Bettina Flitner mit einem der Freier im "Wellness-Bordell".
Bettina Flitner mit einem der Freier im "Wellness-Bordell".

Bordell: Meine Tage im Puff

Es ist wenig los in der Lobby. Nur ein einzelner Mann checkt ein. Er hat seinen Rollkoffer abgestellt und schĂŒttelt sich. Es regnet draußen, der Matsch klebt noch an seinen schwarzen Profilsohlen. Er öffnet seine wattierte Jacke und lockert den Schal. Die Frau am Empfang hĂ€ndigt ihm Bademantel und Badelatschen aus. Sie bindet ihm ein blaues PlastikbĂ€ndchen um das Handgelenk.

Da macht der Fahrstuhl „ping“, eine Frau steigt aus. Sie stellt sich ebenfalls an die Empfangstheke. Eine knappe Frage an die Empfangsdame, ein kurzes Sortieren in ihrer Handtasche, ein rascher Blick auf den Mann. Die Frau ist vollkommen nackt. Nur an den FĂŒĂŸen trĂ€gt sie Schuhe, goldene Highheels. Der noch vollstĂ€ndig angezogene Mann mustert sie. Schaut auf den Busen, auf die Schenkel, auf den ­rasierten VenushĂŒgel. Die Frau kramt noch ein wenig in ihrer Handtasche, klappt sie zu, hĂ€ngt sie ĂŒber die Schulter und geht nach rechts ab.

MĂ€nner in dicken MĂ€nteln und vollkommen entblĂ¶ĂŸte Frauen.

Diese Szene spielt sich innerhalb weniger Minuten noch ein paar Mal ab. MĂ€nner, die in dicken MĂ€nteln aus der KĂ€lte kommen, Frauen, die nackt in ihren Taschen kramen. Der Fahrstuhl spuckt immer mehr vollkommen entblĂ¶ĂŸte Frauen aus, sie durchqueren die Lobby, holen sich ­frische HandtĂŒcher. Mit einem Blick ­werden sie von den neu an- kommenden MĂ€nnern taxiert und erfasst.

Ich sitze in der Mitte der Lobby und warte auf den Pressesprecher des Großbordells „Paradise“, Herrn Beretin. Alles hier ist auf 1000 und 1 Nacht dekoriert. Bestickte Kissen auf weichen Liegelandschaften, gehĂ€mmerte Messingtischchen, indirektes weiches Licht aus arabischen Leuchtern. Ein Hauch von Harem. Nur das mit dem Geheimnisvollen, Stichwort Schleiertanz, das ist irgendwie schief ­gegangen.

Herr Beretin sitzt mir in der Anmeldung im zweiten Stock gegenĂŒber. Er hat Locken, die nach hinten gegelt sind, im Nacken etwas lĂ€nger, die Michel-Friedman-Frisur in Dunkel- blond. Er trĂ€gt handgenĂ€hte Schuhe und einen großen Ring am Finger. „Das ist mein Familienwappen. Wenn die Leute da draußen wĂŒssten, wie ich richtig heiße 
“, sagt er und lĂ€chelt vielsagend. Seinen richtigen Namen verrĂ€t er mir im laufe der Woche dann auch noch. Aber den habe ich noch nie gehört und vergesse ihn leider gleich wieder. Herr Beretin war auch mal Fotograf, Kriegsfotograf. Wenn es irgendwo geknallt hat, war er immer als erster draußen. Die anderen, die Pfeifen, sind im Hotel geblieben.

