Die Bardot: La femme mit Charakter

"La femme" - Brigitte Bardot starb mit 91 Jahren. - Foto: IMAGO
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Brigitte Bardot hatte es scheinbar nicht schwer. Keine hatte eine so starke erotische Ausstrahlung wie sie (einmal abgesehen von Marilyn Monroe vor ihr). Das entdeckte rasch der damals noch junge Roger Vadim. Er engagierte sie für „Und ewig lockt das Weib“. Die Faszination war gegenseitig. Die knapp 18-Jährige aus gutem Hause heiratete den Sohn des russischen Botschafters in Paris gegen den Willen der Eltern. Und wurde La Star, „die Ikone", „die Legende“, die nicht nur die französische Presse jetzt betrauert, sondern die ganze Welt. Und sie wurde DAS Objekt, das in jedem Spind hing und von dem alle glaubten, es begrabschen zu dürfen. Es gibt ein Foto von ihr in der rasenden Menge, die sie vermutlich erdrückt hätte, wenn nicht Gunter Sachs (mit dem sie zeitweilig verheiratet war) sie so ritterlich beschützt hätte. Sie machte in ihrem Leben zwei Selbstmordversuche, wurde zur „rebellischen Diva“, gab das ungewollte Kind zu den Eltern des Vaters - und stieg aus. In Deutschland behaupteten die Medien in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder, Bardot sei politisch rechts und rassistisch. Das ist ein Missverständnis. Bardot war konservativ, nicht rechts. 1968 war sie nicht auf den Barrikaden, sondern an der Seite von General de Gaulle. 1990 war Bardot erstmals gefragt worden, ob sie sich in einer Partei engagieren wolle. Damals dachten die Leute wohl eher an "Les Écologistes", die französischen Grünen, wegen der Tiere. Bardot verneinte und erklärte, sie engagiere sich nicht parteipolitisch, sondern ausschließlich für den Tierschutz. Später äußerte sie mal ihre Sympathie für die rechtspopulistische Marine le Pen, war jedoch nie Mitglied einer Partei. Dann hieß es, sie sei eine Rassistin. Was war passiert? Sie hatte die für die Tiere in der Tat problematische Sitte des Schächtens von Schafen angeprangert, was manchen Muslimen nicht gefiel. Nachfolgend ein Essay von Alice Schwarzer über Brigitte Bardot von 1996.

Sie waren quälend, ihre Plagiate in den 50ern, diese Mädchen mit Schmollmund, Sechsern und Petticoat. Diese ausgekochten Wilden, nach denen die Jungs in der Milchbar ihre Köpfe verdrehten. Das Original hieß B.B. und war das erste Girlie: diese so eingängige Mischung aus naiver Ungebändigtheit und berechnender Gefälligkeit. Sie nahm sich als eine der ersten in dieser prüden Zeit die Freiheit öffentlich wechselnder Liebhaber (die meist jünger waren als sie). Nur zwei fielen raus aus dieser Reihe charmanter Garçons und sahen aus wie „echte Männer“: 1990 der Franzose Bernard D’Ormale und 1969 der deutsche Playboy Gunter Sachs. Er hatte sie erobert, indem er hunderte roter Rosen aus einem Flugzeug auf ihr Grundstück in Saint Tropez warf.

Der Mythos B.B. legt jetzt seine Memoiren vor und nutzt die Gelegenheit, endlich auch ihre Wahrheit mitzuteilen. Die beginnt mit den Worten: "Ich danke all denen, die mich gelehrt haben, mit Tritten in den Hintern zu leben; die mich verraten und meine Naivität ausgenutzt haben und mich damit in eine tiefe Verzweiflung stürzten, aus der ich mich wie durch ein Wunder befreien konnte."

Brigitte Bardot an der Seite von Gunter Sachs.
Brigitte Bardot an der Seite von Gunter Sachs.

Dass die Bardot nicht zugrunde gegangen ist, so wie die Monroe, verdankt sie wohl ihrem großbürgerlichen Hintergrund, ihrem Start als "Charles" (sie hätte ein Junge werden sollen) wie dem frühen Überlebenstraining. Sie ist die Tochter von Anne-Marie und Louis Bardot, großbürgerlichen Industriellen aus Lothringen und typische Vertreter ihrer Klasse: nationalbewusst und standesbewusst. Die Famile Bardot siezt sich. Das Mädchen bewundert "die schöne Mama", doch ist deren Tyrannei ausgeliefert. Die jüngere Schwester Mijanou gilt als "die Hübsche" – während Brigitte (die ihren Schmollmund dem Daumenlutschen verdankt) die Rolle der "Garstigen und Hässlichen" zugewiesen wird. Ein Stigma, das sie lebenslang verfolgen wird.

Die Mutter ist missgünstig und hartherzig mit ihren Töchtern. Begleitet von Mama, posiert die 15-jährige Schülerin eines Tanzkonservatoriums nur zufällig für ein Titelblatt der Zeitschrift Elle. Von da bis zur Entdeckung durch Regisseur Marc Allégret ist es nicht weit. Allégrets Assistent ist ein gewisser Vadim, bohemisierender Sohn des russischen Botschafters in Paris und zu der Zeit ein Niemand. "Er sah aus wie ein Zigeuner – und ich war verrückt nach ihm."

