Bordell: Meine Tage im Puff

Bettina Flitner mit einem der Freier im "Wellness-Bordell".
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Es ist wenig los in der Lobby. Nur ein einzelner Mann checkt ein. Er hat seinen Rollkoffer abgestellt und schüttelt sich. Es regnet draußen, der Matsch klebt noch an seinen schwarzen Profilsohlen. Er öffnet seine wattierte Jacke und lockert den Schal. Die Frau am Empfang händigt ihm Bademantel und Badelatschen aus. Sie bindet ihm ein blaues Plastikbändchen um das Handgelenk.

Da macht der Fahrstuhl „ping“, eine Frau steigt aus. Sie stellt sich ebenfalls an die Empfangstheke. Eine knappe Frage an die Empfangsdame, ein kurzes Sortieren in ihrer Handtasche, ein rascher Blick auf den Mann. Die Frau ist vollkommen nackt. Nur an den Füßen trägt sie Schuhe, goldene Highheels. Der noch vollständig angezogene Mann mustert sie. Schaut auf den Busen, auf die Schenkel, auf den ­rasierten Venushügel. Die Frau kramt noch ein wenig in ihrer Handtasche, klappt sie zu, hängt sie über die Schulter und geht nach rechts ab.

Männer in dicken Mänteln und vollkommen entblößte Frauen.

Diese Szene spielt sich innerhalb weniger Minuten noch ein paar Mal ab. Männer, die in dicken Mänteln aus der Kälte kommen, Frauen, die nackt in ihren Taschen kramen. Der Fahrstuhl spuckt immer mehr vollkommen entblößte Frauen aus, sie durchqueren die Lobby, holen sich ­frische Handtücher. Mit einem Blick ­werden sie von den neu an- kommenden Männern taxiert und erfasst.

Ich sitze in der Mitte der Lobby und warte auf den Pressesprecher des Großbordells „Paradise“, Herrn Beretin. Alles hier ist auf 1000 und 1 Nacht dekoriert. Bestickte Kissen auf weichen Liegelandschaften, gehämmerte Messingtischchen, indirektes weiches Licht aus arabischen Leuchtern. Ein Hauch von Harem. Nur das mit dem Geheimnisvollen, Stichwort Schleiertanz, das ist irgendwie schief ­gegangen.

Herr Beretin sitzt mir in der Anmeldung im zweiten Stock gegenüber. Er hat Locken, die nach hinten gegelt sind, im Nacken etwas länger, die Michel-Friedman-Frisur in Dunkel- blond. Er trägt handgenähte Schuhe und einen großen Ring am Finger. „Das ist mein Familienwappen. Wenn die Leute da draußen wüssten, wie ich richtig heiße …“, sagt er und lächelt vielsagend. Seinen richtigen Namen verrät er mir im laufe der Woche dann auch noch. Aber den habe ich noch nie gehört und vergesse ihn leider gleich wieder. Herr Beretin war auch mal Fotograf, Kriegsfotograf. Wenn es irgendwo geknallt hat, war er immer als erster draußen. Die anderen, die Pfeifen, sind im Hotel geblieben.

Herr Beretin sitzt hinterm Schreibtisch, ich davor, da, wo auch die Frauen sitzen, wenn sie zum ersten Mal hier sind. An diesem Tisch wird alles aufgenommen, erklärt er mir, hier wird alles erstmal ordentlich registriert: Personalausweis, Aufenthaltsgenehmigung, Fotos fürs Internet. Und auch die Gebrauchsanweisung für die Frau wird hier ausgefüllt. Denn im Haus gilt ein Einheitspreis von 50 Euro pro halbe Stunde. Aber was liefert die Frau dafür? Welche Dienstleistungen sind darin enthalten? Auf dem Formular wird Zutreffendes angekreuzt: Küssen ja oder nein? Lesbenshow ja oder nein? Französisch, Dildospiele, Körperbesamung? Einiges kostet natürlich extra. Anal zum Beispiel. Gleich 100 Euro mehr. Ins Gesicht abspritzen ist auch nicht inklusive, macht 50 Euro zusätzlich.

Die Frauen zahlen 127 Euro pro Tag - macht schon drei Mal Geschlechts-
verkehr am Tag.

