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Danica McKellar: smarte Mathematikerin

Danica McKellar schreibt heute Bücher über Mathematik.
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Wer erinnert sich noch an Winnie Cooper? Ja, die Winnie Cooper aus der US-Erfolgsserie "Wunderbare Jahre", die in den 1990er Jahren auch in Deutschland lief. Damals war Winnie das hübsche Mädchen von nebenan, die große Liebe der Hauptfigur Kevin Arnold, den die Serie durch seine Teenager-Jahre in einer kalifornischen Vorstadt begleitete. Winnie war auch damals schon mehr, als nur das hübsche High-School-Girl. Sie war smart, viel smarter als Kevin. Vor allem in Mathe. Für eine US-amerikanische Highschool-Serie in den 1990ern war das recht fortschrittlich.

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Trotzdem hätte die echte Danica McKellar niemals damit gerechnet, dass aus ihr mal eine echte Mathematikerin werden würde. Im Gegenteil: Als die Serie eingestellt wurde, wusste sie nicht, was sie, der Kinderstar aus dem Fernsehen, jetzt mit ihrem Leben jenseits von Hollywood anfangen sollte. Das erzählt sie in der Online-Serie „Das geheime Leben der WissenschaftlerInnen“, die von PBS produziert wird, dem öffentlich-rechtliche Fernsehen in den USA. Das größte Problem: Die Rolle der Winnie klebte fest an ihr. Auch, als sie sich schon an der University of California eingeschrieben hatte. In den Augen ihrer MitstudentInnen war Danica: das hübsche Mädchen von nebenan. "Sag mal, bist du nicht Winnie Cooper aus der Serie Wunderbare Jahre!?" Diese Frage wurde ihr quasi täglich gestellt.

Sie schrieb sich für ein Filmstudium ein. Das lag nach ihrer Fernsehkarriere nahe. Aber Danica belegte auch einen Kurs in Mathe. Denn Mathe, das hatte ja nicht nur die fiktive Figur Winnie Cooper interessiert. Auch Danica träumte als Mädchen in der High-School davon, dass eines Tages ein mathematisches Theorem nach ihr benannt wird (was inzwischen übrigens geschehen ist). In Mathe war sie sogar Klassenbeste.

Und trotzdem hatte Danica Zweifel. Diese typischen Zweifel, die viele Mädchen kennen. Mathe, das ist doch etwas für Jungs, für Nerds, nichts für die hübschen Mädchen von nebenan. Aber dann passierte es: Als Danica an der Uni ihre erste Prüfung in Integralrechnung schrieb, war sie nicht nur unter den Besten. Sie war die Beste, und zwar mit Abstand. Am nächsten Tag wollten ihre MitstudentInnen nicht mehr wissen, ob sie Winnie aus dem Fernsehen ist. Sondern sie fragten: "Sag mal, bist du das Mädchen, dass die die höchste Punktzahl in der Matheprüfung bekommen hat?" Darauf ist Danica bis heute stolz.

Ihr Studium hat sie übrigens mit Summa Cum Laude abgeschlossen. Heute schreibt sie Kinder- und Jugendbücher, die die Scheu vor Mathe nehmen sollen. Und sie steht als Role Model in der Öffentlichkeit. Motto: Was ich schaffe, das schafft ihr auch. Ihr müsst euch nur trauen.

PS: Danica McKellar ist übrigens nicht die einzige Serien-Schauspielerin, die in der sehr unterhaltsamen Webserie "Das geheimes Leben der WissenschaftlerInnen" zu sehen ist. Auch die Schauspielerin und Neurobiologin Mayim Bialik ("Big Bang Theory") berichtet von ihrer wissenschaftlichen Karriere. 

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Mädchen sind besser in Mathe!

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Die ForscherInnen fanden heraus, dass das Klischee "Mädchen sind schlecht in Mathe und gut in Sprachen" in der fünften Klasse schon fest in den Köpfen der Mädchen verankert ist. Mehr noch: Die Jungen hielten sich für begabter in Mathe, obwohl ihre tatsächlichen Leistungen das gar nicht rechtfertigten. Und häufig sogar hinter die der Mädchen zurückfielen. Erst recht entlarvend wird das im internationalen Vergleich. Unsere Autorin hat sich nicht nur die PISA-Studie angesehen, sondern auch mit ExpertInnen gesprochen, die sich seit Jahrzehnten mit dem Thema befassen. Und dabei ganz Erstaunliches herausgefunden.