Herr Beretin sitzt hinterm Schreibtisch, ich davor, da, wo auch die Frauen sitzen, wenn sie zum ersten Mal hier sind. An diesem Tisch wird alles aufgenommen, erklĂ€rt er mir, hier wird alles erstmal ordentlich registriert: Personalausweis, Aufenthaltsgenehmigung, Fotos fĂŒrs Internet. Und auch die Gebrauchsanweisung fĂŒr die Frau wird hier ausgefĂŒllt. Denn im Haus gilt ein Einheitspreis von 50 Euro pro halbe Stunde. Aber was liefert die Frau dafĂŒr? Welche Dienstleistungen sind darin enthalten? Auf dem Formular wird Zutreffendes angekreuzt: KĂŒssen ja oder nein? Lesbenshow ja oder nein? Französisch, Dildospiele, Körperbesamung? Einiges kostet natĂŒrlich extra. Anal zum Beispiel. Gleich 100 Euro mehr. Ins Gesicht abspritzen ist auch nicht inklusive, macht 50 Euro zusĂ€tzlich.

Die Frauen zahlen 127 Euro pro Tag - macht schon drei Mal Geschlechts-
verkehr am Tag.

So, sagt Herr Beretin, dann zeige ich Ihnen mal die Zimmer. Er meint die Zimmer, in denen die nackten Frauen wohnen. Denn die Frauen arbeiten nicht nur hier, sie wohnen auch hier. Oft nur fĂŒr ein paar Wochen, bis sie ins nĂ€chste Bordell weitergereicht werden. Beretin klopft kurz und öffnet die TĂŒre. Zehn Quadratmeter, sechs Betten nebeneinander. Er schließt das Zimmer schnell wieder. „Wir haben auch Zwei-Bett-Zimmer“, sagt er, und dann laufen wir ein wenig. Schließlich öffnet Herr Beretin wieder eine TĂŒre. Ja, hier ist es. Zwei MĂ€dchen sitzen da, die eine liegt auf dem Bett und döst, die andere sitzt vor einem Laptop. Herr Beretin fĂ€hrt ihr durchs Haar und schließt die TĂŒr wieder.

Dann zeigt er mir die anderen Zimmer vom Paradies, die, die fĂŒr die halbe Stunde zum Einsatz kommen. Die sind doppelt so groß, aber dafĂŒr steht da auch nur ein Bett drin. Es ist goldfarben und kugelrund. Herr Beretin setzt sich auf den rosa Frotteebezug und schaut mit missmutiger Miene auf die dunklen Flecken. „Die Menschen fliegen zum Mond, aber wie man die Flecken hier rauskriegt, das kann mir niemand sagen“, murmelt er.

Auf dem Weg nach unten erklĂ€rt er mir das GeschĂ€ftsmodell „Wir stellen hier nur die Infrastruktur zur VerfĂŒgung“. Die MĂ€nner zahlen 79 Euro Eintritt, die Frauen zahlen auch 79 Euro. ZusĂ€tzlich zahlen die Frauen tĂ€glich 25 Euro Steuer. Plus 23 Euro fĂŒr das Mehrbettzimmer pro Nacht. Macht fĂŒr die Frauen 127 Euro Kosten pro Tag. Macht 23 Euro Verdienst nach drei Mal Geschlechtsverkehr innerhalb von 24 Stunden. Essen gibt’s umsonst. Immerhin.  

Wir betreten den Hauptraum. Gleich neben dem Empfang geht’s rein. Vorne eine lang gestreckte Bar. Es stehen drei MĂ€nner an der Theke, jeder fĂŒr sich allein. Sie tragen weiße FrotteebademĂ€ntel und haben ein blaues Band am Handgelenk. Der Mann mit dem Rollkoffer ist auch dabei. Bei ihm ist schon eine nackte Frau stehen geblieben.

Dass die Hell's Angels bei uns den Sicherheits-
dienst machen ist reiner Zufall.

„Hello Schatzi“, sagt sie, „wherrre arre you frrrom?“ Der zweite starrt unverwandt in den Fernseher an der Theke, wo gerade ein Fußballspiel lĂ€uft. Der dritte schaut etwas angestrengt in den Raum hinein, der sich hinter der Bar auftut. Um eine beleuchtete Messingstele in der Mitte gruppieren sich Sitzlandschaften. Auf den Sofas sitzen nackte Frauen, zu zweit, zu dritt, zu viert.