So, sagt Herr Beretin, dann zeige ich Ihnen mal die Zimmer. Er meint die Zimmer, in denen die nackten Frauen wohnen. Denn die Frauen arbeiten nicht nur hier, sie wohnen auch hier. Oft nur für ein paar Wochen, bis sie ins nächste Bordell weitergereicht werden. Beretin klopft kurz und öffnet die Türe. Zehn Quadratmeter, sechs Betten nebeneinander. Er schließt das Zimmer schnell wieder. „Wir haben auch Zwei-Bett-Zimmer“, sagt er, und dann laufen wir ein wenig. Schließlich öffnet Herr Beretin wieder eine Türe. Ja, hier ist es. Zwei Mädchen sitzen da, die eine liegt auf dem Bett und döst, die andere sitzt vor einem Laptop. Herr Beretin fährt ihr durchs Haar und schließt die Tür wieder.

Dann zeigt er mir die anderen Zimmer vom Paradies, die, die für die halbe Stunde zum Einsatz kommen. Die sind doppelt so groß, aber dafür steht da auch nur ein Bett drin. Es ist goldfarben und kugelrund. Herr Beretin setzt sich auf den rosa Frotteebezug und schaut mit missmutiger Miene auf die dunklen Flecken. „Die Menschen fliegen zum Mond, aber wie man die Flecken hier rauskriegt, das kann mir niemand sagen“, murmelt er.

Auf dem Weg nach unten erklärt er mir das Geschäftsmodell „Wir stellen hier nur die Infrastruktur zur Verfügung“. Die Männer zahlen 79 Euro Eintritt, die Frauen zahlen auch 79 Euro. Zusätzlich zahlen die Frauen täglich 25 Euro Steuer. Plus 23 Euro für das Mehrbettzimmer pro Nacht. Macht für die Frauen 127 Euro Kosten pro Tag. Macht 23 Euro Verdienst nach drei Mal Geschlechtsverkehr innerhalb von 24 Stunden. Essen gibt’s umsonst. Immerhin.  

Wir betreten den Hauptraum. Gleich neben dem Empfang geht’s rein. Vorne eine lang gestreckte Bar. Es stehen drei Männer an der Theke, jeder für sich allein. Sie tragen weiße Frotteebademäntel und haben ein blaues Band am Handgelenk. Der Mann mit dem Rollkoffer ist auch dabei. Bei ihm ist schon eine nackte Frau stehen geblieben.

Dass die Hell's Angels bei uns den Sicherheits-
dienst machen ist reiner Zufall.

„Hello Schatzi“, sagt sie, „wherrre arre you frrrom?“ Der zweite starrt unverwandt in den Fernseher an der Theke, wo gerade ein Fußballspiel läuft. Der dritte schaut etwas angestrengt in den Raum hinein, der sich hinter der Bar auftut. Um eine beleuchtete Messingstele in der Mitte gruppieren sich Sitzlandschaften. Auf den Sofas sitzen nackte Frauen, zu zweit, zu dritt, zu viert.

Jetzt steht eine von ihnen auf und geht langsam durch den Raum. Aber keiner von den drei, vier Männern, die da sind, hebt auch nur den Kopf. Die Frau lässt sich nach einer Minute wieder neben ihre Kolleginnen auf die Kissen fallen. „Alles original aus Marokko“, sagt Herr Beretin und zeigt auf den goldverzierten Massageraum. „Den Produzenten haben wir groß gemacht. Millionen haben wir hier reingesteckt.“

Woher kommt eigentlich so viel Geld?, frage ich mich. „Hier wird alles gewaschen“, sagt Herr Beretin. Wie bitte? Ach so, die Wäsche. Wir stehen in der Waschküche. In zehn Waschmaschinen drehen sich die Trommeln. Eine emsige Frau um die 50 wuchtet Bademäntel und Frotteetücher aus den Körben. „Übrigens“, sagt Beretin: „Wir haben mit dem so genannten Milieu nichts zu tun. Gar nichts. Dass die Hell’s Angels bei uns den Sicherheitsdienst machen, das ist reiner Zufall.“ Die weißen Handtücher tanzen in den Wäschetrommeln. 

Und dann fügt der Pressesprecher des Paradieses noch etwas hinzu: „Da draußen sind überall Kameras. Wir sehen hier alles, hier kann keiner unbemerkt Fotos machen.“ Mit dem letzten Fotografen, da hat Herr Beretin so richtig Klartext reden müssen: „Dem habe ich gesagt, beim nächsten Mal kannst du dir deine Kamera aus dem Arsch wieder rausziehen.“ Bei dem Satz wird er ein wenig lauter, weil die Trommeln auf Schleudern umgeschaltet haben.