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Die Pisa-Studie belegt: Mädchen sind besser in Mathe als Jungs – jedenfalls in manchen Ländern. Darunter sind ausgerechnet vier arabische Länder: Jordanien, Katar, die Arabischen Emirate und Algerien. Das überrascht. Denn das schlechtere Abschneiden von Mädchen in Mathe hängt zumindest in Europa mit der allgemeinen Benachteiligung von Frauen zusammen. Doch – nicht überall auf der Welt hält man Mathematik für Männersache.

In Indien gilt Informatiker als Frauenberuf

Für den internationalen Leistungsvergleich der „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) werden rund eine halbe Million Schüler und Schülerinnen im Alter von 15 Jahren in 70 Ländern und Großregionen getestet. Bei der Pisa-Studie schneiden Mädchen im Durchschnitt in Mathe schlechter ab als Jungen, aber eben nicht überall.

In Westeuropa gibt es drei Länder, in denen Mädchen und Jungen gleich gut sind in Mathe: Island, Schweden und Norwegen. In Finnland sind die Mädchen sogar besser. Das ist eine Überraschung. Denn das sind genau die Länder, in denen in allen gesellschaftlichen Bereichen nahezu eine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen erreicht ist. Und wo schneiden Mädchen im Vergleich zu Jungen besonders schlecht ab? In Österreich, Italien – und Deutschland. Zumindest Österreich und Italien kriegen bei Studien zur Geschlechtergerechtigkeit in Europa besonders schlechte Noten. Und Deutschland ist bekannt für sein besonders tradi­tionelles Geschlechterverständnis. Es ließe sich also folgern: Wenn Frauen nicht gleichberechtigt sind, sind Mädchen auch schlechter in Mathe. Und umgekehrt.

Weltweit stimmt das nicht. In 27 Ländern sind Mädchen genauso gut in ­Mathe wie Jungs oder sogar besser. Auf den vordersten Plätzen liegen die Mädchen in Trinidad und Tobago, Jordanien, Georgien, Katar und Albanien – alles Länder, in denen es ansonsten mit den Frauenrechten eher schlecht bestellt ist.

Für Europa ist die Matheschwäche von Mädchen reichlich untersucht. Bis zur Pubertät unterscheiden sich Jungen und Mädchen nicht. Aber ab dem Alter von zwölf Jahren werden Mädchen auf einmal schlechter. Die Erziehungswissenschaftlerin Sylvia Jahnke-Klein beschäftigt sich seit 1984 mit dem Thema. Sie erläutert: „Wenn Mädchen in die Pubertät kommen, wollen sie sich nicht mehr mit etwas identifizieren, was männlich konnotiert ist.“ Sprich: Gut in Mathe sein ist unweiblich und damit unsexy.

Das Vorurteil entstand in Europa mit der Aufklärung: Frauen galten ab Ende des 18. Jahrhunderts als weich, gefühlsbetont und irrational. Logik, Zahlen, Wissenschaft sind ein Gegensatz zu Gefühlen und männlich.

Jahnke-Klein hält diese Zuschreibung in einer Kultur als männlich oder weiblich für das Entscheidende. „In Indien gilt Informatiker als Frauenberuf, weil man sich dabei die Hände nicht schmutzig macht.“ Und für die gesamte Region des Nahen und Mittleren Ostens fällt bei allen Vergleichsstudien auf, dass Mädchen dort in Mathe und Naturwissenschaften eher besser sind als Jungen. Junge Frauen wählen in diesen Ländern auch weit häufiger solche Studienfächer als in Deutschland.

Britta Schinzel, Professorin für Mathematik und Informatik, hat schon vor über zehn Jahren für die arabischen Länder vermutet, dass die kulturelle Wer­tigkeit eine Rolle spielt: „Religion als höchster Prestigeträger definiert entsprechende Berufe als rein männliche Angelegenheit, wohingegen Technologie nicht geschlechtsabhängig ist.“ Sprich: Männern werden die Fähigkeiten zugesprochen, die in einer Kultur als besonders wichtig gelten. Bei uns sind das Mathematik, Wissenschaft und Technik. In den arabischen Ländern ist es die Religion.

Tatsächlich dürfen dort Frauen nicht nur keine religiösen Ämter ausüben. Sie wurden auch bis vor kurzem in den meisten Ländern nicht als Richterin zu gelassen – ein ursprünglich religiöses Amt.