Jetzt steht eine von ihnen auf und geht langsam durch den Raum. Aber keiner von den drei, vier MĂ€nnern, die da sind, hebt auch nur den Kopf. Die Frau lĂ€sst sich nach einer Minute wieder neben ihre Kolleginnen auf die Kissen fallen. „Alles original aus Marokko“, sagt Herr Beretin und zeigt auf den goldverzierten Massageraum. „Den Produzenten haben wir groß gemacht. Millionen haben wir hier reingesteckt.“

Woher kommt eigentlich so viel Geld?, frage ich mich. „Hier wird alles gewaschen“, sagt Herr Beretin. Wie bitte? Ach so, die WĂ€sche. Wir stehen in der WaschkĂŒche. In zehn Waschmaschinen drehen sich die Trommeln. Eine emsige Frau um die 50 wuchtet BademĂ€ntel und FrotteetĂŒcher aus den Körben. „Übrigens“, sagt Beretin: „Wir haben mit dem so genannten Milieu nichts zu tun. Gar nichts. Dass die Hell’s Angels bei uns den Sicherheitsdienst machen, das ist reiner Zufall.“ Die weißen HandtĂŒcher tanzen in den WĂ€schetrommeln. 

Und dann fĂŒgt der Pressesprecher des Paradieses noch etwas hinzu: „Da draußen sind ĂŒberall Kameras. Wir sehen hier alles, hier kann keiner unbemerkt Fotos machen.“ Mit dem letzten Fotografen, da hat Herr Beretin so richtig Klartext reden mĂŒssen: „Dem habe ich gesagt, beim nĂ€chsten Mal kannst du dir deine Kamera aus dem Arsch wieder rausziehen.“ Bei dem Satz wird er ein wenig lauter, weil die Trommeln auf Schleudern umgeschaltet haben.

Ich will Freier portrÀtieren. MÀnner, die zugeben, dass
sie ins Bordell gehen.

Mein erster Arbeitstag im Paradies ­beginnt am nĂ€chsten Tag um 16 Uhr. Ich fahre von Stuttgart auf die Autobahn, geradewegs ins Industriegebiet Echterdingen und parke auf dem großen Parkplatz neben dem fĂŒnfstöckigen, rot angestrichenen Zweckbau. Meinen Fotokoffer wuchte ich die Stufen hoch und stehe nun wieder am Empfang, die nackten Frauen mit den Handtaschen sind schon da. Mit dem Fahrstuhl fahre ich in den ersten Stock, da, wo die großen Zimmer mit den runden Betten sind. Ich gehe durch den langen Gang, die meisten Zimmer stehen offen. Überall das gleiche Bett, nur der Dekor der Zimmer variiert. Mal rot, mal gelb, mal schwarz. Vorne am SchlĂŒsselbrett hole ich mir die Nr. 31. Das ist das letzte Zimmer in der Ecke.

Hier bin ich im Auftrag des Stern. Ich will Freier portrĂ€tieren. MĂ€nner, die zugeben, dass sie ins Bordell gehen. Die sich nicht nur fotografieren lassen, sondern mir auch erzĂ€hlen, warum sie das tun. „Das macht niemand“, hatten mir alle prophezeit. Selbst die Leute aus dem Milieu hatten unglĂ€ubig den Kopf geschĂŒttelt. Aber ich will es zumindest versuchen. Also habe ich den Inhaber des Paradieses, Herrn Rudloff, angesprochen und ihn gefragt, ob ich bei ihm im Hause die „GĂ€ste“ fotografieren kann. Er hat Ja gesagt.

Und da bin ich nun, im Puff. Mein Licht steht, das Zimmer ist durch den Troddel an der TĂŒrklinke als besetzt markiert. Ich gehe runter zur Bar. Gerade fĂŒllt sich das Haus. Die „Internationale Fachmesse fĂŒr Verbindungs- und Befestigungstechnologie“ hatte Herr Beretin dem ­Messekalender entnommen. „Da könnte es voll werden.“ Die ersten Herren von der Befestigungstechnologie sind schon im ­Bademantel unterwegs. Ich muss den richtigen Moment abpassen. Besser davor oder danach?

