Fotografin Bettina Flitner mit Streetworkerin Petra und Jana.
Fotografin Bettina Flitner mit Streetworkerin Petra und Jana.

Straßenstrich: Sieh mich an!

Der Straßenstrich bei Cheb an der deutsch-tschechischen Grenze ist fĂŒr viele die Endstation. Manche sind erst 23, wie Andrea auf dem EMMA-Cover. Sie ist seit ihrem 18. Lebensjahr in der Prostitution. ZunĂ€chst war sie in deutschen Clubs und Bordellen in Frankfurt, Hamburg, NĂŒrnberg etc. Wie die hießen, weiß sie nicht. Sie spricht kaum Deutsch. Andrea ist im Alter von vier Jahren ins Kinderheim gekommen. Ihre Mutter war Alkoholikerin, der Vater unbekannt.

Irgendwann lernte sie einen jungen Mann kennen, einen Roma, der ihr etwas von Liebe erzĂ€hlte. Als sie 18 war, haben ihr Loverboy und seine Familie sie nach Deutschland verkauft. Irgendwie ist es Andrea gelungen, in ihre Heimat zurĂŒckzukehren. Die Familie ihres Ex-Lovers hat sie dann auf den Strich von Cheb geschickt und von ihr verlangt, dass sie alles Geld abgibt. War es nicht genug, wurde sie geschlagen.

Wenn sie in Not ist, macht Andrea es auch schon mal fĂŒr 10 oder gar 5 Euro.

Darum macht Andrea es, wenn sie in Not ist, auch schon mal statt fĂŒr 30 Euro nur fĂŒr 10 oder gar 5 Euro. Wenige Wochen nachdem Bettina Flitner Andrea portrĂ€tiert hatte, hat sie einen Mann kennengelernt, der sie vom Strich geholt hat. Mit ihm lebt sie heute zusammen, in seiner kleinen Wohnung. Sie bekommt Sozialleistungen und geht „nur noch manchmal“ anschaffen. Die ZuhĂ€lterfamilie hat ihr zunĂ€chst nachgespĂŒrt, lĂ€sst sie aber jetzt in Ruhe. Ein Happy End?

Die MĂ€nner, die auf dem Straßenstrich bei Cheb Frauen kaufen, sind ĂŒberwiegend Deutsche – die, die kassieren, ĂŒberwiegend Tschechen, oft Roma. Die meisten der Frauen, die hier stehen, haben schon in Deutschland angeschafft, in Clubs und Bordellen, oft in mehreren StĂ€dten.

Bettina Flitner war im FrĂŒhling 2014 dort einige Tage lang unterwegs. Sie hat mit der tschechischen Sozialarbeiterin Petra vom Hilfsprojekt Karo mehrfach „die große Runde“ gedreht. Petra verteilt Kondome und informiert: ĂŒber die Beratungsstelle von Karo, das Schutzhaus und die Babyklappe in Plauen.

Direkt vor Ort betreut Karo auch Kinder von Prostituierten oder solche, die selber schon auf dem Strich aufgegriffen wurden. In der Gegend von Cheb ist man spezialisiert auf Babys: Als Erkennungszeichen fĂŒr die Freier stellen die Eltern, die ihre Kinder verkaufen, Kinderwagen vors Haus oder hĂ€ngen Windeln ins Fenster.

Ihren Job erledigen sie
im GebĂŒsch oder
im Auto der Kunden.

Bettina hat mit Petra hunderte von Kilometern auf dem Strich abgeklappert. Nicht zuletzt dank der Karo–Frau hatten die Prostituierten Vertrauen. Die Fotografin hat ihnen erklĂ€rt, dass man in Deutschland zurzeit sehr viel ĂŒber sie – die Frauen aus Osteuropa, die sich prostituieren – diskutiert, sie aber eine anonyme Masse seien. Und sie wolle diesen hunderttausenden von Frauen nun ein Gesicht geben. Und eine Stimme. Diesen Frauen, die sich bei uns oder an den Grenzen prostituieren, fĂŒr deutsche MĂ€nner und Sextouristen, die nach Deutschland einreisen.

Die Frauen stehen Tag fĂŒr Tag am Straßenrand. In der Regel werden sie von den MĂ€nnern, die kassieren, dort hingebracht. Ihren Job erledigen sie im GebĂŒsch oder im Auto der Kunden. 30 Euro pro Nummer. In Not auch nur 20 oder 10. Die Frauen stehen allein dort. Oft ist kein anderer Mensch in Sichtweite.

Bettina Flitner hat die Frauen nach ihren TrĂ€umen gefragt. Manche waren traumlos oder hatten nur noch Hoffnungen fĂŒr ihre Kinder.

KARO e.V. betreibt in Plauen und Cheb je eine Beratungsstelle fĂŒr Kinder, Jugendliche und Frauen aus dem Prostitutions- und Drogenmilieu, eine Babyklappe und ein Schutzhaus im Vogtlandkreis. Der Vermieter des Schutzhauses will das GebĂ€ude verkaufen. KARO will das Haus kaufen und braucht Spenden: KARO e.V., Volksbank Vogtland eG,  IBAN: DE 6087 0958 2450 0207 6600, BIC: GENODEF1PL1 (www.karo-ev.de)

Mehr von Bettina Flitner: www.bettinaflitner.de

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