Ich will Freier porträtieren. Männer, die zugeben, dass
sie ins Bordell gehen.

Mein erster Arbeitstag im Paradies ­beginnt am nächsten Tag um 16 Uhr. Ich fahre von Stuttgart auf die Autobahn, geradewegs ins Industriegebiet Echterdingen und parke auf dem großen Parkplatz neben dem fünfstöckigen, rot angestrichenen Zweckbau. Meinen Fotokoffer wuchte ich die Stufen hoch und stehe nun wieder am Empfang, die nackten Frauen mit den Handtaschen sind schon da. Mit dem Fahrstuhl fahre ich in den ersten Stock, da, wo die großen Zimmer mit den runden Betten sind. Ich gehe durch den langen Gang, die meisten Zimmer stehen offen. Überall das gleiche Bett, nur der Dekor der Zimmer variiert. Mal rot, mal gelb, mal schwarz. Vorne am Schlüsselbrett hole ich mir die Nr. 31. Das ist das letzte Zimmer in der Ecke.

Hier bin ich im Auftrag des Stern. Ich will Freier porträtieren. Männer, die zugeben, dass sie ins Bordell gehen. Die sich nicht nur fotografieren lassen, sondern mir auch erzählen, warum sie das tun. „Das macht niemand“, hatten mir alle prophezeit. Selbst die Leute aus dem Milieu hatten ungläubig den Kopf geschüttelt. Aber ich will es zumindest versuchen. Also habe ich den Inhaber des Paradieses, Herrn Rudloff, angesprochen und ihn gefragt, ob ich bei ihm im Hause die „Gäste“ fotografieren kann. Er hat Ja gesagt.

Und da bin ich nun, im Puff. Mein Licht steht, das Zimmer ist durch den Troddel an der Türklinke als besetzt markiert. Ich gehe runter zur Bar. Gerade füllt sich das Haus. Die „Internationale Fachmesse für Verbindungs- und Befestigungstechnologie“ hatte Herr Beretin dem ­Messekalender entnommen. „Da könnte es voll werden.“ Die ersten Herren von der Befestigungstechnologie sind schon im ­Bademantel unterwegs. Ich muss den richtigen Moment abpassen. Besser davor oder danach?

Mein zweiter Tag im Paradies. Ich werde bereits von einigen Stammgästen begrüßt.

Ich stehe an der Theke. Außer der Barkeeperin bin ich die einzige angezogene Frau hier im Raum. Ich gebe mir einen Ruck und spreche den ersten an. „Guten Tag, ich mache für den Stern eine Geschichte über das Paradise und die Gäste hier.“ Er reagiert freundlich. Aber entschieden. Er sei verheiratet und habe zwei Töchter. Wenn das rauskäme … Der nächste Bademantel ist zwar nicht verheiratet, aber liiert. „Für meine Freundin würde eine Welt zusammenbrechen …“ Ich ziehe eine Zigarette aus der Schachtel. Verdammt, ich fange wieder an zu rauchen.

Ein Mann Ende 50, Bauunternehmer, ein jugendlich-schlanker Typ mit schütterem Haar, gibt mir Feuer und erzählt mir bei der Gelegenheit, wie toll die Thailänderinnen ihre Schamhaare gescheitelt haben, einen richtigen Seitenscheitel haben die. „Hier können die das ja leider nicht, wegen der Hygiene, da ist ja alles abrasiert.“ Und er verrät mir auch, woran er die Dichte der Schambehaarung einer Frau ­erkennt, selbst wenn die ausnahmsweise mal angezogen ist. „Wenn die Augenbrauen einen Bogen machen – so wie bei dir.“ Und dabei fährt er mit dem Finger an meiner rechten Augenbraue entlang.

Als ich in der Nacht vom Hof fahre, habe ich keinen einzigen Mann im Kasten. Obwohl ich vor wenig zurück­geschreckt bin. Im Hotel angekommen, nehme ich ein langes, heißes Bad.