Genauer untersucht hat man den fehlenden Gender Gap bei arabischen Schülern aber bisher nur in Israel. Dort fiel auf, dass in den jüdischen Schulen die Mädchen schlechter in Mathe waren als ihre Mitschüler, in den arabischen Schulen Mädchen aber gleich gut oder besser abschnitten. Der Erziehungswissenschaftler David Mittelberg hat mehrere Vergleichsstudien durchgeführt. Bei der Beobachtung einer jüdischen Klasse und einer arabisch-drusischen Klasse fand er heraus, dass die jeweiligen Lehrerinnen sich gegensätzlich verhielten.

Während die arabische Lehrerin die Mädchen besonders forderte, ließ die jüdische Lehrerin den Jungen den Vortritt und entmutigte die Mädchen. Befragt nach ihrer Einschätzung erläuterte die jüdische Lehrerin, dass Mädchen sehr langsam in Mathe seien und vieles nicht verstünden. Ihr war nicht bewusst, dass sie die Jungen bevorzugte. Die arabische Lehrerin gab hingegen offen zu, die Mädchen besonders zu fördern: „Ich muss ihnen helfen, erfolgreich zu sein, damit sie einen guten Beruf bekommen und nicht abhängig von ihren Ehemännern sind.“

Um den Mathematikunterricht besonders mädchenfreundlich zu gestalten, übersprang sie im Mathebuch Aufgaben mit traditionellen Rollenbildern: In ihrem Unterricht sollte es keine Frauen in der Küche oder mit Kopftuch geben, erläuterte sie den Wissenschaftlern.

David Mittelbergs Studien zeigen, dass das Verhalten der Lehrperson einen großen Einfluss auf die Leistungen hat. Aber auch das Umfeld spielt eine Rolle, betont er im Gespräch mit EMMA. „Die Mädchen dürfen das Haus nur wenig verlassen“, sagt er über die arabischen Schülerinnen. „Die Schule ist oft der einzige Ort, zu dem sie ‚raus‘ dürfen. Sie werden von ihren Eltern ermutigt, Hausaufgaben zu machen und gut in der Schule zu sein. Männliche Jugendliche hängen hingegen viel auf den Straßen ab. Wenn das Haushaltseinkommen nicht reicht, müssen sie etwas dazu verdienen.“

Sylvia Jahnke-Klein von der Univer­sität Oldenburg hingegen ist überzeugt, dass einzelne Lehrerinnen nur begrenzt etwas ausrichten können. Als sie noch als Lehrerin tätig war, hat sie erlebt, „dass mein Wille nicht ausreicht. Nur wo durch Zufall in einem Kurs fast nur Mädchen waren, waren ihre Leistungen besser.“

Dass Mädchen ohne männliche Konkurrenz im Klassenzimmer deutlich bessere Ergebnisse in Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften erreichen, ist seit den 1980er Jahren belegt. In Jordanien, Katar und den Arabischen Emiraten lernen Mädchen und Jungen getrennt. Das sind die drei arabischen Länder mit dem größten Vorsprung der Mädchen in Mathe.

Die arabische Lehrerin fördert besonders die Mädchen

In Algerien sind die Klassenräume gemischt – dort ist der Vorsprung der Mädchen nur gering. In zwei weiteren arabischen Ländern schnitten die Mädchen bei Pisa 2015 schlechter ab als die Jungen: In Tunesien und im Libanon. Auch dort lernen Mädchen und Jungen zusammen.

Wenn die kulturelle Erwartung die entscheidende Rolle spielt, dann müssten an deutschen Schulen Migrantinnen aus dem Nahen Osten kein Problem mit Mathe haben. Dem ist allerdings nicht so. Eine Studie aus dem Jahr 2012 in der Zeitschrift für Pädagogik zeigt, dass sie genauso hinter ihre migrantischen Mitschüler zurückfallen, wie das bei deutschen Mädchen der Fall ist. „Da macht sich dann wohl unsere Kultur bemerkbar“, sagt Jahnke-Klein. „Das ist ein spannendes Thema. Aber leider hat das noch niemand genauer untersucht.“

Übrigens hat man in einigen arabischen Ländern schon Maßnahmen gegen die viel zu guten Mathe- und Naturwissenschaftsschülerinnen ergriffen. In Kuwait etwa müssen Frauen einen höheren Notendurchschnitt vorweisen als Männer, wenn sie Ingenieurswissenschaften studieren wollen.

Hannah Wettig

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