder ein Hirsch ist, der Alarm muss mittels Codewort rechtzeitig ausgelöst werden.“

Ich nickte. Alles, was meine Schwester sagte, war einleuchtend. So war es immer gewesen, so war es auch jetzt. „Und wie lautet das Codewort?“, fragte ich. „Hase“, sagte meine Schwester bestimmt. Sie stand auf und stellte ihren Stuhl neben meinen. Eine erste Übung sollte gleich jetzt stattfinden. „Wir sitzen jetzt auf den Rücksitzen des Autos“, führte mich meine Schwester ein. Und dann fuhren wir auf einer Landstraße. „Hase!“, rief meine Schwester unvermittelt. Ich beugte mich nach unten und drückte mein Gesicht auf das harte kratzige Kissen. „Sehr gut!“, befand sie. Das Training war beendet.

BETTINA FLITNER

Weiterlesen: Bettina Flitner: Meine Schwester (Kiepenheuer & Witsch, 22 €). Erhältlich im EMMA-Shop.

Lesungen:
17.3., Leipzig; 22.3., Köln/Litcologne, Kulturkirche. bettinaflitner.de

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