Am nächsten Tag gehe ich mit einer Freundin, die sich bestens auskennt, in die Bars der Stuttgarter Altstadt. Ich habe mir was überlegt: Jede Frau, die mir „einen Gast“ vermittelt, bekommt 50 Euro von mir. Irgendwie muss ich schließlich an Freier herankommen. Ich streue meine Handynummer und gehe mit Sandra essen. Kaum sitzen wir, klingelt auch schon mein Telefon: „Hirrrr Illlonnna. IIIcccch habä Frrrrrayer fiier diiich. Wannnn kannnst du hiiieerrrrr sein?“ Bingo. 20 Minuten später bin ich in der Tabu-Bar und treffe Iwan. Ein dicker, gemütlicher LKW-Fahrer, der bereitwillig erzählt und sich auch fotografieren lässt. Ich schöpfe Hoffnung.

Mein zweiter Tag im Paradies. Ich erklimme die Stufen, grüße die Empfangsdame und die nackten Frauen in der Lobby, fahre mit dem Fahrstuhl in den ersten Stock und rolle meinen Fotokoffer den Zimmergang entlang. Schräg über mir kopulieren Paare auf zwei Flachbildschirmen. Die Frau, die sich um die Säuberung der Zimmer kümmert, stöhnt. Ein Blick auf die von Küchenrollenpapier überquellenden Papierkörbe sagt mir warum. Ich nehme mir vom Schlüsselbrett die Nummer 29, baue mein Licht auf, hänge den Troddel an die Tür und gehe runter zur Bar.

Der Laden ist voll. „Die Weltleitmesse für Rollladen, Tore und Sonnenschutz“. Ich werde bereits von einigen Stammgästen begrüßt. „Das Mädchen vom Stern ist wieder da“, sagt Hans. Das führt allerdings zu einer gewissen Verwirrung. Denn auch die nackten Frauen heißen ‚Die Mädchen vom Stern‘. Weil sie oben wohnen. Und zum Arbeiten herabsteigen müssen.

Unten ist was los. Italiener, Franzosen, Russen. Allein, zu zweit, in Gruppen.

An der Bar treffe ich auf zwei Jungs Ende 20. Sie sind mir irgendwie sympathisch. Wir kommen ins Gespräch. Sie ziehen gerade ein Internet-Portal auf. Eine App, mit Hilfe derer man das perfekte Alibi für den Puff-Besuch geliefert bekommt. „Wir können alles liefern, sogar einen waschechten Unfall-Bericht und einen Krankenhaus-Aufenthalt“, sagen die netten Jungs. „Sollte die Ehefrau im ungünstigen Moment anrufen, schickt unser Kunde uns einfach eine SMS. Wir kümmern uns dann um das Alibi.“ Ich begegne den beiden öfter. ­Irgendwann sehe ich die Jungs aus dem fünften Stock kommen, von da, wo die Geschäftsleitung des Paradieses sitzt. Von „einer Besprechung mit einem Sponsor“. 

Ich spreche eine Gruppe junger Männer an, Anfang 20. Einer von ihnen, Christian, ist einverstanden. Ein echter Frauentyp. Dunkler Bartschatten, verdammt gutaussehend. Wir gehen in die Nummer 29. Warum er Spaß daran hat, eine Frau für Sex zu bezahlen, will ich wissen. „Das ist Macht, irgendwie“, sagt er. „Dann kann ich mit der Frau machen, was ich will.“ Ehrliche Worte. 

Unten ist jetzt richtig was los. Italiener, Franzosen, Russen. Allein, zu zweit, in Gruppen. Die Frauen legen ihnen die Arme um den Nacken, die Hand auf den Arm. Die Männer taxieren sie, fassen sie an, küssen sie. Um dann doch eine abwedelnde Handbewegung zu machen. Oder mit ihnen Hand in Hand die Treppe raufzugehen. Da oben soll es nicht immer nur freundlich zugehen, sagt mir eine der Putzfrauen. Manchmal werden die Frauen schon im Flur hart rangenommen oder auch lautstark als „Schlampen“ etc. beschimpft.

Jetzt wird mir „der Römer“ angekündigt. Der sei mal noch ein echter Macho. Und Stammgast hier. Er ist gerade angekommen und wird von zwei Mädchen umschwirrt. Modisch gestutztes Kinnbärtchen, betont cool. Ich frage ihn, warum er hier ist. „Das ist hier einfach ohne Stress“, sagt er. „Ich habe Sex und dann gehe ich wieder. Ohne Ansprüche.“ Ein Argument, das ich noch oft zu hören bekommen werde.