Mit 16 hat er das Mädchen soweit. Irgendwann kommt das Verhältnis raus. Brigitte macht ihren ersten Selbstmordversuch: Kopf im Gasbackofen. Mit 18 trotzt Brigitte den Eltern die Eheschließung mit Vadim ab und gewinnt so zwar einen Ehemann, verliert jedoch den Liebhaber. Während sich auf der Straße jeder Mann nach ihr umdreht, sind ihre Nächte einsam.

 Brigitte Bardot 1956 in St. Tropez. Da dreht sie mit Vadim "Und ewig lockt das Weib".
Brigitte Bardot 1956 in St. Tropez. Da dreht sie mit Vadim "Und ewig lockt das Weib".

An der ersten Abtreibung mit 18, in der Schweiz, stirbt sie fast wegen "unzureichender Behandlung". Auch bei der zweiten, damals noch illegalen, ein Jahr später, verblutet sie beinahe. 1956 dreht die 22-jährige Bardot mit Vadim ihren elften und seinen ersten Film. Angeblich ist sie Vadims "Geschöpf", dabei hat sie längst ihren Part der wissend-unwissenden Kindfrau. Doch erst das Gespann Bardot/Vadim schafft mit "Und ewig lockt das Weib" die "B.B.". Ein Star ist geboren.

Es ist der zum "Dummchen mit Schmollmund" Degradierten wichtig, in ihrer Autobiographie ihr politisches Interesse zu zeigen: Der Einmarsch der Russen 1956 in Ungarn bedrückt sie, den "Resistance-Kämpfer" und Präsidenten de Gaulle verehrt sie. Und es ist komisch und klarsichtig zugleich, wie das Sexsymbol der Nation die mit der 68er-Revolte aufkommende "sexuelle Hemmungslosigkeit, den Exhibitionismus, die moralischen und körperlichen Entgleisungen, den Verlust jeder Würde, jeder Moral und jeden Anstands" beklagt.

Brigitte Bardot, eine Projektionsfläche männlicher Phantasmen, ist wenig erspart geblieben. 1959, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, heiratet sie, schwanger, den Schauspieler Jacques Charrier. Der fängt prompt an, sich als Besitzer des Traums aller Männer aufzuspielen und will ihr verbieten, weiter zu filmen: "Ab jetzt entscheide ich!" Es eskaliert bis zu Prügeln.

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Gehetzt von Reportern, bringt Brigitte Bardot 1960 ihr erstes und letztes Kind zur Welt, einen Sohn. Über ihre so verzweifelte Mutterschaft hat sie das mit Ehrlichste geschrieben, was je von einer Frau darüber gesagt wurde: "Es war wie ein Tumor, der sich in mir von meinem geschwollenen Fleisch genährt hatte. Nun, da der Alptraum seinen Höhepunkt erreicht hatte, sollte ich für die Ursache meines Unglücks lebenslänglich Verantwortung übernehmen. Unmöglich, lieber wollte ich sterben! Ein Kind in meinem Leben ging über meine Vorstellungskraft, und doch war es da. (...) Ich muss ein Scheusal gewesen sein!"

Die Bardot versucht, zunehmend verzweifelt, nicht auch im wirklichen Leben zur B.B. zu verkommen. Doch gegen Ende der 60er scheint sie es nicht mehr zu schaffen, die beiden Rollen auseinander zu halten. Sie merkt es und steigt aus. Mit 39 hört der Weltstar auf zu filmen. Liften lässt sie sich nie.

Wohl nicht zufällig erwähnt Brigitte Bardot in ihren Erinnerungen ihre Eheschließung 1990 mit dem politischen Weggefährten des rechten Le Pen, Bernard D’Ormale, mit keinem Wort. Auch der entpuppt sich rasch als Schläger, vor dem sie die Polizei zur Hilfe rufen muss. 1992 macht die 58-Jährige ihren (vorläufig) letzten Selbstmordversuch: eine Überdosis Schlaftabletten.

Brigitte Bardot setzte sich mit ihrer Stiftung vor allem für Hunde ein.
Brigitte Bardot setzte sich mit ihrer Stiftung vor allem für Hunde ein.

Seit 1972 widmet sich die Bardot ihrer großen Passion: den Tieren. Schon als Kind fühlte die Tierrechtlerin mit jedem gequälten Hund und getöteten Hasen: "Jedesmal, wenn ich mich auf ein menschliches Wesen verlassen habe, bin ich verraten worden", klagte sie. "Das habe ich mit den Tieren gemein."

Zu sagen hat nicht nur Bardot etwas anderes, als es den Sexsymbolen aller Zeiten in den geschürzten Mund gelegt wird. Auch und gerade zur Sexualität. "Bei meinen Geliebten habe ich immer nur Zuneigung und Zärtlichkeit gesucht", gesteht Sexsymbol Bardot und benennt, 62-jährig, erstmals öffentlich ihre Prioritäten: "Die körperliche Liebe rangierte, so intensiv sie auch gewesen sein mag, immer nur an zweiter Stelle."

ALICE SCHWARZER

Die von Brigitte Bardot gegründete Stiftung freut sich über Spenden: Fondation Brigitte Bardot, IBAN FR76 1780 7000 0445 5211 6837 126

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