Mein zweiter Tag im Paradies. Ich werde bereits von einigen StammgĂ€sten begrĂŒĂŸt.

Ich stehe an der Theke. Außer der Barkeeperin bin ich die einzige angezogene Frau hier im Raum. Ich gebe mir einen Ruck und spreche den ersten an. „Guten Tag, ich mache fĂŒr den Stern eine Geschichte ĂŒber das Paradise und die GĂ€ste hier.“ Er reagiert freundlich. Aber entschieden. Er sei verheiratet und habe zwei Töchter. Wenn das rauskĂ€me 
 Der nĂ€chste Bademantel ist zwar nicht verheiratet, aber liiert. „FĂŒr meine Freundin wĂŒrde eine Welt zusammenbrechen 
“ Ich ziehe eine Zigarette aus der Schachtel. Verdammt, ich fange wieder an zu rauchen.

Ein Mann Ende 50, Bauunternehmer, ein jugendlich-schlanker Typ mit schĂŒtterem Haar, gibt mir Feuer und erzĂ€hlt mir bei der Gelegenheit, wie toll die ThailĂ€nderinnen ihre Schamhaare gescheitelt haben, einen richtigen Seitenscheitel haben die. „Hier können die das ja leider nicht, wegen der Hygiene, da ist ja alles abrasiert.“ Und er verrĂ€t mir auch, woran er die Dichte der Schambehaarung einer Frau ­erkennt, selbst wenn die ausnahmsweise mal angezogen ist. „Wenn die Augenbrauen einen Bogen machen – so wie bei dir.“ Und dabei fĂ€hrt er mit dem Finger an meiner rechten Augenbraue entlang.

Als ich in der Nacht vom Hof fahre, habe ich keinen einzigen Mann im Kasten. Obwohl ich vor wenig zurĂŒck­geschreckt bin. Im Hotel angekommen, nehme ich ein langes, heißes Bad.

Am nĂ€chsten Tag gehe ich mit einer Freundin, die sich bestens auskennt, in die Bars der Stuttgarter Altstadt. Ich habe mir was ĂŒberlegt: Jede Frau, die mir „einen Gast“ vermittelt, bekommt 50 Euro von mir. Irgendwie muss ich schließlich an Freier herankommen. Ich streue meine Handynummer und gehe mit Sandra essen. Kaum sitzen wir, klingelt auch schon mein Telefon: „Hirrrr Illlonnna. IIIcccch habĂ€ Frrrrrayer fiier diiich. Wannnn kannnst du hiiieerrrrr sein?“ Bingo. 20 Minuten spĂ€ter bin ich in der Tabu-Bar und treffe Iwan. Ein dicker, gemĂŒtlicher LKW-Fahrer, der bereitwillig erzĂ€hlt und sich auch fotografieren lĂ€sst. Ich schöpfe Hoffnung.

Mein zweiter Tag im Paradies. Ich erklimme die Stufen, grĂŒĂŸe die Empfangsdame und die nackten Frauen in der Lobby, fahre mit dem Fahrstuhl in den ersten Stock und rolle meinen Fotokoffer den Zimmergang entlang. SchrĂ€g ĂŒber mir kopulieren Paare auf zwei Flachbildschirmen. Die Frau, die sich um die SĂ€uberung der Zimmer kĂŒmmert, stöhnt. Ein Blick auf die von KĂŒchenrollenpapier ĂŒberquellenden Papierkörbe sagt mir warum. Ich nehme mir vom SchlĂŒsselbrett die Nummer 29, baue mein Licht auf, hĂ€nge den Troddel an die TĂŒr und gehe runter zur Bar.