Ab dem dritten Tag gehöre ich dazu. Die Stammgäste begrüßen mich wie eine alte Freundin. Die nackten Frauen nicken mir zu. Hans, Ende 50 mit Schnäuzer, hat heute sein Zwei-Stunden-Date. „Desch iss Championsleague. Bei der hat man drei Monate Wartezeit, weil die nur am Wochenende arbeitet.“ Und „multipleorgasmusfähig“ ist sie auch noch! Und vielleicht ja nur bei Hans … Er hat heute einen Rucksack dabei. Der ist ganz schön schwer. Was da denn so alles drin sei, will ich wissen. „iPad zum Musikhören, Fesseln, Handschellen und noch ein bisschen mehr.“ Den Rest verrät er nicht.

Wer damit anfängt, kommt mit normalen Frauen nicht mehr zurecht.

Die meisten Männer hier scheinen es als willkommene Abwechslung zu sehen, einer „normalen Frau“ mal alles so richtig erzählen zu können. Manche berichten mir in allen Einzelheiten, was da so abgeht auf dem Zimmer. Andere kriegen plötzlich einen moralischen. Wie Michael. Er könnte im Streichquartett die Bratsche spielen. Schmales Gesicht, feine Hände, zurückhaltendes Lächeln. „Als guter Katholik dürfte ich so was hier doch gar nicht machen. Mein Ideal ist doch, eine Familie gründen, Kinder haben. Am Ende bleibt ja hier nix übrig, eine halbe Stunde Spaß und das war’s.“

Und er sagt mir noch etwas, was mir auch viele andere sagen werden. „Das ist wie eine Sucht.“ Wenn man einmal damit anfinge, käme man nicht mehr davon los. Man käme mit normalen Frauen einfach nicht mehr zurecht. „Da passiert was im Kopf, das kriegt man nicht mehr weg. Gleichaltrige Frauen“, sagt er, „das geht jetzt gar nicht mehr.“ Und dann wird er immer trübsinniger. „Wir machen uns hier doch alle schuldig“, ruft er und steht in seinem weißen Bademantel vor mir. „Natürlich gibt’s hier Zwangsprostitution, das können die hier doch gar nicht kontrollieren.“ ­Michael findet plötzlich, das Geld sollte man ­lieber russischen Waisenkindern spenden.

Heute bekomme ich gleich drei Mal dieselbe Abfuhr auf meine Frage, ob der Mann meiner Wahl sich fotografieren lassen will: „Wissen Sie, ich bin nicht repräsentativ.“ Wieso nicht? „Ich komme aus einem ganz anderen Bereich als die meisten hier. Ich bin Banker.“ Banker. Auch ein eindeutig überrepräsentierter Berufsstand im Paradies.

Über die „Freunde“ der Frauen plaudert am späten Abend einer der Angestellten mit mir. „Die haben doch alle Zuhälter“, sagt er. „Alle sechs Wochen fahren sie nach Hause und liefern das Geld ab. Oder gleich hier vor der Tür.“ Da sehe ich in der Tat jetzt ein paar dieser „Freunde“ auf dem Parkplatz des Paradieses stehen. Junge Männer in Lederjacken und mit Stiernacken, die an ihre Autos gelehnt Zigaretten rauchen. Ihre Autos sind bescheidener als klassische Zuhälter-Kisten. Sie scheinen eher eine Art Zulieferer der Frauen zu sein als ihre Zuhälter. Später erfahre ich, dass es so manches Mal auch die eigenen Brüder sind.

Die „Internationale Fachmesse für Industriefedern und Federnteiletechnologie“ hat eröffnet. Am Empfang werden die Bade­schlappen Größe 43 knapp. „Hab nur noch 42 und 44“, ruft die Empfangsdame der wartenden Männergruppe in Regen­jacken zu. Ich gehe jetzt erstmal was essen. Am Buffet ist was los. Die Frauen sitzen mit umgewickelten Handtüchern da und haben Teller mit riesigen Fleischbergen vor sich. Die Männer sitzen ihnen in Bade­män­teln gegenüber. Die Frauen reden unterein­ander fast alle Rumänisch, die Männer sagen gar nichts. Die Männer und die Frauen, sie haben nichts miteinander zu tun, ja schauen sich noch nicht mal an. Außer dem brilletragenden Rechtsanwalt von Mitte 50. Er sitzt mit einer 21-Jährigen und macht einen auf Urlaub: Er hat sie für ein paar Stunden gemietet.