Der Laden ist voll. „Die Weltleitmesse fĂŒr Rollladen, Tore und Sonnenschutz“. Ich werde bereits von einigen StammgĂ€sten begrĂŒĂŸt. „Das MĂ€dchen vom Stern ist wieder da“, sagt Hans. Das fĂŒhrt allerdings zu einer gewissen Verwirrung. Denn auch die nackten Frauen heißen ‚Die MĂ€dchen vom Stern‘. Weil sie oben wohnen. Und zum Arbeiten herabsteigen mĂŒssen.

Unten ist was los. Italiener, Franzosen, Russen. Allein, zu zweit, in Gruppen.

An der Bar treffe ich auf zwei Jungs Ende 20. Sie sind mir irgendwie sympathisch. Wir kommen ins GesprĂ€ch. Sie ziehen gerade ein Internet-Portal auf. Eine App, mit Hilfe derer man das perfekte Alibi fĂŒr den Puff-Besuch geliefert bekommt. „Wir können alles liefern, sogar einen waschechten Unfall-Bericht und einen Krankenhaus-Aufenthalt“, sagen die netten Jungs. „Sollte die Ehefrau im ungĂŒnstigen Moment anrufen, schickt unser Kunde uns einfach eine SMS. Wir kĂŒmmern uns dann um das Alibi.“ Ich begegne den beiden öfter. ­Irgendwann sehe ich die Jungs aus dem fĂŒnften Stock kommen, von da, wo die GeschĂ€ftsleitung des Paradieses sitzt. Von „einer Besprechung mit einem Sponsor“. 

Ich spreche eine Gruppe junger MĂ€nner an, Anfang 20. Einer von ihnen, Christian, ist einverstanden. Ein echter Frauentyp. Dunkler Bartschatten, verdammt gutaussehend. Wir gehen in die Nummer 29. Warum er Spaß daran hat, eine Frau fĂŒr Sex zu bezahlen, will ich wissen. „Das ist Macht, irgendwie“, sagt er. „Dann kann ich mit der Frau machen, was ich will.“ Ehrliche Worte. 

Unten ist jetzt richtig was los. Italiener, Franzosen, Russen. Allein, zu zweit, in Gruppen. Die Frauen legen ihnen die Arme um den Nacken, die Hand auf den Arm. Die MĂ€nner taxieren sie, fassen sie an, kĂŒssen sie. Um dann doch eine abwedelnde Handbewegung zu machen. Oder mit ihnen Hand in Hand die Treppe raufzugehen. Da oben soll es nicht immer nur freundlich zugehen, sagt mir eine der Putzfrauen. Manchmal werden die Frauen schon im Flur hart rangenommen oder auch lautstark als „Schlampen“ etc. beschimpft.

Jetzt wird mir „der Römer“ angekĂŒndigt. Der sei mal noch ein echter Macho. Und Stammgast hier. Er ist gerade angekommen und wird von zwei MĂ€dchen umschwirrt. Modisch gestutztes KinnbĂ€rtchen, betont cool. Ich frage ihn, warum er hier ist. „Das ist hier einfach ohne Stress“, sagt er. „Ich habe Sex und dann gehe ich wieder. Ohne AnsprĂŒche.“ Ein Argument, das ich noch oft zu hören bekommen werde.

Ab dem dritten Tag gehöre ich dazu. Die StammgĂ€ste begrĂŒĂŸen mich wie eine alte Freundin. Die nackten Frauen nicken mir zu. Hans, Ende 50 mit SchnĂ€uzer, hat heute sein Zwei-Stunden-Date. „Desch iss Championsleague. Bei der hat man drei Monate Wartezeit, weil die nur am Wochenende arbeitet.“ Und „multipleorgasmusfĂ€hig“ ist sie auch noch! Und vielleicht ja nur bei Hans 
 Er hat heute einen Rucksack dabei. Der ist ganz schön schwer. Was da denn so alles drin sei, will ich wissen. „iPad zum Musikhören, Fesseln, Handschellen und noch ein bisschen mehr.“ Den Rest verrĂ€t er nicht.

Wer damit anfÀngt, kommt mit normalen Frauen nicht mehr zurecht.

Die meisten MĂ€nner hier scheinen es als willkommene Abwechslung zu sehen, einer „normalen Frau“ mal alles so richtig erzĂ€hlen zu können. Manche berichten mir in allen Einzelheiten, was da so abgeht auf dem Zimmer. Andere kriegen plötzlich einen moralischen. Wie Michael. Er könnte im Streichquartett die Bratsche spielen. Schmales Gesicht, feine HĂ€nde, zurĂŒckhaltendes LĂ€cheln. „Als guter Katholik dĂŒrfte ich so was hier doch gar nicht machen. Mein Ideal ist doch, eine Familie grĂŒnden, Kinder haben. Am Ende bleibt ja hier nix ĂŒbrig, eine halbe Stunde Spaß und das war’s.“

Und er sagt mir noch etwas, was mir auch viele andere sagen werden. „Das ist wie eine Sucht.“ Wenn man einmal damit anfinge, kĂ€me man nicht mehr davon los. Man kĂ€me mit normalen Frauen einfach nicht mehr zurecht. „Da passiert was im Kopf, das kriegt man nicht mehr weg. Gleichaltrige Frauen“, sagt er, „das geht jetzt gar nicht mehr.“ Und dann wird er immer trĂŒbsinniger. „Wir machen uns hier doch alle schuldig“, ruft er und steht in seinem weißen Bademantel vor mir. „NatĂŒrlich gibt’s hier Zwangsprostitution, das können die hier doch gar nicht kontrollieren.“ ­Michael findet plötzlich, das Geld sollte man ­lieber russischen Waisenkindern spenden.

Heute bekomme ich gleich drei Mal dieselbe Abfuhr auf meine Frage, ob der Mann meiner Wahl sich fotografieren lassen will: „Wissen Sie, ich bin nicht reprĂ€sentativ.“ Wieso nicht? „Ich komme aus einem ganz anderen Bereich als die meisten hier. Ich bin Banker.“ Banker. Auch ein eindeutig ĂŒberreprĂ€sentierter Berufsstand im Paradies.

Über die „Freunde“ der Frauen plaudert am spĂ€ten Abend einer der Angestellten mit mir. „Die haben doch alle ZuhĂ€lter“, sagt er. „Alle sechs Wochen fahren sie nach Hause und liefern das Geld ab. Oder gleich hier vor der TĂŒr.“ Da sehe ich in der Tat jetzt ein paar dieser „Freunde“ auf dem Parkplatz des Paradieses stehen. Junge MĂ€nner in Lederjacken und mit Stiernacken, die an ihre Autos gelehnt Zigaretten rauchen. Ihre Autos sind bescheidener als klassische ZuhĂ€lter-Kisten. Sie scheinen eher eine Art Zulieferer der Frauen zu sein als ihre ZuhĂ€lter. SpĂ€ter erfahre ich, dass es so manches Mal auch die eigenen BrĂŒder sind.

Die „Internationale Fachmesse fĂŒr Industriefedern und Federnteiletechnologie“ hat eröffnet. Am Empfang werden die Bade­schlappen GrĂ¶ĂŸe 43 knapp. „Hab nur noch 42 und 44“, ruft die Empfangsdame der wartenden MĂ€nnergruppe in Regen­jacken zu. Ich gehe jetzt erstmal was essen. Am Buffet ist was los. Die Frauen sitzen mit umgewickelten HandtĂŒchern da und haben Teller mit riesigen Fleischbergen vor sich. Die MĂ€nner sitzen ihnen in Bade­mĂ€n­teln gegenĂŒber. Die Frauen reden unterein­ander fast alle RumĂ€nisch, die MĂ€nner sagen gar nichts. Die MĂ€nner und die Frauen, sie haben nichts miteinander zu tun, ja schauen sich noch nicht mal an. Außer dem brilletragenden Rechtsanwalt von Mitte 50. Er sitzt mit einer 21-JĂ€hrigen und macht einen auf Urlaub: Er hat sie fĂŒr ein paar Stunden gemietet.