Später an der Bar steht eine der Rumäninnen neben mir. Ich lade sie ein, den dritten Champagner mit zu trinken, den ein betrunkener Schweizer mir ausgegeben hat. „Morgen fahre ich für eine Woche nach Hause“, sagt sie auf Englisch. „Endlich. Ich kann nicht mehr. Zehn Kunden hatte ich heute. Nur Schwänze, Schwänze, Schwänze.“ Und dann erzählt sie mir von ihrem kleinen Bruder. Ein kleiner dicker Junge, sagt sie und lächelt. Bald sieht sie ihn wieder. Vielleicht ist es ja auch ihr Sohn.

Auf einmal geht es leicht. Ich fange an, Teil der Inszenierung zu werden.

In den nächsten Tagen fotografiere ich noch mehr Männer. Auf einmal geht es relativ leicht. Ich fange an, Teil der Inszenierung zu werden. Die Nacktheit der Frauen nehme ich kaum noch wahr. Hausdame Rita beginnt, mir ans Herz zu wachsen. Mit den beiden netten Jungs, die das Betrugs-Alibi-Portal hochziehen, tausche ich SMS. Die kopu­lie­renden Paare auf den Flachbildschirmen im ersten Stock sehe ich gar nicht mehr. Aber sie werden immer mehr, die Momente, in denen ich mich wegdrehe, weil ich lachen muss. Ich schaue mir beim Fotografieren inzwischen selber zu. Wie ich im Puff-Zimmer mein Stativ hin- und herrücke. Und mit welcher Selbstverständlichkeit die Männer nackt vor meiner Linse Platz nehmen, als seien sie beim Friseur.

Nur über eines komme ich einfach nicht weg. Daran kann ich mich bis zum letzten Tag einfach nicht gewöhnen: An den Anblick der Frauen und Männer, wenn sie in die Zimmer gehen. Wie die Frauen vor den Männern den Gang entlang gehen. Wie nackte Untote wanken sie da auf ihren hochhackigen Schuhen, mit maskenhaften, unbeweg­lichen Gesichtern. Schweigend, den Zimmertroddel in der Hand. Und die Männer in den weißen Bademänteln hinterher. Wenn sie dann nach einer halben Stunde das Zimmer wieder verlassen, ist die Reihenfolge umgekehrt. Er geht vor, zur Herrenumkleide, die Frau läuft hinterher. Sie holt sich ihr Geld ab. Denn bezahlt wird erst danach.

In Zimmer 11 sitzt mir Günther gegenüber. Günther ist Gastwirt, Ende 50, stämmig, sehr behaart und hat einen Schnurrbart. „Das war der schönste Sex meines Lebens“, habe die letzte Prostituierte zu ihm gesagt. Als ich ihn fotografiere, merke ich, dass Günther diese ­Fotosession nicht unberührt lässt. Er macht mir das spontane Angebot, ihn „beim Sex zu filmen“. Und um noch deutlicher zu machen, was er meint, klappt er seinen Bademantel auseinander und fragt, ob er mich mal anfassen könne. Ich reiße die Tür auf und sage unsinnigerweise: „Nee danke, ich bin im Job hier.“ Dann erst fällt mir ein, dass ja alle im Job hier sind. Später sitzt Günther wieder unten am Tresen und nickt mir freundlich zu. Der Bademantel ist gleich geöffnet geblieben.

Ingo passiert es immer wieder, dass er sich in Professionelle verliebt.

Mein letztes Gespräch habe ich mit Ingo. „Der kaut dir das Ohr ab“, tuschelt mir eine der Frauen zu, als ich mit ihm in den ersten Stock gehe, in die Nr. 2. Und ja, wir reden zwei Stunden. Ingo ist Steuerfachangestellter und trägt einen froschgrünen Bademantel. Er signalisiert: Ich bin anders als die anderen. Seine blondgefärbten Haare sind hochgegelt, seine Fingernägel lackiert. Ingo passiert es immer und immer wieder, dass er sich in eine Professionelle verliebt. Dass er sie retten will aus dem ganzen Sumpf. Jedes Mal ist er reingefallen. Er schwört, dass es ihm nie wieder passieren wird. Jetzt gerade, da wartet er nur auf die Eine, sagt er mir. Nur wegen der kommt er zwei Mal die Woche her. Ingo kann alles genau benennen. Die Machtspiele der Männer, das Vortäuschen der Frauen. Er sieht das alles. Und trotzdem kommt er her. „Irgendwie schizophren“, sagt er.