SpĂ€ter an der Bar steht eine der RumĂ€ninnen neben mir. Ich lade sie ein, den dritten Champagner mit zu trinken, den ein betrunkener Schweizer mir ausgegeben hat. „Morgen fahre ich fĂŒr eine Woche nach Hause“, sagt sie auf Englisch. „Endlich. Ich kann nicht mehr. Zehn Kunden hatte ich heute. Nur SchwĂ€nze, SchwĂ€nze, SchwĂ€nze.“ Und dann erzĂ€hlt sie mir von ihrem kleinen Bruder. Ein kleiner dicker Junge, sagt sie und lĂ€chelt. Bald sieht sie ihn wieder. Vielleicht ist es ja auch ihr Sohn.

Auf einmal geht es leicht. Ich fange an, Teil der Inszenierung zu werden.

In den nĂ€chsten Tagen fotografiere ich noch mehr MĂ€nner. Auf einmal geht es relativ leicht. Ich fange an, Teil der Inszenierung zu werden. Die Nacktheit der Frauen nehme ich kaum noch wahr. Hausdame Rita beginnt, mir ans Herz zu wachsen. Mit den beiden netten Jungs, die das Betrugs-Alibi-Portal hochziehen, tausche ich SMS. Die kopu­lie­renden Paare auf den Flachbildschirmen im ersten Stock sehe ich gar nicht mehr. Aber sie werden immer mehr, die Momente, in denen ich mich wegdrehe, weil ich lachen muss. Ich schaue mir beim Fotografieren inzwischen selber zu. Wie ich im Puff-Zimmer mein Stativ hin- und herrĂŒcke. Und mit welcher SelbstverstĂ€ndlichkeit die MĂ€nner nackt vor meiner Linse Platz nehmen, als seien sie beim Friseur.

Nur ĂŒber eines komme ich einfach nicht weg. Daran kann ich mich bis zum letzten Tag einfach nicht gewöhnen: An den Anblick der Frauen und MĂ€nner, wenn sie in die Zimmer gehen. Wie die Frauen vor den MĂ€nnern den Gang entlang gehen. Wie nackte Untote wanken sie da auf ihren hochhackigen Schuhen, mit maskenhaften, unbeweg­lichen Gesichtern. Schweigend, den Zimmertroddel in der Hand. Und die MĂ€nner in den weißen BademĂ€nteln hinterher. Wenn sie dann nach einer halben Stunde das Zimmer wieder verlassen, ist die Reihenfolge umgekehrt. Er geht vor, zur Herrenumkleide, die Frau lĂ€uft hinterher. Sie holt sich ihr Geld ab. Denn bezahlt wird erst danach.

In Zimmer 11 sitzt mir GĂŒnther gegenĂŒber. GĂŒnther ist Gastwirt, Ende 50, stĂ€mmig, sehr behaart und hat einen Schnurrbart. „Das war der schönste Sex meines Lebens“, habe die letzte Prostituierte zu ihm gesagt. Als ich ihn fotografiere, merke ich, dass GĂŒnther diese ­Fotosession nicht unberĂŒhrt lĂ€sst. Er macht mir das spontane Angebot, ihn „beim Sex zu filmen“. Und um noch deutlicher zu machen, was er meint, klappt er seinen Bademantel auseinander und fragt, ob er mich mal anfassen könne. Ich reiße die TĂŒr auf und sage unsinnigerweise: „Nee danke, ich bin im Job hier.“ Dann erst fĂ€llt mir ein, dass ja alle im Job hier sind. SpĂ€ter sitzt GĂŒnther wieder unten am Tresen und nickt mir freundlich zu. Der Bademantel ist gleich geöffnet geblieben.

Ingo passiert es immer wieder, dass er sich in Professionelle verliebt.

Mein letztes GesprĂ€ch habe ich mit Ingo. „Der kaut dir das Ohr ab“, tuschelt mir eine der Frauen zu, als ich mit ihm in den ersten Stock gehe, in die Nr. 2. Und ja, wir reden zwei Stunden. Ingo ist Steuerfachangestellter und trĂ€gt einen froschgrĂŒnen Bademantel. Er signalisiert: Ich bin anders als die anderen. Seine blondgefĂ€rbten Haare sind hochgegelt, seine FingernĂ€gel lackiert. Ingo passiert es immer und immer wieder, dass er sich in eine Professionelle verliebt. Dass er sie retten will aus dem ganzen Sumpf. Jedes Mal ist er reingefallen. Er schwört, dass es ihm nie wieder passieren wird. Jetzt gerade, da wartet er nur auf die Eine, sagt er mir. Nur wegen der kommt er zwei Mal die Woche her. Ingo kann alles genau benennen. Die Machtspiele der MĂ€nner, das VortĂ€uschen der Frauen. Er sieht das alles. Und trotzdem kommt er her. „Irgendwie schizophren“, sagt er.

Es ist drei Uhr nachts. Ich packe meine Sachen. Ich rolle ein letztes Mal meinen Koffer durch die GĂ€nge. Mir begegnen zwei Untote mit ihren Kunden. Waren die Flachbildschirme mit den kopulierenden Paaren schon aus? Ich weiß es nicht. Ich rolle unten durch die Halle. Ich sehe den „Römer“ an der Bar sitzen. „Na, Römer“, sage ich, „glĂŒcklich?“ Er wendet seinen Blick langsam vom Bildschirm und schaut mich mit großen Augen an. „GlĂŒcklich? Zeig mir einen, der hier glĂŒcklich ist. FrĂŒher habe ich Fußball in der Kneipe mit meinen Kumpels geguckt, heute bin ich hier. Bin doch sozial komplett isoliert.“ Und seine Frau, die wĂŒrde das doch auch ­irgendwie merken. Die Ehe, seine Kinder, die Familie. „Das habe ich doch alles ­kaputtgemacht.“

Ich rolle den Koffer ĂŒber den Parkplatz, wuchte ihn ins Auto und fahre vorbei an einem der Stiernacken. Der drĂŒckt gerade eine Zigarette aus. Ich brauche dringend ein heißes Bad.

Mehr von Bettina Flitner: www.bettinaflitner.de

                           

"Warum ich fĂŒr Sex bezahle? Frauen gehen mir oft auf den Sack. Sie machen Stress, wenn man nicht genug Zeit fĂŒr sie hat. Und außerdem: DafĂŒr zu zahlen hat das gewisse Etwas. Eigentlich ist das Macht. Da besitzt man die Frau. Man kann mit ihr machen, was man will." - Christian, 23, Speditions-Kaufmann, Single
"Wenn man in so einen Club geht, dann ist man mit normalen Frauen nicht mehr zufrieden. Die Figuren! Die haben hier eine 34 oder eine 36. Meine Tochter? Die ist 26, aber ich achte darauf, dass die Frauen mindestens 27 sind. Mit einer bin ich befreundet. Die ist ausgestiegen. Sie hat mir erzĂ€hlt, was so alles passiert... Viele hier haben ZuhĂ€lter. Ich habe schon selbst gesehen, wie die dicke BĂŒndel abkassiert haben." - Joachim, 58, Ingenieur, getrennt, 1 Tochter
"Ich mag keine zu Professionellen, sondern eher solche, die das nur ab und zu machen. Die bringen mehr Leistung. Mein letztes Mal war vor einer Woche. Die hat gesagt: 'Das war der schönste Sex meines Lebens'. 50 Euro. Da stimmt einfach das Preis-LeistungsverhĂ€ltnis." - GĂŒnther, 55, Gastwirt, geschieden, einen Sohn
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