Es ist drei Uhr nachts. Ich packe meine Sachen. Ich rolle ein letztes Mal meinen Koffer durch die Gänge. Mir begegnen zwei Untote mit ihren Kunden. Waren die Flachbildschirme mit den kopulierenden Paaren schon aus? Ich weiß es nicht. Ich rolle unten durch die Halle. Ich sehe den „Römer“ an der Bar sitzen. „Na, Römer“, sage ich, „glücklich?“ Er wendet seinen Blick langsam vom Bildschirm und schaut mich mit großen Augen an. „Glücklich? Zeig mir einen, der hier glücklich ist. Früher habe ich Fußball in der Kneipe mit meinen Kumpels geguckt, heute bin ich hier. Bin doch sozial komplett isoliert.“ Und seine Frau, die würde das doch auch ­irgendwie merken. Die Ehe, seine Kinder, die Familie. „Das habe ich doch alles ­kaputtgemacht.“

Ich rolle den Koffer über den Parkplatz, wuchte ihn ins Auto und fahre vorbei an einem der Stiernacken. Der drückt gerade eine Zigarette aus. Ich brauche dringend ein heißes Bad.

Mehr von Bettina Flitner: www.bettinaflitner.de

                           

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Auf großer Fahrt mit Ursula

© Bettina Flitner
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22.30 Uhr. Auftritt Ministerin im Mittelgang. Da, wo sonst die Stewardessen stehen und uns die Sicherheitsgurte erklären. Die Ministerin lächelt genau so liebenswürdig und charmant wie diese, lehnt sich aber lässig an die Wand. Ein Mikrofon haben sie extra für sie angeschafft, weil sie so eine zarte Stimme hat, verrät ein Pressebegleiter. Und in das plaudert sie nun lächelnd hinein. Die oberste Kriegsherrin des Landes, „diese niedliche Kriegsministerin“, wie Karl Lagerfeld sie nennt, meint es gut mit uns.

(...)

Emma will wissen, wie denn die Verteidigungsministerin damit umgeht, dass sie jetzt Fragen über Leben und Tod entscheiden muss. „Als Familienministerin hatte ich ja auch mit Familien zu tun, die von Hartz 4 betroffen waren“. Nein, hakt Emma nach, wie es denn sei, dass sie nun buchstäblich über Leben und Tod entscheiden müsse. Da sagt die charmante Ministerin: „Es ist natürlich eine große Herausforderung, so ein großes Unternehmen wie die Bundeswehr fit zu machen für die Zukunft“. Mmmmh. 

Was sagt Brigitte zu FDH mit vdL?

Abends dann der Empfang des Botschafters im Hotel. Laura, Emma, Brigitte, Tina und all die anderen sind wieder hergestellt, viele sind im kleinen Schwarzen gekommen. Emma ist die einzige in Hosen. Die Ministerin steht unverändert frisch hinter einem zu viel großen Pult und hält eine liebenswürdige Rede. Das Mikro fällt aus, aber das kann sie nicht erschüttern. Sie spricht einfach ohne Mikro weiter. Den Beiruter Gästen gefällt die Lässigkeit der Deutschen. Sie ist bescheiden und zugewandt. Sie weiß um die kulturellen Feinheiten, die so oft erwartet und so selten geliefert werden von einem deutschen Politiker, bzw. einer Politikerin. In Brüssel zur Schule gegangen, in den USA gelebt, das prägt.

BamS schäkert schon wieder mit einem Marineoffizier. Und Emma hebt mit Tina und Bild der Frau ein, zwei Gläschen. Endlich kommen ein paar Häppchen vorbei. Aber so schnell kann Emma gar nicht zugreifen, wie die weg sind. Selbst die ­Ministerin kriegt nichts mehr ab. FDH mit vdL. Was nur sagt die Brigitte zu ­dieser Spontandiät? 

Neugierig geworden? Der vollständige Artikel steht in EMMA Juli/August 2014. Ausgabe bestellen 

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